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Kolumne der Redaktion

21.07.2022

«Beherzt und unerschrocken»: 2009 ist zu ihrem 75. ein Buch über Judith Stamm erschienen

Sie hat provoziert und polarisiert. Sie liess sich nie biegen und schon gar nicht beugen: Judith Stamm. Die ehemalige Luzerner CVP-Nationalrätin wird morgen 75 Jahre alt. Ein neues Buch zeichnet das Leben und Wirken dieser linksbürgerlichen Ikone der Frauenbewegung nach.


Wie wohl nur wenige andere Frauen hat Stamm die juristische und politische Gleichberechtigung gefordert und gefördert, erkämpft und erlitten. Und zwar als Bürgerliche, als eine allerdings, die selbst in den eigenen Reihen durch ihre fadengerade und mitunter forsche Art immer wieder aneckte und abschreckte.

Eigentlich hätte die Zürcher Katholikin in ihrer Heimat Gerichtsschreiberin werden wollen. Doch trotz der erforderlichen Ausbildung blieb ihr das verwehrt. Denn nur, wer auch die politischen Rechte besass, war dafür gut genug – also keine Frau. Das war Ende der Fünfzigerjahre, weshalb die junge Strafrechtlerin 1960 bei der Kantonspolizei Luzern als Polizeiassistentin anheuerte, wie die heutigen Kripo-Beamtinnen damals hiessen. In dieser Rolle referierte sie vor Frauenvereinen und Schulpflegern, Pfarreigremien und Sozialbehörden unermüdlich über ihren Job.

Das verschaffte ihr Publizität in den Lokalmedien und zwar so nachhaltig, dass sie 1971 den Sprung ins Luzerner Kantonsparlament mit den meisten Stimmen aller CVP-Kandidaten ihres Wahlkreises locker schaffte.

Im Luzerner Grossen Rat erreichte sie ein christlichsoziales und gesellschaftsliberales Profil und – allerdings vor allem ausserhalb ihrer eigenen Partei – auch Popularität. Freilich nicht, weil sie in Stadt und Land wählerstarke Hausmächte hinter sich zu scharen vermochte, sondern weil sie als Frau mit Ecken und Kanten auch von einem gewissen «Exotinnenbonus» profitierte. In der Luzerner Kantonspolizei rückte sie zum Offizier auf – die männliche Bezeichnung hielt und hält sich hartnäckig – und zwar zum ersten weiblichen schweizweit überhaupt.

Während 20 Jahren verschaffte ihr der Berufsalltag mit Kindern, Mädchen und Frauen als Opfer und Angeschuldigte von Straftaten tiefe Einblicke in eine breite Palette von Problemen aus dem realen Leben. Weitere zwölf Jahre amtete sie nachher als Jugendanwältin.

Derart mit Erfahrungen aus dem realen Leben belehrt und bewehrt, vertrat sie etwa in der Frage der Dienstverweigerung oder des Schwangerschaftsabbruchs Positionen, die ihr 1983 beinahe die Nationalratskandidatur verwehrten. Auch hier wieder schaffte die vielen CVP-Rechten als «Linke» suspekte Frauenrechtlerin die Wahl allerdings problemlos. Als die CVP-Fraktion 1986 für die Nachfolge von Kurt Furler und Alphons Egli das Duo Flavio Cotti und Arnold Koller nominierte, kandidierte Judith Stamm wild. Mit der Wahl von Koller und Cotti, weissagte sie damals treffsicher, sei der Weg für eine CVP-Frau in der Landesregierung auf Jahre hinaus versperrt, weshalb sie sich für die längst überfällige, wenn auch aussichtslose CVP-Frauenkandidatur entschied.

Stamm wäre nicht Stamm, hätte sie 1997 ihr Jahr als Nationalratspräsidentin nicht auch genutzt, um Frauenanliegen publikumswirksam zu inszenieren. Vor allem auf Judith Stamms 16-jähriges Wirken in Bundesbern geht die Schaffung des Gleichstellungsbüros zurück: «Ich war bloss eines der Glieder in einer langen Kette», bilanziert sie heute bescheiden. Überhaupt wirkt Stamm bei aller Klarheit und Unerschrockenheit, die noch immer ihre Voten prägen, auch ausgleichend und versöhnlich.

Trotz Distanz zu dessen Positionen und erst recht zu seiner Partei begrüsste sie beispielsweise im Dezember im CVP-Pressedienst die Maurer-Wahl: «Bundesrat Ueli Maurer wird den Wechsel vom Parteichef zum Bundesrat schaffen. Dafür sprechen Zeugnisse von Menschen, die mit ihm im Laufe der Jahre zusammengearbeitet haben.»

Auch das ist eben Judith Stamm: Wenn sie will, wickelt sie ihre Worte in Watte.

Herbert Fischer, Luzern

Dieser Artikel ist am 24. Februar 2009 in der «Basler Zeitung» erschienen.

Nathalie Zeindler: Beherzt und unerschrocken – Wie Judith Stamm den Frauen den Weg ebnete. Verlag Xanthippe, Zürich 2008. 34 Franken.


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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

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Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/