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Kolumne der Redaktion

22.06.2013

Was Klara Obermüller (73) im «Südpol» den 65-jährigen LuzernerInnen sagte

«Zwischenhalt – Gedanken zum Beginn des Rentenalters»: Darüber sprach gestern Freitagabend (21. Juni ) im «Südpol» die Zürcher Publizistin Klara Obermüller. Ihr Publikum: LuzernerInnen, die dieses Jahr 65 jährig werden oder geworden sind und welche die Stadt aus diesem Anlass eingeladen hat.


Referentin Klara Obermüller.

Bild: Daniel Schulthess

Der Vortrag fand im Rahmen des Projekts «Altern in Luzern» statt (siehe dazu auch weiter unten auf dieser Seite unter «In Verbindung stehende Artikel»). Klara Obermüller hat ihr Studium als Literaturwissenschafterin 1974 mit einer Dissertation abgeschlossen. 2010 ist sie von der Uni Zürich mit dem Titel einer Ehrendoktorin der Theologischen Fakultät ausgezeichnet worden.

Klara Obermüller hat lu-wahlen.ch freundlicherweise ihr Manuskript zur Verfügung gestellt, wofür sich die Redaktion bestens bedankt:

Sie alle, meine sehr verehrten Damen und Herren, werden im Verlaufe dieses Jahres das offizielle AHV-Alter erreichen oder haben es bereits getan. Damit beginnt für Sie ein wichtiger neuer Lebensabschnitt, und den wollen wir heute gemeinsam begehen. 

Nun, werden Sie jetzt vielleicht denken, was ist daran so Besonderes, dass es dazu eines offiziellen Anlasses bedarf? 

Es hat im Laufe des Lebens schon viele Übergänge gegeben, ohne dass die Behörden eigens davon Notiz genommen hätten. Sie haben die Schule abgeschlossen und sind erwachsen geworden. Sie haben einen Beruf ergriffen, haben geheiratet, eine Familie gegründet und Kinder bekommen. Sie sind in Ihrem Beruf vorangekommen, haben sich weitergebildet, sind, vor allem die Frauen unter Ihnen, aus- und wieder eingestiegen und haben sich vielleicht irgendwann auch mal neu orientiert – alles, ohne dass dies von amtlicher Stelle besonders wahrgenommen worden wäre. Klar, im privaten Kreis haben Sie diese Übergänge meist nicht sang- und klanglos über die Bühne gehen lassen. Übergänge sind dazu da, dass man sie feiert und dabei vielleicht auch einen Moment innehält, um sich zu fragen, was war, was ist und wie es weitergehen soll. 

Warum also interessiert sich die Stadt, in der Sie leben, jetzt auf einmal dafür, wie Sie den Wechsel vom aktiven Erwerbsleben in den sogenannten Ruhestand bewältigen? Was ist so anders, so besonders an diesem einen Übergang, dass er in einem gemeinsamen öffentlichen Akt begangen werden muss?

Ich denke, es sind vor allem zwei Dinge, die dem Beginn der Pensionierung beziehungsweise dem Übergang ins Rentenalter, was ja nicht unbedingt identisch sein muss, eine ganz besondere Bedeutung verleihen: Zum einen ist es wohl auf lange Zeit das letzte Mal, dass unser Leben eine so radikale Wende nimmt, und zum andern ist es schon ein sehr einschneidendes Erlebnis, nach Jahrzehnten der Berufstätigkeit aus dem grossen Verbund der Erwerbstätigen entlassen zu werden. 

Zum ersten Mal, seit Sie ein Kind waren, müssen Sie keine Leistung mehr erbringen, um am Ende des Monats Geld auf Ihrem Konto vorzufinden. Sie müssen nicht mehr morgens zur Arbeit gehen und abends müde nachhause kommen. Sie müssen nicht mehr aufs Wochenende warten, um endlich das zu tun, was Ihnen am liebsten ist, und Sie müssen auch nicht mehr die spärlich bemessenen Ferien herbeisehnen, um sich zu erholen vom alltäglichen Stress. 

Sie haben keinen Chef mehr über sich, dem Sie sich unterordnen, und keine Kollegen, mit denen Sie auskommen müssen. Sie sind frei, zu tun und zu lassen, was immer Sie wollen. Sie sind niemandem mehr Rechenschaft schuldig. Sie müssen nicht mehr auf Knopfdruck funktionieren. 

Sie müssen nicht mehr müssen. Sie sind in eine Ungebundenheit entlassen, wie Sie sie vermutlich seit Kindertagen nicht mehr genossen haben. Wenn das kein Grund zum Feiern ist!

Aber Achtung, bevor wir feiern, sollten wir uns vielleicht kurz mal fragen, was wir denn da eigentlich feiern? Den Abschied vom Beruf? Den Beginn ewiger Ferien? Den Übergang zu einer neuen Tätigkeit? Oder einfach nur die Tatsache, dass wir zwar älter geworden, aber noch immer ziemlich gut drauf sind?

Dies sollten wir klären, bevor wir uns ans Feiern machen. Und wenn ich Ihnen an dieser Stelle einen Rat geben darf – keine Angst, es wird der einzige bleiben –, dann wäre es dies: Lassen Sie sich dabei so viel Zeit, wie Sie brauchen. Lassen Sie sich nicht drängen. Und lassen Sie sich von niemandem – von keinem Experten, aber auch nicht von wohlmeinenden Freunden – vorschreiben, wie sie zu leben haben, wenn Sie denn einmal pensioniert sind. 

Nehmen Sie sich diese Zeit, bevor Sie sich einfach fallen lassen oder sich in unüberlegte Hektik stürzen. Halten Sie erst einmal inne und versuchen Sie herauszufinden, wer Sie sind, was Sie wollen und was Sie von der Zukunft erwarten. Halten Sie Rückschau, überlegen Sie, was Sie im Leben erreicht und wie Sie zu dem/der geworden sind, der/die Sie heute sind. Horchen Sie in sich hinein, fragen Sie nach Ihren Bedürfnissen, Ihren Wünschen, Ihren vielleicht ein Leben lang unterdrückten Träumen und überlegen Sie sich, was es ist, was Sie noch unbedingt erleben, noch unbedingt verwirklichen möchten. 

Und dabei sollten Sie eins nicht vergessen: wie neu und einmalig das ist, was Sie da jetzt gerade erleben. Noch nie sind so viele gut ausgebildete, materiell abgesicherte und körperlich gesunde ältere Menschen in den Ruhestand getreten wie heute. Und noch nie hatten all diese gut ausgebildeten, materiell abgesicherten und körperlich gesunden älteren Menschen Aussicht auf so viele gute, aktive und von Gebrechlichkeit weitgehend verschonte Jahre wie diese Generation, der Sie, ich und die meisten hier im Saal angehören. Das ist eine Riesenchance, hat aber auch seine Tücken. Denn anders noch als unsere Grosseltern oder auch Eltern können wir uns nicht an vorgegebenen Modellen und Vorbildern orientieren. Wir, die sogenannten Neuen Alten, die Silver Agers und Best Enders oder wie immer wir neudeutsch genannt werden, sind Pioniere einer neuen Ära. 

Es hat uns so bislang noch nicht gegeben, und wir müssen deshalb unsere ganze Phantasie aufbieten, um herauszufinden, wie wir unser Rentenalter gestalten wollen. Einfach wie unsere Grosseltern auf der Ruhebank sitzen, in den Abend hinausschauen und auf den Tod warten, das geht heutzutage nicht mehr. 

Dazu ist die Zeit zwischen dem Eintritt ins Pensionsalter und dem Lebensende für die meisten von uns ganz einfach zu lang. Aber was dann?

Ich bin mir sicher, meine sehr verehrten Damen und Herren, dass diese Gedanken für Sie nicht ganz neu sind. Schliesslich wissen Sie schon länger, dass Sie im Jahr 2013 das offizielle Rentenalter erreichen werden, und haben sich deshalb wohl auch des öfteren schon gefragt, was diese Zäsur für Sie, Ihre Familie, Ihren Freundes- und Bekanntenkreis bedeuten soll. 

Gleichwohl will der heutige Abend Ihnen einen zusätzlichen Anstoss geben, sich auf diesen Selbstbefragungs- und Selbstbestimmungsprozess einzulassen. 

Nicht zufällig trägt er schliesslich den Titel «Zwischenhalt». Denn genau dies will er sein: ein Marschhalt, eine Verschnaufpause, ein Moment der Besinnung zwischen dem Nicht-Mehr Ihrer beruflichen und dem Noch-Nicht Ihrer nachberuflichen Existenz. Wenn die Stadt und ihre Sozialdirektion Sie eigens zu einer solchen Denkpause eingeladen haben, dann zum einen sicher, um Ihnen zu danken für alles, was Sie in den vergangenen Jahrzehnten geleistet haben, zum andern aber wohl auch, um Sie bei diesem einschneidenden Schritt in den neuen Lebensabschnitt nicht ganz alleine zu lassen. 

Ein Sonntagsspaziergang ist der Übergang ins Rentenalter nämlich nicht. Das habe ich zumindest so erfahren, als ich vor gut zehn Jahren pensioniert wurde und in den sogenannten Ruhestand trat. 

Bis dahin hatte ich es mit der Pensionierung ähnlich gehalten wie mit Krankheit und Tod: Beides war weit weg und betraf vor allem die Andern. Zwar gab es immer wieder Bekannte, die den Schritt schon hinter sich hatten und mir leuchtenden Auges versicherten, wie gut es ihnen dabei ging. Was es jedoch wirklich heisst, pensioniert zu sein, dies realisierte ich erst, als ich schon mitten drin steckte. Das kam so:

Als ich auf Mitte fünfzig zu ging – die Arbeitsbedingungen auf der Redaktion, der ich damals angehörte, waren so mies, wie sie nur sein konnten –, fing ich an, mir Gedanken über eine mögliche Frühpensionierung zu machen. Sich innerlich ausklinken, die Zeit absitzen, die noch verbleibt: ein Zustand, der äusserst unbefriedigend, aber, wie ich vermute, relativ weit verbreitet ist. Ob man sich einen solchen vorzeitigen Ausstieg aus dem aktiven Erwerbsleben auch leisten kann, dies allerdings ist eine Frage für sich. 

Bei mir kam es dann jedoch anders. 

Kurz nach meinem 56. Geburtstag bot sich mir die Gelegenheit zu einem radikalen Schnitt. Ich wechselte von einem Printmedium zum Fernsehen und kam damit gewissermassen über Nacht zu einem neuen Beruf mit neuen Regeln, neuen Anforderungen und neuen Pflichten. Umdenken, Neues lernen, noch einmal durchstarten in einem Alter, da man bereits ans Aufhören gedacht hat – etwas Besseres kann einem gesunden, neugierigen und leistungsorientierten Menschen überhaupt nicht passieren. Leider ist es bis heute noch immer die Ausnahme und nicht die Regel. Zu fragen wäre, woran es liegt.

Zu einem solch späten Stellenwechsel gehört allerdings auch, dass man von Anfang an weiss: die Angelegenheit ist befristet. Zumal beim Fernsehen, das klare Altersgrenzen kennt und diese auch einhält, bestand für mich nie der geringste Zweifel, dass mit 62 Jahren Schluss sein würde. Ich wusste es und war doch völlig überrumpelt, als es dann so weit war. Und dies, obwohl der Journalismus geradezu ideale Möglichkeiten bietet, beruflich weiterhin tätig zu sein: freischaffend, in Teilzeit, als Rezensentin, Kolumnistin, Diskussionsleiterin, Referentin – was immer Sie wollen. 

Eine komfortable Situation, sollte man denken. Und doch fiel es mir schwer, mich in der neuen Lebenssituation zurechtzufinden. Warum? Die Gründe sind vielfältig, individuell und nur bedingt übertragbar. Ich nenne drei, die für mich im Vordergrund standen:

1. Die Identifikation durch Arbeit und Leistung

Ich hatte es zwar immer gewusst, aber erst in den Monaten nach meiner Pensionierung so richtig erfahren, wie stark ich mich über meine berufliche Tätigkeit definierte und wie abhängig ich war von der Befriedigung und Anerkennung, die sie mir bot. Wer bin ich, wenn ich mich nicht mehr durch Arbeit und Leistung beweisen kann? Die Frage trieb mich um und ist bis heute nicht zur Ruhe gekommen. Ich kann sie durch Aktivitäten aller Art übertönen; beantwortet ist sie damit nicht. Es ist richtig, dass Arbeit und Leistung Befriedigung bringen. Mir ist aber auch klar, dass Betriebsamkeit ein Mittel sein kann, um sich den existentiellen Fragen des Älterwerdens zu entziehen.

2. Der Verlust an Einfluss und Entscheidungsgewalt      

Diese Erfahrung hängt eng mit dem Obgenannten zusammen. Als Pensionierte kann ich zwar weiterhin beruflich tätig sein; die Gestaltungsmöglichkeiten jedoch schwinden, die Entscheidungen werden anderswo getroffen. In meinem konkreten Fall heisst das, dass ich die Aufträge nicht mehr vergebe, sondern entgegennehme und dass ich Themen allenfalls anbieten, nicht jedoch mehr selber setzen kann. Im Grunde ist das völlig in Ordnung so. Bloss nicht am Sessel kleben, den Jüngeren Platz machen, wissen, wann es genug ist – der Verstand weiss das; das Gefühl hingegen registriert den Statusverlust und ist gekränkt – wider besseres Wissen.

3. Die Widersprüchlichkeit der Altersbilder

Seit ich pensioniert bin, hat sich mein Blick für die öffentliche Darstellung des Alters geschärft. Was ich wahrnehme, ist widersprüchlich und hat mit meinen eigenen Erfahrungen wenig zu tun. Ältere Menschen werden entweder als gebrechlich oder aber als hyperaktiv dargestellt. Sie befinden sich entweder, wörtlich gesprochen, im «Ruhestand», sitzen auf Parkbänken und füttern Vögel. Oder aber sie treiben Sport, fahren über die Weltmeere und gehen aufwendigen Hobbys nach. Beides trifft die Realität der 60plus-Generation nur bedingt. 

Ich jedenfalls kann mich in diesen Bildern nicht wiedererkennen. Ich bin noch nicht bereit, meine Hände in den Schoss zu legen. Ich träume aber auch nicht von ewigen Ferien. Zu einem sinnerfüllten Leben gehört für mich nach wie vor Arbeit, berufliche oder nicht berufliche, bezahlte oder unbezahlte. Und ich will mich nicht dauernd dafür rechtfertigen müssen, dass es so ist. Wo aber sind die Bilder, die dieser Vorstellung eines aktiven Alters – und damit meine ich nicht nur Reisen und Sport – entsprechen? Wo die Vorbilder, die meiner Generation den Weg weisen?

Seit meiner Pensionierung vor etwas mehr als zehn Jahren schlage ich mich jetzt schon mit diesen Fragen herum – mit mehr oder weniger Erfolg. Ich bin zwar vor kurzem 73 geworden, aber ich fühle mich noch immer zu jung, um mich definitiv dem Müssiggang hinzugeben. Ich liebe meinen Beruf noch immer und halte mein Bedürfnis nach sinnvoller Tätigkeit auch weiterhin für berechtigt. Und doch beschlicht mich jetzt manchmal der Verdacht, dass hinter der hektischen Betriebsamkeit der letzten Jahre noch etwas anderes steckt als nur die Freude an journalistischer Tätigkeit, etwas, das ich mir nur ungern eingestehe: die Angst vor dem Alter. Oder besser, die Weigerung, das eigene Älterwerden zu akzeptieren. Könnte es ein, dass ich mir die ganze Zeit etwas vorgemacht habe, dass ich vor etwas davongelaufen bin, das unweigerlich auf mich zukommt? Noch habe ich meinem Konzept eines aktiven Alters nicht abgeschworen. Aber ich versuche mich langsam an den Gedanken zu gewöhnen, dass nicht mehr alles möglich und auch nicht mehr alles nötig ist. 

Drängender als früher ist mir in letzter Zeit bewusst geworden, wie endlich und begrenzt alles Dasein ist. Mit jedem Herbst, der ins Land geht, erlebe ich deutlicher, wie etwas zu Ende geht in mir. Mit jedem neuen Frühling empfinde ich dankbarer, dass ich noch da bin. Von Jahr zu Jahr erfahre ich mich stärker als Teil der Schöpfung, die wird und vergeht und wieder wird. Ich fühle mich getragen und eingebunden in sie. 

Ich weiss aber auch, dass ich dieses schöne Gefühl mit dem Preis alles Kreatur bezahle: mit dem Tod.

Dies zu wissen, macht bang, gewiss. Es gibt aber auch eine grosse innere Gelassenheit. Denn auch dies gehört zu den Erfahrungen des Älterwerdens: zu spüren, dass es Dinge gibt, die einem Zugriff entzogen sind. Jahrzehntelang habe ich mich abgestrampelt, habe gekämpft, gemanagt und mich für alles und jedes verantwortlich gefühlt. Ich verfügte über mich und meine Zeit. Ich stand gerade für mein Tun. Ich war meines Glückes Schmied und hielt den Kopf hin, wenn ich Schaden angerichtet hatte. Nun, da ich älter werde und in den sogenannten Ruhestand getreten bin, kann – oder müsste ich ehrlicherweise sagen: könnte? – dieses dauernde Streben langsam zur Ruhe kommen.

Ich muss, ich darf Verantwortung abgeben. Ich muss Bindungen auflösen, darf aber auch Rücksichten ablegen, die mir bislang auf dem Weg zu mir selbst hinderlich waren. Ich darf und muss eingestehen, dass mein Leben ist, wie es ist. 

Ich weiss nicht, was mir die nächsten Jahre noch alles bescheren werden: beruflich, gesundheitlich, familiär. Ich weiss nur, dass ich sie bewusster leben möchte als die Jahre, die hinter mir liegen. Die Zeit verrinnt so schnell. Das Leben kann von einem Tag auf den andern zu Ende sein. Ich möchte es nicht vertun, indem ich irgendwelchen überflüssigen Verpflichtungen nachrenne. Ich möchte mich auf das Wesentliche konzentrieren. Gleichzeitig gibt es noch immer so vieles, was ich gerne tue. Projekte, die mich reizen, Engagements, die mir wichtig erscheinen. Der Widerspruch zwischen dem Bedürfnis nach Aktivität und die Sehnsucht nach Ruhe wird sich wohl nie ganz auflösen lassen – bei mir nicht und auch nicht innerhalb der Gesellschaft.

Mit Genugtuung habe ich in letzter Zeit zur Kenntnis genommen, wie die Altersbilder in der Öffentlichkeit sich wandeln. Statt auf die Defizite wird jetzt der Akzent vermehrt auf das Potential älterer Menschen gelegt. Die Generation 60plus setzt alles daran, fit, dynamisch und kreativ zu bleiben. Altersberufe und Altersarbeit sind eine Realität, über die diskutiert werden muss. 

Ansätze sind bereits zahlreich vorhanden. Es entstehen Netzwerke für Senior Experts und Stellenvermittlungen für Pensionierte. Artikel in den Medien rühmen die Qualität älterer Arbeitnehmer: ihre Loyalität und Ausdauer, ihren Sinn fürs Wesentliche und ihre Kombinatorik, die allfällige Tempoeinbussen mehr als nur wettzumachen vermögen. Selbst die Lernfähigkeit, so heisst es, bleibe dank der Plastizität unseres Gehirns weitgehend erhalten. 

Einzige Bedingung: Man nutzt sie auch. Es ist von Managern die Rede, die ihre ehemalige Forma wieder in Schwung bringen. Seniorenuniversitäten haben Zulauf. Beispiele von Alterskarrieren machen die Runde.

Dieser Trend kommt mir natürlich entgegen. Gleichzeitig wirft er aber auch neue Fragen auf: Es ist gut, dass das Alter die ihm zustehende Wertschätzung erfährt und ältere Menschen nicht mehr gedankenlos zum alten Eisen gezählt werden. Es ist grossartig, dass die Wirtschaft das Potential älterer Mitarbeiter erkennt und ihnen den gebührenden Platz im Arbeitsprozess zugesteht. 

Aber was ist mit all jenen, die bei dieser Entwicklung nicht mithalten können, vielleicht gar nie mithalten konnten, weil sie behindert oder sonst nicht stark genug waren? Was ist mit all jenen, die nach lebenslanger geisttötender oder krankmachender Arbeit ausgebrannt sind und weder Kraft noch Lust haben, länger als unbedingt nötig im Arbeitsprozess zu verbleiben? 

Wie müssen sie sich fühlen, wenn Politiker von Heraufsetzung des Rentenalters reden und Wirtschaftsleute die eben noch ausgemusterten Senioren als neue Humanressourcen preisen?

Irgendetwas stimmt da nicht. Was für die einen eine Wohltat ist, wirkt auf die andern wie Zwang. Was die einen aufwertet, setzt die andern herab. Ich frage mich manchmal, ob wir in letzter Zeit nicht von einem Extrem ins andere gefallen sind und unsere Altersphobie durch eine Art Alterseuphorie ersetzt haben. Beides wird der Realität und vor allem der Komplexität des Alters nicht gerecht. Menschen werden nicht nur unterschiedlich alt. Sie altern auch auf sehr unterschiedliche Weise. Ihre Bedürfnisse unterscheiden sich. Nicht selten widersprechen sie sich sogar.

Wenn ich in den gut zehn Jahren meines sogenannten Ruhestandes etwas gelernt habe, so ist es dies: diese Widersprüche anzunehmen und mit ihnen zu leben. Im Gespräch mit anderen, aber auch im Umgang mit mir selbst habe ich begriffen, dass Alterspolitik in Zukunft nur Sinn macht, wenn sie diesen unterschiedlichen Befindlichkeiten und Bedürfnissen der Menschen Rechnung trägt.

Bedenken Sie dies, liebe Anwesende, wenn Sie sich morgen vielleicht auf dem «Marktplatz 60plus» in der «Kornschütte» umschauen. Es werden dort Ideen und Projekte für ein zivilgesellschaftliches Engagement älterer Menschen vorgestellt. An rund 20 Marktständen präsentieren sich die verschiedensten Organisationen aus den Bereichen Bildung, Soziales und Kultur. Sie werben um Ihre Gunst und zeigen Ihnen auf, was Sie mit Ihrer nun so reichlich bemessenen freien Zeit anfangen können.

Das ist eine tolle Sache, und ich bin sicher, dass jede einzelne dieser Organisationen es verdient, dass man sich in den Dienst ihrer Sache stellt. Und ich möchte Sie auch ermutigen, es zu tun. Gleichzeitig aber möchte ich Ihnen ins Ohr flüstern: Lassen Sie sich nicht drängen. Sie dürfen, Sie können sich engagieren, aber Sie müssen es nicht. Wenn Sie lieber weiterhin Ihrer beruflichen Tätigkeit nachgehen, wenn Sie etwas Neues in Angriff nehmen oder vorerst am liebsten erst mal gar nichts tun möchten, dann soll Ihnen das möglich sein. Ganz ohne schlechtes Gewissen!

Als ich seinerzeit pensioniert wurde, fühlte man sich fast verpflichtet, sich mit dem Eintritt ins Rentenalter einem permanenten Müssiggang hinzugeben, und man musste sich rechtfertigen, wenn man lieber aktiv bleiben wollte. Mittlerweile schlägt das Pendel nach der anderen Seite hin aus. Jetzt stehen Aktivierung und Empowerment auf der Tagesordnung, und man hat ein schlechtes Gewissen, wenn man in Ruhe seine alten Tage geniessen möchte.

Beides, denke ich, schiesst übers Ziel hinaus und lässt ausser acht, wie unterschiedlich Menschen altern und wie verschieden ihre Bedürfnisse sind, je nachdem welchen Beruf sie ausübten, in welchen Verhältnissen sie leben und wie es um ihre körperliche und geistige Gesundheit bestellt ist. Deshalb hier ein ganz persönlicher Wunsch zum Schluss: Die Pensionierung ist an sich schon ein normativer Akt, der nur sehr bedingt auf individuelle Bedürfnisse Rücksicht nehmen kann. Machen wir ihn nicht noch normativer, indem wir den Leuten auch noch vorschreiben, wie sie als Pensionierte leben sollen. Das heisst: Wer sich engagieren und beruflich aktiv bleiben möchte, soll dies tun können, wer es nicht kann oder nicht will, der soll’s bleiben lassen. Nur so lassen sich die Pensionierung und der Eintritt ins Rentenalter als das begreifen, was sie sind: ein nie gekanntes Angebot an Zeit, an Möglichkeiten und dazu die Freiheit, von dieser Zeit und diesen Möglichkeiten auch so sinnvoll, wie nur möglich, gebrauch zu machen.

Klara Obermüller, Publizistin, Zürich


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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

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Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/