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Kolumne der Redaktion

16.06.2013

Warum das Buch über 200 Jahre Heimerziehung in der Stadt Luzern so wichtig ist

Professor Markus Furrer von der Pädagogischen Hochschule Luzern leitete die Studie, welche der Kanton Luzern über Missstände im Heimwesen in Auftrag gegeben hatte (siehe unter «Links»). Letzten Freitag (14. Juni) stellte die Stadt Luzern ihrerseits ein Buch vor, das sie über 200 Jahre Heimerziehung in ihren Gemarkungen recherchieren und schreiben liess und dessen Autorin Stadtarchivarin Daniela Walker ist. Bei dieser Vernissage sprach auch Markus Furrer und stellte Walkers Werk und dessen Erkenntnisse in einen grösseren Zusammenhang. Das Manuskript dieser Rede hat Markus Furrer nun für lu-wahlen.ch überarbeitet, wofür ihm die Redaktion bestens dankt.


Markus Furrrer ist Professor an der Pädago-gschen Hochschule Luzern. Er hat die Studie über Missstände in Heimen des Kantons Luzern geleitet und darüber an der Vor-stellung des Buches von Daniela Walker in der «Kornschütte» ein Referat gehalten.

Bild: Herbert Fischer

Mit grossem Aufwand legt die Luzerner Stadtarchivarin Daniela Walker eine äusserst fundierte und gewichtige Studie zur Geschichte des Luzerner Waisenhauses sowie zum Kinder- und Jugendheim Utenberg vor, welche uns veranschaulicht, wie das Aufwachsen im Heim gewesen ist, wie gesellschaftliche Vorstellung und die Politik hier einwirkten, welchem Wandel das Leben im Heim unterlag und vor welchen Herausforderungen wir heute stehen.

Das Aufwachsen in der eigenen Familie galt und gilt in der Schweiz als der Normalfall, wohingegen das Aufwachsen ausserhalb als zweite Wahl eingestuft wird. Entsprechend belastet waren Fremdplatzierungen von Verding- und Pflegekindern sowie von Heimkindern. Die Schicksale dieser Gruppen – inklusive der Verwahrten – werden heute verstärkt und unter einem gemeinsamen Fokus wahrgenommen. Dahinter verbirgt sich die Frage nach dem gesellschaftlichen und staatlichen Umgang mit Armut und Randständigkeit. 

Angestossen wurde diese Aufarbeitung vielfach durch Betroffene, die sich nach Jahren und Jahrzehnten des Schweigens und des Nichtwahrgenommenwerdens zu Wort meldeten. Lange Zeit wurden deren Schicksale in der Gesellschaft ausgeblendet.

Nicht ohne Kontroversen erfolgte der Wandel dieses Geschichtsbilds. Jahrzehntelang dominierte die Vorstellung wohltätiger Organisationen und aufopfernder Erzieherinnen und Erzieher. Im Vordergrund stand die caritative Tätigkeit, während Kinder vor allem mit dem Blick auf ihre Defizite und  damit meist als stark erziehungsbedürftig angeschaut worden sind. Es hat etwas mit der Zeit und der Distanz zu tun, dass sich die Gesellschaft mit den Schatten dieser Vergangenheit befasst. Der historischen Aufarbeitung kommt dabei eine wichtige Funktion zu.

Daniela Walker ist es gelungen, in ihrem Buch hier einen wertvollen Beitrag zur Aufarbeitung zu leisten. Geradezu exemplarisch werden in einem Zeitrahmen von 200 Jahren an der Geschichte einer Institution sozialgeschichtliche Dimensionen eingeflochten und dabei Konstanten und Wandel aufgezeigt. So geht es um die Geschichte der Fürsorge und Sozialpolitik im städtischen, kantonalen sowie gesamtschweizerischen Kontext, um die Geschichte der Kindheit, die gesellschaftlichen Vorstellungen von Kindheit oder auch um die Entwicklung pädagogischer Vorstellungen und Umsetzungen und nicht zuletzt auch um das Aufzeigen der Professionalisierung von Heimpädagogik.

Lassen Sie mich hier einige bedeutungsvolle, dargestellte Entwicklungen kurz streifen:

Umgang mit Armut

Das lange 19. Jahrhundert dient als Modell für die auch lange Geschichte des Waisenhauses. Das Jahrhundert wird oft als «Anstaltenjahrhundert» umschrieben. Deutlich wird, dass es um eine Frage der Armut geht. Armut war denn auch die im 19. Jahrhundert am meisten genannte Begründung für die Fremdplatzierung von Kindern. Ja letztlich – das zeigen weitere Studien – wirkte sich dies bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts aus.

Politische und soziale Systeme sind gemacht. Sie tragen mitunter auch dazu bei, dass spezifische Mängel akzentuiert werden. In der Schweiz akzentuierte das föderalistische System mit seinen kleinräumigen Strukturen mit seinem milizartigen Charakter einen spezifischen Umgang mit Armut.

Von Bedeutung war etwa das Heimatortsprinzips für die Armenunterstützung, wobei sich die Stadt hier von den ländlichen Kommunen positiv abhob. So gab man Mitte des 19. Jahrhunderts in der Stadt vier bis fünf Mal so viel für ein Kind aus wie in einer ländlichen Gemeinde. Konkret hiess dies auch, dass die Kinder der Stadt (allerdings mit Bürgerrecht) weniger für das eigene Kostgeld mit Arbeit aufkommen mussten. Noch gab es auf der Landschaft die Kindermärkte, auch wenn man 1819 versuchte, sogenannte Mindersteigerungen zu verhindern, was auch einen Augenschein darauf wirft, dass schon unter damaligen moralischen Vorstellungen solche Praktiken, Kinder an den möglichst günstigsten Ort zu verschachern, hinterfragt worden sind. Eine Knappheitsgesellschaft, ein fehlender Sozialstaat sowie die verbreitete Vorstellung selbstverschuldeter Armut begünstigten jedoch solche Sichtweisen.

Fürsorge im Spannungsfeld 

Vor dem Hintergrund der damaligen soziökonomischen Verhältnisse bedeutete das Waisenhaus auch so etwas wie ein Privileg. Im Buch von Daniela Walker finden sich zu solchen Prozessen und Strukturen immer wieder anschauliche Hinweise. In den 1850-er- Jahren, so ist zu erfahren, wurden auf der Landschaft rund 90 Prozent der Kinder verdingt; in der Stadt waren es rund 34%. Und mehr als ein halbes Jahrhundert später gab es aus der Stadt keine verdingten Kinder mehr; im gesamten Kanton waren es hingegen immer noch um die 50 Prozent.

Insbesondere liberale Kräfte setzten sich früh für die Fürsorge ein. Das Buch vermittelt hier – am Konkreten gezeigt – anschauliche Bezüge zur damaligen Fürsorgepolitik. Beispiele der armenrechtlichen Fürsorge und Zwangsmassnahmen, wie Eheverbote und Kindswegnahmen als repressive und äusserst wirksame Steuerungsinstrumente stehen auch positive Beispiele wie die Förderung einzelner Findelkinder gegenüber. Dennoch als Regel galt: Man erzog damals (weiter) zur Armut – am Schichtverhältnis galt es nicht zu rütteln. Hierzu finden sich im Buch auch anschauliche Hinweise und Erklärungen neben den geschichtlichen Darstellungen im Kapitel «Konzepte und Realitäten».

Kinder und Arbeit

Bei der Geschichte des Waisenhaus wird anschaulich, wie stark im damaligen Diskurs des 18. Jahrhunderts auf die Arbeit der Kinder gesetzt worden ist, damit sie selber für den Lebensunterhalt aufkommen konnten. Dies entsprach damaligen Vorstellungen, die auch noch ins 20. Jahrhundert hineinreichen: dass Kinder ab etwa 7/10 Jahren für sich sorgen konnten und mussten. Das wiederum entlastete die Stadt vor Aufwendungen. Eine damals eingerichtete Tuchfabrikation scheint aber auf der Basis von Kinderhänden dennoch nicht rentiert zu haben.

Soziale Fürsorge als barmherziger Akt

Das 1811 erstellte Waisenhaus war ein repräsentativer Bau und wirkte als Kontrast zu den umgebenden ärmlichen und heruntergekommenen Häusern im Quartier. Die klare Struktur des Hauses entsprach auch seiner inneren Ordnung, ist im Buch zu lesen. Das Amt des Sentivaters scheint aber mehr «Bürde» als «Würde» gewesen zu sein. Knappe Finanzmittel liessen es jedoch nicht zu, mit weltlichem Personal zu arbeiten und so holte man auch in der liberalen Stadt Ordenspersonal. Dies wirft einen interessanten Blick auf die damaligen Verhältnisse. Soziale Fürsorge wurde grossmehrheitlich als barmherziger Akt gesehen und durfte nichts oder nicht zu viel kosten. Nach turbulentem Auf und Ab wurden dann Ordensgemeinschaften berufen. Die liberale Stadt akzeptierte folglich die Schwesterngemeinschaft der Ingenbohlerinnen, wenn auch mit grosser Skepsis. Der 1855 mit dem Orden abgeschlossen Vertrag blieb (abgesehen von einer Modifikation von 1909) bis in 1960 in Kraft.

Die Kinder im Heim

Unter «Welt der Kinder» finden sich Schilderungen aus der Zeit des 19. Jahrhunderts; ab den 1940-er-Jahren kommen Zeitzeugeninterviews dazu. Das Buch schafft den Bogen ausgezeichnet und fügt hier zeitgeschichtliche Bezüge an, bei denen Oral History als wichtige Quelle auftritt. Betroffene erhalten hier eine Stimme. Wir erfahren so mehr über Erlebnisse und Erinnerungen zu Aspekten wie dem Alltag im Heim, dem Schulbesuch, den Strafen, der Religion oder der Beziehung zu Familienangehörigen.

Wir erfahren auch über die Konflikte und über schwierige Situation der 1960-er-Jahre. Nach den Schwestern kamen Temporärkräfte, auf die sich das leitende Ehepaar stützen musste. 1971 konnte dann die Kinder- und Jugendsiedlung Utenberg bezogen werden mit einem ganz neuen Konzept in Anlehnung an die Mehrfamilienhaussiedlungen. Auch hier finden sich etliche Bespiele, am Erziehungsalltag und an den pädagogischen Prämissen veranschaulicht, wie sich hier der Wandel vollzogen hat. 

Kommen wir zum Schluss: Das Buch weckt neue Einsichten. Daniela Walker legt in eindrücklicher Weise dar, indem sie Sozialgeschichte von über 200 Jahren exemplarisch an der Institution des ehemaligen Waisenhauses entwickelt, wie man mit Kindern umgegangen ist, die man im Waisenhaus und in der Nachfolgeinstitution «fremdplatzierte». Das Buch wirkt mehrfach:

. Es stösst alte Bilder um, was eine Notwendigkeit ist.

. Es arbeitet den Diskurs zur ausserfamiliären Erziehung im lokalen Rahmen auf.

. Wichtig ist auch hier die eingebrachte Sicht auf die schon damals geäusserte Kritik: man hatte auch schon damals und früh Probleme festgestellt.

. Das «Heim als Ultima Ratio» ist eine Widerspiegelung der Gesellschaft.

. Aufgezeigt wird der Wandel des Berufsbildes von Erziehenden. 

. Verwiesen wird am Schluss auch auf die Notwendigkeit von Heimen heute angesichts der Zunahme von Kinderschutzmassnahmen.

Soweit einige ausgewählte Facetten aus dem Buch. Ich wünsche Ihnen eine interessante Lektüre und hoffe, Sie dazu motiviert zu haben.

Markus Furrer


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Kommentare:
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Pirmin Meier aus Rickenbach

Montag, 17.06.2013, 15:47 · Mail

Guter lehrreicher Beitrag einer kompetenten Persönlichkeit. Guter und ehrlicher Ausdruck ist «Ultima Ratio», was genau genommen auch für Altenheime zutreffen sollte.

Der erste Kritiker der Heimerziehung überhaupt im Kanton Luzern war der Autor und Helvetische Kommissar Johann Heinrich Daniel Zschokke (1771 - 1848), der im Dezember 1798 zu diesem Thema einen Vortrag halten liess. Noch schlimmer wirkte sich dann allerdings der Verdingkindermarkt aus, etwa in Gunzwil 1854, als die fürchterlichste und perverseste Familie des Kantons dann wegen ihrer «gestrengen» Mutter gleich zwei Mädchen zugesprochen bekam.

Das mit den aufopfernden Erziehungskräften von früher gab es tatsächlich, aber diese hatten oft 18-Stunden-Tage, kaum Ferien, schlechtesten Lohn und keine angemessene Ausbildung, was zwar nichts entschuldigt, aber einiges in Sachen Versagen erklärt. Das andere Extrem sind möglichst kurzzeitige Angestellte in Heimen, von denen ich auch schon direkt gesagt bekommen habe, man dürfe die Dinge, die man dort erlebe, emotional nicht zu stark auf sich zukommen lassen, weil man sonst im übrigen Leben belastet sei: Das Erhaltungsgesetz der Unmenschlichkeit, aber jetzt wenigstens mit anständiger Bezahlung. Kritische Aussagen sollten indes nicht als Pauschalurteile genommen werden.

Pirmin Meier, Rickenbach

 
 
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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

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Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/