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Kolumne der Redaktion

03.04.2020

Ähnlich und doch ganz anders – so wütete 1918 im Seetal die Spanische Grippe

Worüber schreiben in Zeiten des Virus, wenn nicht über das Virus und seine Folgen? Und darüber schreiben möchte ich nicht. So nehme ich Zuflucht zur Geschichte, zur Vergangenheit, in der leisen Hoffnung, daraus ein paar erhellende Erkenntnisse für die verwirrende Gegenwart zu gewinnen.


Stichwort Spanische Grippe 1918. Nicht besonders originell – zurzeit wird recht häufig auf diese «Mutter aller Pandemien» verwiesen, die in den Jahren 1918 bis 20 weltweit wütete und allein in der Schweiz nahezu 25 000 Menschenleben kostete. Fachleute warnen aber davor, voreilige Rückschlüsse aus damaligen Abläufen auf die heutige Risikolage zu ziehen. Die Welt von 1918 war eine andere, der damalige Krankheitserreger ist zudem nicht eins zu eins vergleichbar mit dem Corona-Virus.
Das nehme ich mir zu Herzen. Es geht hier auch nicht um eine medizinische Lagebeurteilung, sondern um besseres Verstehen aufwühlender Ereignisse der nicht allzu fernen Vergangenheit: Wie traf die Grippewelle damals die Menschen hier in unserem Tal, und wie gingen diese mit der grassierenden Krankheit um?

Karge Quellen

Ganz so einfach ist es nicht, sich ein Bild von der damaligen Situation zu verschaffen. Diese Erfahrung machte auch Alois Hartmann, als er vor zwei Jahren für die «Seetaler Brattig 2019» zu diesem Thema recherchierte: «Nachfragen bei Privaten führten zu keinem Ergebnis», stellte er fest. Selbst in Gemeindearchiven fanden sich kaum Hinweise, wie eine Umfrage und ein persönlicher Blick in die Gemeinderatsprotokolle von Hochdorf und Aesch ergeben habe. Das kollektive Gedächtnis ist in diesem Fall äusserst lückenhaft. Dennoch gelang es ihm, gestützt auf Informationen des «Hochdorfer Anzeigers», auf Aufzeichnungen der kantonalen Behörden und weitere Quellen bewegende Eindrücke vom dramatischen Geschehen zu vermitteln. Sie haben mich zusätzlich angeregt, im engeren Umkreis von Gemeinde und Pfarrei der Sache ein wenig nachzugehen.

Geschwächtes Land

Vorweg gilt festzuhalten: Die Umstände einer «verrückten Zeit» begünstigten die Ausbreitung der Grippe und potenzierten zugleich deren Auswirkungen. Der Erste Weltkrieg hatte im Laufe von vier Jahren Europa bis auf die Knochen geschwächt. Auch die neutrale Schweiz bekam die Folgen zu spüren: langer Aktivdienst unter sozial und hygienisch oft unhaltbaren Bedingungen, zunehmende Verknappung der Lebensmittel und der Energieträger, soziale Spannungen in den Städten. Als die Grippe im Herbst 1918 ihrem Höhepunkt zusteuerte, waren in der Schweiz Brot, Milch, Kartoffeln und die Kohle immer noch rationiert. Viele Familien lebten in engen, ungesunden Wohnungen. Anfang November wurden wegen des Generalstreiks erneut Truppen aufgeboten, auch das Seetaler Bataillon 44. Etliche Wehrmänner erkrankten im Ordnungsdienst, einige starben. Behörden, Spitäler und Armeeführung waren angesichts der rundum widrigen Verhältnisse schlicht überfordert.  

Vorab eine Schonfrist

Ausgebrochen ist die Krankheit hierzulande eher zögerlich. Nach sich häufenden Fällen beschliesst Ende Juli 1918 der Regierungsrat erste Massnahmen, die das öffentliche Leben betreffen. Unter anderem verbietet er bis auf weiteres «alle Feste, welche mit grösseren Menschenansammlungen verbunden sind, alle nationalen und internationalen Kongresse, alle grösseren Fest- und Vereinsversammlungen in geschlossenen Räumen sowie alle Tanzanlässe». Gleichzeitig ermächtigt er die Gemeindebehörden zu allenfalls weitergehenden Massnahmen im Rahmen der Bundesvorschriften. Anfang August untersagt er zum Leidwesen der Wirte auch die örtlichen «Kilbenen».

«Unheimlich rasch»

Schrittweise werden die Vorbeugemassnahmen verschärft. Am 14. September meldet der «Hochdorfer Anzeiger»: «Die unheimliche Grippe hat auch in Hohenrain Einzug gehalten und ein schweres Opfer gefordert. Nach achttägigem Krankenlager starb Hr. Josef Bühlmann in Günikon, erst 41 Jahre alt.» Am 12. Oktober informiert die Lokalzeitung ausführlich über die Verordnung des Regierungsrates «betreffend die Bekämpfung der Influenza». Unter anderem seien Leichengeleite bei Personen, die an der Grippe gestorben sind, möglichst einzuschränken, Gottesdienste zu kürzen und die Kirchenräume regelmässig zu lüften. Die Schule Ballwil bleibt «wegen Grippe und Militärdienst» vorerst für zwei Wochen und schliesslich bis Mitte Dezember geschlossen. «Die Grippe schreitet unheimlich rasch durch Stadt und Land und wirft alles nieder aufs Krankenlager», klagt der Anzeiger am 2. November. Allein in Hochdorf sind 585 Personen an Grippe erkrankt. Das Schulhaus wird für einige Wochen zum Notspital umfunktioniert. Vermehrt erscheinen in der Lokalzeitung Todesanzeigen. Aber längst nicht alle Sterbefälle werden in der Presse angezeigt.  

Das Schweigen trügt

Aus den kleineren Dörfern fliessen die Informationen noch spärlicher. Auch in Ballwil gibt sich der Gemeinderat einsilbig. An seiner Sitzung vom 5. Oktober nimmt er laut Protokoll Kenntnis «von einem Kreisschreiben des Sanitätsrates vom 26. September 1918 betreffend Massnahmen gegen die Grippe.» Und damit hat es sich. Bis März 1919 wird die Epidemie im Protokollbuch nicht mehr erwähnt. Das könnte zur Annahme verleiten, die Gemeinde habe die schlimmste Zeit glimpflich überstanden. Doch ein Blick ins Sterbebuch der Pfarrei Ballwil zeigt ein anderes, düsteres Bild: In den Monaten Oktober bis Dezember setzt Pfarrer Alois Rebsamen zwölf Mal neben die Namen von Verstorbenen den Vermerk «Grippe».

Als erste wird am 12. Oktober die junge Mutter Anna Meier-Buck vom Grüt, Ottenhusen, dahingerafft. Im Ein- bis Zweiwochenrhythmus folgen die Einträge bis am 21. Dezember. In der Mehrzahl sind die Verstorbenen weniger als 40 Jahre alt und verheiratet. Hinter jedem dieser zwölf Namen stehen qualvolle Leidenstage, trauernde Angehörige und meist auch wirtschaftliche Not.

Drama mitten im Dorf

Nimmt man die Liste etwas näher unter die Lupe, birgt sie einen ungewöhnlich tragischen Fall: Innert drei Tagen sind drei Frauen im gleichen Haushalt der Grippe zum Opfer gefallen: am 12. November Viktoria Fuchs-Mettler, 34 Jahre alt, verheiratet mit Josef Fuchs; am 14. November Elisa Fuchs-Kamer, 24, verheiratet mit Xaver Fuchs, und Witwe Theres Fuchs-Camenzind, 71, die Mutter von Josef und Xaver Fuchs. Die beiden aus Schwyz stammenden Brüder, 39 respektive 35, hatten nur fünf Monate zuvor die stattliche Liegenschaft Neuhus mitten im Dorf erworben und waren mit ihren Familien von Rothenburg nach Ballwil gezogen. Nach diesem Schicksalsschlag standen sie und ihre ledige Schwester Regina verlassen da, vermutlich mit einer Schar Kinder, die ihre Mutter verloren hatten.

Zurück in die Heimat

Aus den Kirchenzetteln der Pfarrei Ballwil ist ersichtlich, dass am 30. November der «Siebente» und am 7. Dezember das Gedächtnis des katholischen Müttervereins und der Guttodbruderschaft «für die drei Frauen Fuchs» begangen wurden. Schon drei Monate später verkaufen die Brüder Fuchs ihre Liegenschaft und kehren in ihren Heimatort Schwyz zurück. Dorthin lassen sie bald darauf auch die sterblichen Überreste ihrer früh verstorbenen Ehefrauen umbetten. Unter dem 22. März 1919 wird im Protokollbuch des Gemeinderats festgehalten: «Ein Gesuch der Gebrüder Fuchs, Neuhus, an den Regierungsrat um Einwilligung zum Verkauf der Liegenschaft Neuhus an Xaver Meier wird bestens befürwortet, unter Darlegung der familiären Verhältnisse.» Da lässt sogar das knochentrockene Amtsdeutsch von anno dazumal zumindest einen Hauch von Mitgefühl erahnen.

Ein anderes Lebensgefühl

Die Wortkargheit im öffentlichen Leben und namentlich der Behörden angesichts tragischer Ereignisse und unhaltbarer Zustände könnte zu Fehlschlüssen führen. Es war die Kommunikation insgesamt, die sich so stark vom ununterbrochenen und allseitigen Scheinwerferlicht des heutigen Mediensystems unterscheidet. Erstes und wichtigstes Verständigungsmittel war auch vor hundert Jahren noch das persönliche Gespräch. Nur sehr wenige Leute verfügten über ein Telefon, Radio war noch kaum ein Thema. Umfang und Leistungsvermögen der Lokal- und Tagespresse waren im Vergleich zum modernen Medienangebot höchst bescheiden. Dazu kamen im Herbst 1918 die drückenden Alltagssorgen anderer Art, vor allem die knappe Versorgung mit Grundnahrungsmitteln und Heizmaterial. Kurz: Es herrschte ein anderes Lebensgefühl. Es gibt jedoch auch aus dieser Zeit viele eindrückliche Zeugnisse der gegenseitigen Anteilnahme, Hilfe und aufopfernden Pflege. Und viel Gutes geschah, so darf man annehmen, unerkannt und unbenannt.

Käsekuchen statt Wurst

Im Frühjahr 1919 verebbt die Grippewelle relativ rasch. Die Bilanz der Epidemie ist einschneidend: Kantonsweit wurden 1918 insgesamt rund 38 000 Erkrankte registriert, von ihnen starben 952 Personen, viele im besten Alter. Im Seetal, wo der Alltag nie ganz zum Erliegen kam, lässt man an der Fasnacht 1919 der Lebensfreude neuen Lauf. So findet im Ballwiler «Sternen»-Saal am 3. März ein Tanzabend statt. Auf Ende März ist gleichenorts eine «Metzgete» angesagt – rechtzeitig vor der fleischlosen Karwoche. Wegen der prekären Fleischversorgung hat nämlich der Bundesrat für die Zeit vom 11. bis 18. April (Karsamstag) der gesamten Bevölkerung, unabhängig von Konfession und Brauchtum, strikte Abstinenz auferlegt. «Der Genuss von Fleisch von Tieren des Rindvieh-, Schweine-, Ziegen-, Schaf- und Pferdegeschlechts, sowie von Wildbret, Kaninchen und Geflügel ist jedermann verboten», hält der «Hochdorfer Anzeiger» am 4. April fest. Eine Woche später empfiehlt Bäckermeister Wey per Inserat für die bevorstehende fleischlosen Tage «täglich frische Käskuchen sowie meine Spez. Fischpastetli.» Man muss sich eben zu helfen wissen.

Hans Moos, Ballwil

Dieser Beitrag ist gestern Donnerstag (2. April) im «Seetaler Boten» erschienen, wo Hans Moos regelmässig eine Kolumne schreibt. 


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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

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Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/