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Kolumne der Redaktion

30.01.2020

Konrad Graber funktionierte auch als Ständerat wie der Orientierungsläufer Koni Graber

In der Krienser Stadthalle hat heute Donnerstagabend (30. Januar) eine DV der CVP des Kantons Luzern stattgefunden. Mittel- und Höhepunkt war die Würdigung von Konrad Graber, der bei den Eidgenössischen Wahlen vom 20. Oktober 2019 als Ständerat, der er seit 2007 war, nicht mehr kandidierte. Regierungsrat Reto Wyss hat das Manuskript seiner Rede über Konrad Graber lu-wahlen.ch vorab ausgehändigt.


4. März 2018: Konrad Graber freut sich im «Continental» in Luzern über die wuchtige Ablehnung der Initiative «No Billag», gegen die er sich engagiert hatte.

Bild: Herbert Fischer

Mit Grabers Rückzug aus der aktiven Politik kommt der Luzerner CVP ihre in den letzten Jahren vermutlich herausragendste Figur abhanden: ein glaubwürdiger und geradliniger Vermittler ihrer Kernbotschaften; ein erfahrener Macher mit pragmatischem Augenmass und Fingerspitzengefühl; ein visionärer und geschickter Stratege; eine Persönlichkeit, der es stets um die Sache ging, nicht um sich selbst. Solche Qualitäten und Eigenschaften, gebündelt in einer einzelnen Figur von dieser Authentizität, sind sehr selten, jedenfalls hierzulande.

Was Reto Wyss soeben über Konrad Graber sagte, unterschreiben fraglos nicht nur die Delegierten der heutigen Versammlung in Kriens. Sondern auch unzählige Leute, die Graber ebenfalls kennen und schätzen; auch Persönlichkeiten aus anderen politischen Lagern.

Graber selbst sind derlei Huldigungen offensichtlich unangenehm. «Hoffentlich wird das nichts Grosses», sagte er heute am Telefon, gefragt, ob er denn selber auch eine Rede halten werde als Antwort auf jene seines Laudators und ob sein Manuskript - wie jenes von Reto Wyss - allenfalls ebenfalls vorab zu haben sei. Was Graber verneinte: «Ich sage vielleicht auch etwas. Aber ich halte sicher keine Rede».

Punkt.

Auch das ist typisch Graber.

Herbert Fischer, Redaktor lu-wahlen.ch, Luzern

Siehe unter «Dateien»: Was Reto Wyss über Konrad Graber sagte.

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Die Rede von Regierungsrat Reto Wyss

Es ist mir eine grosse Ehre, dass ich im Namen der Partei den zurückgetretenen Ständerat Konrad Graber würdigen darf. Allerdings wird es mir langsam mulmig. Ich hatte ja schon die Ehre, den zurücktretenden Parteipräsidenten Martin Schwegler zu verabschieden. Darum sei an dieser Stelle festgehalten: Liebe Parteileitung, ich möchte nicht als professioneller Abschiedsredner in die Annalen eingehen.

Ich erinnere mich gut an die legendäre Delegiertenversammlung der CVP am 22. Mai 2007 in der «Braui» Hochdorf. Der wirklich grosse Saal war bis auf den letzten Sitz- und Stehplatz gefüllt. Die Spannung war mit Händen zu greifen. Drei Top-Kandidaten wollten Ständerat werden: Leo Müller, Franz Wüest und Konrad Graber

Ich erinnere mich gut an Deinen extrem geschickten Auftritt, die wohl dosierte Rede, die Bilder, Deine Emotionen im Auftritt, mit denen du manchen überrascht hast. Und weisst Du, was mir ganz besonders in Erinnerung geblieben ist? Du hast Dich als OL-Läufer geoutet und hast die grosse Versammlung geschickt auf einen Lauf durch den Kanton Luzern mitgenommen. Ich habe das natürlich schon durchschaut: ein raffiniertes Stilmittel, um alle Regionen anzusprechen. Heute schliesst sich jetzt dieser Kreis. Denn ich lade Dich, Sie liebe Anwesende, jetzt auch auf einen OL ein, um das Wirken von Konrad Graber zu schildern.

Ich möchte dich, sie, uns aber nicht langweiligen mit einer statistischen Würdigung. Mit einer Aufzählung wie viele Vorstösse, Voten oder Protokoll-Auszüge im amtlichen Bulletin die Handschrift von Koni Graber haben. Diesen Job überlasse ich gerne den Statistikern und den Historikern. Beide Berufsgruppen sind ja nicht unfroh über sinnvolle Arbeit.

Nein, ich fokussiere mich auf den Typ Koni Graber, auf die Persönlichkeit. Denn solche Nummern wie ihn, von denen verträgt es schon noch die eine oder andere in der nationalen und übrigens auch in der kantonalen Politik.

Wir gehen an den Start. Und der Start, der ist natürlich im Kanton Luzern, genauer in Kriens, damals übrigens noch ohne Stadtallüren. Schon in diesen jugendlichen Sturm- und Dranzeiten warst Du ein Pionier: JCVP-Aktivist, JCVP-Einwohnerrat…. Einer dieser erfolgreichen, verschworenen Mitglieder der JCVP-Chriens-Boy-Group!

Für einen OL-Läufer ist der Start ein ganz wichtiger Orientierungs- und Fixpunkt. Und das auch gilt für das politische Wirken von Konrad Graber. Koni, Du warst durch und durch «Chrienser», durch und durch Luzerner. Auch in den Deinen Jahren als Du im Olymp der helvetischen Politik angekommen bist, als Du zu den Strippenziehern, zu den Dealern, zu den Schwergewichten unter der Bundeshauskuppel gehört hast. Du hast nie vergessen von wo du gekommen bist, wo Dein Startort ist. Der Kanton Luzern konnte auf Dich zählen. Für die Regierung warst du ein ausgezeichneter Partner und Botschafter in der Bundespolitik. Was die Regierung gesagt hat, das hast du ernsthaft abgewogen und geprüft. Und das ist ein Vermächtnis für deine Nachfolgerin. Das steht quasi im Erbschaftsvertrag.

Du hast Dich immer für die Luzerner Anliegen eingesetzt. Aber du hast es als gewiefter, durchdachter Politiker verstanden, die Luzerner Anliegen so in Bern zu verkaufen, dass sie wie selbstverständlich als Anliegen des ganzen Landes empfunden wurden.

Übrigens – auch im hektischen Bundesbern konnte manch einer auf Dich zählen. Selbst wenn er aus dem andern Lager war. So gibt es dieses schöne Geschichtlein, dass Du Ständerat Christian Levrat überhaupt nicht verstanden hast, dass er die Maturafeier seiner Tochter passen will, wegen einer wichtigen Kommissionssitzung mit einem knappen Entscheid. Du hast «Bruder» Christian gedrängt, die Vaterrolle wahrzunehmen und ihm versprochen, bei dieser entscheidenden Frage in der WAK werdest Du gegen Deinen eigenen Willen im Sinne des Sozialdemokraten stimmen. Das hat funktioniert: eine glückliche Maturae mit Vater, du hast Dein Versprechen gehalten… aber nachher sollst Du offenbar gesagt haben… dieser Entscheid sei gar nicht wichtig gewesen…

Nach dem Start geht es los auf den langen OL. Du wusstest als einer, der 20 Jahre Kantonsrat und 4 Jahre kantonaler Parteipräsident war, auf was es ankommt: Nicht drein schiessen. Schön behutsam mit den Kräften umgehen, damit Luft und Kraft bis zum Schluss reichen. So erreichst Du mühelos den ersten Posten. Und der erste Posten bedeutet, als junger Ständerat im altehrwürdigen Club ankommen, damit leben können, dass niemand auf einem gewartet hat – aber sich als guter Gesprächspartner und dossiersicherer Politiker rasch Anerkennung verschaffen. Das ist Dir gelungen. Und das ist die Voraussetzung für die nächsten Strecken auf dem Weg zu den kommenden OL-Posten.

Wir «seckeln» auf unserem OL weiter über Wiesen und durch Wälder. Und jetzt kommt eine Phase, die eigentlich beim passionierten Wettkampf-OL-Läufer fast so sein muss. Die Vielfalt der Posten und der Landschaftstypen sind die eigentliche Herausforderung.

Die Posten auf Deinem politischen OL heissen einfach nicht Erlosen, Schrattefluh, Rusmeler Berg, Napf oder Wellberg,… sondern Verkehrspolitik, Umweltpolitik, Sozialpolitik, Wirtschaftspolitik. Wenn man sich durch die Seiten Deines Wirkens blättert, nur schon die Titel, so fällt etwas auf: die Vielfalt. In sehr vielen Bereichen zu ganz unterschiedlichen Themen hast Du Dich engagiert und viel erreicht.

Das passt zu dir als OL-Läufer und zu deiner Persönlichkeit. Nur ein Beispiel. Als Greta noch in der Krippe lag, als Petra Gössi noch die Matura machte, hast du die Bedeutung der Themen Umwelt und Nachhaltigkeit bereits erspäht und erfasst. Auch mit dem Risiko, dass Du da und dort als «grüne Cheib» abgestempelt worden bist. Genauso konntest Du dich für die Wirtschaft, für das Eigentum, für die Marktwirtschaft engagieren. Selbst mit dem Risiko, dass Du etwa bei der Aufweichung des Arbeitsgesetzes zum Schreckgespenst der Linken geworden bist.

Und da kommen wir zu einem weiteren Thema im OL. Genauso wichtig wie das Erreichen der einzelnen Posten sind die Strecken dazwischen. Der geschickte OL-Läufer teilt seine Kräfte, seine «Energie» gut ein, damit er bei Berg- und Taletappen fit ist, damit bei ihm nicht so schnell eine Geländekammer einen roten Kopf verursacht. Und es bleibt genügend Durchhaltewillen und Durchhaltekraft.

Genau das hast Du in Deine politische Arbeit übertragen. Du warst das Gegenteil eines «hire and fire»-Politikers. Es gibt genug Politiker, die glänzende Augen haben und einen erhöhten Pulsschlag, sobald sie auch nur im entferntesten ein Mikrofon oder eine Kamera erblicken. Wohlverstanden, geschätzte Anwesende, ich rede natürlich exklusiv von den Politikern im Bundeshaus.

Ob Du, wie erwähnt, als Schreckgespenst der Gewerkschaften, als Schreckgespenst der Feministinnen bei der Lohngleichheits-Diskussion oder als Schreckgespenst der Klimaleugner beurteilt wurdest, du bist ruhig geblieben. Und wenn andere Politikerkollegen schon längst beim Apéro waren – man merke: ich rede von Bundespolitikern – da hast Du Dich zurückgezogen, hast die Akten studiert. Und wenn anderntags die andern mit kleinen Äuglein in den Stühlen schlummerten, hast Du mit Dossierstärke brilliert.

Übrigens: In Sachen Lohngleichheits-Debatte ist mir zu Ohren gekommen, dass Du damals das vereinigte Lager der Frauenförderinnen in helle Aufregung versetzt hast – damals, als Du über Nacht einen Nichteintretens-Antrag gestellt hat. Das hat sogar soweit geführt, dass die Basler SP-Frau Anita Fetz, mit der Du manchen Deal eingefädelt hast, öffentlich Schimpf und Schande proklamiert hat.

Aber auch diesen Basler Sturm hast Du überlebt. Es war ein Charakteristikum von Dir, dass Du immer ruhig, besonnen, überlegt und unaufgeregt an- und aufgetreten bist. Das galt sogar für jene Themen, wo Du eine ganz grosse und prominente Gegnerschaft hattest. Ich denke an Deine Opposition gegen den Gotthardtunnel. Nicht mal die stets siegesgewohnte und charmante Doris Leuthard konnte Dich ins Ja-Lager holen. Ich bin Dir dankbar, lieber Koni, dass Du mit Edelmut, mit Grandezza, mit einer gewissen knorrigen Spörrigkeit und mit einem überlegten Vorgehen Deinen Weg gegangen bist. Ein paar solche Koni Grabers mehr würden die Qualität der Schweizer Politik massiv in die Höhe treiben.

Auf einem OL führt die Route zwischen den Posten auch mal an einen Bach oder in ein Tobel. An Orte eben, wo es gilt, Brücken zu bauen zwischen beiden Seiten, damit man auf die andere Seite kommt. Und das, mein lieber Herr ehemaliger Ständerat, das war wohl die Meisterdisziplin von Dir. Aus den langjährigen Beobachtungen habe ich manchmal sogar den Eindruck, dass – je schwieriger und vertrackter die Situation ist – desto mehr läufst Du zur Hochform auf.

Das absolute Paradestück ist natürlich die Vorlage mit den vier Buchstaben STAF.

Nach dem krachenden Nein zur ersten Unternehmenssteuerreform hattest Du eine Idee – die total visionär war, aber auch für viele völlig schräg in der Landschaft stand. Die Verbindung von zwei völlig unterschiedlichen Gebieten. Die Steuerreform einerseits und die notleidende AHV anderseits. «Völlig verrückt» oder «eine Idee zum Vergessen», waren die ersten Reaktion. Aber wie immer – ein Luzerner Graber lässt sich nicht so schnell von der erfolgreichen OL-Route abbringen. Du hast Brücken gebaut:

. Zwischen Vertretern beider Themen

. Zwischen links und rechts
. Zwischen Bundesrat und Parlament
. Zwischen Wirtschaft und Sozialszene
. Zwischen den Parteien

Und tatsächlich… es hat geklappt. Beim Bundesrat, im Parlament und schliesslich beim Volk ist diese Vorlage angekommen. Damit gehst du definitiv in die Politgeschichte dieses Landes ein. Oder anders gesagt – das war für Dich als wahrer, grosser und grossartiger Ständerat Bachelor-, Master- Doktorats-, Habilitationsarbeit und Ehrendoktorat in einem.

Als OL-Läufer und als Politiker standest und stehst Du immer wieder an x Weggabelungen, wo Du Dich entscheiden musst. Laufe ich in diese Richtung oder doch in die andere. Und da kommt sozusagen die Krönung aller Gabelungen. Du hättest Bundesrat werden können. Ich behaupte: hättest Du ja gesagt, wärst Du es geworden. Aber reflektiert, wohl besonnen hast Du für eine doppelte Überraschung gesorgt, kurz bevor der Stuhl im Bundesrat in Griffnähe lag.

Du hast Freund und Feind überrascht: Du hast auf eine erneute Kandidatur verzichtet und hast ein- für allemal alle Bundesratsambitionen begraben. Und jetzt kommt die Ironie der Geschichte: Du, vor wenigen Jahren von den Quotenjägerinnen stark kritisiert, hast – ohne Quotenzwang – Frauenförderung per excellence betrieben: eine Frau ist Deine Nachfolgerin im Ständerat, eine Frau sitzt jetzt auf Deinem Bundesrats-«Schemäli».

Lieber Koni, Ich kann nur sagen: grossartig, ja phänomenal, was Du für dieses Land, diesen Kanton, diese Partei geleistet hast – und zwar genau in dieser Reihenfolge. Du warst ein grosser Ständerat von fast 2 Metern, du warst ein grossartiger Politiker, einer der mit Esprit, Beharrlichkeit und einer, der mit einer ganz eigenen Empathie überzeugt hat.

Wir wünschen Dir für Dein nach-politisches Leben alles Gute, neue Erlebnisse, gute Gesundheit und Gottes Segen.

Wir sind stolz auf Dich
Wir haben Freude an Dir
Wir sind dir unglaublich dankbar.

CVP-Regierungsrat Reto Wyss, Rothenburg


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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

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Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/