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Kolumne der Redaktion

20.03.2015

Warum Alois Metz drei so hochkarätige Persönlichkeiten einlud und warum er als Pfarreileiter im Luzerner Würzenbach-Quartier aufhört

Einen beachtlichen Erfolg verzeichnete am Dienstagabend in der St. Johannes-Kirche in Luzern die Veranstaltung «Mehr Mut zur Menschlichkeit». 540 Personen hörten während zweieinhalb Stunden Eugen Drewermann, Arno Gruen und Konstantin Wecker zu. Hier sagt St. Johannes-Pfarreileiter Alois Metz, warum er diese drei Kirchenkritiker eingeladen hat, und warum er seine jetzige Funktion abgibt.


Hier folgen Legenden.

War das Ihre Abschiedsvorstellung am Dienstagabend?

Nein, die ist an Pfingsten und zwar in zwei Teilen: am Pfingstsamstag (23. Mai) mit jungen Liedermachern. Und am Pfingstsonntag mit Angelika Kirchschlager. Ich habe sie durch Konstantin Wecker kennen gelernt, der mit ihr auf Tournee war («Liedestoll, Angelika Kirchschlager und Konstantin Wecker»). Zusammen mit Angelika (siehe unter «Links») werde ich an Pfingsten eine «liturgische Matinee», wie wir dies nennen, feiern. Ich möchte was Neues ausprobieren: Angelika hat viel liturgische Kraft.

Mit Eugen Drewermann haben Sie einen der bekanntesten und unermüdlichsten Vatikan-Kritiker nach Luzern holen können. Warum ausgerechnet ihn?

Ich bin ein alter Drewermann-Fan. Ich finde seine Bücher fantastisch. Ich habe es immer wieder versucht, aber es ist unglaublich schwierig, ihn zu erreichen. Das geht nur mit Briefen und dauert entsprechend lange. Ich habe meine Idee, Drewermann mit anderen interessanten Köpfen auftreten zu lassen, mal mit Konstantin Wecker besprochen, der davon sofort begeistert war. Wir wollten aber noch eine dritte Stimme dabei haben, die dazu passen würde. Und da kamen wir auf Arno Gruen. Es dauerte lange, bis wir einen gemeinsamen Termin gefunden haben, aber nun hats geklappt.

Und warum gleich drei so hochkarätige Figuren gleichzeitig?

Es geht mir um die innere Leidenschaft, um Menschlichkeit. Ich habe das Gefühl, dass wir in einer sehr abstrakten Welt leben und dass die Empathie – also das Mitfühlen und Mitleiden, der Theologe Jean Baptist Metz spricht von «compassion» – verloren geht. Auch die Kirche ist davon betroffen, weil sie selber nicht zuletzt eine Organisation mit sehr starren, gefühlskalten Strukturen ist. Zugleich ist es ihre Aufgabe, so nahe wie möglich bei den Menschen zu sein, was auch mein sehr persönliches Anliegen ist. Diese drei Persönlichkeiten verkörpern alle pure Empathie, Liebe, Mitgefühl. Das sind entscheidende Voraussetzungen, um nicht zu resignieren. Mit Einzelkämpfern gelingt gar nichts. Diese Verbundenheit der drei, die unterschiedlicher kaum sein könnten, wollte ich zeigen.

«Nicht zu resignieren»: wo denn? In der Kirche als Institution? Im realen Leben ob dieser Welt mit all ihren alltäglichen Irrungen und Wirrungen? Oder einfach «nicht resignieren» angesichts der Unmöglichkeit, wirkliche politische Veränderungen zu erreichen? Der Dienstagabend mit den Auftritten dieser drei Herren war ja eine einzige Kampfansage an die ganze, die böse, die schlechte Welt voll von Hass, Krieg und Elend!

Vor ein paar Wochen flog ich von Kilimanjaro Airport zurück nach Zürich über Istanbul. Mir wurde durch die Weltkarte, die ja im Rückenteil der Sitze eingebaut ist, sehr deutlich bewusst, wieviele Krisengebiete es zurzeit gibt und wie nah diese sind. Es geht nicht um die böse, schlechte Welt, sondern es ist eine Kampfansage gegen die Gleichgültigkeit. Hallo! Tausende von Kindern sterben täglich an Hunger, durch Krieg und wir diskutieren über das Liebesleben der Pflastersteine am neuen Autokreisel. Wenn so kämpferische Leute wie Drewermann, Gruen und Wecker ihre eigene Hilflosigkeit so offen und so frei ausdrücken und zugleich bekennen, dass sie trotzdem weiterkämpfen für eine andere, eine bessere Welt, kann das durchaus Wirkung haben. Zugleich haben sie alle ja unglaublich viel Kraft ausgestrahlt. Das steckt an, macht Hoffnung.

Wer hat Sie durch welche Botschaften beeindruckt?

Eugen Drewermann erstens durch seinen Aufruf, sich mit anderen Kulturen und Religion auseinanderzusetzen, um sie zu verstehen. Überhaupt, dass wir uns «ums verstehen und nicht verurteilen» bemühen sollen. Zweitens seine Frage, was gewesen wäre, wenn Amerika anders auf «9/11» reagiert hätte: mit Verzeihung statt mit Gewalt, worin er eine «Chance der Menschlichkeit» gesehen hätte. Drittens die jesuanische Wehrlosigkeit, welche in der Erzählung von der Ehebrecherin deutlich wird: «Wer ohne Fehler ist, der werfe den ersten Stein.» 

Arno Gruen strahlt für mich die Weisheit und Weitsicht eines ruhenden, gelassenen Menschen aus, der auch frech und schlitzohrig ist. Er hat im Leben verdammt viel mitgemacht, zugleich aber zeigt er Milde. Das berührt mich und gibt mir ebenfalls Kraft und macht Mut. Wie hat er es so eindrücklich am Ende seines Impulses gesagt: Erkennen wir, dass die Empathie vom Bewusstsein abgespalten ist, würden wir Wettbewerb, Egoismus, Profitdenken, Wachstum und Leistung in Frage stellen. Wir müssen unser Bewusstsein zu einer Integration des Kognitiven und des Empathischen zurückführen.

Konstantin Wecker, der mit 67 noch immer auf Tournee ist, gefällt mir durch seine Musik und Poesie, durch seine Loyalität zu seinen Freunden. Seine Kraft und Energie versetzen mich immer wieder ins Staunen. Seine reflektierten Gedanken haben Boden, ich denke viel über sie nach. Ist schon grotesk: er, der aus der katholischen Kirche ausgetreten ist, hilft mir immer wieder, meinen Glauben zu reflektieren. Seine überzeugende Spiritualität ist ansteckend. 

Nun passt ja Wecker nicht wirklich zu Arno Gruen und Eugen Drewermann.

Oh doch! Er verkörpert pure Menschlichkeit. Wie sagt er immer wieder: «Ich mache keine Texte, sondern sie sind einfach da. Die Texte und die Musik sind Geschenke, die mir zufallen.» Das macht den Menschen doch erst zum Menschen. Das ist menschliche Kultur! Und wenn es immer weniger zweckfreie Kultur gibt, verkümmert auch Menschlichkeit. Darum braucht Kultur Räume, Freiräume, damit sich Menschen entfalten können. Es geht nicht, dass einseitig die Elitekultur gesponsert wird. Für mich ist Kirche auch ein Kulturraum. Darum mache ich vieles, was augenscheinlich erst mal nichts mit Liturgie zu tun hat. Kultur und Religion haben sich doch immer schon vermischt.

Gerade kulturell interessierte und erst recht engagierte Menschen haben grösste Mühe mit der Institution der römisch-katholischen Kirche!

Wen wundert‘s!

Ich behaupte, von den 540 Leuten, die am Dienstagabend diesen Abend in der Kirche St. Johannes besucht haben, bekennen sich zwei Drittel entweder nicht zu einer Konfession – erst recht nicht zum klassischen Katholizismus –, oder, falls sie noch dabei sind, machen sie nicht aktiv mit. Liege ich da falsch?

So ganz wird es nicht stimmen mit den zwei Dritteln. Viele von der Pfarrei waren da, die noch sehr engagiert sind. Doch es stimmt, dass viele  eine grosse Distanz zur Kirche haben. Sie sind aber suchend, neugierig, sonst wären sie nicht gekommen. Die schwerfällige Institution Kirche gibt keine Antworten mehr auf ihre Fragen. Was ja leider zutrifft.

Ist der jetzige Papst für Sie noch immer eine Hoffnung (falls er dies überhaupt jemals war) oder bereits eine Enttäuschung?

Ich bin schon überrascht von seiner Art, wie er unverkrampft auf Menschen zugeht; wie er Strukturen aufbricht; von hoffnungsvollen Sätzen, die er sagt. Gespannt bin ich auf die Familiensynode. Wenn hier alles beim Alten bleibt, dann verliert er bei mir an Glaubwürdigkeit. Das ist es aber auch schon. Diese ganze Fokussierung auf einzelne «Stars» in unserer Gesellschaft – sei es Kirche, Wirtschaft oder Kunst – geht mir immer mehr am «Allerwertesten» vorbei.

Ostern naht, das Fest der Auferstehung. Über die Kernbotschaft dieses hohen Feiertages hinaus: welches ist Ihre persönliche Osterbotschaft?

Wir machen uns vieles vor. Zum Beispiel in der Wirtschaft wird uns vorgegaukelt, dass alles im Lot sei. Es darf gelacht werden, oder? Aber nicht nur in der Ökonomie. Zeigen wir doch unsere Schwächen, Hilflosigkeit oder Ohnmacht. Das ist nicht Resignation, sondern Ehrlichkeit. Jesus stirbt nackt am Kreuz, das ist eine wunderbare Chiffre dafür, dass wir uns wirklich zeigen dürfen. Da würde so manches «Wunder» geschehen. Wieviel Energie wird verschwendet für eine perfekte Fassade. Meine Güte: was könnte man mit dieser Kraft alles anstellen!

Ist die Annahme richtig, dass die römisch-katholische Kirche in der Stadt Luzern eine vergleichsweise liberale, offene Gemeinschaft ist? 

Ja, sicher.

Warum genau hören Sie denn als Pfarreileiter nach neun Jahren im Würzenbach auf?

Ich brauche was Neues. Die Neugier treibt mich an und ich spüre Ermüdungserscheinungen. Ich komme mit der Kirche als Organisation, als Apparat nicht mehr so ganz zurecht. Ich verstehe zum Beispiel nicht, dass schwule Paare nicht gesegnet werden dürfen. Die Bischofskonferenz hat dazu ihr definitives Nein gesagt. Es bewegt sich rein gar nichts in dieser und anderen Fragen. Leider auch nicht unter dem jetzigen Papst. Als Pfarreileiter ist man starker Rollenträger. Jetzt gehe ich etwas aus der Schusslinie.

Also bezieht sich Ihre Resignation auf die Kirche als Institution

Ja. Ich steige deswegen als Gemeindeleiter aus, nicht aber aus der Kirche überhaupt. Ich habe übrigens einen wunderschönen, sehr persönlichen Brief von Bischof Felix Gmür gekriegt, dass er mich behalten will. Das ist ja auch ein schönes Zeichen. 

Was werden Sie nachher machen?

Das weiss ich noch nicht, kann mir aber gut eine Tätigkeit in der Seelsorge vorstellen, das liegt mir sehr nahe. Ich halte es mit dem Satz von Hilde Domin: «Ich setze meinen Fuss in die Luft und sie trug». Es kommt bestimmt was auf mich zu, das mich anspricht; habe ja auch gewisse Freiheit, weil ich nicht so grosse Ansprüche stelle, also könnte ich auch mal Taxifahrer werden; falls die mich wollen. Meine Frau arbeitet ja auch noch. Sie, meine beiden Kinder und ich werden nicht verhungern. 

Ich bin ein geborener Seelsorger. Meine Funktion als Gemeindeleiter umfasst aber auch viele andere Aufgaben. Gegenwärtig studiere ich Kulturmanagement, was mir ebenfalls Möglichkeiten eröffnen wird. Vielleicht lässt sich das verbinden. Ich weiss aber noch nicht wie und wo.

Wie waren eigentlich die Reaktionen, als Sie Ihren Rücktritt bekanntgegeben haben?

Man hat das in der Pfarrei zu 99 Prozent bedauert. Ich konnte noch immer nicht alle der – vielleicht 180, 200 – persönlichen Briefe und E-Mails beantworten, die ich erhalten habe. 

Wenn Sie nun aber – wenn auch nur in Ihrer jetzigen Funktion – resignieren: Können Sie denn guten Gewissens einer anderen Person empfehlen, diese Aufgabe zu übernehmen? 

Ist es wirklich Resignation? Nein. Darum kann ich die Pfarrei St. Johannes unbedingt empfehlen. Sie hat ein solides Fundament, ein tolles Team, einen unglaublich coolen Kirchenraum und wunderbare Menschen drum herum.

Interview: Herbert Fischer, Redaktor lu-wahlen.ch, Luzern

Mehr über die drei Akteure vom Dienstagabend unter «Links». Siehe auch unter «In Verbindung stehende Artikel».


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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

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Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/