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Kolumne der Redaktion

09.09.2013

Die «Tortellinis» bieten Zusatzvorstellungen an und Regisseur Maël Stocker sagt, wie «Traumkünstler» entstanden ist

Der Grosserfolg seiner diesjährigen Produktion hat den Jugendzirkus Tortellini veranlasst, Zusatzvorstellungen auszuschreiben. In einem Interview mit lu-wahlen.ch erklärt Regisseur Maël Stocker, wie das Stück erträumt worden ist und warum Träume so wichtig sind.


Mäel Stocker (rechts) führt bei «Traum-künstler» Regie. Links im Bild: Rochus Lussi, freischaffender Bildhauer, der das Bühnenbild entworfen und umgesetzt hat. Hier werden die Beiden nach der Première mit Wein und Blumen übergossen.

Bild: Herbert Fischer

Szene aus «Traumkünstler»

Bild: Savino Caruso

Maël Stocker, wann hast Du das letzte Mal geträumt?

In der letzten Nacht, vor wenigen Stunden.

Und wovon hast Du geträumt?

Von einer wilden Fahrt mit Motor- und Fahrrad. Es war schön, zuhause anzukommen. 

Welche Rolle spielen Träume in Deinem Leben?

Träume sind für mich sowohl Warnsignale als auch Amüsement. Aber vor allem sind sie Hinweise auf das, was in mir abgeht. Sie sind zudem hervorragende Berater bei wichtigen Entscheidungen.

Wie kamst Du auf die Idee, ein «Tortellini»-Programm über Träume zu erfinden?

Im Austausch mit Philipp Fankhauser, unserem musikalischen Leiter. Wir wollten etwas ganz anderes machen, als in der letzten Produktion. Damals legten wir grossen Wert auf eine gut erzählte Geschichte. Die Geschichte und die Charaktere lagen während der Erarbeitung im Zentrum. Das Stück und die Figuren hatten etwas sehr Reales. Mit der «Traum-Thematik» erhofften wir uns einen anderen Zugang.

Wie lief die Erfindung, die Erarbeitung dieses Stücks ab?

Die Thematik der Träume liess uns anders an das Erarbeiten herangehen. Die detaillierte Handlung der Geschichte liessen wir bewusst lange offen. Dafür haben wir beispielsweise schon früh Instrumente in die Theaterproben miteinbezogen. Wir liessen uns von Musikalität leiten. Mit dem «Tortellini»-Team, einer Gruppe von 14 Jugendlichen und jungen Erwachsenen, habe ich Improvisationen zur erweiterten Thematik von «Träume» gemacht. Aufgrund dieser Improvisationen und der aufgetauchten Themen haben wir weiter improvisiert, Spass gehabt und ausprobiert. Mit einer freiwilligen Gruppe aus dem Team habe ich mich zudem für Besprechungen getroffen, in welchen wir das Erarbeitete rekapitulierten und gemeinsam erörterten, wo der Weg hinführen könnte. So ist der Plot der Geschichte entstanden. Kurz vor der Intensivprobezeit habe ich das Ganze zu einer Geschichte verflochten. Mit dem entstandenen Drehbuch tauchten wir dann in die Endprobenzeit ein.

Was erwartet das Publikum bei «Traumkünstler – ein musikalisches Zirkusspiel»?

Ein verspieltes und zugleich ruhiges Stück Zirkustheater. Einige werden in den ersten Minuten vermutlich etwas irritiert sein. «Traumkünstler» handelt von einem jungen Traumwesen, welches auf dem Weg ist, ein echter «Traumkünstler» zu werden. Das heisst: Er erlernt das «Machen» von Träumen und bekommt sein eigenes «Traumwerkzeug» geschenkt, eine Ukulele. Der kleine Traumkünstler ist aber zu übermütig und begeht einen folgenreichen Fehler. «Traumkünstler» ist also einerseits ein Stück über die Welt der Wesen, die Träume machen. Anderseits ist es am Ende ein liebliches Stück über die Träume eines kleinen Mädchens rund um eine Auseinandersetzung, die es mit seiner kleinen Schwester hatte. 

Was lief zwischenmenschlich ab während dieses Prozesses? Lernten sich – zum Beispiel - die Beteiligten näher kennen?

Selbstverständlich lernt man sich sehr nahe kennen in der ganzen Probezeit. Aber spannend finde ich, dass auch Spielende, welche als gute Freunde in das Projekt eintreten, sich neu kennenlernen müssen. Denn auf der Bühne, als ArtistIn, MusikerIn und SchauspielerIn ist man auf eine andere Art gefordert und gefragt als im normalen Schul-, Berufs- oder Familienalltag. Man lernt einen weiteren Aspekt der Mitwirkenden und nicht zuletzt auch von sich selbst kennen. 

Das scheint ja ein klassischer gruppendynamischer Prozess zu sein: Welche Energien werden dabei freigesetzt: Etwa Distanzierung, Ablehnung, Skepsis, Akzeptanz, Zuneigung, Freundschaft? 

Da gibt es von allem etwas. Je nach Phase. Das gemeinsame Ziel der Aufführungen und der Fakt, das alle freiwillig und topmotiviert dabei sind, erleichtert diesen Prozess. Natürlich ist es der Sache dienlich, wenn die positiven Aspekte vorherrschen. Darauf arbeiten die Zirkusleitung, die musikalische Leitung und ich von Anfang an hin.

Wie hast Du konkret umgesetzt, was dabei entstand?

Ist ein Gerüst für eine Handlung der Geschichte gefunden, ordne ich die bereits erarbeiteten Szenen an. Dann setze ich die artistischen Nummern. Hier versuche ich, die dramaturgischen Bedingungen im Auge zu behalten. Die Handlung der Geschichte überprüfe ich immer wieder auf ihre Kompatibilität mit den artistischen Nummern und anderen Bedingungen, die ein Zirkus stellt. Im Austausch mit dem Musiker, dem Team oder auch mit Delia Leuenberger, welche die Kostüme kreierte und schneiderte, und mit Rochus Lussi, welcher das Bühnenbild erschuf, entsteht so ein befruchtendes Hin und Her, bis schliesslich in der intensiven Endprobenzeit das effektive Stück entsteht.

Wann ist «Tortellini 2013» ein Erfolg?

Wenn ich das Gefühl habe, dass das, was wir erzählen und zeigen wollen, auf die geplante oder eine ähnliche Weise auch verstanden und gesehen wird. Wenn die Beteiligten Freude haben an ihrer Arbeit und der Arbeit ihrer Gruppenpartner. Wenn das Publikum geniessen kann. Und natürlich muss das Ganze auch finanziell aufgehen.

Wo lagen, wo liegen die Risiken?

Lieber spreche ich von Herausforderungen als von Risiken, wiewohl selbstverständlich Risiken bestehen. Bezogen beispielsweise auf die Gefährlichkeit von artistischen Nummern oder bezüglich des Geldes, das aufgetrieben werden muss. Aus Sicht der Inszenierung ist es eine Herausforderung, einerseits allen Spielenden eine Sprechrolle zuzuhalten, anderseits für alle Spielenden gleichermassen Platz in Musik und Artistik einzuräumen ohne dabei die Umzieh- und Umbauphasen nicht zu vergessen. Schliesslich soll die Dramaturgie des Stücks der Geschichte weiterhin dienen und das Publikum die vielen Wechsel und Umbauten als etwas natürliches wahrnehmen. Zudem ist vordefiniert, wer welche artistischen Nummern macht und wer wann «in der Musik» ist. Das kann manchmal ganz schön Kopfzerbrechen bereiten.

Welche Lehren lassen sich – vor allem angesichts des diesjährigen Themas Träume – ziehen, etwa: «Träumen wir mehr!» oder «Träume brauchts, um....»?

Grundsätzlich ist das diesjährige Stück ja ein sehr leichtes, kindliches Stück. Ich möchte dem Stück an sich keine sehr tiefe Metaebene unterstellen. Mit Blick auf die Thematik «Traum» bin ich aber der Meinung, dass wir Träume stärker in unsere Entscheidungen und unser aktives Handeln miteinbeziehen könnten. Je weniger ich meine Träume verdränge, desto stärker bin ich mit mir selbst im Reinen. Mit Träumen meine ich hier nicht meinen Traum nach dem eigenen Haus am Meer. Viel eher meine ich das Zulassen von Unsicherheiten, das «in Frage stellen» von Alltäglichem, das Pflegen von Beziehungen und Anpacken von Dingen, die mich beschäftigen.

Wie fandest Du, wie findest Du jeweils die «richtigen Leute» für die jeweiligen Rollen?

Aus den Improvisationen gehen gewisse Rollen hervor. Andere schreibe ich dazu. Durch die lange Probezeit kenne ich die einzelnen Darstellenden schon lange, bevor es an die Rollenverteilung geht. Dadurch bestimmen die Spielenden mit, welche Rolle sie schliesslich im Stück haben werden. Das bedeutet, dass ich nicht die richtigen Leute für die jeweiligen Rollen finden muss, sondern umgekehrt: die richtigen Rollen für die bereits vorhandenen Leute; und entsprechend natürlich auch die richtige Geschichte für die jeweilige Gruppe.

Musstest Du auch schon Leute abweisen?

Das Zusammenstellen des neuen Teams darf ich der Zirkusleitung überlassen. Der Jugendzirkus konnte in den letzten Jahren nicht alle Leute aufnehmen, die ihr Interesse anmeldeten. Unter anderem aus diesem Grund hat Ursi Caflisch, eine der Gründerinnen des Jugendzirkus Tortellini, die Zirkusschule in Littau gegründet. In der Zirkusschule Tortellini können alle Kinder und Jugendlichen im Rahmen von Semesterkursen mitwirken. Die Zirkusschule funktioniert jedoch absolut unabhänging vom Jugendzirkus. Ich sehe aber das Zusammenstellen einer neuen Gruppe für den Jugendzirkus weniger als Abweisen, als viel eher als Auswahl von Einzelnen. Es ist zum grossen Teil eine Glücksache, ob es schliesslich klappt oder nicht.

Schätzungsweise ist ja ein solches Mega-Projekt für die Einzelnen auch ein Gemeinschaftserlebnis. Wie erlebst Du dies als Regisseur und wie erleben dies die Mitmachenden?

Die «Tortellinis» investieren enorm viel in ihr Projekt, sie müssen nicht nur theatralisch ihre Leistung abrufen können, sondern vor allem auch artistisch und musikalisch. Die Anerkennung, die sie nun durch die Aufführungen erhalten, wirken neben dem Gemeinschaftserlebnis enorm motivierend und es wird jedem einzelnen bewusst, was er zu leisten imstande ist. Dieses Gefühl auf irgend eine Art erleben zu dürfen, ist jedem Menschen zu wünschen. Als Theaterschaffender ist es natürlich ein Privileg, eine solche vielfältige und motivierte Gruppe anleiten zu dürfen.

Was dürfen wir 2015 von den «Tortellinis» erwarten?

Wiederum strebe ich eine neue Art der Stück-Erarbeitung an. Das Gedankenmachen darüber beginnt bereits jetzt. Vielleicht lassen wir uns von einem Objekt leiten und inspirieren, vielleicht von einer bestehenden Geschichte oder einer Zeitepoche. Auf alle Fälle wird es wieder etwas ganz Eigenes geben, ausgehend von der neu entstehenden Gruppe. Garantiert werden die Spielenden wiederum gleichermassen in Artistik, Musik und Theater engagiert sein.

Interview: Herbert Fischer, Redaktor lu-wahlen.ch

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Das Interview wurde schriftlich geführt. Interviewer und Interviewter duzen sich, weil sie sich auch persönlich kennen. 


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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

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Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/