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Kolumne der Redaktion

06.10.2017

Der Kaufmännische Verband Luzern ist 150 jährig und erfindet sich immer wieder neu

70 Lehrgänge bietet der KV Luzern an und ist damit der wohl wichtigste Berufsausbildner weit und breit. Sein Geschäftsführer Beat Schürmann sagt, wie sich die Organisation seit ihrer Gründung von 150 Jahren entwickelt hat und warum sie sich immer wieder neu erfinden muss.


Beat Schürmann (links) ist seit 1997 Geschäftsleiter des Kaufmännischen Verbandes Luzern. Hier stösst er mit Präsident Bruno Schmid auf die Geschichte und die Zukunft des KV Luzern an.

Peter Häfliger (rechts) ist Rektor der KV Luzern Berufsakademie.

Christof Spöring ist Leiter der Dienststelle Berufs- und Weiterbildung des Kantons Luzern.

Der Zürcher Strafrechtsprofessor und SP-Ständerat Daniel Jositsch ist Präsident des Schweizerischen Kaufmännischen Verbandes und überbrachte der Luzerner Sektion dessen Grüsse und Glückwünsche.

Reto Wyss sprach am Geburstagsfest als Bildungsdirektor des Kantons Luzern.

Alex Porter verblüffte die Festgemeinde mit seinen Zaubertricks.

Bilder: Bruno Eberli

Herbert Fischer: Was raten sie einem jungen Menschen, warum er eine kaufmännische Lehre in Angriff nehmen soll?

Beat Schürmann: In einer kaufmännischen Lehre lernt man selbständiges Arbeiten sowie den Umgang mit Informations- und Kommunikationsmitteln. Zudem vermittelt die Berufsfachschule eine hohe Sprachkompetenz, ein Grundverständnis für wirtschaftliche und rechtliche Zusammenhänge sowie ganz generell eine gute Allgemeinbildung. 

Darüber hinaus sind die Weiterbildungsmöglichkeiten im kaufmännischen Berufsfeld einzigartig. Angeboten werden alleine bei uns hier in Luzern 70 verschiedene Lehrgänge.

Raten Sie dies mit einem guten Gewissen?

Beat Schürmann: Absolut. Sehen sie: seit der Erfindung der Schreibmaschine und später der Schreibautomaten hat sich der Beruf stets verändert. Routine-Arbeiten wurden automatisiert. Beratende Tätigkeiten erlangten einen höheren Stellenwert. Dies bedingte aber zwangsläufig auch eine höhere Qualifikation. Sie sehen: der Beruf ist nicht verschwunden, sondern wurde anspruchsvoller. Das wird so weitergehen. Man spricht von Upskilling.

Hysterie-Meldungen, wie sie neulich in den Medien waren, haben aber tatsächlich Einfluss auf Eltern und Jugendliche. Persönlich werde ich immer wieder von verunsicherten Eltern auf diese Bedenken angesprochen. 

Immerhin ist immer wieder zu lesen, allein in der Bankbranche werde die Zahl der Arbeitsplätze in den nächsten Jahren massiv sinken, geradezu implodieren?

Beat Schürmann: Auch hier gilt das Gesetz des Wandels. In den 1990-er-Jahren haben die Banken damit angefangen, E-Banking zu fördern. Argumentiert wurde mit der Attraktivität des Funktionsumfanges und mit der raschen zeit- und ortsunabhängigen Verfügbarkeit. Später zwang man Private, kleinere Firmen und Gewerbebetriebe mittels massiver Gebührenerhöhungen zum Umstieg. Dadurch sind niederschwellige Arbeitsplätze, also solche mit einem einfacheren Anforderungsprofil, in den Banken verschwunden. Erfassungsarbeiten wurden an die Kunden delegiert. Geblieben sind die anspruchsvollen Beratungsfunktionen. Zurzeit sind gut ausgebildete Kundenberater sehr gesucht. 

Ist die Digitalisierung also ein zentrales Thema?

Beat Schürmann: Stärker als vor der Digitalisierung sollten wir uns vor dem Offshoring in Acht nehmen, also der Verlagerung bestimmter Arbeiten ins Ausland. Oft betroffen davon sind Arbeiten rund um die Buchhaltung. Diese Dienstleistungen können – so glaubt man – auch in Ost-Europa oder in Asien erbracht werden.

Eine kaufmännische Grundausbildung eignet sich offensichtlich gut für Teilzeitarbeit, was ihre Attraktivität erhöht.

Beat Schürmann: In der Teilzeitarbeit sehe ich zahlreiche Vorteile. Einerseits erlaubt sie, die Arbeit auf mehrere Köpfe zu verteilen. Vor allem aber unterstützt sie Menschen bei der Aufteilung von Familien- und Erwerbsarbeit. 

Beim Kaufmännischen Verband arbeiten viele Kolleginnen und Kollegen Teilzeit. Ich erlebe die Teilzeit-Mitarbeiter grundsätzlich als sehr motiviert und präsent. Anspruchsvoll bei Teilzeit-Arbeit ist die ganze Kommunikation und Koordination, vor allem für die Vorgesetzten. 

Die Vorteile für den Arbeitgeber überwiegen jedoch klar. Teilzeit-Mitarbeitende sind oft bereit, bei Kapazitätsengpässen ihr Pensum vorübergehend zu erhöhen. Was ich von Teilzeit-Arbeitenden erwarte, ist eine gewisse Flexibilität. Damit meine ich aber nicht «Arbeit auf Abruf».

Auch das Home-Office gehört zu diesem Thema.  

Beat Schürmann: Home-Office braucht saubere, das heisst transparente Regeln und gegenseitiges Vertrauen. Geregelt sein müssen insbesondere die Erreichbarkeit, die Entschädigung der Arbeitsmittel, die Erfassung der Arbeitszeit, etcetera. Der Kaufmännische Verband hat dazu Empfehlungen herausgegeben. Eigentlich empfehlen wir Home-Office nur in Kombination mit Präsenzarbeit. 

Man kann also sagen, dass Teilzeitarbeit und Home-Office gute Voraussetzungen bieten, um eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu erreichen?

Beat Schürmann: Ja, das sehe ich so.

Gibt es eigentlich regionale Unterschiede in den Bedürfnissen, welche die KV-Mitglieder gegenüber ihrem Verband haben?

Beat Schürmann: Ja, es gibt klare Unterschiede. Die duale Bildung hat in der Deutschschweiz eine viel grössere Bedeutung. In der Westschweiz und im Tessin erfolgt die Berufsbildung viel häufiger in schulisch organisierten Grundbildungen. Darunter versteht man Lehrwerkstätten sowie Übungs- und Praxisfirmen. Im kaufmännischen Berufsfeld ist die Bedeutung der Wirtschaftsmittelschulen dort signifikant höher als hier bei uns in der Deutschschweiz. Dies erklärt zum Teil auch die höhere Jugendarbeitslosigkeit in der lateinischen Schweiz.

Der KV Luzern ist dieses Jahr 150-jährig: was gibt es zu feiern?

Beat Schürmann: Einerseits sicher diese Gründung vor 150 Jahren, dann aber auch die solide Stellung, die sich der Verband in dieser Zeit erarbeitet hat. Im Gründungsjahr 1867 sah die Schweiz ganz anders aus. Es gab damals – 20 Jahre nach der Gründung der modernen Schweiz – noch keine gemeinsame Währung und keine Nationalbank. Den Bahnhof Luzern gab es erst seit acht Jahren und der Zug verkehrte nur zwischen Luzern und Basel.

Wie in anderen Branchen hatten Frauen offenbar auch in den kaufmännischen Berufen sehr, sehr lange eine schwache Stellung. Und dies, obschon sie zahlenmässig eh und je sehr stark vertreten waren.

Beat Schürmann: Das stimmt, leider! Man fürchtete den Lohndruck, den die damals sicher tieferen Frauenlöhne erzeugt hätten. Der Lohn richtete sich damals – stärker als heute – nach dem finanziellen Bedarf und nicht primär nach der Leistung. Daher hatten Männer, die in der Regel die «Familienoberhäupter» waren, tendenziell höhere Löhne.

Das hängt aber bestimmt auch mit dem generellen Frauenbild damals zusammen. Man muss sich immer wieder vor Augen führen, dass Frauen damals nicht stimmberechtigt waren.

Der Kaufmännische Verband verstand sich stets als Standesorganisation, nie als Gewerkschaft. Warum?

Beat Schürmann: Die Bildung des Berufsnachwuchses war bei den gewerblichen Berufen Sache der Zünfte. Der kaufmännische Beruf im heutigen Sinne entstand aber erst im Zuge der zweiten industriellen Revolution, also in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die Fabriken Buchhalter, Korrespondenten und Sekretäre benötigten. Zu dieser Zeit wurde der Verband als «Verein Junger Kaufleute» gegründet und war anfänglich eine Art Selbsthilfegruppe. Man wollte in Abendkursen sein Wissen in Buchhaltung, Wirtschaft und Recht erweitern und Sprachen erlernen.

Das Bildungsangebot und später dann die Gründung der kaufmännischen Berufsfachschulen, die in den grösseren Städten noch heute den Kaufmännischen Verbänden gehören, sind ein klares Abgrenzungsmerkmal gegenüber den Gewerkschaften.  

Zudem sind die kaufmännischen Verbände anders positioniert. Das rührt nicht zuletzt auch daher, dass viele unserer Mitglieder Kaderstellen inne haben und somit in ihrem Beruf Arbeitgeberfunktionen wahrnehmen.

Schauten früher «die im Büro» auf «die Büezer» hinunter?

Beat Schürmann: Meines Erachtens ist das – sowohl früher als auch heute - eine Frage der individuellen Haltung, die man den Mitmenschen gegenüber einnimmt. Eine respektvolle Haltung gebietet es grundsätzlich, anderen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen.

Es ist jedoch nicht von der Hand zu weisen, dass die soziale Stellung eine andere war. Das ergab sich durch die Nähe zu den Geschäften, zu den Verträgen und zum Geld, aber auch durch die Nähe zum Patron. Kaufleute mussten sich auch anders kleiden. In England spricht man von «blue and white collar workers».

Wie ist das heute?

Beat Schürmann: Heute arbeiten in der Schweiz drei Viertel der Erwerbstätigen im Dienstleistungssektor. In einem Büro zu arbeiten ist deshalb nichts Besonderes mehr.

Sie selber sind seit 1997 Geschäftsführer des KV Luzern. Was hat sich seither hier generell verändert?

Beat Schürmann: Generell kann man sagen, dass das Tempo des Wandels exponentiell zugenommen hat. Auch die Komplexität ist stark gestiegen. Die letzten 20 Jahre beim Kaufmännischen Verband Luzern sind geprägt durch ein starkes Wachstum, vor allem beim Verband mit zunehmenden Mitgliederzahlen und zusätzlichen Dienstleistungen, aber auch in der Weiterbildung, die heute viermal grösser ist als vor 20 Jahren und rund 70 Lehrgänge anbietet. 

Und im Angebot, in den Tätigkeitsschwerpunkten des Verbands?

Beat Schürmann: Der Verband hat sein eigenes Bildungsangebot ausgebaut, das die Angebote der Schulen ergänzt. Das Seminarangebot wurde erweitert und wir bieten für die Lernenden Vorbereitungskurse auf die Lehrabschlussprüfungen an. Eine gut nachgefragte, neue Dienstleistung ist auch die Laufbahn- und Karriereberatung. Zusammen mit unserem Dachverband sind wir vor allem im Detailhandel GAV-Partner und vertreten die Interessen unserer Mitglieder im Rahmen von Vernehmlassungen. 

Sie verzeichnen offenbar einen starken Zuwachs bei jungen Mitgliedern. Das ist nicht selbstverständlich. Wie machen Sie das? Und stimmt es eigentlich, dass Leute nur in den KV eintreten, um während einer bestimmten Zeit eine bestimmte Leistung zum ermässigten Preis zu beziehen und dann wieder «zu verreisen»?

Beat Schürmann: Sagen wir es so – es sind heute schon auffällig viele Leute «mit dem Rechenschieber unterwegs». Sie werden Mitglied wegen einer Kursgeldermässigung, und wenn ihr Kurs zu Ende ist, treten sie wieder aus. Und ich rede nicht von einem Einzelfall. Dieses Vorgehen ist weit verbreitet. Es gibt sogar solche, die bei der Anmeldung auch verlangen, dass wir auch gleich ihren Austritt für ein bestimmtes Datum – wiederum zeitgleich mit dem Ende ihrer Ausbildung – vormerken sollen. 

Das ist schon ziemlich dreist.

Beat Schürmann: Anfänglich haben wir uns schon sehr gestört daran, doch eigentlich sind wir froh um jeden Neueintritt. Und wenn sie dann wieder gehen, schreiben wir ihnen, dass wir uns über ihren Wiedereintritt freuen würden. Viele Leute wollen sich heute nur noch spontan für etwas entscheiden und schrecken vor einem langfristigen Engagement oder einer verbindlichen Zugehörigkeit zurück. Das sind gesellschaftliche Trends, auf die wir kaum Einfluss haben und die für eine Verbandsmitgliedschaft nicht gerade günstig sind. Trotz allem aber sieht die Mitgliederentwicklung bei uns positiv aus. Als ich 1997 angefangen habe, waren es 4200 Mitglieder, heute sind es 5500. 

Wie geht‘s weiter?

Beat Schürmann: Langfristige Prognosen sind schwierig zu machen. Doch klar ist, dass wir uns immer wieder neu erfinden müssen. Wir müssen uns mitbewegen mit den Trends, sowohl im Beruf als auch in der Gesellschaft. Nur so bleiben wir erfolgreich.

Interview: Herbert Fischer


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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

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Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/