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Kolumne der Redaktion

19.08.2016

Wie sich Bundespräsident Alphons Egli am 10. Dezember 1986 von der Vereinigten Bundesversammlung verabschiedete

Vier Jahre und zwei Tage nach seiner Wahl in den Bundesrat (8. Dezember 1982) verabschiedete sich der Luzerner CVP-Bundesrat Alphons Egli (im Jahr 1986 war er Bundespräsident) am 10. Dezember 1986 von der Vereinigten Bundesversammlung. Mehrmals ist in den letzten Tagen in Nachrufen auf diese Rede hingewiesen worden. Hier ist sie im Wortlaut zu lesen. Sie zeigt den umsichtigen Staatsmann, den senkrechten Demokraten, den weitsichtigen Denker und den engagierten Humanisten Alphons Egli.


Bundespräsident Alphons Egli am 10. Dezember 1986 vor der Vereinigten Bundesversammlung:

Die Auftritte der Bundesräte in diesem Saal und in jenem des Ständerates sind nicht immer Höhepunkte, aber doch immer Brennpunkte der bundesrätlichen Aktivität. Hier aktualisiert sich das Spannungsfeld, das zwischen Regierung, Parlament und der Öffentlichkeit besteht, und nicht selten hört und spürt man dieses Spannungsfeld förmlich knistern, auch dann, wenn die Lautsprecheranlage durchaus normal funktioniert. (Heiterkeit)

Diese Spannungen sind notwendig. Ohne sie gibt es keine lebendige Demokratie; ohne diese Spannungen gibt es keinen Fortschritt, aber ohne diese Spannungen kann auch nichts Bewährtes erhalten werden.

Sie haben beileibe nicht alle Anträge, die ich hier namens der Regierung einzubringen hatte, akzeptiert und Sie haben mir manche meiner Auffassungen «durchgetan». Aber ein allzu willfähriges Parlament macht die Regierung entweder faul oder überheblich oder beides. (Heiterkeit)

Ich danke Ihnen daher für Ihren gelegentlichen Widerspruch. Es ist Ihnen allerdings nie gelungen, mich in Ekstase zu versetzen, was mir gelegentlich angekreidet worden ist.

Aber ich muss Ihnen gestehen, nie habe ich diesen Saal mit Verbitterung verlassen und auch dafür danke ich Ihnen herzlich. Denn wir müssen doch davon ausgehen, dass wir alle verschieden sind. Keiner ist gleich wie der andere, und in vielen Fällen bin ich wirklich froh darüber. (Heiterkeit)

Aber wir wollen uns doch attestieren, dass wir alle trotz dieser Ungleichheit ein und dasselbe Ziel anstreben, nämlich wie es die Verfassung in ihrem Zweckartikel ausdrückt: die gemeinsame Wohlfahrt. Wohlfahrt ist mehr als nur Wohlstand.

Sie umfasst auch das seelische und das geistige Wohlbefinden. In unserer technisierten und rationalen Welt kann man sich allerdings fragen, ob hier noch Platz vorhanden ist für Geist und Seele. Es wäre verfehlt, vom Staat ein Surrogat von Geist und Seele zu erwarten; es gibt Dinge, die auch der bestorganisierte Staat und auch der sozialste Staat nicht geben kann. Und gerade an dieser Tatsache zerbrechen heute viele Menschen, auch Politiker.

Aber dieser Staat soll mindestens dafür sorgen, dass diese Kräfte sich entfalten können. Das erwartet vor allem die Jugend von uns, die noch an das Schöne und an das Gute im Menschen und in der Natur glaubt. Gefährden wir diesen Glauben der Jugend nicht! 

Aber der menschliche Geist ist bereits in Bereiche vorgestossen, wo er die Kontrolle über seine eigenen Existenzgrundlagen verliert. Wer soll jetzt die Kontrolle übernehmen? Wenn der Mensch sich keine Selbstdisziplin auferlegt, sehe ich keine andere Autorität als den Staat. Und damit kommt die sehr bange Frage auf: Kann der Staat dies noch? Ist er nicht bereits gezwungen, auch unkonventionelle Mittel anzuwenden? Jedenfalls ist es eine sehr schwere Verantwortung, und wer sie trägt oder sie getragen hat, kennt deren Druck. 

Es ist aber auch eine faszinierende Aufgabe. Mögen unsere Nachfolger mit dieser Einstellung und mit diesem Ehrgeiz und mit dieser Zuversicht sich an ihr neues Werk machen! (grosser Beifall)

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Quelle (Freitag, 19. August 2016):
Sekretariat der Bundesversammlung / Protokoll der Sitzung vom 10. Dezember 1986

Die Abschnitte sind von der Redaktion lu-wahlen.ch gesetzt worden. 

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Siehe auch unter «Dateien»: der Lebenslauf, den Alphons Egli für die Trauerfeier (vom 18. August 2016 in der Luzerner Hofkirche) selbst verfasst hatte. Und: «Kantig, scharfsinnig und humorvoll»: Erinnerungen an Alphons Egli («NLZ» vom 19. August 2016).


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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

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Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/