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Kolumne der Redaktion

30.01.2024

«Franz Kurzmeyer hat Menschen ermutigt und Herzen berührt»

Der Philosoph, Lehrer und Publizist Roland Neyerlin erklärt im Interview mit lu-wahlen.ch, warum Franz Kurzmeyer eine Ikone ist und warum er von so vielen Menschen geliebt wird.


Zwei Brüder im Geiste: Franz Kurzmeyer (Stadtpräsident von Luzern von 1984 bis 1996) und sein Nachfolger Urs W. Studer (Stadtpräsident von 1996 bis 2012). Das Bild entstand am 24. November 2015 bei der Eröffnung einer Ausstellung in der ZHB.

Bild: Herbert Fischer

Roland Neyerlin (*1952) ist studierter Heilpädagoge und Philosoph. Er war Dozent an der Uni Luzern und führte lange eine philosophische Praxis – immer mit der Absicht, die Menschen lustvoll dazu zu bringen, über die Welt nachzudenken.

Das Interview mit ihm fand im KKL statt, dem Lebenswerk von Franz Kurzmeyer.

Bild: Herbert Fischer

Herbert Fischer: Roland, du hast im Interview, das wir zusammen nach seinem Tod für lu-wahlen.ch geführt haben gesagt, Köbi Kuhn sei eine Ikone gewesen (siehe unter «In Verbindung stehende Artikel», Eintrag vom 4. Dezember 2019). Auch der am 10. Januar 2024 verstorbene Franz Kurzmeyer wurde in den letzten Tagen mehrfach mit dieser Bezeichnung geadelt. Zu recht?

Roland Neyerlin: Spontan gesagt: Ja. Obwohl: Franz Kurzmeyer würde das von sich selber allerdings wohl kaum sagen. Man muss immer fragen: Wer bezeichnet wen als Ikone? Dass er für viele Menschen eine Ikone war und wohl auch bleibt, ergibt sich aus ungezählten Zuschreibungen, die Andere über ihn abgegeben haben.

Wenn man eine Ikone nicht als Kultfigur oder als Übermensch versteht, sondern als Persönlichkeit, die Werte und Haltungen verkörpert, die den Menschen wichtig sind, dann ist er zweifellos eine Ikone.

Was zeichnet ihn speziell aus?

Roland Neyerlin: Auf Franz trifft der Begriff «lebensklug» zu, der in der griechischen Philosophie viel diskutiert wurde. Er bezeichnet eine Art Weisheit oder Intelligenz, die für praktisches Handeln relevant ist. Er steht für Einfühlungsvermögen, Charakter und gute Gewohnheiten. Lebenskluge Menschen sind weder ideologisch noch dogmatisch. Franz hat den Menschen zugehört, hat andere Argumente zugelassen und wollte gemeinsam Lösungen finden. Wer mit ihm zu tun hatte spürte, dass er wahr- und ernstgenommen wurde von Franz Kurzmeyer. Das ist nicht nur psychologisch enorm wichtig, sondern auch politisch. Denn Menschen, die sich von der Politik nicht ernst genommen fühlen, wenden sich von ihr ab und Rattenfängern zu.

Köbi Kuhn war eine Fussball-Grösse, Franz Kurzmeyer war eine Polit-Grösse – was verbindet sie, abgesehen von ihrer breiten Akzeptanz?

Roland Neyerlin: Mitunter heisst es über einen Menschen: «Er lebt das, was er macht». Das ist ein Kompliment. Es gibt so viele Menschen in unterschiedlichsten beruflichen, politischen, gesellschaftlichen Funktionen – und auch: in speziellen Lebenssituationen –, die total glaubwürdig sind, ohne auf Applaus oder Ansehen zu schielen. Von ihnen geht eine grosse Kraft aus, die andere Menschen «anstecken» und mitreissen kann.

Ich sage immer: Ich kenne so viele Leute, die täglich mit der grössten Selbstverständlichkeit wunderbare, gute Sachen machen, ohne die unsere Gesellschaft gar nicht funktionieren könnte. Wenn ich mir dann die «grosse Welt» anschaue, verstehe ich nicht so recht, warum sie in einer solch schlechten Verfassung ist.

Es sind diese Menschen, diese Weltarbeiter:innen, die Mut machen, die uns gut tun; Weltarbeiter:innen sind für mich Menschen, die zusammen mit anderen tagtäglich an einer etwas besseren Welt arbeiten. Auch Franz Kurzmeyer und Köbi Kuhn waren solche Menschen. Sie haben andere ermutigt und ihre Herzen berührt.

Die einhelligen posthumen Liebeserklärungen an Franz Kurzmeyer – anders kann man dem kaum sagen – haben unter anderem gemeinsam, dass seine Strahlkraft offensichtlich in seiner Herzlichkeit, Weisheit und Glaubwürdigkeit gründete, er war zweifellos authentisch. Es scheint fast so, dass er verkörpert hat, was in der Politik nicht selbstverständlich ist.

Roland Neyerlin: Mir kommt gerade das Buch von Florian Illies «Liebe in Zeiten des Hasses» in den Sinn. Darin zitiert er Eva Maria Remarque («Im Westen nichts Neues»). Und der fragt: Was hätten wir als Linke dem Faschismus als Widerstandsform entgegenhalten müssen? Und antwortet: «Wir hatten zu wenig Liebe in unseren Herzen».

Das ist ganz wichtig! Liebe kann man auch als politische Kategorie und Kraft anschauen: Wenn man ein menschenverachtendes System bekämpfen will, muss man – neben vielen politischen Strategien, persönlichem Engagement und praktischer Solidarität – auch die Menschen lieben. Menschenverachtung führt nie in eine bessere Welt. Irgendwie hat Franz Kurzmeyer das verkörpert. Vermutlich war er genau deshalb so beliebt. Viele Menschen glaubten und vertrauten ihm.

Franz Kurzmeyer war fraglos auch ein überragender Intellektueller, spielte diese Karte aber so gut wie nie explizit aus. Im Gegenteil: Er galt reihum als «unser Franz», was auch wieder von Herzen kommt. Spielte vielleicht auch eine Rolle, dass niemand bei ihm das Gefühl hatte, «von oben herab» behandelt zu werden?

Roland Neyerlin: Viele Intellektuelle sind tatsächlich hochnäsig, arrogant, ewige Besserwisser, stellen ein Gefälle her, «zu denen da unten». Genau das war er aber nicht. Er war ein Intellektueller ohne Standesdünkel und deshalb sympathisch. Die Menschen spüren rasch, ob sie ernst genommen werden oder nicht.

Wie sollten sie denn «idealerweise» sein, die Intellektuellen?

Roland Neyerlin: Für mich zeichnen sich Intellektuelle dadurch aus, dass sie redlich denken. Sie sagen, wenn sie etwas nicht wissen. Meine vielen Erfahrungen zeigen, dass wirklich gescheite Menschen dialogfähig sind, immer das Gespräch suchen und pflegen. Kurzmeyer war ein redlicher Intellektueller.

Kein einziges Votum nach seinem Tod, auch kein Kommentar in den Medien, kratzte an seinem Lack. Es kann doch nicht sein, dass er eine Art «Übermensch» war – nobody is perfect!

Roland Neyerlin: Übermenschen gibt es keine, sie tun nur so. Kein Mensch kommt ohne Fehler durchs Leben. Der Lack ist eigentlich immer schon ab. Mensch haben viele Facetten – gute und weniger gute. Darum soll man auch benennen dürfen, was an einem Menschen nicht so perfekt oder positiv war. Das aber soll stets mit Respekt und Anstand gesagt werden. Franz war ein Mensch, der versucht hat, diese Art von Respekt zu leben.

Der Philosoph Hans Saner (1934 - 2017) definierte Respekt als die «Anerkennung der Anderen, weil sie anders sind». Also: Wenn alle Menschen gleich wären, bräuchte es gar keinen Respekt. Respekt entsteht dort, wo Anderen das Anderssein zugestanden wird. Diese Einstellung hat Kurzmeyer verkörpert und vorzuleben versucht. Die von dir eben erwähnten Überhöhungen von Franz Kurzmeyer in all den Würdigungen drücken vielleicht auch die Sehnsucht nach einer integrativen Kraft aus, die zusammenführt, statt spaltet. Er war eine Projektionsfläche für diese Sehnsucht.

Apropos «Überhöhung». Die FDP der Stadt Luzern und jene des Kantons Luzern haben Franz Kurzmeyer in einer Todesanzeige in der «LZ» (16. Januar) über den grünen Klee gelobt, dass man meinen könnte, sie seien ein einziger Kurzmeyer-Fanklub (siehe unter «Dateien»). Dabei waren es doch justament die Liberalen der Stadt – wie sie sich damals noch nannten –, die 1996 unbedingt verhindern wollten, dass Urs W. Studer sein Nachfolger als Stadtrat und Stadtpräsident wird und seine Politik fortsetzen würde. Diese Politik nämlich war der FDP «zu links»; was auch immer das gewesen sein soll. Was sagst du dazu?

Roland Neyerlin: Nun, ich denke, eine Todesanzeige ist der falsche Ort, um solches zu thematisieren. In anderen Zusammenhängen allerdings wäre es eine Frage der Aufrichtigkeit, auch über politische Differenzen zu reden. Wir können Menschen auch würdigen, indem wir mit Anstand über Schwieriges reden. «Über Tote sagen wir nichts schlechtes»: Dieser – eigentlich – lateinische Satz meint übrigens nicht, dass wir über Tote nur gutes sagen dürfen. Er verlangt nur, dass das Kritische respektvoll zur Sprache kommen soll. Ich würde das dann als eine «kritische Würdigung» bezeichnen. Mit anderen Worten: Für Heuchelei gibt es keinen Grund.

Darf Politik so heuchlerisch sein wie die Todesanzeige der FDP (siehe unter «Dateien»)?

Roland Neyerlin: Politik sollte nicht heuchlerisch sein. Sie muss versuchen, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind und nicht, wie wir sie sehen wollen – zugegeben ein hoher Anspruch, dem wir uns immer nur mit bestem Wissen und Gewissen annähern können. Heuchelei erweist uns einen schlechten Dienst, wenn es darum geht, mögliche Antworten auf die drängenden Fragen unserer Zeit zu finden.

Was ist das Vermächtnis von Franz Kurzmeyer an uns «Überlebende»?

Roland Neyerlin: Der Chefredaktor der ZEIT, Giovanni di Lorenzo, hat kürzlich sinngemäss gesagt: Wir sollten uns gegenseitig unterstellen, dass die meisten Menschen um ihren eigenen Standpunkt genauso ringen wie ich selbst. Teile ich ihre Meinung trotzdem nicht, dann darf nicht weitere und noch mehr Spaltung folgen.

Echte Gespräche werden heute im öffentlichen Raum, der ein politischer ist, immer mehr zum Verschwinden gebracht. Statt einander zuzuhören und andere Argumente zu prüfen, werden Andersdenkende ausgegrenzt; Ausgrenzung statt Dialog. Franz Kurzmeyer hat Politik als Gespräch zu leben versucht. Das wird mir von ihm in Erinnerung bleiben.

Interview: Herbert Fischer, Redaktor lu-wahlen.ch, Luzern

Der Interviewer und Roland Neyerlin duzen sich, weil sie sich seit 50 Jahren kennen.


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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch.


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1. Dezember 2021: Hanns Fuchs schreibt über Herbert Fischer:
http://www.luzern60plus.ch/aktuell/artikel/ein-strurbock-im-medienzirkus

Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:
www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/