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Kolumne der Redaktion

25.09.2020

Was Anita Fetz zum Abschied von Helmut Hubacher im Basler Volkshaus sagt

Im Basler «Volkshaus» hat soeben die Abschiedsfeier für Helmut Hubacher begonnen. Es sprechen Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga, der frühere SP-Nationalrat Peter Bodenmann und die frühere SP-Ständerätin Anita Fetz. Hier ist das Manuskript ihrer Rede zu lesen.


Vor und nach der heutigen Abschiedsfeier im Basler Volkshaus entstanden diese Bilder.

Historikerin Anita Fetz vertrat die Basler SP während 16 Jahren im Ständerat.

Professor Franco Cavalli ist ein international renommierter Krebsspezialist. Er war Tessiner SP-Nationalrat und -Fraktionschef.

Sekundarlehrer Pierre-Yves Maillard war Waadtländer SP-Regierungsrat. Seit 2019 ist er Nationalrat. Zudem präsidiert er den Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB).

Der Politikwisssenschafter und Aargauer SP-Nationalrat Cédric Wermuth wird im Oktober Co-Präsident der SP Schweiz.

Die Biologin, Ökonomin und Unternehmerin Jacqueline Badran ist Zürcher SP-Nationalrätin.

Der Historiker Hansjürg Fehr war Schaffhauser SP-Nationalrat und Präsident der SP Schweiz.

Journalist Matthias Aebischer ist Berner SP-Nationalrat und Präsident von Pro Velo Schweiz.

Rechtsanwalt Paul Rechtsteiner ist St. Galler SP-Ständerat. Vor Pierre-Yves Maillard präsidierte er lange den SGB.

Simon Roth, SP-Fraktionschef im Grossen Stadtrat von Luzern und Abteilungsleiter im SP-Zentralsekretariat in Bern, gehört zum Team, das die heutige Feier organisierte und durchführte.

Die rote Nelke ist so etwas wie das internationale Wahrzeichen der Sozialdemokratie. Wer an der heutigen Feier teilnahm, wurde damit ausgerüstet, falls er sich zuvor mit einer Mundmaske bewehrt hatte.

Bilder: Herbert Fischer

Ein paar Wochen vor seinem Tod haben wir Helmut und Gret im Jura besucht. Damals war schon klar, dass seine Krankheit ihm nur noch wenig Zeit lässt. Er trug es mit Würde und mit Fassung, im Wissen, dass auch das vollste Leben irgendwann zu Ende geht. Seine Augen waren hellwach wie immer. Und er hatte eine klare Vorstellung, wie seine Abschiedsfeier aussehen sollte. So wie heute.

Wir würdigen heute einen grossen Sozialdemokraten, einen unermüdlichen Kämpfer für mehr Gerechtigkeit und den Gefährten einer ebenso stolzen Sozialdemokratin, seiner Frau Gret.

Während er die grosse Bühne in Bern und der ganzen Schweiz beherrscht hat, führte sie hier im Kleinbasel – gleich gegenüber – das Restaurant Maxim. An ihrem runden Tisch trafen sich die jungen Wilden der Basler Linken. Sie sorgte dafür, dass wir über alle Differenzen hinweg im Gespräch blieben und legte dort den Boden für die rot-grüne Mehrheit, die Basel unterdessen seit Jahren prägt.

Neben Gret gehörte Helmut Hubachers  grosse Liebe der Sozialdemokratie, seine lebenslange Leidenschaft der Politik. Nun hat er sich «vom Dienst zurückgezogen», wie er zuletzt schrieb.

Geboren wurde Helmut Hubacher am 15. April 1926 im bernischen Krauchthal, aufgewachsen ist er - nach der Scheidung seiner Eltern - in Zollikofen bei seinen Grosseltern. Der Grossvater war Fabrikarbeiter, engagierte sich als Gewerkschafter im Generalstreik und erzog den Enkel zu einem in der Wolle gefärbten Gewerkschafter. Davon hat Helmut  immer wieder erzählt – auch in seinen Kolumnen.

Nach einer Lehre bei den SBB wurde er nach Basel versetzt. Dort hat er bei den Jungsozialisten seine Frau Gret kennengelernt. Besser gesagt, Gret hat dafür gesorgt, dass der damals offenbar noch schüchterne Juso auf sie aufmerksam wurde: Nach einem Vortrag bei den Jusos wollte er mit dem Velo nach Hause fahren. Doch der Vorderreifen war platt. Gret hat ihn dann zu Fuss nach Hause begleitet. So ist man sich näher gekommen. Viel später hat sie zugegeben, dass sie das Vorderrad gelüftelt hatte.

Manchmal muss man dem Glück eben nachhelfen. Bald wurde geheiratet und 3 Kinder grossgezogen. Als Helmut am 19. August 2020 im Spital in Pruntrut starb, waren die beiden über 70 Jahre zusammen und ebenso lange Mitglieder der SP.

Helmut war als  Gewerkschaftssekretär, Basler Grossrat, langjähriger Nationalrat, Parteipräsident der SPS, als Politiker, Journalist, Buchautor und Kolumnist immer voll engagiert. Als Vater war er wohl weniger präsent, so wie die grosse Mehrheit der Väter seiner Generation. Er hat das einmal so umschrieben: «Gret machte alles. Und ich den Rest.» Später hat er das ein wenig bedauert und dafür die Zeit mit den Enkelinnen genossen. Als Politiker für mehr Gerechtigkeit war er hart in der Sache und konnte ordentlich austeilen, als Mensch und Grossvater war er herzlich – so bleibt er mir in Erinnerung. Und er hatte ein Talent für Freundschaften – auch über politische Differenzen hinweg.

Live gesehen habe ich Helmut Hubacher zum ersten Mal 1975 auf dem besetzten Gelände von Kaiseraugst, das ein neuer AKW-Standort werden sollte. Damals hatte die SPS ein noch ungetrübtes Verhältnis zur Atomkraft. Er war es, der die Partei Richtung Atomausstieg und Ökologie geführt hat. Später hat er erzählt, wer ihn vom AKW-Befürworter zum AKW-Gegner gemacht und nach Kaiseraugst geschickt hat. Gret und eine Tochter gaben den Marschbefehl: «Da passiert etwas, Helmut, du gehörst an den Tatort.» 

1978 hat die SPS an einem Parteitag definitiv den AKW-Ausstieg beschlossen. Da war HH bereits seit 3 Jahren ihr Parteipräsident. Als die bürgerliche Mehrheit im Bundesrat in Erwägung zog, das Militär nach Kaiseraugst zu schicken, hat er sich mit Willy Ritschard, dem damaligen SP-Bundesrat und Energieminister, getroffen und besprochen, dass dieser seinen Rücktritt einreicht, falls der Bundesrat tatsächlich das Militär schicken sollte. Später hat Hubacher zusammen mit seinem Kontrahenten Blocher den definitiven Abschied von Kaiseraugst  hinter den Kulissen mitorganisiert.

Kennen gelernt haben wir uns 1980. Da war Helmut Hubacher schon länger Nationalrat, Sekretär des Basler Gewerkschaftsbundes und Präsident der SP Schweiz. Er war unbestritten eine politische Ausnahmeerscheinung – und 1980 eben auch 1.-Mai-Redner in Basel. Weil wieder keine Frau als Rednerin geladen war, habe ich – damals als Mitglied der feministischen OFRA - mit Kolleginnen das Podium gestürmt und eine kurze Rede gehalten. Es kam zu einem Handgemenge. Ja, man kann sagen: Unsere erste direkte politische Begegnung verlief etwas ruppig.

Aber Helmut war schon damals Helmut: Wir sprachen uns aus. Im folgenden Jahr konnte erstmals eine Vertreterin der OFRA am 1. Mai reden: Er hat die Partei für feministische Anliegen geöffnet. Später hat er selbst zugunsten einer Sozialdemokratin auf das Nationalratspräsidium verzichtet. Zu seinen grössten Niederlagen zählte er selber immer, dass es ihm nicht gelungen ist, Lilian Uchtenhagen 1983 zur Bundesrätin zu machen. Ich erinnere mich gut an diesen schwarzen Tag für uns linke Frauen in der Schweiz: Wir haben in Basel und in anderen Schweizer Städten gegen diese frauenfeindliche Frechheit der bürgerlichen Herren in Bern demonstriert. Dass Otto Stich die Wahl angenommen hat, hat nicht nur Gret ihm nie verziehen. Wenn sie ihm beim Einkaufen begegnet ist, hat sie einfach nicht gegrüsst. Auf die Frage von Helmut «musste das sein?“ war ihre Antwort klipp und klar „ja das musste sein.»

Für die Bürgerlichen war «der Hubacher», der scharfe Debattierer und aufrechte Sozialdemokrat, ein rotes Tuch. In Basel immer noch in Erinnerung ist in dem Zusammenhang das Jahr 1976, als HH für den Regierungsrat kandidiert hat.

Das war einer der dramatischsten Wahlkämpfe, die diese Stadt je erlebt hat. HH wurde in einer beispiellosen Schlammschlacht von der politischen Gegnerschaft mit Dreck beworfen unter eifriger Mithilfe der gerade fusionierten Basler-Zeitung. An die Podien kamen hunderte von Menschen, um die Wahldebatten live  mitzuerleben. Er wurde nicht gewählt. Im 2. Wahlgang liess sich ein pflegeleichter SP-ler als Gegenkandidat der Bürgerlichen portieren, der dann gewählt und umgehend aus der SP ausgeschlossen wurde.

Heute können sich die Jüngeren nicht mehr vorstellen, wie gnadenlos die politischen Auseinandersetzungen während des Kalten Krieges waren. «Moskau einfach!»–Rufe gab es auch für HH, obwohl er bekennender Antikommunist war. «Nestbeschmutzer» und «Landesverräter» waren gängige Anwürfe, um ja nicht auf linke Kritik eingehen zu müssen. Dagegen sind die heutigen politischen Debatten Nasenwasser.

25 Jahre später waren seine Kolumnen in der «BaZ» die meistgelesenen Stücke. Viele Ideen dazu bekam er auch bei seinen Beizentouren in Basel und am Stammtisch in der «Kunsthalle.» Wenn Du mit Helmut durch die Stadt spaziert bist, dann wurde er an jeder Ecke gegrüsst. Immer wieder haben ihm Leute gedankt, denen er in seiner berühmten Sprechstunde geholfen hat.

Gret und er lebten inzwischen zwar im Jura, hatten aber bis vor kurzem noch eine winzige Wohnung im Gerbergässlein in Basel. Gret liebt ihren Garten im Jura über alles – bei Helmut war ich mir nicht ganz so sicher. Ich erinnere mich auf jeden Fall gut an ein Abendessen im «Leuenzorn». Es war Winter und der Menuesalat war saisongerecht ein «Nüssler» wie die Berner sagen. Helmut wies ihn empört zurück mit den Worten: «Zurzeit esse ich jeden Tag zwei Mal Gret‘s  selbstgepflanzten Nüsslisalat. Das reicht jetzt. Nicht auch noch in der Beiz».

Mit der neuen Linken, wie der POCH , bei der ich früher Mitglied war, hatte er seine liebe Mühe. Er befand sie als zu radikal, zu unrealistisch, zu viel Sozialismus für zu wenig Leute. Als ich für die POCH Mitte der 80er Jahre im Nationalrat war, diktierte er einem Journalisten ins Notizbuch: «Sie redet gut, sie ist Baslerin, aber sie redet zum Fenster hinaus». Ja er konnte sehr direkt sein. Ich auch.

Als ich später der SP beitrat – die POCH hatte sich 1993 aufgelöst - war Helmut längst ein guter Freund. Innerhalb der Partei wurde er mein wichtigster Förderer. Vier Mal war er in meinem Wahlkampfteam für den Ständerat dabei. Wir waren eine kleine, effiziente, politisch kluge Gruppe. Wenn die Strategie diskutiert, die Hauptbotschaften entwickelt und der Gegner analysiert waren, kamen wir schnell zum gemütlichen Teil: Weisswein und Bier, und dann wurde mit genau gleicher Energie die Lage des FCB analysiert.

Der war nämlich ebenfalls eine Leidenschaft von Helmut, auch wenn er als Junge noch YB-Fan war. Später war er beteiligt an der Basler Dreifaltigkeit zwischen Politik (Hubacher),  Fussball (Benthaus) und Kultur (Düggelin).

Wenn er manchmal anrief, um etwas Politisches zu diskutieren, fragte er zum Schluss fast immer, ob Fritz, mein Mann, da sei. Dann gab ich das Telefon weiter und die beiden besprachen den letzten Match des FCB, kombiniert mit der Beurteilung der politischen Grosswetterlage.

HH hat fast ein ganzes Jahrhundert erlebt und in der Schweiz mitgeprägt:

. die Wirtschaftskrise der 30-er-Jahre mit der grossen Armut bei den Arbeiterfamilien;

. den Faschismus, der auch in der Schweiz Anhänger hatte;

. den 2. Weltkrieg, als die Réduit-Schweiz die Region Basel aufgegeben hatte;

. die Einführung der AHV: «eine Weltklasseleistung» hat er sie genannt;

. das Wirtschaftswunder der 50-er- und 60-er-Jahre («jedem Arbeiter sein Auto»);

. den Kalten Krieg mit dem rabiaten Antikommunismus der Bürgerlichen;

. den Mirage-Skandal;

. die Bestrebungen zur Entwicklung einer Schweizer Atombombe;

. den untauglichen Panzer-68;

. den Aufbruch von 1968;

. die «neue Linke»;

. das Drama der Saisonniers, also der Gastarbeiter, die ihre Kinder nur heimlich mit in die Schweiz nehmen durfte;

. die Schwarzenbach-Abstimmung, die ihn nachhaltig beschäftigt hat;

. die Anti-AKW-Bewegung;

. die Entstehung der Grünen;

. die «Schweiz der Gnome von der Zürcher Bahnhofstrasse» mit dem Steuerhinterziehungsgeheimnis;

. den Fall der Mauer;

. den «Fichen-Skandal»;

. den «P 26-Skandal»;

. den Aufstieg der SVP nach dem knappen EWR-Nein;

. die Verbreitung des neoliberalen Kapitalismus in den 90-er-Jahren;

. unzählige Angriffe auf den Sozialstaat;

. den ersten Frauenstreik;

. das Grounding der Swissair;

. die Rettung der UBS durch den Staat;

. die Abschaffung des Bankgeheimnisses

. und zuletzt die Klimabewegung.  

Das alles hat er schreibend erzählt und kommentiert, denn Schreiben war sein ganz grosses Talent. 9 Bücher, über 1000 Kolumnen! Jede so geschrieben, dass sie von der Verkäuferin im unteren Kleinbasel ebenso verstanden wurde wie vom Uni-Professor auf dem Bruderholz. Ich kenne niemanden, der den Leuten Politik so gut erklären konnte wie Helmut.

HH war der Architekt der modernen SPS. Er hat sie von der traditionellen Arbeiterpartei zu einer linken Volkspartei  geformt. Er öffnete die Partei für die aufmüpfigen Frauen und für die sozialen und ökologischen Bewegungen und hielt durch seine Person die Balance zum traditionellen Arbeitermilieu, das es so heute nicht mehr gibt.

Er hatte eine überragende Bedeutung für die Partei, bis zuletzt. Und er hat immer wieder gesagt: eine linke Volkspartei braucht einen linken und rechten Flügel. Damit kann man hoch fliegen, wenn das Zentrum stark genug ist.  Er war hervorragend informiert (übrigens ganz ohne Internet), mit vielen Leuten im Kontakt persönlich oder per Brief, Telefon oder Fax. Ich habe mein Faxgerät im Büro nur wegen ihm behalten. Er besuchte unzählige Sektionen, Veranstaltungen und Podiumsdiskussionen, und das bis ins hohe Alter.

Helmut Hubacher war ein Jahrhundertpolitiker, der sich die Freiheit genommen hat, bescheiden zu bleiben.

Liebe Gret, liebe Familie. Wir trauern mit euch.

Wir werden Helmut Hubacher immer in Erinnerung behalten als einen der ganz Grossen unserer Partei und unserer Schweiz. Und wir werden seinen Kampf für mehr Gerechtigkeit weiterführen.

Anita Fetz, Basel

Siehe unter«In Verbindung stehende Artikel»: was Peter Bodenmann zum Abschied von Helmut Hubacher im Basler Volkshaus sagt.

Und unter «Dateien»: so berichten «BAZ», «bz basel» und «Walliser Bote».


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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

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Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/