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Kolumne der Redaktion

17.01.2024

O-Töne von Franz Kurzmeyer über Liberalismus, die Jungen und den «Kulturkompromiss»

Für unseren Film «Nach dem Sturm» von 2019 (mit Ko-Autor Jörg Huwyler), in welchem wir die Nachwirkungen der 1968-er-Aufwallungen in der konservativen, bürgerlichen Zentralschweiz recherchierten, wollten wir auch mit dem einstigen Luzerner Stadtpräsidenten Franz Kurzmeyer sprechen. Kurzmeyer war in den Achtziger Jahren der Vater des sogenannten Luzerner «Kulturkompromisses».


Franz Kurzmeyer in einem TV-Interview in den Achtziger Jahren vor dem alten Kunsthaus.

«Mach weiter, Franzl» – gesprayte Zustimmung für Franz Kurzmeyer durch die Alternativkultur (beim Abgang zum Bahnhof an der Ecke Zentralstrasse/Habsburgerstrasse).

Franz Kurzmeyer im Jahr 2019 beim Interview für den Film «Nach dem Sturm».

Das war ein politisches Meisterstück: Die Frontstellung zwischen der elitären Hochkultur (besonders in Gestalt der damaligen Musikfestwochen) und der Luzerner Alternativkultur, die einen grossen Raummangel beklagte, sollte abgebaut werden. Damit es politisch möglich werden würde, die grossen Kulturbauvorhaben Luzerns wie etwa das KKL zu realisieren.

Franz Kurzmeyer lehnte zunächst ein Interview ab. Er sei zu alt und vermutlich zu wenig präzise mehr in seinen Äusserungen. Schliesslich willigte er doch ein, unter der Voraussetzung, dass seine Frau Annemarie dabei sein und ihn allenfalls assistieren dürfe. Es wurde dann ein wunderbares, reichhaltiges Gespräch. Franz sprach ohne Stocken, seine Frau musste nicht einspringen.

Noch einmal wurde uns klar, wie grossartig dieser liberale Ausnahmepolitiker funktionierte; wurde deutlich, was Liberalismus auch sein kann.

Dabei verriet der einstige Stadtpräsident gar keine politischen Geheimnisse, keine Zaubertricks, eigentlich schilderte Franz Kurzmeyer bloss einige Selbstverständlichkeiten, wie es sie heute im polarisierten Politbetrieb kaum mehr gibt: eine grosse Zuneigung zu den Menschen sowie einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit, Mut und Neugier.

Hier einige seiner damaligen Äusserungen im Wortlaut.

Wie der «Kulturkompromiss» zustande kam

«In Zürich gab es einen Vorläufer (Kurzmeyer meinte die “Globus-Krawalle“, Anmerkung des Autors), wo klar wurde, wie man es nicht machen sollte. Ich fand dann, wir machen es anders. Wir geben zuerst mal etwas den Jungen. Sie sollten erkennen, dass man sie ernst nicht, dass man ihre Arbeit auch schätzt. Und wenn das gelingt, sind sie auch bereit, die anderen grossen Werke zu akzeptieren: das KKL und das «Bourbaki».
 
«Zuerst meinte ich, diesen Kompromiss müsse man aus politischen Gründen schliessen. Aber schliesslich hatte ich einfach den Plausch am Kontakt mit den Jungen».

«Man kann es ganz einfach sagen: Es ist eine Frage der Gerechtigkeit. Wenn man Erfolg haben will, muss man letzten Endes eine gerechte Lösung anstreben. Und wenn man für die einen etwas macht, dann muss man auch für die andern etwas machen. Denn die Bevölkerung hat ein Gespür für Gerechtigkeit.»

Über skeptische Parteifreunde

«Meine freisinnigen Parteifreunde waren allerdings skeptischer und sagten, “pass bloss auf, vielleicht funktioniert das nicht“. Ich antwortete: “Dann haben wir es wenigstens versucht“. Und es funktionierte schliesslich. Ich war bei sehr vielen Liberalen gut angeschrieben. Doch es gab auch solche, die waren mit mir nicht einverstanden. Sie fanden, ich sei zu links. Damit musste ich leben. Doch ich habe darunter nicht gelitten.»

Über Liberalismus

«Mein Liberalismus? Wichtig sind Toleranz und Grosszügigkeit – und auch der Wille, etwas Gutes für die Zukunft zu leisten. Mehr kann ich dazu nicht sagen.»

Zur Wandsprayerei «Keep going on Franzl!» bei der Bahnhofunterführung

«Ich muss sagen, daran hatte ich schaurig Freude. Es ist natürlich nicht ganz korrekt, wenn man an die Wände sprayt. Doch erstens war es an einem Ort, wo es nicht gross störte. Und zudem freute es mich sehr, dass die Jungen mit einem Stadtpräsidenten so umgehen können.

Über das Vorbild Werner Kurzmeyer, seinen Vater

«Ich hatte einen grossartigen Vater, von dem ich viel lernen durfte. Er war Regierungsrat und Nationalrat. Bei schwierigen Fragen durfte ich beim ihm Rat holen. Und so hielt ich mich daran, was mein Vater sagte, wenn ich jeweils bei ihm etwas jammerte. Er meinte: “Rege dich nicht auf. Manchmal geht es hinderzi, dann wieder vorwärts. Mal hat man ein Defizit, dann wieder das Gegenteil“. Diesen Optimismus habe ich vom Vater geerbt.»

«Und was mir ebenso wichtig war: Ich bin ein Freisinniger, aber ich bin auch sozialliberal. Und es war für mich immer eine Frage der Gerechtigkeit, dass man alle Angehörigen der verschiedenen Parteien einbezieht. Als ich Stadtpräsident geworden bin, hatte ich keine Probleme mit meinem politischen Gegner, Louis Schelbert. Ich konnte zu ihm einen guten Kontakt herstellen.»

Als die Alternativkultur vor dem Kunsthaus gegen die «elitären Musikfestwochen» demonstrierte, war Franz Kurzmeyer im Stadtrat auch für die Polizei zuständig. Man befürchtete einen Krawall.

«Ich sagte der Polizei, dass ich es nicht auf eine Auseinandersetzung ankommen lassen will. Dass ich lieber das Gespräch suchen möchte mit den Demonstranten – “doch im schlimmsten Fall, müsstet ihr mich rausholen“. Dazu willigte die Polizei ein. Und da bin ich einfach mitten unter die Demonstranten gegangen und habe mit ihnen gesprochen, habe gesagt, dass die Demonstration ja gar nicht notwendig sei, ihr bekommt ja, was ihr wollt, die verschiedenen Räume, welche wir für die Alternativkultur vorgesehen hatten: die “Boa und die Schüür“. So löste sich das in Minne auf. Schön, eine solche Erfahrung, ich freute mich sehr.»

Beat Bieri, Dokumentarfilmer, Luzern


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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch.


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1. Dezember 2021: Hanns Fuchs schreibt über Herbert Fischer:
http://www.luzern60plus.ch/aktuell/artikel/ein-strurbock-im-medienzirkus

Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:
www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/