das gesamte meinungsspektrum lu-wahlen.ch - Die Internet-Plattform für Wahlen und Abstimmungen im Kanton Luzern

Spenden für Verein lu-wahlen.ch

Diese Website gefällt mir! Um weitere Beiträge darauf zu ermöglichen, unterstütze ich lu-wahlen.ch gerne mit einem Betrag ab CHF 10.-

Kolumne der Redaktion

21.07.2020

Wetten, dass Glarner nicht SVP-Präsident wird?

Der Aargauer SVP-Nationalrat Andreas Glarner hat wieder mal ein Problem. Auf Facebook empört er sich darüber, dass alle Jugendlichen, die bei Aldi in Perlen die Lehrabschlussprüfung bestanden haben, ausländische Namen tragen. Darüber berichtet nau.ch (siehe unter «Links»).


Dass «Brechreiz-Glarner», als der er inzwischen immer wieder tituliert wird, das Spiel mit dem Feuer nicht lassen kann, hätte die Ehre einer Replik gewiss nicht verdient. Man weiss inzwischen landauf landab, dass dieser Mann vor Gift und Hass nur so trieft, wenn er einen Anlass gefunden zu haben glaubt, um die seines Erachtens viel zu hohe Zahl von AusländerInnen in der Schweiz anprangern zu müssen.

Eine öffentliche Reaktion – und damit erst recht die gewünschte Publizität für seine ekelerregenden Ausscheidungen – ist jeweils auch darum problematisch, weil er genau dies erreichen will. Traurig genug, dass ihm dies im mehrheitlich rechtsbürgerlichen Kanton Aargau sogar nach wie vor nützt.

Hier und jetzt geht es um eine andere Überlegung, nämlich um eine «Übungsanlage». Glarner will – als Nachfolger von Albert Rösti – Präsident der gesamtschweizerischen SVP werden; es genügt ihm nicht, erst seit wenigen Monaten ihr Aargauer Führer zu sein. Gelingt ihm dies, täte die SVP den anderen Parteien allerdings einen sehr grossen Gefallen. Doch will sie das wirklich?

Erstens: Die SVP könnte sich nicht mehr damit herausreden, sie repräsentierte halt ein breites Spektrum von Mitgliedern, in dem sogar «Brechreiz-Glarner» Platz habe.

Zweitens: Eine solche Figur an die Spitze zu hieven, fiele auch auf sie zurück, weil sie damit seinen Stil und seine gesammelten Hasstiraden hochoffiziell tolerieren, sich geradezu damit schmücken würde.

Drittens: Dadurch böte sie laufend Angriffsfläche, weil Glarners Ausscheidungen Dauerthemen würden, welche andere Botschaften der Partei überlagern würden. Früher oder später könnte dies dazu führen, dass sich die Medien immer mehr angewidert fühlen und darauf verzichteten, Glarner überhaupt zitieren zu wollen; geschweige denn, mit ihm ausführliche Interviews zu führen. Es entstünde ein gravierendes hygienisches Problem zwischen ihnen, den Medien, und der SVP. Politik ohne mediales Echo geht aber bekanntlich gar nicht.

Viertens: Glarner ist offensichtlich süchtig danach, als Reizfigur zu gelten. Es gefällt ihm, wenn die Linken mit Schaum vor ihren Mündern über ihn herziehen. Er müsste «die toxische Dosis» seiner Attacken laufend erhöhen, um überhaupt noch Aufmerksamkeit zu erregen.

Es wäre eine Frage der Zeit, bis er die Wiedereinführung der Todessstrafe verlangen würde; und das aus dem Mund des Präsidenten einer Bundesratspartei. Mitschuldig daran wäre jene Partei, die ihn zum Präsidenten gemacht hat.

Fünftens: Früher oder später würde der Spaltpilz in seiner Partei wieder zu wuchern beginnen. Noch-Aushängeschilder wie Adolf Ogi, Peter Spuhler oder – um zwei Beispiele aus hiesigen Gemarkungen zu nennen – Franz Grüter und Paul Winiker müssten sich laufend erklären; erklären, ob sie es tolerieren, dass Glarners Stil in der SVP Schweiz hoffähig geworden ist (eben: mit seiner Wahl zum Rösti-Nachfolger); und vor allem immer wieder erklären, was sie zu dieser oder jener aktuellen Entgleisung von «Brechreiz-Glarner» meinen. Eine à la longue unmögliche Situation.

Sechstens: Ein SVP-Präsident Andreas Glarner wäre ein Geschenk für die anderen Parteien in Bundesbern. Auch, aber nicht nur für SP und Grüne. Wann und wo immer sie dazu Gelegenheit hätten, sich zu äussern, würde ihr Tenor unisono lauten:

«Wir haben ja immer gesagt, die SVP sei durchsetzt mit unerträglichen Figuren. Und mit denen sollen wir zusammenarbeiten?».

Wetten, dass die SVP diesen Gefallen den anderen Parteien nicht macht, wenn Sie am 22. August den Rösti-Nachfolger wählt?

Herbert Fischer, Redaktor lu-wahlen.ch, Luzern


Teilen & empfehlen:
Share    
Kommentare:

Keine Einträge

Kommentar verfassen:

Ins Gästebuch eintragen
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz  

Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

treten Sie mit lu-wahlen.ch in Kontakt

Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/