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Kolumne der Redaktion

04.05.2018

Revolte oder Revolution?: So erlebte Paul Huber «1968» und seine Folgen

Im «Sentitreff» hat heute Freitagabend (4. Mai) eine Veranstaltung über «1968» stattgefunden, welche die Seniorengruppe der Luzerner SP (siehe unter «Links») organisiert hatte. Aufgetreten ist neben anderen der Historiker und frühere SP-Regierungsrat Paul Huber, der seine eigenen Erinnerungen an dieses historisch so bedeutende Jahr ausbreitete und interpretierte.


Der Historiker Dr. Paul Huber (*1947) war von 1987 bis 2003 SP-Regierungsrat und Justizdirektor des Kantons Luzern. Dieses Bild entstand am 20. Mai 2016 vor der Hofkirche, in der Huber zuvor an der Abschiedsfeier für Dr. Anton Muheim gesprochen hatte (siehe unter «In Verbindung stehende Artikel»); wie Huber Justizdirektor des Kantons Luzern und zwar von 1959 bis 1978. Zudem hatte Muheim von 1963 bis 1983 dem Nationalrat angehört, den er 1974 präsidierte. Links neben Huber: Werner Schnieper, SP-Stadtrat von 1987 bis 2000.

Bild: Herbert Fischer

Paul Huber hat lu-wahlen.ch vor seinem Auftritt sein Manuskript übermittelt. Es st hier zu lesen (es gilt das gesprochene Wort):

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Zu Jahresbeginn 1968 kam es an der Universität von Nanterre im Gefolge eines Streiks von Arbeitern in den Garnierwerken zu Studentenprotesten. Die Schliessung der Universität führte zur «Bewegung 22. März», der sich viele französische Linksintellektuelle anschlossen. Nachdem an der Sorbonne in Paris eine gegen die Schliessung der Uni geplante Demonstration verboten worden war und gegen 500 Studenten verhaftet wurden, kam es zu tagelangen Protesten und Demonstrationen und schliesslich, am 10. Mai, zum Barrikadenbau, zu Strassenschlachten und zu einem massiven Polizeieinsatz gegen die Demonstrierenden. Die französischen Gewerkschaften (ausser die kommunistische CGT) riefen zu einem Generalstreik auf und es  kam eine europaweite Solidaritätswelle in Gang.

Diese griff auch auf die Stadt Zürich über. Um ihrer Forderung nach einem Jugendhaus im leerstehenden Globus-Provisorium Nachdruck zu verschaffen, rief ein Organisationskomitee von Jugendlichen dazu auf, am 29. Mai 1968 vor dem «Globus» zu demonstrieren und Baumaterial, Holz, Latten, Stangen, Bretter, Nägel und Hämmer mitzubringen.

Gegen 2000 Demonstranten fanden sich ein. Die Polizei rief zum Verlassen des Platzes auf, da in der Stadt Zürich der ganze Verkehr zum Erliegen kam. Um einer Eskalation zu entgehen, riefen die Organisatoren dazu auf, sich auf die Sechseläute-Wiese beim Bellevue zu begeben und dort ein «Altersheim für die Jugend» einzurichten. Die Polizei ging daraufhin mit völlig übertriebener Härte gegen die Demonstranten vor, welche sich noch auf der Bahnhofbrücke befanden. In der Folge kam es zu Strassenschlachten, welche bis in die frühen Morgenstunden des 30. Mai andauerten.

Auch in Zürich kam es zur Solidarisierung, hier zwischen Jugendbewegten und Studenten, eine Bewegung die ungefähr zwei Jahre anhielt. Der den Jugendlichen zwei Jahre später als Alternative zum Globus-Provisorium angebotene Lindenhofbunker wurde kurz nach der Eröffnung wieder geschlossen. Es dauerte bis 1980, bis in Zürich nach den sogenannten Opernhauskrawallen ein Autonomes Jugendzentrum entstand.

Am Abend des 4. Januar 1969 kam es vor dem geschlossenen Tor der Polizeiwache der Stadt Luzern zu einer Demonstration, zu der ein Aktionskomitee «Freie Bürger» aufgerufen hatte.  Anlass dazu war der Tod eines jungen Mannes in Polizeigewahrsam. Es hatte sich das Gerücht verbreitet, er sei an den Verletzungen gestorben, die ihm von Polizisten zugefügt worden seien.

Zürcher Boulevard-Zeitungen veröffentlichten während Tagen immer neue Hypothesen über den sogenannten «Prügel-Skandal». Es stellte sich bei einer Untersuchung des Todesfalls heraus, dass der junge Mann an einer Tabletten-Ueberdosis gestorben war. Die daraufhin kurzfristig abgesagte Demonstration fand trotzdem statt und eskalierte nach dem Vorbild vieler derartiger Demonstrationen in grösseren Städten wie Zürich, Paris und Berlin mit der Beschimpfung der Polizei als «Mörder» und «Nazis», zerbrochenen Scheiben, Blockierung des Verkehrs und stundenlangen Scharmützeln mit der Polizei.

In der vor vier Jahren im Auftrag des Regierungsrates publizierten Geschichte des Kantons Luzern im 20. Jahrhundert wird dieser von den Veranstaltern als «Nacht der Nächte» glorifizierte Krawall als «Stunde Null» der Jungen Linken Luzern (JLL) bezeichnet.

Diese habe den Protest der mehrheitlich nicht politisch motivierten Jugendlichen als Widerstandskultur im Sinne der «68-er-Bewegung» instrumentalisiert. Die JLL umfasste nach der Darstellung in der Luzerner Geschichte etwa 30 AktivistInnen aus allen linken Lagern; Leute aus der Künstler-Bohème sowie den ehemaligen Halbstarke Othmar Frey und seine Freundin Trix Tomaselli, Personen; die sich schon seit Monaten regelmässig im «Fritschi», im «Magdi» und im «Stiefel» zu philosophischen Diskussionen, aber auch zu politischen Diskussionen über den Vietnamkrieg, die Befreiung der Schwarzen in den USA und über antiautoritäre Erziehung getroffen hätten.

Rund um den aktiven Kern der Jungen Linken Luzern bildete sich ein Kreis von 100 bis 200 Personen, welche sich an Aktionen gegen den Kalten Krieg, gegen die allgemeine Militärpflicht, gegen Waffenexporte und «Jugendknäste» beteiligten.

Drei Beispiele, von der Weltstadt bis zur Provinzstadt. Waren das nun Revolutionen? Eine ironisierende Antwort gab der aus Luzern stammende Historiker Jakob Tanner in einem durch persönliche Erfahrungen angereicherten Referat an einer Tagung des Historischen Vereins der Zentralschweiz unter dem Titel «Winds of Change». Ich zitiere daraus: «Im Frühjahr (68) trafen Nachrichten von den an amerikanischen Universitäten und europäischen Hauptstädten protestierenden Studenten ein. Diese Revolten gegen das Establishment waren für uns weit weg. Aber man konnte ja hinfahren…». Per Autostopp fuhr er dann mit seinem Freund nach Paris. «Dort wollten wir etwas mitbekommen von den hochfliegenden Hoffnungen auf eine Veränderung der Gesellschaft hin zu Freiheit und Selbstverwirklichung. Als wir bei brütender Sommerhitze im Quartier Latin ankamen, war gar nichts mehr los. Uns dämmerte, und wir waren beschämt darüber, dass unsere Erwartungen, eine Revolte entwickle sich gleichsam temperaturunabhängig über Monate hinweg, nicht sehr realistisch war. Die Universitäten waren hier ebenso leer wie unsere Deutschritterkommende im fernen Hitzkirch.»

Jakob Tanner, ein enttäuschter Krawalltourist? Ein enttäuschter Revolutionär? Ich habe ihn nicht danach gefragt.

Etwas Abenteuerlust mag mitgespielt haben. Die Lust auf etwas Anderes, etwas Unerhörtes, etwas Neues. Denn das Unbehagen an den herrschenden Zuständen teilten mit ihm viele Jugendliche. Der in Root aufgewachsene Jakob Tanner, der – wie der Sprechende drei Jahre früher – zwischen 1964 und 1969 das Lehrerseminar in Hitzkirch besuchte, sagt es im bereits erwähnten Referat für sich und seine Mitstudenten in dieser von einem katholischen Theologen geführten Bildungsinstitution so: «Es hatte sich – diffus aber unübersehbar –das Gefühl eingestellt, dass etwas Grundlegendes nicht stimmte mit der Zeit, in der wir leben.»

Etwas Grundlegendes stimmte nicht: Gewissheiten verloren ihren Wert. Ambivalenz trat – oft noch unreflektiert – an deren Stelle; selbst bei Menschen, die nicht zur gesellschaftlichen Avantgarde gehörte.

Etwas Grundlegendes stimmte nicht: Zum Beispiel im Bildungswesen. Der 19-jährige Junglehrer P.H. legte sich 1966 mit dem Bezirksschulinspektor an, und widersetzte sich mit der Begründung, die Lebenschancen der Schülerinnen wahren zu wollen, der Versetzung zweier Mädchen seiner Klasse in die Hilfsschule.

Eine ungeheuerliche Insubordination gegen eine Autoritätsperson des Schulsystems; ein Schulsystem, in dem den Seminaristen noch Methoden zur Umerziehung von Linkshändern in Rechtshänder auf den Weg mitgegeben wurden und in welchem die Verabreichung von «Tatzen» wegen Ungehorsam ausdrücklich erlaubt war. Der Schulinspektor bat – allerdings erfolglos – um die Rückberufung des halbfertigen Junglehrers ins Seminar. 

Etwas Grundlegendes stimmte nicht: Zum Beispiel mit dem Antikommunismus und dem Kalten Krieg. Die Tschechslowakei des Prager Frühlings und die einen Weg zwischen Kommunismus und Kapitalismus anstrebenden Helden dieser Reformbewegung, Dubcek und Swoboda, wurden für uns, denen vom Geschichtslehrer strammer Antikommunismus eingeimpft worden war, zum Sehnsuchtsort unserer Patentreise.

Das Geld dafür hatten wir – was für eine Ironie – mit der Herstellung und dem Vertrieb einer Schallplatte mit Burschenschafts- und Saufliedern ersungen, zurück kamen viele mit Plattenalben von Brechtdramen aus DDR-Produktion. Für die Wahl von Prag hatte, ich gebe es zu, als zusätzlicher Anreiz der attraktive Wechselkurs gesprochen.

Etwas Grundlegendes stimmte nicht: Zum Beispiel mit der Heiligen Kuh Armee, die mit schöner Regelmässigkeit Unteroffiziere und Offiziere aus besagtem Lehrerseminar rekrutierte, oft auch mit Zwang.

Diesem Unbehagen wollten auch jene Hitzkircher Seminaristen Ausdruck geben, welche anlässlich einer grossangelegten Ausstellung und Demonstration der Sanitätsrekrutenschule auf dem Schulgelände ein nur mit den Initialen der Verfasser unterzeichnetes Flugblatt verteilten. Dieses gipfelte nach einem einleitenden Zitat aus Peter Bichsels Text «Des Schweizers Schweiz» in der Feststellung: «Ja, keine Angst, nach der Schlacht, nach der Schlacht werden wir eingesammelt, gewaschen, aufgehackt, zurechtgedrückt, amputiert, transfusioniert, eingebunden, verpflegt und liebkost, und wir werden als kriechende, gliederlose, schielende Rümpfe Renten empfangen, Invalidenrenten.»

Etwas Grundlegendes stimmte nicht: Das zeigte dann auch die Reaktion eines Journalisten auf diese als Diskussionsanstoss verstandene Aktion in der konservativen Zeitung «Vaterland». Er verstieg sich in Aussagen wie: «Dumme und einfältige Menschen hat es eigentlich immer gegeben, dass aber ausgerechnet derartige Spezies der Gattung Homo sapiens in einem kantonalen Lehrerseminar stecken, ist eher unverständlich.»

Und etwas weiter im Artikel: «Schon die Unterschrift zeigt, um was für Typen es sich hier handelt, nämlich schlicht und einfach um Charakterlumpen! Zu hoffen bleibt jetzt nur, dass in Hitzkirch dafür gesorgt wird, dass derartige Feiglinge nicht dereinst auf unsere Kinder losgelassen werden!» 

Alles nur einzelne Episoden im Privaten, im Lokalen?

Ja… – aber davon gibt es für die «60-er-Jahre» Tausende. Alles Ingredienzien für den brodelnden Kochtopf, der in verschiedenen Städten schliesslich überkochte und zu jenen Ereignissen führte, die heute als «68-er-Bewegung» bezeichnet wird. In ihrer Summe wurden sie – trotz ihrer Unterschiedlichkeit – zu Charakteristika einer Epoche. Da war einmal die Entwicklung von Subkulturen verschiedenster Art innerhalb der Jugendszene.

Mit dem anhaltenden Wirtschaftswachstum der Nachkriegszeit, dem sogenannten Wirtschaftswunder, veränderte sich auch das Leben der Jugendlichen, insbesondere der Jugend der Mittelschichten, grundlegend.  Der Historiker Eric Hobsbawm spricht in diesem Zusammenhang von Jugend nicht nur als Lebensalter sondern auch von einer Haltung, einer Einstellung, die mit einem Kontrollverlust der Eltern gegenüber ihren erwachsen werdenden, Freiräume suchenden Kindern einherging. Nach aussen besonders sichtbar wurde dieser Bruch mit den herkömmlichen Normen  bei den sogenannten «Halbstarken». 

Der stark zunehmende Canabiskonsum und psychedelische Drogen wie LSD schufen ebenfalls Freiräume, allerdings wieder völlig anders geartete. Die neue Form der Interaktion von Drogengebrauch, Poesie und Popmusik, repräsentiert durch Musiker und Musikgruppen wie Bob Dylan («Mister Tambourine Man»), Pink Floyd mit ihrem Fantasy Pop, Moody Blues («Nights in White Satin») gipfelte in Kalifornien im Jahr 1967 im sogenannten «Summer of Love». Am Morgen des Inkrafttretens des LSD-Verbotes versammelten sich in San Francisco Tausende von Jugendlichen und schluckten kollektiv im Angesicht der Polizei eine Pille. Eine Manifestation der Gegenkultur mit dem Ziel, das Establishment zu schockieren.

Die Antibaby-Pille ermöglichte einen informelleren Umgang mit Sexualität und damit neue Freiräume auch im Beziehungsalltag.

Das Fernsehen hatte in den Haushalten Einzug gehalten und erweiterte zusammen mit einer Unzahl von Illustrierten, dem Radio und massenhaft reproduzierten Tonträgern die Wahrnehmungswelt insbesondere der jungen Menschen. Die Jugendszene wurde internationalistischer.  Sie hatte keine Berührungsangst gegenüber neuer, massenmedial vermittelter Musik, oft mit karibischen, afrikanischen oder lateinamerikanischen Wurzeln – von vielen Erwachsenen abschätzig als «Negermusik» bezeichnet. Und auch Ereignisse wie die erwähnte Protestaktion in San Francisco fanden so den Weg in Wohnzimmer auf der ganzen Welt.

Auf einer ganz anderen Ebene sind jene Ereignisse anzusiedeln, welche das Bewusstsein der Menschen in den 60-er-Jahren auf der politisch-gesellschaftlichen Ebene prägten und ebenfalls weltweit massenmedial vermittelt wurden.

Der Kalte Krieg, dieser ideologisch und mit verdeckter Kriegsführung geführte Wettbewerb zweier Wirtschafts-und Gesellschaftssysteme mit je eigenem, verheerendem nuklearem Vernichtungspotenzial eskalierte immer wieder in Krisen: Einmarsch 1956 in Ungarn, 1959 die Machtübernahme Fidel Castros in Kuba und drei Jahre später die sogenannte Kuba- Krise, der Versuch der Amerikaner, den abtrünnigen Inselstaat mit Gewalt wieder in die amerikanische Einflusssphäre zurück zu führen; der Mauerbau in Berlin (1961), der Versuch beider Grossmächte, die Schritt für Schritt in die formelle Unabhängigkeit entlassenen Kolonien in ihren Einflussbereich zu bringen, der durch die Interventionen der USA und Russlands in Vietnam geführte Stellvertreterkrieg; schliesslich der «Prager Frühling» und im Gefolge die Besetzung der Tschechoslowakei durch die russische Armee.  

Der Kalte Krieg erzeugte in den westlichen Demokratien einen Konformitätsdruck, der die politische Diskussion zunehmend verengte. Der Schweizer Historiker Jean-Rodolphe von Salis bemerkte anfangs der 60-er-Jahre zum damaligen mentalen Zustand der Schweiz sarkastisch, dass es Leute gebe, welche in einer harmlosen Konsumgenossenschaft ein bolschewistisches Verschwörungsnest witterten.

Die Schweiz verhielt sich, so Jakob Tanner in seiner Geschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert, «wie eine mit den USA sympathisierende Trittbrettfahrerin des Kalten Krieges». Es wurde ein heftiger Antikommunismus gepflegt, selbst bei Parteien links der Mitte. Die SP unterstützte die sogenannte «Geistige Landesverteidigung» und grenzte sich prononciert von der kommunistisch geprägten PdA, der Partei der Arbeit, ab. Die Anpassungsleistung der Sozialdemokraten wurde 1959 mit der Etablierung der Zauberformel honoriert; in Luzern mit der durch den freiwilligen Verzicht der Konservativen ermöglichten Wahl von Toni Muheim in den Regierungsrat.

Betont antikommunistisch war auch die Politik der Gewerkschaften. Eine schnell steigende Zahl von Gesamtarbeitsverträgen ermöglichte eine gewisse Teilhabe am wachsenden Wohlstand.

Die Generalstreikforderungen von 1918 nach einer Alters- und Invalidenversicherung, die Verkürzung der Arbeitszeit und bezahlte Ferien waren umgesetzt und vermittelten ein Gefühl, dem der ehemalige SP Bundesrat Max Weber 1959 mit den Worten Ausdruck gab: «Ja, wir haben es erreicht».

Uebertüncht wurde dabei das, was Professor Max Imboden 1964 in einer Aufsehen erregenden Schrift als «helvetisches Malaise» beschrieb. Eine Unfähigkeit zu Reformen, trotz sich unübersehbar auftürmender ungelöster Probleme, wie zum Beispiel die Zerstörung der Umwelt im Gefolge des massiv steigenden Ressourcenverbrauchs und dem Wegwerf-Konsum, die Stellung der Frauen in Familie, Gesellschaft und Politik oder der Umgang mit den Hundertausenden von weitgehend rechtlosen Saisonniers. Er konstatierte in der Schweiz ein gebrochenes Verhältnis zur Demokratie, was sich in Enttäuschung, Stimmabstinenz, administrativem Leerlauf und propagandistischem Lärm äussere; politische Gestaltung als Anpassung an behauptete Sachzwänge. Die Gesetzgebung funktioniere gewissermassen auf Abruf, die Parteien verschanzten sich hinter anonymen Propagandagruppen.

Um zum Bild vom brodelnden Kochtopf zurück zu kommen: Er war voll mit ungelösten Problemen, «die Kacke war am Dampfen». Seit Jahren übten sich viele im Grossen und im Kleinen im Verweigern. Es brauchte nur noch ein Ereignis, welches den angestauten Frust zum Ueberkochen brachte. Nanterre, das Globusprovisorium, ein toter Jugendlicher in Polizeigewahrsam.

War das nun eine Revolution? Oder war das nur eine Revolte?

Die Revolte, mit Pflastersteinen, mit zerbrochenen Scheiben, mit der Verhöhnung der Polizei; sie machte das Unbehagen sichtbar, zum Diskussionsthema. Sie hatte aber kein gemeinsames, konkretes Ziel, keinen Forderungskatalog, keine Führung.
Die durch die Revolte freigelegten Kräfte zersplitterten sich sehr schnell in zahlreiche Einzelinitiativen und Projekte, welche schliesslich in neuen Strukturen mündeten, bestehende Strukturen veränderten und reformierten oder einfach versandeten.

Meine eigene Biografie ist davon geprägt. Das Engagement in freien Tutoraten zu der in der traditionellen Geschichtsschreibung vernachlässigten Geschichte der schweizerischen Arbeiterbewegung (zum Beispiel des Generalstreiks) an der historischen Fakultät,  führte zusammen mit meinem Lehrer-Hintergrund zum Engagement in einer Lesegruppe zum Marxismus im heimischen Emmen und in einer Gruppe die sich «Bildung und Unterricht» nannte, in Luzern.

Diese untersuchte Schulbücher auf die Rolle der Arbeiterschaft und der Frauen in den gängigen Unterrichtsmaterialien, organisierte eine Ausstellung zur Geschichte der Arbeiterbewegung im Kunsthaus Luzern, lancierte eine Initiative für kleinere Klassen und gleich danach noch eine für «Gleiche Ausbildung für Mädchen und Knaben». Auch die Aufführung der Generalstreikdebatte in der Bundesversammlung (siehe das Flugblatt auf der letzten Seite der Dokumentation zu diesem heutigen Anlass) gehörte zu diesen Aktionen. Der Eintritt in die Lehrergruppe des VPOD und die Sektion Emmen der Sozialdemokratische Partei Emmen und deren Reaktivierung und Radikalisierung waren für mich der logische Weg.

Ein mühsamer Weg. Anstrengend! Als Verantwortungsträger immer zerrissen zwischen einer eher trägen Mitgliedschaft, Genossen und roten Patriarchen,  welche zur Generation des «Wir haben es erreicht» gehörte und diesen Besitzstand gegen Atomkraftgegner, Basisdemokraten, Frauenrechtlerinnen, Marxisten, Antimilitaristen, undsoweiter verteidigen wollte; dies auf der einen Seite und in Konkurrenz mit kleinen und flexiblen Organisationen wie POCH, RML, OFRA undsoweiter, welche ohne historischen Ballast und frech ihre Forderungen auf fantasievolle Weise in den politischen Raum stellten.

Andere, sie werden im Panelgespräch davon hören, haben andere Wege beschritten, andere politische oder gesellschaftliche Schwerpunkte verfolgt. Der Weg führte aber meistens doch zu irgendeiner Form der Institutionalisierung ihres Engagements. Die Kraft aus dem Kochtopf – um ein weiteres Mal beim Bild zu bleiben – verteilte sich auf die Verfolgung verschiedener Ziele. Das schwächte einerseits die Bewegung; ein revolutionärer, Strukturen in kurzer Zeit umwälzender Prozess zur Umkehr der Machtverhältnisse in diesem Staat – eben eine Revolution – kam nicht in Gang. Die Machtfrage, und das unterscheidet diese Revolte von einer Revolution, wurde nicht gestellt. Andererseits blieb der Wille zur Veränderung und führte in einem evolutionären Prozess zu einer Gesellschaft, welche mit der Zeit vor «68» nicht mehr zu vergleichen war.

Revolution oder Revolte?

Keine Revolution. An den Macht- und Herrschaftsverhältnissen änderte sich wenig. Eine Revolte. Ja! Aber nicht nur. Eine, die wie ein Katalysator zu beschleunigter Evolution in einem Gesellschaftsgefüge führte, das in seiner damaligen Form an ein Ende gekommen war. Eine Evolution, welche die politische Agenda in der Schweiz und in Luzern während der zwei Jahrzehnte bis zum Beginn der bürgerlichen «Gegenrevolution» mit dem Slogan «Weniger Staat» prägte.

Paul Huber, Luzern


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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

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Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/