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Kolumne der Redaktion

06.12.2019

Bauboom trotz hohem Leerwohnungsbestand

Täglich lesen und hören wir davon, und wir sehen es auch mit den eigenen Augen: Es wird viel gebaut. Vor allem in der Agglomeration Luzern werden Wohnblöcke und Wohntürme in rauen Mengen geplant oder bereits hochgezogen. Aber auch auf Baustellen im Seetal wird wacker investiert. Gleichzeitig nimmt der Leerwohnungsbestand zu.


«In der Schweiz stehen heute bereits 75 000 Wohnungen leer und vermutlich noch mehr Büroeinheiten», schrieb der Zürcher Professor Vittorio Magnago Lampugnani kürzlich in der «NZZ».

Seit der Wirtschaftskrise von 2007 sei zum «Nachlässigkeits-, Luxus- und Verschwendungsleerstand ein neues, noch verheerenderes Phänomen hinzugekommen; der Investitionsleerstand».

Dennoch verströmen manche Investoren und mit ihnen auch Behörden strahlende Zuversicht. Sie zählen auf eine zahlungskräftige Mieter- und Käuferschaft – und dies selbst in wenig attraktiven Wohnlagen und unwirtlichen Umgebungen. Da frage ich mich ganz naiv: Kann das auf längere Sicht gut gehen?

Dass dieser Bauboom vorwiegend den aktuellen Verhältnissen auf dem Geldmarkt mit historisch tiefen Zinsen zuzuschreiben ist, leuchtet mir einigermassen ein. Die Flucht in Sachwerte ist in vollem Gang. Aber die Erklärung löst das Problem nicht. Bauen nur um der Rendite willen, Bauen auf Vorrat, Bauen als Arbeitsbeschaffung – das sind die Treiber. Als Fundament einer verantwortbaren Bautätigkeit genügen sie nicht. Bauen ist ein gesellschaftlich bedeutsamer Akt. Die Art und Weise, wie Dörfer, Vorstädte und Städte gebaut sind, wirkt sich prägend auf die Wahrnehmung und Lebensweise ihrer Bewohner aus. Und der Boden, das Land, die Landschaft, die überbaut werden, sind keine unendlichen Ressourcen.

Das Unbehagen angesichts der «Immobilienwalze» scheint auch Fachleute der Planungs- und Baubranche umzutreiben. «Es schmerzt zuzuschauen, wie rücksichtslos vorgegangen wird, wie wenn Land unbegrenzt zur Verfügung stehen würde. Wir müssen hier ein ethisches Empfinden entwickeln. Unser Land, unser Boden, unsere Landwirtschaft haben viel mehr Wert als bloss einen Anlagewert.» So unverblümt äusserte sich jüngst der oberste Raumplaner der Niederlande, Floris Alkemade, in einer Wirtschaftsbeilage der «NZZ». Die Schweiz und die Niederlande, zwei wirtschaftlich erfolgreiche, aber kleine Länder, sehen sich mit ähnlich krassen Folgen des Wachstums konfrontiert.

«Modernisierung und Wirtschaftswachstum legitimierten bis tief ins 20. Jahrhundert jeden Raubbau», stellt auch Vittorio Magnago Lampugnani fest, der während vielen Jahren Städtebau an der ETH Zürich lehrte und wie Floris Alkemade Ende Oktober an einer hochkarätigen Tagung der Immobilienbranche in Interlaken referierte. In Europa, so führt er weiter aus, ist seit 1945 rund 80 Prozent der heute bestehenden Bausubstanz entstanden, was einem Zuwachs von 400 Prozent entspricht. Die Bevölkerung wuchs im gleichen Zeitraum um knapp 40 Prozent. Verdichtung und längere Lebensdauer der Bauten könnten dem Bodenverbrauch entgegenwirken.

«Aber das genügt nicht», sagt Magnago: «Wir müssen überhaupt weniger bauen. Radikal weniger.»

Die Verdichtung der Siedlungen beurteilt er an sich positiv, doch es lauern neue Gefahren: «Das Prinzip der Dichte wurde von der Bauspekulation gierig aufgenommen, pervertiert und bald diskreditiert, weil die erhöhte Ausnutzung der städtischen Grundstücke in den Dienst der Quantität und nicht der Qualität gestellt wurde.»

Wie das Tagungspublikum auf die Weckrufe der beiden prominenten Referenten reagierte, entzieht sich meiner Kenntnis. Über die Tiefen- und Langzeitwirkung starker Worte sollte man sich aber keine grossen Illusionen machen. Sie verhallen meistens im Stimmengewirr des Alltags. Unter der Fuchtel des Wachstumszwangs zerbröckeln gute Ideen und Absichten in den Führungsetagen still und leise, wird Masshalten als ängstliches Zaudern missdeutet und ein Kurswechsel als Verrat an der Geschäftsidee.

Und dennoch kann ich das Nörgeln nicht lassen. Planen und Bauen bestimmen das Gesicht eines Ortes und einer Region auf die Dauer von Generationen. Deshalb tragen nicht nur Eigentümer und Bauherrschaften, sondern wir alle Verantwortung für sparsamen Umgang mit dem Kulturland, für die Wahrung der Naturräume und geschichtlich wertvoller Bausubstanz, für sorgfältige und langfristige Raumplanung, für ökologisch tragbare Bauweisen und Standards, für architektonische Qualität in der Gestaltung. Da kommen wir um klare Regeln, strikte rote Linien und breit abgestützte Planungs- und Entscheidungsprozesse nicht herum – auch wenn sie Zeit und Nerven kosten. 

Hans Moos, Ballwil  

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Dieser Beitrag ist zuerst als Kolumne im «Seetaler Boten» erschienen.       


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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

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Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

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