das gesamte meinungsspektrum lu-wahlen.ch - Die Internet-Plattform für Wahlen und Abstimmungen im Kanton Luzern

Spenden für Verein lu-wahlen.ch

Diese Website gefällt mir! Um weitere Beiträge darauf zu ermöglichen, unterstütze ich lu-wahlen.ch gerne mit einem Betrag ab CHF 10.-

Kolumne der Redaktion

12.05.2021

Bis im Jahr 2030 fehlen in der Schweiz 65 000 Pflegende

Am heutigen Tag der Pflege treffen sich seit 17h auf dem Mühlenplatz etwa dreihundert Personen, um ihren Protest gegen die Arbeitsbedingungen in den Pflegeberufen und ihre Solidaritàt mit den Pflegenden kundzutun. Gerade jetzt spricht SP-Kantonsrätin Sara Muff (Sursee), tätig als Pflegefachfrau im Paraplegiker Zentrum Nottwil und Mitglied des Berufsverbandes SBK.


Zum «Tag der Pflege» kamen etwa 300 Personen auf den Mühlenplatz.

Kantonsrätin und Pflegefachfrau Sara Muff (Sursee) hielt eine Rede, die auf dieser Seite links zu lesen ist.

Bilder: Herbert Fischer

Sara Muff hat ihr Redemanuskript lu-wahlen.ch vorab zur Verfügung gestellt. Es ist hier zu lesen (es gilt das gesprochene Wort).

(red)

---
Liebe Anwesende, liebe Mitglieder des SBKs, liebe Mitglieder des VPOD’s, liebe Mitglieder der Parteien, liebe Menschen, welche sich mit den Pflegenden solidarisieren, aber vor allem, liebe Pflegende!

Es ist unglaublich schön und wichtig, dass ihr heute alle hier seid. Das Wetter passt ja ziemlich gut zum Tag der Pflege, denn auch die Pflege wird im Regen stehen gelassen...

Ich freue mich umso mehr, dass ich heute zu euch sprechen darf als Kantonsrätin, aber vor allem auch als Pflegefachfrau und SBK-Mitglied.

Heute ist der 12. Mai, der internationale Tag der Pflege. Er erinnert uns an den Geburtstag von Florence Nightingale, sie ist die Pionierin der modernen Pflege. Happy Birthday Florence Nightingale und vor allem aber auch danke!

Danke euch, liebe Pflegende für eure wichtige Arbeit, welche ihr jeden Tag verrichtet und das unter sehr schwierigen Arbeitsbedingungen! Ihr seid unglaublich und ihr haltet unsere Gesellschaft am Leben!

Es ist eigentlich ein Trauerspiel, dass wir heute schon wieder hier zusammen auf der Strasse stehen und kämpfen müssen für bessere Arbeitsbedingungen. Hat uns doch die Corona-Pandemie deutlich aufgezeigt, wovor was wir ja eigentlich schon lange warnen!

Der Gesundheitssektor ist unterfinanziert und die Arbeitsbedingungen müssen dringend verbessert werden!

Eine Zeit lang sah es sogar wirklich so aus, als würde sich langsam etwas bewegen. Die ganze Schweiz applaudierte für die Pflege, doch Applaus reicht nicht. Durch Applaus verändert sich für uns im Arbeitsalltag nichts.

Wir waren an der Front, als wir gebraucht wurden, so auch jetzt. Wir verlegten Patient:innen und schufen innert kürzester Zeit Isolationsstationen und Beatmungsplätze, wir versuchten für Patient:innen da zu sein, wenn sie keinen Besuch empfangen durften.

Gleichzeitig hielten wir auch den regulären Betrieb aufrecht. Es ist ja nicht so, dass wegen «Corona» plötzlich niemand mehr Krebs hat oder aus anderen Gründen auf ein funktionierendes Gesundheitssystem angewiesen ist. Auch im Bereich der häuslichen Pflege wurde Unglaubliches gestemmt und freischaffende Pflegende waren oft gänzlich auf sich alleine gestellt.

Bedingt durch «Corona» mussten wir die bürgerliche Abbaupolitik der letzten Jahre so stark am eigenen Leibe erfahren wie selten. Ich übe meinen Beruf eigentlich gerne aus, es ist ein sehr schöner, aber fordernder Beruf. Doch er benötigt dringend bessere Arbeitsbedingungen, mehr Rechte am Arbeitsplatz und mehr Anerkennung, vor allem auch durch die Politik.

Während sich der SBK zusammen mit den Gewerkschaften und linken Parteien seit eh und je für die dringend benötigten Verbesserungen im Gesundheitssektor einsetzt, reicht es bei den meisten anderen leider nicht für mehr als Balkonapplaus.

Wir fordern verbindliche Dienstpläne, welche wir genügend im voraus erhalten und nicht gesetzeswidrige Arbeit auf Abruf!

Wir fordern, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessert wird!

Wir fordern eine strukturelle Lohnanpassung! Es kann nicht sein, dass Pflegende unterdurchschnittlich verdienen, dass aber von uns stets überdurchschnittliches, ja teils fast unmögliches verlangt wird!

Wir benötigen genügend Fachpersonal, doch aktuell werden uns bis 2030 in der Schweiz 65 000 Pflegefachpersonen fehlen! Dies auch, weil pro Jahr 2400 Pflegefachpersonen wieder aus dem Beruf aussteigen, ein Drittel  davon, noch vor dem 35. Lebensjahr.

Viele geben den Beruf der Pflege auf, weil sie ausgebrannt sind, physisch und psychisch. Darum müssen nun dringend die Arbeitsbedingungen verbessert werden! Es müssen politische Vorgaben zum Skills und Grade Mix erlassen werden und eine maximale Anzahl Patient:innen/Klient:innen oder Bewohner:innen pro Pflegefachperson festgelegt werden.

Dies wird auch von der «Pflege-Initiative» so verlangt! Die bisherige Gratisarbeit, durch früheres Beginnen der Schicht, weil wir sonst mit der Arbeit nicht durchkommen, gehört entlöhnt!

Wir können nicht nur Pflegende ausbilden, so wie es der Gegenvorschlag verlang, nein! Wir müssen auch schauen, dass die Pflegenden auf dem Beruf bleiben. Hier benötigt es den politischen Willen, die Gesundheitsversorgung ausreichend zu finanzieren! Ein weiterer wichtiger Schritt ist die Forderung nach Gesamtarbeitsverträgen. Darin werden die Arbeitsbedingungen zusammen mit Arbeitnehmerinnenvertretung und Sozialpartnerinnen, so auch mit dem SBK, verhandelt und verbindlich festgelegt. Und natürlich auch die bezahlte Umkleidezeit – -denn Umkleidezeit ist Arbeitszeit!

Care Arbeit ist kein Luxusprodukt, sondern ein elementarer gesellschaftlicher Wert! Eigentlich liegt es auf der Hand, dass dieser Sektor keinen Profit abwerfen müsste! Die Realität sieht anders aus und die Ökonomisierung im Spitalalltag schreitet munter voran. Mit gravierenden Folgen. Die Betten müssen stets vollständig ausgelastet sein, während gleichzeitig beim Personal gespart wird.

Wir Pflegende tragen die Verantwortung für immer mehr Patient:innen. Der Kostendruck in den Spitälern führt zu Sparmassnahmen. Diese werden auf dem Rücken der Pflegenden ausgetragen. Das hat jedoch Konsequenzen für die ganze Gesellschaft, denn mit jeder Abbaumassnahme sinkt die Patient*innensicherheit.

Ich übe meinen Beruf als Pflegefachfrau sehr gerne aus, denn es ist ein wunderschöner Beruf, aber auch sehr fordernd, physisch wie auch psychisch. Wir sind sehr nahe am Menschen, dies in den schönen Momenten, wenn zum Beispiel eine Krankheit überwunden wird oder eine querschnittsgelähmte Person vor Freude weint, weil sie das erste Mal wieder selbst die Zähne putzen kann. Wir sind jedoch auch da, in denMomenten, die nicht schön sind.

Wenn zum Beispiel eine Person eine Diagnose erhält, oder aber auch, wenn eine Person stirbt. Hier zeigt sich ein grosses Problem, mit welchem wir Pflegenden zu kämpfen haben. Eigentlich ist «sich kümmern» ein urpflegerischer Wert und genau das können wir oft nicht tun, da uns die Zeit dafür fehlt. Das sind die Eindrücke und Empfindungen, die ich nach der Arbeit persönlich mit nach Hause nehme.

Denn ich kann nicht einfach ausstempeln und mir einreden: «Ja, ich lasse diese Gedanken jetzt hier». Ich sitze dann zu Hause und weiss, es hätte mich gebraucht und ich konnte nicht da sein für die Menschen.

Liebe Anwesende, so darf es nicht weiter gehen. Applaus alleine reicht nicht! Wir müssen jetzt zahlen, was zählt! Der Gesundheitssektor gehört ins Zentrum des Konjunkturprogrammes!

Solidarisiert euch und helft mit, der «Pflege-Initiative» zum Erfolg zu verhelfen. Denn auch die Pflege benötigt Pflege und eigentlich sollte jeder Tag ein Tag der Pflege sein!

Sara Muff, Pflegefachfrau und SP-Kantonsrätin, Mitglied im Berufsverband SBK, Sursee


Teilen & empfehlen:
Share    
Kommentare:

Keine Einträge

Kommentar verfassen:

Ins Gästebuch eintragen
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz  

Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

treten Sie mit lu-wahlen.ch in Kontakt

Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/