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Kolumne der Redaktion

04.07.2018

Fussball-WM: Hinschauen statt zuschauen

Die Schweiz ist raus. Nach einer schwachen Leistung gegen Schweden ist die Enttäuschung gross. Doch die Niederlage hat auch ihr Gutes: Es ist höchste Zeit, die Gefühlsduseleien rund um die Fussball-WM zu beenden. Und endlich hinzuschauen, statt nur zuzuschauen.


Manuel Bamert (1989) ist Germanist. Er studierte Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft, Geschichte und Philosophie an den Universitäten Zürich und Hamburg. Derzeit promoviert er an der Professur für Literatur- und Kulturwissenschaft der ETH Zürich. Bamert ist im Kanton Schwyz aufgewachsen und wohnhaft in der Stadt Luzern.

Im Moment überwiegt der Konjunktiv. Hätte die Schweiz frecher, besser oder einfach nur anders gespielt, stünde sie jetzt womöglich im Viertelfinal. Und was wäre dann nicht alles möglich gewesen an diesem Turnier! Ein Exploit gegen England, ein Halbfinal gegen Russland oder Kroatien? Bis mindestens in den Final wäre die Schweiz das bestklassierte Team der Weltrangliste gewesen.

Allzu viel Platz sollte man seiner Enttäuschung aber nicht einräumen. Noch dauert die WM rund eineinhalb Wochen und man sollte die Zeit nutzen, die wahren Probleme des gegenwärtigen Fussball-Zirkus zu thematisieren. Immer und immer wieder. Denn es steht mehr auf dem Spiel, als ein paar Emotionen.

Eigentlich wissen inzwischen alle, dass die WM nicht bloss ein unschuldiges Fussballfest ist. Der internationale Fussball ist von Wirtschaft und Politik nicht zu trennen, was an sich noch kein Problem ist – einen «unabhängigen» Spitzensport gibt es nicht und gab es nie. Das Problem ist, dass der Fussball sämtliche Missstände aus Wirtschaft und Politik übernimmt: Groteske Saläre, Korruption, Nationalismus, Menschenrechtsverletzungen.

«Die Fussball-WM 2018 findet während der schlimmsten Menschenrechtskrise in Russland seit der Sowjetzeit statt», konstatiert die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch.

Oppositionelle werden in Lager gesteckt oder anderweitig mundtot gemacht. Wir mögen vergebenen Torchancen nachtrauern – gleichzeitig liegt der Regisseur Oleh Senzow im Sterben, weil er seit über sieben Wochen mit einem Hungerstreik gegen seine und andere politisch motivierte Inhaftierungen kämpft. Ob er die WM überlebt, ist unklar. Aussichtslos ist sein Kampf sowieso.

Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Tschetschenien zum Beispiel: Hier beherbergte Ramsan Kadyrow, ein Diktator von Putins Gnaden, die ägyptische Nationalmannschaft bis zu deren Ausscheiden und lenkte damit von seiner tödlichen Jagd auf Homosexuelle ab. Dass Kadyrow den Fussball systematisch als Machtmittel einsetzt, ist bekannt. Neu ist aber, dass die FIFA bei diesem widerlichen Spiel einfach zuschaut. Apropos zuschauen: Noch während in Russland gekickt wird, werden in Katar schon die nächsten überdimensionierten Stadien hochgezogen – die für ein paar Stunden Fussball mit dem Schweiss und dem Blut ausgebeuteter Wanderarbeiter erkauft werden.

Die FIFA ist an diesen Gräueltaten nicht direkt beteiligt, aber dennoch mitschuldig. Rechtlich mag die FIFA ein gemeinnütziger Verein sein, faktisch verhält sie sich aber wie ein geldsüchtiger Konzern. Sie verdient mit dem Turnier gutes Geld und schaut dafür grosszügig über Menschenrechtsverletzungen hinweg.

Das Geschäftsmodell ist einfach, es heisst Werbung: Unsere Aufmerksamkeit wird an die meistbietenden Unternehmen verkauft, die mit ihren Botschaften in unsere Köpfe wollen.

Tatsächlich wackelt dieses Modell aber. Dass heuer so viele chinesische Firmen (Wanda, Hisense, Vivo, Mengniu) die Werbeplätze belegen, liegt nicht nur an deren steigender Finanzmacht, sondern auch daran, dass westliche Firmen zunehmend abspringen, weil die Nähe zur FIFA je länger je mehr Risiko denn Chance ist. Und genau hier haben auch Einzelpersonen einen Hebel.

Wer möchte, dass sich wirklich etwas ändert, muss das die Wirtschaft und die Politik spüren lassen. Wenn man die WM nicht gänzlich boykottieren mag, sollte man genau das wenigstens mit deren Sponsoren machen.

Und gleichzeitig umso mehr die Menschenrechtsorganisationen unterstützen, denen momentan nur noch die Rolle als vermeintliche Spielverderber zukommt.

Die globale Wirtschaft und Politik müssen sich radikal ändern und der Fussball mit ihnen. Das ist eine gigantische Herausforderung. Aber jeder und jede kann etwas beitragen. Es ist Zeit, hinzuschauen.

Manuel Bamert, Luzern


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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

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Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/