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Kolumne der Redaktion

19.03.2014

«Neubad»-Co-Präsident Aurel Jörg ist mit dem ersten Halbjahr zufrieden, erwartet aber jährlich ungedeckte Kosten von 100 000 Franken

Im September 2013 startete die für vier Jahre vorgesehene Zwischennutzung des alten Luzerner Hallenbads als «Neubad». Dessen Co-Präsident Aurel Jörg zieht eine erste, erfreuliche Bilanz. Doch er erwartet, dass die Trägerschaft pro Jahr 100 000 Franken wird auftreiben müssen, um Kosten zu decken, die sich nicht durch den Betrieb finanzieren lassen.


Aurel Jörg (1984) ist in Luzern geboren und aufgewachsen. Er ist Gründungsmitglied und Co-Präsident des Vereins Netzwerk Neubad, Jurist und angehender Kulturanalytiker. Jörg schreibt für «041 - Das Kulturmagazin» und kulturteil.ch. In seiner Freizeit kredenzt er gerne Walliser Rotweine und gibt Kurse für Schachstrategie an der Migros-Klubschule.

Bild: Herbert Fischer

lu-wahlen.ch: Das «Neubad» ist ein halbes Jahr in Betrieb. Wie ist die erste, generelle Bilanz?

Aurel Jörg: Wir dürfen feststellen, dass das «Neubad» Vernetzungen gebracht und geschaffen hat, dass sich Interessengruppen gegenseitig austauschen konnten, können und auch weiterhin können werden. 

Zum Beispiel wirken bei uns Senioren mit, die sonst kaum bei einem - wie auch immer - vergleichbaren Projekt mitgemacht haben. 

Wir leisten auch für die Wahrnehmung der Kreativwirtschaft in Luzern Entscheidendes; so ist das Label «Made in Lucerne» aus dem Umfeld des «Neubads» entstanden. Insgesamt ist es uns gut gelungen, einen Teil der nicht etablierten Kultur im öffentlichen Diskurs wahrnehmbar zu machen.

Das heisst: das «Neubad» verbindet Generationen und unterschiedliche Interessen? Ist es eine Art Biotop von Ideen, auch für den sozialen Zusammenhalt?

Das kann man so sagen und es geht in diese Richtung. Dass dieses Zusammenspiel bisher so gut funktioniert, nützt auch der Aussenwirkung. Ich habe das Gefühl, dass das «Neubad» inzwischen gerade aufgrund dieser Tatsache bei der Stadtverwaltung, den Behörden, den Parteien, den Kulturinteressierten, undsoweiter eine gute Akzeptanz erreicht hat. Das hängt gewiss mit dem Engagement aller Beteiligten hier an der Bireggstrasse zusammen, die das «Neubad» verkörpern und so glaubwürdig machen. Dies ist enorm wertvoll. 

Auch darum, weil das «Neubad» mitunter als «Wundertüte» gilt, was ich nicht schlecht finde, weil dies aufzeigt, dass hier so manches möglich ist. Das Haus erlaubt derart viele Nutzungen und dementsprechend viele Angebote, da sind wir selbst immer wieder überrascht. 

Zunächst einmal bietet das «Neubad» ja schlicht und einfach Räume an, ist für sich selber kein Inhalt, sondern eine Hülle mit verschiedensten Formen, die gefüllt werden muss.

Genau. Daran zeigt sich, wie breit die Palette möglicher Nutzungen ist. Dass diese Arbeitsplätze und Ateliers nicht irgendwo abgeschieden und für sich allein genützt werden, eröffnet enormes Potenzial.

Ist denn trotzdem nach einem halben Jahr so etwas wie ein Profil der «Wundertüte Neubad» erkennbar?

Auf der Seite der Veranstaltungen waren - gewissermassen profilbildende - Schwerpunkte sicher die Ausstellung von Werken der DesignerInnen der Hochschule oder das Plakatfestival. Und dann stiegen hier in dieser kurzen Zeit mehrere DJ-Sets, es fanden Podiumsgespräche zu politischen und kulturellen Themen statt, auch literarische Lesungen. Und letzten Samstag (15. März) war es der überragende Fredy Studer, der uns vor Ohren führte, dass sich dieser Ort für eine einstündige Schlagzeugdarbietung hervorragend eignet. Inzwischen geht das Gerücht, dass wir nach dem KKL die zweitbeste Akustik haben. 

Besondere Freude haben wir am Bistro, das sich grosser Beliebtheit erfreut und sehr gut läuft. Der Brunch am Sonntagmorgen zum Beispiel ist inzwischen so gut wie stadtbekannt. 

Das «Neubad» versteht sich also unter anderem als Treffpunkt, als Drehscheibe des öffentlichen Lebens?

Ja, und dies war schon vor dem Start Teil unseres Konzeptes klar. Da sind wir auf gutem Weg, indem hierher Leute kommen, die sich in anderen öffentlichen Lokalen wohl kaum treffen würden, weil die heutzutage teils rechts eng positioniert sind. Die «Jazzkantine» ist nicht der «Sedel», der «Südpol» nicht das «Parterre» und das «Bourbaki» ist nicht das «Treibhaus», um es etwas vereinfacht zu sagen. 

Besonders erfreulich sind die Reaktionen hier aus dem Bireggquartier, in dem sich offensichtlich viele Stimmen darüber freuen, dass das alte Hallenbad nicht einfach leer steht, sondern hier neue Nutzungen stattfinden und das Haus für alle offen ist. Wir hörten aus dem «Quartier» oft Sätze wie «Macht was aus diesem Haus» oder «Gut, dass ihr hier was macht». 

Insgesamt wage ich den Satz: das «Neubad» lebt, ist für alle offen und erlaubt als Wundertüte bisher unmöglich Geglaubtes. 

Das tönt ja rundum positiv, fast «zu schön, um wahr zu sein». Gab es denn keine Ängste oder gar konkrete Widerstände, zumal ja so vieles offen war und noch immer ist.

In der ersten Woche gabs ein paar Reklamationen wegen Lärms; seither vielleicht dreimal. Schwieriger könnte es diesbezüglich jetzt werden, wenn das Bistro seine Gäste abends auch im Freien bedient.

Wir stehen im regen Austausch mit der Quartierbevölkerung und den Quartiervereinen und führen regelmässig Treffen mit Anwohnern durch. Wir nehmen die Leute ernst und reagieren umgehend.

Wie ist das Haus ausgelastet?

Das Bistro läuft wie gesagt sehr gut, die Vermietung der Atelierplätze im Erdgeschoss ebenfalls. Im Co-Working - ähnlich wie Bürogemeinschaften - hatten wir Anfangsschwierigkeiten, ab April aber sieht es besser aus. Ebenfalls zufrieden sind wir mit den Nachfragen für Veranstaltungen im grossen Schwimmbecken, dort steigt die Nachfrage beinahe wöchentlich! 

Und wie sieht es finanziell aus?

Grundsätzlich gut. Wir werden - wie wir dies auch bereits in der Konzeptphase dargelegt haben - immer auf Drittmittel angewiesen sein. Daher wird es ein fortwährender Kraftakt sein, finanziell über die Runden zu kommen.

Wobei wir uns bewusst sind, dass von der Stadt kein Geld zu erwarten ist. Wir rechnen damit, dass wir jährlich auf etwa 100 000 Franken durch Stiftungen angewiesen sein werden. Ich denke allerdings, dass wir bereits jetzt so Vieles zustande gebracht haben und dass das Projekt dank breit abgestütztem zivilgesellschaftlichem Engagement so aufgestellt ist, dass es sich vielversprechend entwickeln kann.

Es ist an uns, diese Botschaft richtig zu kommunizieren, damit im Idealfall potentielle Geldgeber darauf aufmerksam werden. 

Die Kernbotschaft allerdings ist und bleibt, dass wir all dies aus eigenen Kräften zustandegebracht haben. Dazu gehören unter anderem rund 400 000 Franken, die wir bisher à fonds perdu organisieren konnten. Diese Leistung wird offensichtlich zur Kenntnis genommen, besonders auch seitens ursprünglich sehr skeptischer Leute. 

Handkehrum ist «diese Leistung» der offensichtliche und unvermeidliche Preis für ein Stück Freiheit, das Ihr Euch hier erkämpft und erarbeitet habt; der Preis auch dafür, dass Euch niemand dreinredet?

Es ist genau so. Die Freiheit, also die Freiräume im weitesten Sinn - Stichworte: Nutzungskonzept des Hauses, völlige Handlungsfreiheit bezüglich der Veranstaltungen - ist der springende Punkt am «Neubad». Unser Kulturauftrag kommt von unseren Vereinsmitgliedern und Engagierten, nicht von der Stadt oder von sonst wem. 

Jetzt ist das erste halbe Jahr vorbei. Gibt’s erste Korrekturen und Retouchen am Konzept?

Ja, interne Korrekturen brauchts, sicher vor allem organisatorisch, speziell bezüglich der personellen Einsätze. Da musste sich vieles erst einspielen. Wir werden in diesen Tagen einen Betriebsleiter einstellen, was zur Entlastung der bisherigen Crew und vor allem zur Optimierung des Betriebes unvermeidlich ist (***). Mehrere von uns haben in den letzten Wochen die Grenzen ihrer Kräfte erfahren müssen, das muss sich ändern. Inhaltlich wollen wir unsere Veranstaltungen noch besser kommunizieren. Wir sind auch daran, eigene Veranstaltungsreihen (zum Beispiel das «Wissenschaftscafé») zu lancieren, dies soll aber in einem untergeordneten Rahmen passieren. Und wir wollen die Leute noch mehr ansprechen: Noch immer gibt es Nutzungswünsche, die auf ihre Realisierung warten. 

Das Bistro läuft wie gesagt sehr gut, aber es kann sich noch verbessern. 40 Mittagessen - dies nur so nebenbei - sind übrigens keine Seltenheit. 

Wir brauchen allerdings nach wie vor die Chance, das «Neubad» weiterzuentwickeln. Nichts ist in Stein gemeisselt. Zumal wir ohne konkrete und feste Erwartungen gestartet sind, weil es ja nichts Vergleichbares gab. Darin lagen und liegen unsere Chancen. 

Nun liegt dem Projekt eine Perspektive von insgesamt rund vier Jahren zugrunde, was eigentlich eine kurze Zeit ist. Angenommen, nach vier Jahren sei tatsächlich alles vorbei: Lohnt es sich eigentlich, für so kurze Zeit so Vieles aufzubauen, auch organisatorisch und strukturell? 

Grundsätzlich, ja: Der Verein Netzwerk Neubad ist grundsätzlich als Trägerverein konzipiert und funktioniert unabhängig vom Standort. Ich hoffe sehr, dass sich die Anfangsbegeisterung immer ein Stück weit mitnehmen lässt. 

Aber ein Dilemma besteht darin, dass diese Form von Kultur und Arbeit, nicht dauerhaft den Status eines Lückenbüssers haben soll. Mit dem «Neubad» schaffen wir einerseits die Grundlage, dass dieser Teil der Gesellschaft weniger marginalisiert wird, vielleicht dauerhaft wieder ein Haus bekommt. Und anderseits entstehen aus diesem Umfeld kleinere Zwischennutzungen (zum Beispiel der «Tatort» an der Bernstrasse) und Projekte oder auch Kleinfirmen.  

Interview: Herbert Fischer

***: Dieses Interview fand vor der Wahl des Betriebsleiters statt, dessen Name (Dominic Chenaux) am Mittwoch, 19. März kommuniziert worden ist.


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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

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Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/