das gesamte meinungsspektrum lu-wahlen.ch - Die Internet-Plattform für Wahlen und Abstimmungen im Kanton Luzern

Spenden für Verein lu-wahlen.ch

Diese Website gefällt mir! Um weitere Beiträge darauf zu ermöglichen, unterstütze ich lu-wahlen.ch gerne mit einem Betrag ab CHF 10.-

 

 

Kolumne der Redaktion

01.02.2024

Was Beat Züsli heute in der Hofkirche über Franz Kurzmeyer sagte

An der Trauerfeier heute Donnerstag in der Hofkirche für Franz Kurzmeyer sprach auch Stadtpräsident Beat Züsli. Hier ist seine Rede im Wortlaut zu lesen.


Beat Züsli (links) ist seit 2016 der erste SP-Stadtpräsident von Luzern. Dieses Bild entstand am 1 Oktober, einen Monat nach Amtsantritt, bei der Eröffnung der Herbstmesse im Gespräch mit deren Präsident Aerny Bucher.

Franz Kurzmeyer war FDP-Stapi von 1984 bis 1996. Ihm folgten (parteilos, vormals FDP) Urs W. Studer (bis 2012) und Stefan Roth (damals CVP, heute Die Mitte, bis 2016).

Bild: Herbert Fischer

Liebe Familie Kurzmeyer, sehr geehrte Trauergäste

Zur einer Abdankungsfeier kommt die Familie zusammen. Im Fall von Franz Kurzmeyer umfasst «Familie» weit mehr als die enge Verwandtschaft. Nicht umsonst wurde Franz immer wieder als Stadtvater bezeichnet. Sehr viele Menschen in der Stadt hatten ihn auch als das erlebt und empfunden. Offen, warmherzig, den Menschen zugewandt.

Franz Kurzmeyer war eine Person des öffentlichen Interesses. Wenn ich jetzt einige Worte zur Würdigung von Franz sage, dann deshalb, weil ich zum weiter aussen liegenden Familienkreis gehöre, dem öffentlichen. Nach Luzern und zur Luzerner Politik kam ich erst gegen Ende von Franz’ Amtszeit als Stadtpräsident. Sein Wirken habe ich nur noch am Rand erlebt.

Franz Kurzmeyer war Amtsgerichtspräsident, später Oberrichter, Kantonsrat. Im Stadtrat leitete er zuerst die Bau-, später die Polizei- und die Vormundschaftsdirektion sowie die Direktion Allgemeine Verwaltung. Stadtpräsident war er von 1984 bis 1996.

Ich kannte Franz vor allem vom Austausch, den der Stadtrat mit den ehemaligen Mitgliedern pflegt. Ich habe ihn – er immer zusammen mit seiner Frau Annemarie – als weiterhin sehr am Stadtleben und der Stadtpolitik interessierten Menschen erlebt. Seine sehr wertschätzende Art bleibt mir in guter Erinnerung.

Fragt man bei früheren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nach, kommen noch weitere schöne Eigenschaften zusammen: offenherzig, herzensgut, väterlich / willensstark, energisch, zielstrebig / ausgleichend, friedliebend, sozial / neugierig, intelligent, belesen. Er war ein Demokrat, er befolgte ein klares Wertsystem, suchte die Gerechtigkeit.

In der städtischen Personalzeitung Bostitsch sagte Franz Kurzmeyer im Jahr 1990: «Ich stellte mir vor, ein Stadtpräsident zu werden, der für alle da ist, der ausgleichend wirkt und in unserer Stadt versucht, den Konsens anzustreben und zu ermöglichen. Im Klartext: Stark polarisierte, politische Situationen zu entspannen und Menschen von ‘links’ bis ’rechts’ immer wieder an einen Tisch zu bringen – also eine gewisse ‘Stadtvater-Rolle’ zu übernehmen.»

Luzern muss sehr zerstritten gewesen ein, als er in das Amt als Stadtpräsident gewählt worden war. Das muss für ihn, der von sich sagte, ein ausge-prägtes Harmoniebedürfnis zu haben, sehr schwierig gewesen sein: «Die einzelnen Interessen prallen heute viel härter aufeinander – der Grundkonsens ist gegenüber früher nicht mehr im selben Masse vorhanden.» Er beklagte auch, das Zuhören sei vielen fremd geworden zu sein. (Das kommt uns heute sehr aktuell vor.)

Den Anfeindungen der verschiedenen Gruppierungen untereinander und gegenüber seiner Person blieb Franz mit seinen sozialliberalen Überzeugungen treu.

Sie haben in den vergangenen Wochen in den Medien verschiedene Texte lesen können, in denen Franz Kurzmeyers Wirken als Stadtpräsident dargestellt wurde. Drei Dinge stechen heraus:

Der Wiederaufbau der Kapellbrücke nach dem fatalen Brand. Das Bauwerk wirkt identitätsstiftend, das schien der damalige Stadtrat sofort gespürt zu haben.

Notschlafstelle und Fixerraum als Antwort auf die offene Drogenszene. Die Drogenpolitik realisierte, dass Repression nicht ausreicht, dass es Prävention, Therapie und Schadensminderung genauso braucht.

Schliesslich die Entwicklung und der Bau des Kultur- und Kongresszentrums am See (KKL). Quasi als Zwilling wird in einem Atemzug genannt: der sogenannte Kulturkompromiss. Er basiert auf der Überzeugung, dass die diversen Kunstformen für die Stadtgemeinschaft gleichermassen relevant sind. 

Bezug nehmend auf Kultur- und Sozialpolitik äusserte er sich in einem Interview: «Ich musste lernen, mich als Stadtpräsident den neuen Problemen zu stellen – und in einigen Punkten umzudenken.»

Die Fähigkeit zuzuhören, Anliegen aufzunehmen, unterschiedliche Standpunkte als solche anzuerkennen und daraus mehrheitsfähige Kompromisse zu schmieden, das war eine grosse Stärke des Stapi Franz Kurzmeyer. «In der Regel gibt es nie nur ‘Schwarz’ und ‘Weiss’. Werde ich mit solchen Ge-gensätzlichkeiten konfrontiert, so bemühe ich mich, objektiv an die Sache heranzugehen und berechtigte Interessen zu berücksichtigen. Ich muss mich erst einmal auf die Fachleute stützen können, die täglich mit dem einen oder anderen Problemkreis zu tun haben.» Er sprach nicht bloss mit den Fachleuten, auch in den Gängen des Stadthauses fragte er diese und jenen nach deren Einschätzungen oder Ratschlag.

So paarte er in der politischen Entscheidungsfindung umsichtige Sachlichkeit mit persönlichem Einfühlungsvermögen: Franz Kurzmeyer war eine sehr herzliche Person. Mindestens so gross wie sein Intellekt war seine Menschlichkeit.

Wenn wir heute auf das Wirken von Franz Kurzmeyer zurückblicken, so zeugen zwar die wieder aufgebaute Kapellbrücke oder das KKL von seiner Treue zu Luzern und seiner visionären Schaffenskraft. Vor allem aber erinnern wir uns an den grossherzigen Menschen, für den die Menschen in ‘seiner’ Stadt das Wichtigste waren – alle Menschen. Ein letztes Zitat:

«Der schwache, gescheiterte Mensch bleibt für mich Massstab, um menschenwürdig zu handeln und zu entscheiden.»

Gerne erinnere ich mich an den Austausch mit Franz. Ich bin ihm im Namen des Stadtrates und der Stadtbevölkerung sehr dankbar für seinen grossen engagierten Einsatz für Luzern, als lebenswerte und kulturell vielfältige Stadt. Auch nach seiner Amtszeit blieb er äusserst interessiert an der Entwicklung der Stadt Luzern. Er nahm Anteil und unterstützte uns, seine Nachfolgerinnen und Nachfolge gern, sehr wertschätzend und mit viel Vertrauen in die näch-sten Generationen.

Beat Züsli, Stadtpräsident von Luzern (SP) seit 2016


Teilen & empfehlen:
Share    
Kommentare:

Keine Einträge

Kommentar verfassen:

Ins Gästebuch eintragen
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz  

Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch.


treten Sie mit lu-wahlen.ch in Kontakt

1. Dezember 2021: Hanns Fuchs schreibt über Herbert Fischer:
http://www.luzern60plus.ch/aktuell/artikel/ein-strurbock-im-medienzirkus

Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:
www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/