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Kolumne der Redaktion

18.01.2024

Franz Kurzmeyer stand stets zur Verfügung, aber er mischte sich nie ein

«Jetzt gibt es nur Franz Kurzmeyer!», sagte mir Ueli Fässler am Rande eines Handballtrainings im März 1984, als wir darüber diskutierten, wen wohl die Liberalen als Nachfolger für Baudirektor und Stadtpräsident Matthias Luchsinger nominieren würden, der eben im Amt gestorben war.


25. Juni 2016 im Park des Wagner-Museums. Altstapi Franz Kurzmeyer (FDP / Mitte) mit Altstadtrat Kurt Bieder (FDP / links) und Philipp Gmür, damals CEO Helvetia Schweiz und Verwaltungsratspräsident Luzern Tourismus AG. Gmür hielt die Laudatio auf einen neuen Stadtführer, der eben erschienen ist und hier vorgestellt wurde.

Siehe auch unter «In Verbindung stehende Artikel»: Einträge vom 26. Juni 2016.

Bild: Herbert Fischer

Damit nahm der spätere liberale Regierungsrat Fässler Bezug auf die gesellschaftliche Situation und politische Stimmung in der Schweiz überhaupt. Die Stichworte dazu: «Opernhaus-Krawalle», alternative Kultur-Bewegung, Rote Fabrik, «Nieder mit den Alpen, freie Sicht aufs Mittelmeer!».
 
Denn auch in Luzern rumorte es. 1979 war die grün-rot-alternative «POCH» in Fraktionsstärke in den Grossen Rat (den heutigen Kantonsrat) und in den Grossen Stadtrat eingezogen und machte so richtig Dampf; vier Jahre zuvor hatte sie im damals 40-köpfigen Grossen Stadtrat einen Sitz (Peter Mattmann) und im damals 170-köpfigen Grossen Rat ebenfalls ein Mandat (Klaus Fischer) erkämpft.

Es ging um Aufbruch: Mehr Ökologie, sozialere Politik, Anerkennung der alternativen Kultur, undsoweiter. In den Wahlen 1983 geschah dann gleich nochmals ein enormer Schub in dieser alternativen Polit- und Kulturszene. Es war klar – es musste was gehen in Luzern und zwar «Subito!» (eine weit verbreitete Parole der sogenannten «Bewegung» damals).

Ich hatte seit 1973 der «POCH» angehört  und war seit 1979 Mitglied des Grossen Rates. Und war – wie so viele andere auch – frustriert, ob der langsamen, zögerlichen und eher engstirnigen Politik in Luzern. Nicht nur in der Stadt, auch im Kanton. Es musste schneller und offener, sozialer und ökologischer vorwärts gehen! Gleichstellung – die gesellschaftlichen Rollen von Frauen und Männern – musste über das Frauenstimmrecht hinaus zum politischen Anliegen werden.

So hatte ich denn meine Zweifel, ob Franz Kurzmeyer nach dem unerwarteten Tod von Matthias Luchsinger im März 1984 dieser Stadtpräsident sein würde, der den grossen Aufbruch und den Einbezug der alternativen Bewegung schaffen wollte. Schliesslich kam er aus einer urliberal-städtischen Dynastie: Schon der Grossvater war Stadtrat gewesen, sein Vater war Regierungsrat und Nationalrat und Franz Kurzmeyer selber honoriges Mitglied des Obergerichts.

Diese Zweifel hegten auch andere. Darum war für uns von der POCH klar: Es braucht in der Wahl für die Nachfolge von Luchsinger eine grün-rot-alternative Gegenkandidatur. Louis Schelbert nahm diese Bürde auf sich. Franz Kurzmeyer wurde dann allerdings ehrenvoll gewählt und für mich begann eine lehrreiche Zeit.

Franz Kurzmeyer agierte dann eben nicht als «bürgerlich-liberaler Parteibüffel», sondern akzeptierte andere, sogenannte alternative gesellschaftliche, politische und kulturelle Orientierungen und bemühte sich um deren Integration und Bedürfnisse. Illustrierende Beispiele der Kulturpolitik sind: «Boa», «Schüür», «Sedel» und eben nicht nur Luzerner Theater, KKL und IMF/LF. Und auch seine Bemühungen um neue Wege in der Drogenpolitik – Stichwort «Fixerraum» im Stadthaus – waren Ausdruck dieser integrativen Politik. Diese Liste lässt sich problemlos verlängern.

So war ich gefordert, Vorbehalte abzulegen und auch meinen Horizont zu erweitern, so wie Franz auch. Und es ergaben sich zusätzlich Freiräume, breitere Interessen, neue Bekanntschaften, ja Freundschaften. Ich hatte auch grossen Respekt, wie sich Franz dem zunehmenden Druck von rechts konsequent widersetzte. Das machte ihn zuweilen auch einsam. Es war alles andere als leicht für ihn, obschon er ja  eigentlich dem «liberal-bürgerlichen Teig» entstammte.

Allerdings: Ab 1990 war mit Paul Baumann ein zweiter CVP-Mann neben Armand Wyrsch im Stadtrat, anstelle des parteilosen Rechtsbürgerlichen Bruno Heutschy. Baumann war vorher Umweltchef beim Kanton und für ökologische Fragen offener, darum folgte eine Art Übergangsphase. Baumann hatte das Departement von  Heutschy übernommen und tickte auffällig anders.

Die Auseinandersetzungen um den «Linkskurs» des Stadtrates unter Franz Kurzmeyer fanden später eine Fortsetzung, als es 1996 um seine Nachfolge ging. Urs W. Studer kann davon ein Liedlein singen. Denn die FDP hatte nicht ihn als folgerichtigen Kurzmeyer-Nachfolger nominiert. Urs W. Studer trat konsequenterweise aus der FDP aus und trat fortan als Parteiloser auf.

Als ich 2000 erstmals in den Stadtrat einzog, präsentierte sich die Sitzverteilung so: Urs W. Studer (parteilos), Kurt Bieder (FDP), Franz Müller (CVP), Ursula Stämmer (SP) und meine Wenigkeit (also Ruedi Meier / Grüne).

In meiner Zeit als Stadtrat (2000 bis 2012) stand Franz Kurzmeyer (er hatte als Stadtrat und Stapi von 1984 bis 1996 geamtet) mit seiner Erfahrung stets zur Verfügung, wenn er gefragt wurde. Von sich aus eingemischt hat er sich nie. Diese angenehme und souveräne Art erlebte ich auch in den letzten Jahren am monatlichen «Zmittagtisch» der ehemaligen Stadträt*innen. Nach und nach war zu spüren und augenfällig: Er wurde älter, zog sich mehr und mehr zurück. Aber er signalisierte immer wieder, wie er unsere Runde zu schätzen wusste.

Ruedi Meier, Stadtrat der Grünen von 2000 bis 2012, Luzern


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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch.


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1. Dezember 2021: Hanns Fuchs schreibt über Herbert Fischer:
http://www.luzern60plus.ch/aktuell/artikel/ein-strurbock-im-medienzirkus

Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:
www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/