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Kolumne der Redaktion

11.08.2022

Erinnerungen an den Freund und Weggefährten Roland Wiprächtiger

Im Alter von 75 Jahren ist letzte Woche der Jurist und langjährige grüne Kantonsrichter Roland Wiprächtiger gestorben. Sehr lange und gut kannte ihn Ruedi Meier, 2000 bis 2012 grüner Stadtrat und Sozialdirektor der Stadt Luzern. Auf Einladung der Redaktion von lu-wahlen.ch würdigt er seinen Freund und politischen Weggefährten.


Roland Wiprächtiger (1947 bis 2022).

Bild vom (14. April 2014): Herbert Fischer

Siehe auch unter «Dateien».

1969 hatte er als junger Uni-Student an der Zentralschweizerischen Verkehrsschule am Löwengraben in Luzern 1969 eine Aushilfe als Französischlehrer übernommen. So lernte ich Roli Wiprächtiger kennen. Faszinierend für mich, das Landei aus dem Ennetsee im Kanton Zug. Roli hatte eigentlich Luzern und die Schweiz hinter sich gelassen und studierte in Heidelberg Sozialphilosophie. Zudem war er im Jahre 1968 in der Tschechoslowakei gewesen und hatte den «Prager Frühling» erlebt, auch den Einmarsch der sowjetisch kommandierten Truppen des Warschauerpakts. Die 68er-Bewegung liess grüssen! Unsere Bekanntschaft nahm ihren Anfang.

Wenn Roli jeweils in Luzern war, fand er Unterschlupf in der Männer-WG an der Theaterstrasse 3a. Eine Vierzimmerwohnung mit drei Bewohnern. Das vierte Zimmer diente als Gästezimmer und als Sitzungsraum, unter anderem für die damals entstehende POCH Luzern. Ich selber wohnte auch dort, nachdem mich mein Vater gefragt hatte «ob ich nicht auch den Eindruck habe, dass es zu Hause in Rotkreuz nicht mehr gehe...» Ein diplomatischer Rausschmiss, lieber Hardi!

Und Roli setzte Zeichen, wenn er da war: Unvergessen seine wilden Tanzsessions zu den meist harten und lauten Klängen des Rocks, unter anderem der Stones...

Später dann kam Roli zurück nach Luzern, in eine WG an der Pilatusstrasse. Er hatte die Zelte in Heidelberg abgebrochen und widmete sich extrem diszipliniert seinem Jus-Studium. Danebst betrieb er intensiv Sport, fast ein bisschen «vergiftet», so wie ich dies damals sah und heute bestätigen würde.

Und er suchte und fand schnell den Anschluss an die Politik. Die Fragen des Nord-Süd-Gefälles interessierten ihn, er engagierte sich im Rahmen des Aufbruchs in und mit der Gewerkschaft VPOD, dem Verband des Personals öffentlicher Dienste. Er gehörte den Demokratischen Juristinnen und Juristen an und bekannte sich schon in den frühen 1980er-Jahren zum entstehenden Grünen Bündnis Luzern.

Obwohl er über den Sport und sein Hobby, das Wandern, sehr mit der Natur verbunden war, pflegte er zu betonen, er sei wegen den «roten Anliegen» bei den Grünen!

Dieses sein sozialpolitisches Kernanliegen verfolgte er denn auch sein ganzes Leben lang politisch, beruflich und privat: als Mitglied des Grossen Bürgerrats, der Sozialgemeinde der Stadt Luzern, als Anwalt in der Anwaltsgemeinschaft, als Mitglied der Schlichtungsstelle für Mietfragen und lange Jahre als Kantonsrichter. Dabei fand er nicht nur die allgemeinen politischen Fragen wichtig, sondern eben auch die Einzelschicksale.

Sich versenken, dies konnte er nicht nur in die Einzelfälle. Er konnte in Themen eintauchen und diese Tauchgänge über Jahre durchziehen. Vor Jahrzehnten studierte er Fragen der formalen Logik; dann eröffnete er mir, er lerne Albanisch. Die Lebenszusammenhänge der Menschen aus und im Kosovo seien faszinierend und wichtig. Es brauche da sprachliche und kulturelle Brücken.

Und als solcher Brückenbauer engagierte er sich dann jahrelang, mit Ausdauer, zu einer Zeit, als die Akzeptanz gegenüber den Migrant*innen aus dem Balkan in der Schweiz noch an einem kleinen Ort war.

Und vor dem gleichen Hintergrund kniete er sich ins Studium von Farsi, einer der Sprachen im Raum Iran, Kaukasus/Zentralasien, Afghanistan; folgerichtig dann auch seine Spezialisierung als Kantonsrichter auf Fragen des Ausländerrechts.

Aber da waren nicht nur die politischen, kulturellen und sozialen Anliegen. Die coole Erkundigung, ob ich Yvonne V. kenne, war eigentlich als Info gedacht, dass die zwei zum Paar geworden waren. Liebevoll und stolz sprach er im engen Kreis von „Wönni“, ein Ausdruck, der nichts mit patriarchaler Verniedlichung zu tun hatte, sondern mit Respekt, Liebe und Zuneigung.

Als dann zu Jahresbeginn 1985 Sohn Roman auf die Welt kam und im Mai 1985 unsere Tochter Julia wurden wir gegenseitig zu Pflegeltern. Statt in die Krippe zu Wipi/Volkens oder zu Portmann/Meiers, so funktionierte es. Damit gehörte Roli zu den damals seltenen männlichen Exemplaren seiner Generation, die Teilzeit arbeiteten und so in Haushalt und bei der Kinderbetreuung über die Tradition der klassischen Rollenteilung hinaus Verantwortung übernahmen. Dies war in den honorigen Juristenkreisen durchaus aussergewöhnlich.

In der oben beschriebenen Zusammensetzung verbrachten wir über Jahre auch Ferien. Roland betätigte und bewährte sich da als Koch und auch als früher Öffner der ersten Flasche Roten. Manchmal durfte es auch ein zu frühes Glas und eines über den Durst sein.

Beim Austüfteln der Wanderrouten bewährte er sich, manchmal aber auch nicht... So schleppten wir uns und unsere Kids über meist zu lange und steile Routen: Roli federnd voraus, die Kidis zuerst begeistert hinterher, dann protestierend und von uns Anderen besänftigt, dann auf den Schultern der Erwachsenen. Uff, Roli! Zu steil, zu lang, zu schnell! Leider war es ihm versagt, dies mit seinem Enkel angepasster zu machen...

So gingen die Jahre ins Land. Roli liebte seine Arbeit am Kantonsgericht und übte diese sehr lange aus. Dann engagierte er sich für die Schule als Aufgabenhilfe und natürlich weiter für die kosovarische Community und gab sich – wie beschrieben – dem Farsi-Studium hin.

Er hatte früh erkannt, dass die Welt vielfältiger war, als die eidgenössisch-westliche Perspektive zuweilen den Anschein erweckt(e). Sein Interesse an der Welt, seine Familie und vieles mehr...– aber was sag ich da: sein Tod ist einfach nur traurig!

So long denn, lieber Roli, in unseren Gedanken bist du bei uns.

Dein Kollege und Freund, Ruedi/«Gudi» M.


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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

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Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/