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Kolumne der Redaktion

27.01.2022

«Wissenschaften leben von Irrtümern»

Die beiden Gründer des «aha - Festival des Wissens» im grossen Interview über Wissenschaften, Irrtümer und Wissenschafts-Skepsis als Vorwand für populistische Frontal-Attacken gegen Intellektuelle und Eliten.


Ana Matijasevic (*1988) arbeitete nach ihrem Masterstudium in Publizisitk- und Filmwissenschaft (Universität Zürich) als freischaffende Kulturredaktorin und Multimedia-Produzentin unter anderem für den «Tages-Anzeiger». Seit 2016 ist sie Kulturredaktorin und Podcastproduzentin bei SRF.

Christoph Fellmann (*1970) lebt als freischaffender Autor, Theatermacher und Kulturproduzent in Luzern. Er ist seit 20 Jahren als Schauspieler und Schreiber im und für das Theater tätig, seit 25 Jahren ist er Veranstalter und Mitbegründer von mehreren Veranstaltungsreihen. Nebenbei arbeitete er als Journalist, zuletzt von 2008 bis 2017 als Kulturredaktor des «Tages-Anzeigers».

Bild: Herbert Fischer

Herbert Fischer: «aha» findet im «Südpol» morgen Freitagabend (28. Januar, ab 18h) und am Samstag (ab 16h) zum vierten Mal statt, letztes Jahr wegen «Corona» allerdings nur online. Wie ist das Festival inzwischen aufgestellt?

Christoph Fellmann: Dadurch, dass unser Festival 2021 wegen «Corona» nur in Form von Online-Tipps stattfand, stehen wir jetzt vor der dritten Auflage. 2020 waren wir ausverkauft und hatten an beiden Tagen je 350 Eintritte. Für morgen Freitag und am Samstag (28. und 29. Januar) sind noch Plätze frei (siehe unter «Links»).

«Corona» hat verdeutlicht, wie stark wissenschaftliche Erkenntnisse politische Prozesse prägen und steuern. Dennoch ist ihre Rolle in der Pandemie nicht wirklich ein Thema am «aha 2022». Warum?

Ana Matijašević: Sie ist Thema! Und zwar gleich zu Beginn. Wir eröffnen das «aha-Festival 2022» mit einem Eröffnungstalk morgen Freitagabend um 18h und sprechen genau darüber, wie politisch Wissenschaft sein soll. Unser Talkgast ist Politologe Michael Hermann (siehe unter «In Verbindung stehende Artikel: grosses Interview mit ihm). Es geht um die Frage, ob sich Wissenschaften in politische Prozesse einmischen dürfen, sollen, müssen. Und: Wie ist das Verhältnis zwischen Gefühlen und Fakten? Was hat die Pandemie mit den Wissenschaften gemacht. Das sind die Fragen, die wir ansprechen.

Wir starteten übrigens bereits bei den ersten beiden Festivals ebenfalls mit übergeordneten Thema und fragten den Historiker Caspar Hirschi 2019 etwa: «Was können ExpertInnen?» und 2020 beantwortete der Philosoph Philipp Hübl die Frage «Warum und wie bilden wir uns eine Meinung?». In beiden Lectures ging es auch um Begriffe wie «alternative Fakten» und «das postfaktische Zeitalter».

Christoph Fellmann: Zudem ist über «Corona» so vieles geschrieben und gesagt worden in den letzten zwei Jahren, dass viele Leute davon schlicht die Nase voll haben.

«Corona» hat klar gemacht, dass wirtschaftliche Erkenntnisse polarisieren können. Wer mit ihren Befunden und deren Auswirkungen einverstanden ist und sich durch sie nicht eingeschränkt fühlt, hat mir ihr kein Problem. Die Schwurbler hingegen verdammen die Wissenschaften geradezu. Hat «aha» also keinen aufklärerischen Ansatz?

Christoph Fellmann: Doch schon, aber nicht speziell mit Blick auf «Corona». Kommt dazu, dass wir die Leute, die die Wissenschaften verdammen, sowieso kaum erreichen werden mit diesem Festival. Leute, die das «aha» besuchen, haben sicher – sagen wir es so – gewisse Sympathien für die Wissenschaften und glauben grundsätzlich an sie. Es ist nicht unser Anliegen, Menschen zur Wissenschaft zu bekehren; sondern Menschen, die sich für die Welt und für fundierte Informationen interessieren, mit aktueller Forschungsarbeit zusammenzubringen.  

Gewiss kann es nicht darum gehen, die Schwurbler «umpolen» zu wollen. Aber das, was sie anrichten, ist verheerend. Und da könnte es doch eine Absicht und ein Anliegen dieses Festivals sein, Leute, die willens und fähig sind, Aufklärungsarbeit zu leisten, argumentativ aufzumunitionieren.

Christoph Fellmann: Naja, wir richten unser Festival halt nicht an den Leuten aus, die gegen wissenschaftliche Erkenntnisse demonstrieren, sondern an den Leuten, die für solche Fakten empfänglich sind. Das heisst nicht, dass die Radikalisierungstendenzen in unserer Gesellschaft am «aha» kein Thema sind. Sie sind es, zum Beispiel im bereits erwähnten Talk mit Michael Hermann, oder im Referat von Sophie Pornschlegel über Demokratie.

Warum ein «Festival» als Etikett, als Form, als Gefäss? Warum diese Definition?

Ana Matijašević: Festivals sind popkulturelle, beim Publikum beliebte Veranstaltungen. Daran wollten wir anknüpfen – an den Assoziationen und Stimmungen, die man mit dem Begriff Festival verbindet: Das Zirkulieren von Bühne zu Bühne, von Darbietung zu Darbietung, vom einen Inhalt zum nächsten. Dazu tauscht man sich aus, trinkt ein Bier, isst etwas. Das ist das, was wir mit dem «aha» bieten, einfach angewendet auf Forschung und Wissenschaft. Wir sind kein Kongress, der zu einem Thema die Fachleute zusammentrommelt. Sondern ein Happening, bei dem unterschiedlichste Expertinnen und Forscher zu aktuellen, relevanten Fragen reden und damit ein breites, neugieriges Nicht-Fachpublikum ansprechen.

Wie entstand eigentlich der Name «aha», der reihum auf Begeisterung stösst?

Christoph Fellmann: Es war eine spontane, glückliche Idee in einer Diskussion über andere, fast zwanzig Vorschläge, die damals noch auf dem Tisch waren.

Könnt ihr Euch vorstellen, «aha» allein einzelnen «Grossthemen» zu widmen? Oder wollt ihr bewusst thematisch breit aufgestellt sein, also auf mehreren Hochzeiten tanzen?

Ana Matijašević: Es ist uns wichtig, dass wir ein breites Publikum erreichen. Das gelingt eher, wenn für jeden mindestens 2-3 Lectures und Themen dabei sind, die sie interessieren. Bei Partnerschaften machen wir aber auch eine Ausnahme: Ich kann hier verraten, dass wir im Herbst im Bernischen Historischen Museum zu Gast sein werden, wo wir in der aktuellen Ausstellung über «Das entfesselte Geld» ein kleines «aha-Festival» zum Thema Geld organisieren.

Warum kommt die Erkenntnis, dass Wissenschaften aus dem Elfenbeinturm ausbrechen müssen, wenn sie Breitenwirkung in Land und Volk erzielen wollen, nicht von ihnen selber? Das wäre ja eigentlich logo. Warum braucht es «von aussen» ein Projekt wie eures?

Christoph Fellmann: Ich habe keineswegs den Eindruck, dass WissenschafterInnen generell im Elfenbeinturm wirken. Es gibt viele Beispiele dafür, auch die «Corona»-Krise hat ja einige regelrechte Wissens-Popstars hervorgebracht. Es ist auch nicht so, dass Universitäten und Hochschulen nichts unternehmen, um das «Elfenbeinturm-Image» loszuwerden. Sie treten sehr wohl von sich aus an die Öffentlichkeit, laden ein zu Vorträgen und allerlei Events. Das Problem ist eher, dass dies viel zu wenig bekannt ist. Was das «aha» leistet, ist, das Wissen in einen anderen Kontext zu setzen, eben den eines künstlerisch gestalteten Festivals. Das zieht ein ganz neues Publikum an.

Ana Matijašević: Es gibt Leute, die nicht unbedingt in eine Uni an einen Vortrag gehen würden. Auch darum ist das Festival die richtige Form: Es findet ausserhalb klassischer Wissenschafts-Institutionen statt, in einem unterhaltsamen und niederschwelligen Raum.

Schwellenangst ist das eine. Wissenschaftsfeindlichkeit ist das andere. Was sagt ihr Menschen, die nicht an die Wissenschaft glauben?

Christoph Fellmann: Solche Menschen nennen sich ja selber oft «skeptisch» gegenüber den Wissenschaften. Im Grunde genommen macht sie das zu Wissenschaftlern: Denn die Skepsis spielt bei jeder ernstzunehmenden wissenschaftlichen Arbeit eine zentrale Rolle. Wissenschaftliche Befunde müssen sich immer wieder von neuem legitimieren, werden also ständig hinterfragt.

Ana Matijašević: Zudem leben die Wissenschaften von Irrtümern. Die Wissenschaft tritt an, um immer wieder Denkmäler vom Sockel zu stossen, immer wieder zu falsifizieren, sich selbst infrage zu stellen. Dann heisst es: Die widersprechen sich immerzu. Aber das gehört zur DNA der Wissenschaft.

Christoph Fellmann: Etwas anderes ist es natürlich, den Wissenschaften vorzuwerfen, sie würden wissentlich falsche Tatsachen veröffentlichen, sie würden öffentliche Gelder verschwenden und sowieso immer falsch liegen. Das ist keine Skepsis mehr, das ist die bewusste populistische Bewirtschaftung einer latenten Intellektuellen- und Elitenfeindlichkeit.

Also bräuchten eigentlich die Wissenschaften schlicht und einfach so etwas wie eine Charmeoffensive, verkörpert durch authentische und gut geerdete Persönlichkeiten, die das Gegenteil von elitär und hochnäsig sind.

Ana Matijašević: Die meisten WissenschaftlerInnen, die wir am «aha-Festival» hatten, sind tatsächlich sympathisch und sehr cool, wenn sie leidenschaftlich über ihr Thema reden. Aber auch Vorträge, die nicht eloquent und knackig über die Bühne gehen, werden gerne gehört, wenn der Inhalt stimmt. Je natürlicher die RederInnen, desto offener ist auch das Publikum.

Interview: Herbert Fischer, Redaktor lu-wahlen.ch, Luzern

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Freitag, 28. Januar 2022 (18h) im «Südpol»

18h - Wie politisch soll Wissenschaft sein?
Mehr über Referent Michael Hermann:
www.google.com/search

19h - Gibt es erfolgreiche Alternativen zur Demokratie?
Mehr über Referentin Sophie Pornschlegel:
www.google.com/search

20h - Was können wir über Geheimdienste wissen?
Siegfried Beer:
www.google.ch/search

20h - Wie geht nachhaltiges Bauen?
Letizia Caderas und ...
www.google.ch/search

... Jonathan Ensslin:
www.google.ch/search

21:15h - Wie lange sind Erinnerungen wahr?
Hannah Monyer:
www.google.com/search

21:15h - Warum wohnen wir in Wohnungen?
Christine Hannemann:
www.google.com/search

22:15h - Was für eine Realität kreiert Virtual Reality?
Frank Steinicke:
www.google.com/search

Samstag, 29. Januar 2022 (16h) im Südpol

16h - Wie wurden wir zu Konsument:innen?
Frank Trentmann:
www.google.ch/search

17h - Wie wurden Emotionen zur Handelsware?
Ute Frevert:
www.google.com/search

18h - Was können wir von Afrika für die Energiewende lernen?
Churchill Agutu:
www.google.ch/search

Was ist und kann Quantentechnologie?
Klaus Ensslin:
www.google.com/search

18h - Gibt es schon Wasserkriege?
Annabelle Houdret:
www.google.com/search

20h - Wie kontrolliert das Silicon Valley mein Leben?
Michael Seemann:
www.google.com/search

20h - Welche Ziele hat Saudi Arabien?
Krithika Varanger und ...
www.google.com/search;

... Christof Münger:
www.google.com/search

21h - Warum ist Palmöl so umstritten?
Ariane Hangartner:
www.google.com/search

21h - Wie stabil ist der Balkan?
Ivan Krastev:
www.google.ch/search

22h - Warum ist die Liebe so unsicher?
Eva Illouz:
www.google.ch/search

Das ganze Programm, alle ReferentInnen und ihre Themen als PDF:
aha-festival.ch/media/pages/program/c96bf9ef62-1641897250/aha_einfestivalfuerwissen_programm_2022.pdf

Die Eintrittspreise:
aha-festival.ch/de

Die Website des Festivals:
aha-festival.ch/de

Siehe unter «In Verbindung stehende Artikel» (Eintrag vom 11. Januar 2020): Interview von Herbert Fischer mit «aha»-Mit-Gründer Christoph Fellmann.

(red)


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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

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Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/