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Kolumne der Redaktion

03.09.2014

Warum Geri Müller keinesfalls zurücktreten darf

Wenn der Badener Stadtammann geht, kapituliert er vor einer widerlichen Kampagne. Das darf nicht sein. Nur das Volk kann über ihn richten.


Das ist er: Chefredaktor Patrik Müller - Erfinder der Causa Patrik Müller - aufge-nommen am Samstag, 30. August 2014 am CVP-Sommerparteitag in Sempach, bevor er mit Bundesrätin Doris Leuthard ein Inter-view für seine «Schweiz am Sonntag» führte. Wohl scheint es ihm in seiner Haut nicht mehr zu sein, sein Gesicht spricht Bände...

Bild: Herbert Fischer

Der Tessiner CVP-Politiker Filippo Lombardi hat – sagen wir es vorsichtig – mehrfach gegen das Strassenverkehrsgesetz verstossen, deswegen gar den Führerausweis abgeben müssen. Im Wissen um diese Verfehlungen haben ihn die TessinerInnen zum Ständerat gewählt und damit zu einem seiner beiden Repräsentanten im Bundeshaus, was ja nicht irgendeine Adresse ist. Letztes Jahr präsidierte er gar, mit Bravour übrigens, den Ständerat und kein Hahn krähte über sein strafrechtlich immerhin bemerkenswertes Vorleben. Wer spricht heute darüber? Tempi passati. 

Der seinerzeitige Solothurner FDP-Ständerat Rolf Büttiker, ebenfalls ein bewährter und zudem weit über seine Partei hinaus geachteter und im Volk beliebter Politiker, hat öffentlich «gestanden», seinen Triebstau mitunter dort zu entladen, wo sich – sagen wir es vorsichtig – eigens dafür entsprechende Einrichtungen anbieten. Wobei sich hier wie auch in anderen vergleichbaren «Fällen» die Frage aufdrängt, was denn eigentlich hier zu «gestehen» sei. Es geht die Öffentlichkeit einen feuchten Kehricht an, wer wann mit wem was macht. Anders verhielte es sich, wenn dabei gegen das Gesetz verstossen würde, was aber hier nicht der Fall war. Aber das ist ein anderes Thema. Wobei bei Büttiker immerhin noch anzufügen ist, dass er Ende 2005 mit 43 von 44 möglichen Stimmen glanzvoll zum Präsidenten des Rats der Stände gewählt worden ist, im Wissen also um die gegen ihn verbreiteten «Unstimmigkeiten» irgendwelcher moralisierender Saubermänner und Sauberfrauen. Tempi passati. 

Diese beiden Beispiele haben miteinander zwar nichts zu tun. Aber sie haben gewisse Gemeinsamkeiten. Sowohl der Tessiner wie auch der Solothurner waren über Wochen hinweg Themen in den Medien, wobei in Sachen Büttiker auch noch andere Politiker wie der ebenfalls hochangesehene FDP-Bundesrat Kaspar Villiger des «Puffgangs» bezichtigt worden waren. Das Nachrichtenmagazin facts musste sich wegen der Kolportage dieser vermeintlichen Pikanterien bei ihnen untertänigst öffentlich entschuldigen und erlitt deswegen einen erheblichen und wohl auch verdienten Reputationsschaden. Tempi passati.

Es gäbe der Beispiele weitere zuhauf: Pfarrherren, die sich mitunter – sagen wir es vorsichtig – heftig verlustieren; PolitikerInnen, die spielsüchtig sind und in Casinos mit Geld um sich werfen; PolitikerInnen, die – sagen wir es vorsichtig –, mit grösster Selbstverständlichkeit alkoholisiert Auto fahren und somit Andere an Leib und Leben gefährden und dank ihrer exzellenten Beziehung zur Polizei nicht ins Recht gefasst werden; PolitikerInnen, die – sagen wir es vorsichtig – mit Interessen verstrickt sind, die sich auf ihre Entscheidungen konkret auswirken.

Wozu diese Beispiele?

Sie wären im Unterschied zu den Selfies von Geri Müller sehr wohl von öffentlichem Interesse. Denn ein Pfarrer, der sexuelle Enthaltsamkeit predigt, sich aber selber – sagen wir es vorsichtig – nicht im Griff hat, ist schlichtweg unglaubwürdig, jedenfalls bezüglich dieser einen, für sein Image aber zentralen Botschaft; ein Politiker, dessen eigenes finanzielles Gebaren mit seinem politischen Credo kontrastiert genauso; und wer Ruhe und Ordnung fordert, sollte sich erst recht und ohne Wenn und Aber den geltenden Gesetze fügen. Oder was ist zum Beispiel von einem Luzerner Kantonsrat zu halten, der öffentlich immer wieder heftig gegen den Islam wettert, selber aber eine Beziehung zu einer Muslima pflegt, von der die Öffentlichkeit lange nichts wissen sollte? Verstehen wir uns richtig: Letzteres sei den Beiden von Herzen gegönnt, Allah und auch unser aller Allmächtiger seien ihnen unisono gnädig und es wird ihnen nur Glück gewünscht. Aber es verträgt sich nicht mit dieser Botschaft dieses merkwürdigen Herrn; mit einer Botschaft, die immerhin sein politisches Profil prägt, das er vor Wahlen wie eine Monstranz vor sich trägt.

Solche Widersprüche sind im Unterschied zu Geri Müllers Verhalten sehr wohl von öffentlichem Interesse, weil sie Widersprüche offenbaren; weil sie die Glaubwürdigkeit bestimmter Exponenten erschüttern und ihre Elektorate sehr wohl Anspruch darauf haben zu wissen, wem sie ihre Stimmen geben.

Merkwürdig: Medien wissen immer wieder von solchen Widersprüchen, thematisieren sie aber nicht. Die Begründung: «Zu heiss» sei diese oder jene Story, zu aufwändig ihre Recherche, «wir wollen keine Lämpen mit ihm, er ist ein guter Informant».

Do ut des – ich gebe Dir, damit Du mir gibst. Oder etwas freier übersetzt: Du fütterst mich weiter mit «geilen Infos», aber ich erzähle nicht weiter, wann wir uns letztmals im Puff gesehen haben. So einfach ist das.

Peter Wanner, der Verleger der «Schweiz am Sonntag», vom wilden und wirren «68-er» zu einem der mächtigsten Medienmogule dieses Landes konvertiert, herrscht heute über ein Heer von Hampelmännern und Hampelfrauen, die sein Ziel, den Badener Stadtammann zu entfernen, devot mitmachen.

Peter Wanner, der Verleger der «Schweiz am Sonntag», hat der Medienbranche schweren Schaden zugefügt. Er hat keinerlei Einsicht in seine Verantwortung für die Vernichtung des grünen Badener Stadtammanns erkennen lassen und lässt seinen Hampelmann Patrik Müller als Chefredaktor der Schweiz am Sonntag weiter fuhrwerken, als wäre nichts geschehen. Auch Patrik Müller seinerseits zeigt keinerlei Schuldbewusstsein.

Statt ihre Fehler einzugestehen, heizen Verleger Peter Wanner und seine Befehlsempfänger ihre Kampagne gegen Müller munter weiter an, obschon sie es in der Hand hätten, zur Beruhigung der Lage beizutragen und beispielsweise zu sagen oder, besser noch, zu schreiben: Ja, wir haben schlimme Fehler gemacht, Geri Müller soll Stadtammann bleiben, das Volk soll darüber bei der nächsten Wahl entschieden. Wir helfen jetzt mit, dass sich die Lage beruhigt. Wir tun Busse. Das hätte Stil. 

So einfach wäre das.

Jetzt aber sieht es so aus, dass Wanners Vernichtung im Raum Baden und im Aargau überhaupt mehrheitsfähig wird, dass der Druck auf Müller wächst, zurückzutreten; massgeblich inszeniert durch den Verleger Peter Wanner.

Richtigerweise schreibt Geri Müller in einer gestern veröffentlichten Erklärung, wenn er zurückträte, kapituliere er vor einer Medienkampagne.

Genauso ist es. Genau darum gehts!

Unabhängig davon, wen Sauereien in der Giftklasse wie der jüngsten aus dem Hause Wanner im Einzelfall treffen und welchem politischen Lager die Opfer angehören: PolitikerInnen haben nicht zu kuschen, wenn sie «im Wetter stehen». Das Volk ist der Souverän, nicht die Medien.

Über dem Bundeshaus-Eingang in Bern steht der weise Satz: Salus publica suprema lex (Das öffentliche Wohl sei oberstes Gesetz). Nur das Volk kann entscheiden, welches Wohl das oberste Gesetz ist. Es soll mit Blick auf solche Entscheidungen aber auch wissen, wer warum welche Interessen vertritt. Und wieviel Fleisch wirklich an welchem Knochen ist.

Herbert Fischer, Redaktor www.lu-wahlen.ch – das ganze meinungsspektrum, Luzern


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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

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Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/