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Kolumne der Redaktion

23.06.2018

Doppeladler und Schweizerkreuz

Zwei Tore, vier Adler, null Kreuze. Die symbolische Bilanz des Spiels Serbien-Schweiz gestern Freitagabend (22. Juni) hat viele verstört. Warum nur?


Manuel Bamert (1989) ist Germanist. Er studierte Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft, Geschichte und Philosophie an den Universitäten Zürich und Hamburg. Derzeit promoviert er an der Professur für Literatur- und Kulturwissenschaft der ETH Zürich. Bamert ist im Kanton Schwyz aufgewachsen und wohnhaft in der Stadt Luzern.

Am Ende: Ekstase. Die Schweiz ist nach dem Sieg gegen Serbien fast durch, nun noch ein Sieg gegen Costa Rica, dann Achtelfinal.

Die Dichte an Schweizerinnen und Schweizern auf der Luzerner Seebrücke war schon lange nicht mehr so gross. Das ganze Land (im doppelten Sinn) schien in die Stadt zu strömen. Hupen, singen, eskalieren.

Zu reden gaben dann aber nicht nur die Tore, sondern auch andere Symbole. Erst kriegt sich Sascha Ruefer vor lauter Jubel nicht mehr ein, dann vor lauter Empörung. «Bescheuert» sei die Jubelgeste von Xhaka, «dumm», «dämlich» und «unüberlegt» dieselbe bei Shaqiri. Den Doppeladler haben sie gezeigt und damit angeblich die Politik ins Spiel gebracht. Für Kosovo und Albanien, gegen Serbien. Und – auweia – gegen die Schweiz?

Während sie in der Stadt noch feiern, ist der Sieg in der Nachbesprechung des Spiels bereits Nebensache. Wie war das mit dem Doppeladler?

Er habe nichts gesehen, meinte der bosnisch-kroatische Schweizer Nationaltrainer Petkovic. Aber seiner Meinung nach müsste der Fussball jedenfalls «sauber getrennt von Politik» sein. Das sei auch gar nicht politisch gemeint und schon gar nicht gegen Serbien gerichtet gewesen, meinte Xhaka seinerseits. Es sei ein Zeichen für «mini Heimat, wo mini Wurzle sind».

Man kann die Absurdität dieser Diskussion nur erfassen, wenn man mental einige Schritte zurücktritt und die Arena des Fussballwahnsinns von aussen betrachtet. Da findet ein Spiel zwischen zwei Nationalmannschaften statt, das eingeläutet wird mit der Demonstration von zwei Nationalfahnen und dem Singen der Nationalhymnen. Und dieses ganze Zelebrieren von rein politischen Symbolen soll dann getrennt sein von Politik?

Gewiss: Als nationalistisches Zeichen ist der Doppeladler in diesem Kontext eindeutig gegen den Gegner gerichtet. Die Geste akzentuiert auf ungute Weise einen Konflikt, den zu überwinden in aller Interesse wäre. Bloss: Die rasch und vehement aufgeflammte Kritik zielte im Kern gar nicht auf diesen Punkt.

Die Diskussionen nach dem Spiel drehten sich vielmehr darum, ob neben dem Doppeladler nicht wenigstens noch ein Schweizerkreuz Platz gehabt hätte. Schweizerkreuz neutralisiert Doppeladler? Als gäbe es einen richtigen Nationalismus und einen falschen Nationalismus.

Bis zu Roger Köppel, der kürzlich in bester rassistischer Manier schwafelte, die Nati sei eine «bewährte, erfahrene Veteranentruppe von Auslandssöldnern mit Schwerpunkt Balkan, angereichert durch ein paar eingeschweizerte Afrikaner», ist es da nicht mehr weit. Als Shaqiri am Ende des Spiels doch noch auf das Kreuz auf seiner Brust zeigte, jammerte Ruefer ins Mikrofon: «Ja was denn nun, Doppeladler oder Schweizerkreuz? Ich versteh‘ das nicht.»

Dass wir das nicht verstehen, sagt eigentlich schon alles. Wer seine Identität auf das Schweizerkreuz reduziert, macht es sich ungemütlich bequem in einer monokulturellen Fantasie. Die Welt beherbergt viele Menschen mit komplexer Identität. Und da die Schweiz nun mal ein Teil dieser Welt ist, sollten wir uns mit dieser Komplexität auseinandersetzen. Oder wie es die Journalistin Olivia Kühni formulierte: «In ein Herz gehen imfall locker ein Doppeladler, ein Schweizerkreuz und noch ganz viele andere Dinge.»

Manuel Bamert, Luzern


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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

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Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/