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Kolumne der Redaktion

27.07.2013

Die Zeigefinger der Besserwisser

Ich lasse mir gerne von Anderen etwas beibringen. Unterweisungen sind mir nicht per se etwas Lästiges. Meine Seele zieht nicht alles aus sich selbst. Was ich nicht mag sind die Besserwisser. Sie reden fast immer mit erhobenem Zeigefinger.


Roland Neyerlin (*1952) ist Heilpädagoge und Philosoph. Seit mehr als zehn Jahren führt er in Luzern eine Philosophische Praxis. Er moderiert diverse «Cafés philo» und empfängt Gäste zum Philosophieren im Kleintheater Luzern. Das gemeinsame Nachdenken über sich und die Welt steht für ihn im Vordergrund: «Philosophie als Philosophieren ist Selberdenken.»

Roland Neyerlin ist ein Welt- und Weltenreisender. Der Elfenbeinturm ist nicht sein Aufenthaltsort. Er schaut sich draussen um und will Brücken schlagen zu den Menschen und ihren konkreten Lebenswelten mit all ihren Fragen. Er sagt: «Philosophie ist Theorie und Praxis des guten Lebens».

Ich nenne diese Geste des Zeigens den Zeigefinger der Apodiktiker. Apodiktisch (griech. apodeiktikos) heisst beweiskräftig. Apodiktische Aussagen dulden keine Widersprüche, weil sie als bewiesen und unumstösslich gelten. Doch das Leben ist anders als die Modallogik. Alles kann Fehler enthalten – Parteiprogramme, plausible Annahmen, Strategien, elegante Redewendungen, gut gemeinte Vorschriften, klare Regeln, abstrakte Theorien, Dogmen, Wahrheitsversprechen, politische Standpunkte. 

Politikerinnen und Politiker reden gerne mit erhobenem Zeigefinger. Philosophen übrigens auch. Und ich staune immer wieder, wie schnell diejenigen lernen, die noch nicht lange im Geschäft sind. Die politische und philosophische Kultur scheint zur Rechthaberei zu verführen. Ich verstumme dann jeweils – gefragt bin ich ja ohnehin nicht.

Wer mit erhobenem Zeigefinger auf andere einredet, duldet keine Einwände. Die eigene Sichtweise wird zur Wahrheit – Schluss und fertig! Ich lobe die Inkonsequenz. «Sie ist eine der Formen, in der die Menschen ihrer Erfahrung der Unsicherheit des Denkens und Wertens Ausdruck verleihen.» Die Wankelmütigen, die Inkonsequenten wissen um die grundsätzliche Unzulänglichkeit des Menschen, seiner Ziele und Handlungen. Der polnische Philosoph Leszek Kolakowski beispielsweise wird nicht müde darauf hinzuweisen, dass die Menschheit nur Dank der Inkonsequenz überlebt. Die Konsequenten errichten die Scheiterhaufen. 

Hermann Levin Goldschmidt, ein gescheiter Theoretiker des Widerspruchs schreibt: «Wo ein Widerspruch laut wird, dort, meint man, sei etwas falsch, statt zu begreifen, dass dort, wo kein Widerspruch vorliegt, etwas falsch sein muss. Nicht die Vereinheitlichung, jeweils auf Gleichschaltung hinauslaufend, sondern der Widerspruch ist es, der die Freiheit verbürgt […].» Widersprüche halten nicht nur in Bewegung, sie weisen auch darauf hin, dass vielleicht etwas nicht stimmen könnte. Sie offenbaren das Differente und helfen so, Fehler zu entdecken und zu verbessern. Sie machen Denkweisen, Theorien und Systeme präziser, weniger beliebig und fördern die Differenzfähigkeit. Ohne Widerrede gedeiht das Denken nicht. Zur Entourage von Führungspersonen sollten viele Andersdenkende gehören. 

Niemand weiss genau, wie die Welt eingerichtet sein muss. Auch die politischen und philosophischen Klugscheisser nicht. Was also bleibt? Vielleicht das, was ich die sokratische Bescheidenheit nenne: Wir wissen, dass wir nicht viel wissen. Ich weiss, dass ich nicht weiss. Wohlverstanden: nicht nichts. Das eigene bescheidene Wissen mit dem Wissen anderer zusammenzubringen und daraus einen Lernprozess zu gestalten, das wäre der Weg der Klugheit. Das ist nicht viel, aber auch nicht wenig. 

Widersprüche verunsichern. Sie führen aus vermeintlich ewigen Wahrheiten heraus und in keine neue hinein. Ein Denken, das keine Einsprüche zulässt, verspricht den Menschen etwas, was es nicht einzulösen vermag. Unsere Sehnsucht nach letzten Sicherheiten bleibt ungestillt. 

Egal, ob uns das passt oder nicht! Was sich als ein Absolutes gebärdet, ist stets nur das Vorläufige. Klüger wäre es, uns gegenseitig zu befähigen, Offenheit, Relativität, Unbestimmtheit und Unsicherheit auszuhalten. Machen wir uns zu Sachwaltern des Widerspruchs. Der Zeigefinger schliesst die Tore zu neuen Denk-Räumen und unvermuteten Perspektiven.

Wir alle sollten uns ernsthaft und lustvoll um gelingende Gespräche bemühen. Es wäre eine Verständigung, die in offenen Auseinandersetzungen gesucht wird. Das aber schaffen wir nur, wenn wir uns in der Kunst des Sich-Einlassens üben. Wir müssen das Zuhören lernen. Das Zuhören macht zugänglich und offen für Andere und Anderes. Es ist eine Haltung der Ansprechbarkeit und Aufnahmebereitschaft. Das setzt gegenseitiges Vertrauen voraus, ausserdem Sicherheit, Unbekümmertheit und die Fähigkeit sich ohne Angst vor Bedrohung, Verletzung, Verlust, Desorientierung oder Indoktrination den verschiedensten Einflüssen aussetzen zu dürfen.

Das Zuhören ist immer risikobehaftet. Wer in seinem Denken, Handeln und Fühlen immer nur das bleiben will, was er zu sein glaubt, darf nicht zuhören. Begegnung kann verändern! 

Die Stadt Luzern muss sparen - das muss sie eigentlich immer! Bleibt der Zeigefinger unten, besteht vielleicht die kleine Chance, dass dialogisch nach brauchbaren Lösungen gesucht wird und für einmal die Besserwisser zum Schweigen gebracht werden.

Roland Neyerlin, Philosoph, Philosophische Praxis Luzern


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Philipp Federer aus Luzern

Dienstag, 06.08.2013, 21:53 · Mail  Website

Ein ansprechender Text, den ich mit Interessen gelesen habe. Doch am Schluss stolpere ich. Was soll der Vergleich mit den Sparprogrammen der Stadt? Hier hätte ich gerne eine Erklärung, warum ohne Widerstand (den Zeigefinger eines Aufbegehrenden) «vielleicht die kleine Chance, dass dialogisch nach brauchbaren Lösungen gesucht wird», besteht.

Da bin ich völlig anderer Ansicht als Roli. Gerade, weil Druck gemacht wurde - metaphorisch mit Fingern darauf hingewiesen worden ist - buchstabierte der Stadtrat in einigen sinnlosen Sparbemühungen (Spielplätze, Sitzbänke, WC-Abbau) zurück. Der Stadtrat krebst zurück dank Leserbriefen, Vorstössen und Blogbeiträgen. Diese Hinweise mit dem Finger haben schon Kompromisse bewirkt. Den Verzicht auf jegliches Aufbegehren halte ich dagegen für unergiebig. Rolis Schlussfolgerung bezüglich städtischen Sparprogrammen halte ich für falsch. Wer aufbegehrt, ist deswegen kein Besserwisser! Macht sich nicht derjenige, der die Kritiker der Sparprogramme als Besserwisser bezeichnet, selber zum Besserwisser? Schade, bei den Sparprogrammen hätte ich mehr Sachverstand erwartet.

PS: Der erhobene Zeigefinger ist ein altes Symbol für die Verbotspädagogik. Bei den Sparprogrammen stehen dagegen Verteilkämpfe mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Werten und Vorstellungen der sozialen Ordnung im Vordergrund. Der Kontext ist hier nicht die Moral, sondern verschiedene Interessen.

Beim letzten Abschnitt verlässt Roli die Ebene Pädagogik/ Moral und zielt final auf eine Interessensebene der Politik. Dieser letzte Abschnitt, und nur dieser eine, ist zumindest für mich und hoffentlich auch für andere deplaziert.

Philipp Federer, Luzern

 
 
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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

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Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/