das gesamte meinungsspektrum lu-wahlen.ch - Die Internet-Plattform für Wahlen und Abstimmungen im Kanton Luzern

Spenden für Verein lu-wahlen.ch

Diese Website gefällt mir! Um weitere Beiträge darauf zu ermöglichen, unterstütze ich lu-wahlen.ch gerne mit einem Betrag ab CHF 10.-

Kolumne der Redaktion

12.02.2014

«Schwule sind tuntig»: Masterarbeit untersucht Vorurteile von SekundarschülerInnen

Philippe Tanner hat an der Pädagogischen Hochschule Luzern für seine Masterarbeit 135 Jugendliche befragt und deren Antworten eingeordnet (siehe unter «Dateien»). Für lu-wahlen.ch schreibt er, warum er dieses Thema gewählt hat und was er dabei besonders bedenken musste.


Philippe Tanner (1986) hat an der PH Luzern das Studium als Sekundarlehrer abgeschlossen. Zur Zeit leistet er Zivildienst und sucht eine Stelle als Sekundarlehrer.

Bild: Herbert Fischer

Als es darum ging, mir Gedanken darüber zu machen, mit welcher Thematik ich mich in meiner Masterarbeit befassen möchte, wusste ich innerlich recht eindeutig, dass ich mich dem Thema Homosexualität widmen wollte. Doch ziemlich schnell keimten Zweifel und Fragen auf wegen der starken Polarisierung, welche dieses Thema auslösen kann.

Würde ich mit diesem Thema seitens der Pädagogischen Hochschule überhaupt eine Betreuungsperson für die Masterarbeit finden? Könnte ich überhaupt bei den Sekundarschülerinnen und -schülern überhaupt an ehrliche Antworten gelangen?

Lege ich mir damit sogar selber Steine in den Weg bei der Stellenbewerbung? Denn auf dem Sekundarschullehrer-Diplom werden Titel und Thema der Masterarbeit gut sichtbar verewigt sein.

Diese anfänglichen Fragen und Zweifel führten dazu, dass ich erst auf Umwegen zu dem eigentlichen Thema – «Vorurteile gegenüber Homosexuellen» – kam. Zuerst hatte ich mich mit den Themen Mobbing und Gewalt an Schulen befassen wollen. Doch sind bereits schon so stark «ausgeschlachtet» worden, dass mir eine weitere Arbeit in diesem Bereich weniger ergiebig schien. Nach dem Studium diverser Literatur bin ich dann auf Vorurteile und Diskriminierung gestossen. So sind doch vor allem negative Vorurteile stark mitverantwortlich, dass Homosexualität in bestimmten Kreisen und Schichten bis heute immer noch wenig akzeptiert und toleriert wird. Schnell wusste ich: Das wird mein Thema sein. Nun musste ich dieses Thema nur noch etwas eingrenzen sowie meine Fragestellung präzisieren, um klare sowie eindeutige Forschungsergebnisse zu erhalten. Die Hauptfragestellung meiner Masterarbeit lautete dann wie folgt: 

Welche Vorurteile haben Zentralschweizer Schülerinnen und Schüler gegenüber homosexuellen Menschen und wie hoch ist deren Übereinstimmung mit bereits existierenden Vorurteilen gegenüber homosexuellen Menschen in der Gesellschaft?

Weitere interessante Fragen sowie Annahmen, die auch in meiner Arbeit ihren Platz gefunden haben, sind folgende: Gibt es Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Probanden bei der Vorurteilszustimmung? Gibt es diese Unterschiede auch im Hinblick auf die verschiedenen Leistungsniveaus in der Sekundarschule, bezüglich Wohnorten und zwischen Befragten einerseits, die persönlichen Kontakt zu einer homosexuellen Person haben und andererseits solchen, die keinen Kontakt haben?

Die Resultate fielen – aus meiner Sicht – zum Teil erfreulich, zum Teil weniger erfreulich aus. Ganz eindeutig bestätigt werden konnten die Kontakthypothese welche besagt, dass jene Schülerinnen und Schüler, die eine oder mehrere homosexuellen Personen persönlich kennen, vorurteilsloser gegenüber Homosexuellen sind als solche ohne diesen Bezug zum Thema. Ebenfalls bestätigte sich, dass die männlichen Teilnehmer meiner Umfrage vorurteilsbelasteter sind als die weiblichen Befragten. Zudem konnte auch bestätigt werden, dass Schülerinnen und Schüler der Niveaustufe A den Vorurteilen deutlich weniger zugestimmt haben als diejenigen der leistungsschwächeren Niveaus. 

Weniger oder geringeren Einfluss auf die Vorurteilsneigung scheint dabei aber der Wohnort - Unterschiede zwischen urban und ländlich geprägten Einstellungen - zu haben. Einen viel grösseren Einfluss haben die Erziehung und die soziale Umgebung, in der die befragte Person lebt. 

Ergebnisse, die mich weniger erfreut haben und welche hoffentlich einige Leute zum Nachdenken anregen werden, sind demgegenüber folgende: 

. Bei der Befragung der 135 Sekundarschülerinnen und -schüler ist herausgekommen, dass bei 56 Prozent der Befragten das Thema Homosexualität zuhause nie angesprochen wurde und bei knapp 70 Prozent der Befragten wurde es im Unterricht nicht ausführlich, sondern nur sehr oberflächlich, diskutiert. 

. Lediglich 35 Prozent der Lernenden gaben an, dass Homosexualität überhaupt erst einmal Thema im Unterricht war. 

Solche Ergebnisse stimmen mich schon etwas traurig. Vor allem, wenn ich die eigens von den Schülerinnen und Schülern geäusserten Vorurteile wie die folgende bestätigt sehe: «Schwule sind tuntig und benehmen sich weiblich», «Schwule sind abnormal und krank», «Lesben haben kurze Haare und sind eher männlich», «Homosexuelle sehen anders aus und benehmen sich komisch» oder «Alle Schwulen sind pädophil». Diese Vorurteile beleidigen nicht nur ehrbare Menschen, sondern sie diskriminieren diese Personen auch und sie können so Karrieren oder gar Menschenleben zerstören! Und dies einzig allein aufgrund ihrer sexuellen Orientierung, die sie nicht frei gewählt haben.

Des weiteren konnte ich Einstellungen der Jugendlichen feststellen, die sich eins zu eins auf die Erwachsenen übertragen lassen. So ist eine Mehrheit der Schülerinnen und Schüler gegenüber homosexuellen Menschen generell sehr liberal eingestellt. Und gleichgeschlechtliche Partnerschaften und Adoptionen von Kindern werden mehrheitlich befürwortet.

Dies tönt alles gut und recht, doch leider hört die liberale Einstellung bei vielen Leuten auf, sobald sie wirklich mit homosexuellen Menschen zu tun haben, diese sich öffentlich küssen oder turtelnd und verliebt durch die Gegend laufen.

Dann wird getuschelt und es fallen dumme Sprüche. Auch ich bin schon einige Male Hand in Hand mit einem Mann durch die Stadt Luzern gelaufen. Ich muss schon sagen: so viel Aufmerksamkeit und Interesse habe ich in der Öffentlichkeit sonst nie erlebt. 

Zusammengefasst lässt sich somit sagen, dass die offen geäusserten Vorurteile das kleinere Übel sind als die subtilen, im Unbewussten stark verankerten und geschichtlich geprägten Vorurteile. Denn die offenen Vorurteile stehen stärker unter der Kontrolle der sozialen Erwünschtheit und können vom Individuum kontrolliert werden. Die subtilen Vorurteile hingegen nicht.

Daher kommt es nicht selten vor, dass eine geoutete homosexuelle Person gemieden und ignoriert wird oder sich oft kühler Distanz ausgesetzt sieht, was ich selber leider auch schon ein paar Mal erlebt habe. 

Warum werden homosexuelle Menschen denn überhaupt erst so verachtet und vielerorts verabscheut und gemieden? Sie haben doch nie jemandem etwas zuleide getan. Eine einzige Antwort auf diese Frage gibt es nicht. Eine Hauptursache ist jedoch sicherlich das lange Zeit (vor allem von der Kirche!) vorgelebte und propagierte Bild von der alleinigen Symbiose von Mann und Frau und die damit verbundene Rollenattribuierung der beiden Geschlechter. Fortpflanzungstechnisch macht das Sinn, doch wenn der liebe Gott – oder an welche Übermacht man auch immer glauben möge – Homosexualität nicht gewollt oder verabscheut hätte, so würde es diese auch gar nicht geben. 

Wem schaden homosexuelle Menschen überhaupt? Niemandem! Sie tragen viel eher zu einer vielseitigen Gesellschaft bei und wirken der Monotonie entgegen. Zudem könnte man homosexuelle Menschen eigentlich auch als natürliche Ausgleichsmassnahme und als Pendant zur Überbevölkerung sehen. Sie sind jedenfalls für die Menschheit besser als Kriege, Seuchen, Geldgier und Krankheiten ... – wage ich frech zu behaupten.

Wenn man einen Blick in die Vergangenheit der Schwulenbewegung wirft, so können sich die homosexuellen Menschen von heute vielenorts glücklich schätzen. Längst nicht mehr werden sie für das Ausleben ihrer sexuellen Identität auf dem Scheiterhaufen verbrannt, ausgestossen oder verachtet. Erfreulicherweise sogar besetzen sie heutzutage viele wichtige öffentliche Ämter und haben gesellschaftlich hoch angesehene Positionen inne. So sind zum Beispiel der Bundesanwalt der Schweizerischen Eidgenossenschaft (Michael Lauber), der frühere deutsche Aussenminister Guido Westerwelle, der Berner Regierungsrat Bernhard Pulver, Zürichs Stadtpräsidentin Corinne Mauch oder Elton John, einer der erfolgreichsten Musiker, und der deutsche Fussballstar Thomas Hitzlsperger allesamt offen lesbisch oder schwul. 

«Ja, und: wo liegt das Problem?» sagen dazu heutzutage die allermeisten Leute und zucken die Schultern, was noch vor 20 und erst recht mehr Jahren schlichtweg undenkbar war. Dass dies erst möglich wurde ist vielen starken Menschen zu verdanken, die dafür zum Teil sogar ihr Leben geopfert haben. So mussten viele homosexuelle Menschen erst sterben, damit andere wachgerüttelt wurden; ungezählte Suizide zeugen davon. 

Es ist an der Zeit, dass weitere Suizide vermieden und Gewalt an homosexuellen Menschen gestoppt werden! Sich genau dafür einzusetzen, hat mich persönlich getrieben, diese Masterarbeit zu schreiben und darauf zu achten, dass diese im Nachhinein nicht einfach im Regal zuhause und im Archiv der Hochschule verstaubt, sondern möglichst breit und offen debattiert wird. 

Die volle Emanzipation von homosexuellen Menschen ist erst dann erreicht, wenn Homosexualität gar kein Thema mehr ist und man sich nicht mehr für seine sexuelle Orientierung zu rechtfertigen, respektive zu «outen» hat!

Wirft man allerdings einen Blick auf die aktuellen Schlagzeilen aus Russland im Zusammenhang mit den olympischen Winterspielen in Sotschi oder liest man auch hierzulande immer noch erfolgende homophobe Aussagen von Politikern wie eben erst durch den Walliser SVP-Vertreter Jörg Meichtry, so muss ich feststellen, dass dieses Ziel noch lange nicht erreicht ist.  

Ich hoffe darum sehr, dass diese Kolumne hier auf lu-wahlen.ch sowie meine Masterarbeit zum Erreichen dieses Ziels etwas beitragen.

Philippe Tanner, Luzern

Siehe unter «Dateien»: die Masterarbeit von Philippe Tanner.

Siehe weiter unten: Kommentare zu dieser Kolumne.


Teilen & empfehlen:
Share    
Kommentare:
Anzeige: 1 - 2 von 2.
 

Margrit Grünwald aus 6005 Luzern

Mittwoch, 12.02.2014, 10:10 · Mail

Herr Tanner, ich gratuliere Ihnen.

Selber war ich in der Schule aktiv. Es braucht Pädagogen und Pädagoginnen, die auf diese Art gesellschaftliche Veränderungen voranbringen.

Herzlichen Gruss, Margrit Grünwald, Luzern

 

Pirmin Meier aus Rickenbach

Mittwoch, 12.02.2014, 09:54 · Mail

Sehr geehrter Philipp Tanner!

Ich werde Ihre Masterarbeit gerne lesen. Ich bin überzeugt, dass ich davon was lernen kann. Da ich mich seit 1964 mit dem Thema befasse, bis jetzt drei Bücher dazu geschrieben oder herausgegeben habe und seit 20 Jahren die Geschichte der Homosexualität in der Innerschweiz recherchiere, erlaube ich mir ein paar Bemerkungen. Dabei schliesse ich fast aus, dass es bei uns einen Lehrer gibt, der Homosexualität im Unterricht stärker thematisiert hat als ich, und zwar seit Jahrzehnten. Nun einige kurze Bemerkungen:

1. Die Thematisierung von Homosexualität in der Schule ist wichtig. Wer aber zum Beispiel glaubt, man müsse wenn immer möglich schon im Kindergarten damit anfangen, leidet unter ideologischem Fanatismus, der in der Homosexuellenbewegung und besonders bei der Gender-Sekte umso stärker verbreitet ist, je weniger man über die Geschichte der Homosexualität weiss. Ich hoffe sehr, dass Sie die Werke von Karl Heinrich Ulrichs, dem Karl Marx der Homosexuellenbewegung, oder das im 2. Band weltweit praktisch nur in der Zentralbibliothek Luzern vorhandene Standardwerk des Schweizers Heinrich Hössli von 1836 kennen, das bestunterdrückte Buch der Schweizer Geschichte. Im allgemeinen ist der Ausbildungsgrad der Lehrerinnen und Lehrer zu schlecht, um sie über das Thema Homosexualität qualifiziert auf die Schülerinnen und Schüler loszulassen.

2. Dass homosexuelle Menschen noch nie jemand etwas zu leide getan hätten, beruht auf einem anthropologischem Irrtum und Ihrer mangelnden Lebenserfahrung. Es gibt heterosexuelle und homosexuelle «Schweine», und der von mir beschriebene im übrigen hochbegabte Dr. iur. Franz Desgouttes, gerädert am 30. September 1817, übrigens auf eigenen Wunsch, er hätte sich mit Geköpftwerden begnügen können, hat immerhin seinen Geliebten Daniel mit dem Vorläufer des heutigen Militärsackmessers erstochen. Meine persönlichen Erfahrungen, beispielsweise im Militär, waren auch nicht nur süss, sondern gingen ans Lebensgefährliche. Die Narbe könnte bei einer späteren Sektion meiner Leiche noch jetzt identifiziert werden

3. Ein von mir mitherausgegebenes Buch über die Bisexuellenszene in Zürich, die auch mit der Stricherszene zusammenhängt, gilt als «schlechte Werbung für die schwule Sache», weil die Beschreibung der Dinge, wie sie sind, unangenehm ist. Selbstverständlich, das gilt auch für die Andeutung aus dem Militär, hängen die Missstände auch mit mangelnder Aufklärung zusammen. Wir können aber weder Heterosexuellen noch Homosexuellen durch Aufklärung das Gutmenschentum beibringen.

3. Den Meichtry finde auch ich unter aller Kanone. Dass Sie ihn unter «SVP» führen, will offenbar die Feindbildkonnotation verstärken. Es gibt aber, wie Sie vielleicht wissen, bei der SVP eine tolle Schwulenszene, die hervorragend integriert ist, die «Gay SVP», während es beispielsweise Stefan Gassmann bis jetzt nicht gelungen ist, eine brauchbare «schwule CVP» auf die Beine zu bringen. Die entsprechende in Watte verpackte Distanzierung von Parteipräsident Schwegler ist Ihnen hoffentlich nicht unbekannt. Die Schwulen sind allerdings nur bedingt in der Lage, die langsam aussterbenden Abtreibungsgegner in der CVP angemessen zu ersetzen. Dem Wählerrückgang muss anders begegnet werden.

4. Es ist anthropologisch falsch, wird von der unterdrückten «schwulen CVP» auch nicht vertreten, zum Beispiel die Adoption von «leiblichen Kindern» zur Wesensentfaltung sinnvoller homosexueller Existenz zu erklären. Schwulenvater Platon, der unbestrittenermassen bedeutendste Philosoph der Menschheit, forderte als Resultat der Homoerotik die Erzeugung geistiger Kinder, etwa mathematischer und politischer Theorien, Ästhetik, Kunst, einen echten Mehrwert für die Gesellschaft, so wie sich in Glarus Heinrich Hössli leidenschaftlich für die Demokratie einsetzte, die in Europa heute fast niemand mehr verstehen will. Die Leistung schwuler Menschen auf dem Gebiet der Mode, um nur eine Kulturform zu nennen, auch Hössli machte da mit, ist unvergleichlich. Hier sollte nicht adoptiert, sondern gezeugt werden. «Liebe ist die Lust im Schönen zu zeugen» (Platon).

5. Zur Integration der Schwulen gehören die Schwulenwitze. Gute Schwulenwitze und gute Judenwitze und sogar gute Blondinenwitze gehören dazu, und eine gute Schwulenlektion in meinem Ethikunterricht war selbstverständlich fast immer von ein paar Lachern begleitet, was zwar bei mir auch bei anderen Themen nie ausgeschlossen war. Dabei bin ich nicht sicher, ob alle von mir erzählten Schwulenwitze gut waren. Die wirklich schlechten Witze, zum Beispiel über Juden, sind nämlich nicht lustig, dito bloss frauenfeindliche Witze.

6. In der Sexualethik gibt es «das Gesetz des noch grösseren Schweines». Heterosexuelle Herumvögler fanden sich lange besser als homosexuelle und bisexuelle Exemplare der Gattung, wobei es die Bisexuellen wie auch die Polygamen heute mit der Gleichberechtigung noch besonders schwer haben. Früher, etwa zur Zeit von Hössli und von Heinrich Federer, wurde Homosexualität und Pädosexualität noch in den gleichen Korb getan, was damals sogar rein juristisch zulässig war. Das geht heute nicht mehr, und ich möchte auch hervorheben, dass ich das, was sich gewisse deutsche Grüne, Daniel Cohn-Bendit und auch sogenannte Reformpädagogen geleistet haben, schlicht eine Schweinerei finde; einerseits konkrete Schweinereien, soweit nachgewiesen, andererseits eine philosophische Schweinerei, Schändung des niemals verstandenen Gedankengutes von Platon. Das sollten sich wenigstens Akademiker nicht leisten.

Nun gehört es aber zum «Gesetz des grösseren Schweines», dass sich die Homosexuellen bis zum Gehtnichtmehr von den Pädophilen distanzieren und sich ihnen moralisch überlegen fühlen. Da ich nach meinem Buch über den genialen Pädophilen Heinrich Federer, von Beruf Priester, eindrucksvolle bekennende Zuschriften von pädophil veranlagten Menschen erhalten habe, nicht ausschliesslich Schweine, Musiker waren am stärksten unter ihnen vertreten, verwahre ich mich ohne Rücksicht auf Verluste gegen die pauschale Diffamierung aller Pädophilen. Über Michael Jackson und Balthus würde ich trotzdem keine Biographie schreiben. Aber das sich Besservorkommen ist, auch laut Bibel, die zwar in Gottes Namen im Wortlaut nicht schwulenfreundlich ist, keine gute Basis für eine kritische und selbstkritische ethische Reflexion. Noch mehr als den Homosexuellen fehlt es den Normalos an dieser selbstkritischen Reflexion, da sind wir uns wahrscheinlich einig.

7. Damit wir uns richtig verstehen: die Thematisierung der Homosexualität in der Schule soll niemals ein Tabu sein. Eine Katastrophe aber wäre es, nicht qualifizierte Lehrkräfte, irgendwelche Naivlinge, auch weiblichen Geschlechts, dazu zu zwingen. Das schadet mehr als es nützt. Auch die Gutmenscherei ist völlig lächerlich. Immerhin, wenn es sich ergibt, warum nicht mal ein homosexuelles Paar zum Beispiel in den Ethikunterricht einladen? Nach meiner Erfahrung brachte die Frage einer Schülerin, wer von den beiden «der Mann» und wer «die Frau» sei, die beiden Gäste in Verlegenheit. Sie könnten es nicht sagen. Zur homoerotischen Sprache der Liebe, deren Meister Roland Barthes war, gehört die Rückverwandlung in einen Kinderkörper. So wie ein Heterosexueller im Altersheim seine Freundin bei geschlossenen Augen «mein Mädchen» oder gar «liebes Kind» nennt, verwandelt sich in der Homoerotik der Geliebte in einen Knaben. Dies gehört elementar zur Aufklärung über das Problem. Darum auch sind Pädophile keine Schweine, sondern nur dann, wenn sie Kinder missbrauchen.

8. Ein normales Verhältnis zur Sexualität kann durch Erziehung und Unterricht nicht erzeugt werden, höchstens kann man einige der blödsinnigsten Vorurteile beseitigen. Ein normales Verhältnis zur Sexualität ist ungefähr so häufig wie eine harmonische Ehe. Dass natürlich Homosexuelle, besonders ältere, die nicht mehr so viel v...n müssen, ihre Verhältnisse diskriminierungsfrei sollten regeln können, bleibt ein legitimes und leider nicht selbstverständliches Anliegen. Wie wichtig das Bedürfnis ist, sich nach der Trennung auch so richtig mal finanziell ruinieren zu lassen, wäre ein Thema wohl nicht nur für die Weiterbildung der «Gay SVP».

8. Falls Ihre Masterarbeit gedruckt wird, würde ich sie allenfalls rezensieren. Ich hoffe meinerseits, die Geschichte der Homosexuellen in der Innerschweiz im 19. Jahrhundert, vorläufig zurückgestellt, noch zu Lebzeiten in den Druck bringen zu können.

9. Eine Alternative zu Genderaufklärung wäre die breite Wiedereinführung zum Beispiel des Griechischunterrichtes am Gymnasium. Die Bildung in dieser Richtung hatte für mich nicht nur hohen Aufklärungswert, sondern erzeugt zumindest keine automatisch negative Einstellung zur Homosexualität. Die Lektüre von Platon bringt auch für einen katholischen Homosexuellen eher mehr als die Teilnahme an der Kommunion nach vorheriger Beichte. Ebenfalls besser als Kommunizieren ist die Lektüre der Visionen von Bruder Klaus. Dieser konnte sich einen schönen Mann mit unerhörter erotischer Ausstrahlung besser vorstellen als jeder Innerschweizer der bisherigen Geschichte. Er war trotzdem im Prinzip nicht schwul. Seine zehn Kinder waren nicht adoptiert und im Gegensatz zu anderen Landammännern betrog er seine Frau nicht nur nicht, er schlug sie nicht einmal. Ob man ein guter Mensch ist, da bin ich mit Ihnen einverstanden, Herr Tanner, hängt tatsächlich nicht von der sexuellen Orientierung ab.

Pirmin Meier, Autor, Rickenbach

 
 
Kommentar verfassen:

Ins Gästebuch eintragen
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz  

Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

treten Sie mit lu-wahlen.ch in Kontakt

Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/