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Kolumne der Redaktion

10.07.2018

Von Frauen- und von normalem Fussball

Die ganze Welt spricht im Moment über die Fussball-WM – als gäbe es nur eine. Ein Lehrstück über die Repräsentation der Geschlechter in Sport und Sprache.


Manuel Bamert (1989) ist Germanist. Er studierte Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft, Geschichte und Philosophie an den Universitäten Zürich und Hamburg. Derzeit promoviert er an der Professur für Literatur- und Kulturwissenschaft der ETH Zürich. Bamert ist im Kanton Schwyz aufgewachsen und wohnhaft in der Stadt Luzern.

Lassen Sie uns diesen Text mit einem kleinen Quiz beginnen: Wissen Sie, wer von den noch aktiven Schweizer Fussballern der erfolgreichste ist? Die Antwort sollte Ihnen eigentlich nicht allzu schwer fallen, denn niemand sonst hat die französische Meisterschaft, die Bundesliga und dazu zweimal die Champions League gewonnen.

Die gesuchte Person heisst Lara Dickenmann, ist Mittelfeldspielerin beim VfL Wolfsburg und dient uns als doppeltes Beispiel. Erstens denkt kaum jemand an Frauen, wenn von Fussballern die Rede ist (dass ich Frauen mitmeinte, änderte daran nichts). Und zweitens dürften auch diejenigen, die meine Fangfrage erahnten, den Namen der Schweizer Rekordnationalspielerin und Rekordtorschützin gerade nicht parat gehabt haben. Weil Dickenmanns 50 Tore in 130 Länderspielen nicht zu nationaler Bekanntheit führten.

Warum die beste Schweizer Fussballerin weniger bekannt ist als andere Sportlerinnen (Lara? Gut?) und Sportler, ist nicht einfach zu beantworten. Fragt man Fussballfans, wie sie sich ihr Desinteresse an Frauenfussball erklären, argumentieren die meisten mit dem sportlichen Niveau. 

Das scheint zwar insofern plausibel, als der Klassenunterschied zwischen weiblichen und männlichen Spitzenfussballteams tatsächlich augenfällig ist. Doch die sportliche Erklärung greift zu kurz. Schliesslich entwickelt sich das Niveau einer Sportart auch in Abhängigkeit von der öffentlichen Aufmerksamkeit. Ursache und Wirkung spielen hier ein Kurzpassspiel: Aufmerksamkeit gibt Geld, Geld gibt Niveau, Niveau gibt Aufmerksamkeit.

Dass die männlichen Profis sich nicht mal bewusst sind, welche Rolle sie in diesem Zirkus spielen, ist bezeichnend. Zu Beginn der WM hatte «Das Magazin» die grossartige Idee, die beste Schweizer Fussballerin den besten Schweizer Fussballer interviewen zu lassen. Doch Granit Xhakas Neugier auf Dickenmann hat die Interviewsituation umgekehrt. 

Rausgekommen ist ein Gespräch, das die einfältige Ignoranz von Profifussballern gegenüber ihren Kolleginnen dokumentiert. Es scheint, als wäre eine Fussballerin für Xhaka ein gänzlich unbekanntes Wesen. 

Nachdem er die 32-Jährige nach ihrem Alter gefragt hat, möchte er wissen: «Wie lange kann eine Frau Fussball spielen?» Dickenmann antwortet selbstverständlich, dass eine Profispielerin gleich lange spielen kann wie ein Mann – aber es sei erst seit Kurzem möglich, als Frau vom Fussball zu leben. Darauf möchte Xhaka, der zusammen mit seinem Vater seine Spiele immer in voller Länge nachschaut, von Dickenmann wissen, ob sie auch alle ihre Spiele aufzeichnet. Antwort Dickenmann: «Wir kommen so selten im Fernsehen, von daher stellt sich die Frage gar nicht.»

Um den sportlichen Rückstand des Frauenfussballs zu erklären, hält man sich deshalb besser nicht zu lange mit biologischen Erklärungen auf. 

Die körperlichen Vorteile von Männern fallen im Fussball im Gegensatz zu anderen Sportarten eher gering aus und erklären die heutigen Leistungsunterschiede nicht mal ansatzweise. Der Rückstand ist viel eher historischer Art und geht zu grossen Teilen auf das Konto des Patriarchats: In Deutschland etwa hat der DFB den Frauen das Fussballspielen bis 1970 (!) verboten. Die Begründung war so einfach wie mächtig: Fussball galt schlicht als «unweiblich».

So absurd das aus der heutigen Perspektive erscheinen mag: Viele der alten Denkmuster setzen sich noch immer weiter fort. Nur schon das Wort Frauenfussball tut so, als gäbe es einen Gegensatz zwischen Frauen und Fussball. «Frauenfußball bezeichnet die Sportart Fußball, wenn sie von Frauen ausgeübt wird», heisst es auf Wikipedia. Einen entsprechenden Artikel zu Männerfussball gibt es aber nicht. Das ist dann einfach Fussball.

Doch nicht nur auf Wikipedia gelten Frauen, die Fussball spielen, immer noch als so besonders, dass sie sprachlich markiert werden müssen. In Luzern gibt es den FCL – und es gibt die FCL Frauen. In der Schweiz gibt es die Nati – und es gibt die Frauen-Nati. Die Welt verfolgt gerade die Fussball-WM – und ein Bruchteil davon schaut dann in einem Jahr die Fussball-WM der Frauen. Sprachlogisch suggerieren all diese Bezeichnungen nichts anderes als einen Unterschied zwischen normalem Fussball und Frauenfussball.

Selbstverständlich kann man diesen Umstand damit erklären, dass die Realität nun mal die Sprache formt. Klar.

Aber die Sprachwissenschaft zeigt, dass auch das Gegenteil gilt: Die Sprache formt wiederum die Realität. Wer also zwischen Fussball und Frauenfussball unterscheidet (und Männerfussball schlicht für den Fussball hält), muss sich nicht wundern, wenn das Auswirkungen auf die Zukunft hat. Wenn sich Mädchen deswegen für andere Sportarten entscheiden, die etwas mehr Normalität versprechen. Oder wenn sie den Sport gleich ganz bleiben lassen und doch lieber Model werden wollen. Die kommen wenigstens im Fernsehen.

Manuel Bamert, Luzern 


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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

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Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/