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Kolumne der Redaktion

07.02.2012

Claus Niederberger zum ZHB-Drama

Zur Debatte um die Zukunft der ZHB bat lu-wahlen.ch den Architekten Claus Niederberger (Oberdorf NW) um einen Gastbeitrag. Er war bis zu seiner Pensionierung während mehr als 20 Jahren Stellvertreter des Denkmalpflegers des Kantons Luzern.


Claus Niederberger: «Wir begegnen Baudenkmälern im Alltag und erleben an ihnen Geschichte und Entwicklung unserer Orte.»

Claus Niederberger: «Wir begegnen Baudenkmälern im Alltag und erleben an ihnen Geschichte und Entwicklung unserer Orte.»

Im grossen Bauvolumen jeder Epoche sind vereinzelt besonders interessante Bauwerke entstanden, welche kulturgeschichtlich als besonders schutzwürdige Baudenkmäler zu qualifizieren sind. Baudenkmäler sind als bedeutende Bauzeugen Bestandteile unseres Kulturerbes und gehören deshalb nicht nur uns, sondern sie sind im historischen Prozess auch unserer Generation zur Erhaltung, Mehrung und Weitergabe an die nächste Generation übertragen.

Wir begegnen Baudenkmälern im Alltag und erleben an ihnen Geschichte und Entwicklung unserer Orte. Baudenkmäler sind keine Dokumente, die in Archiven und Tresoren geschützt werden können. Deshalb können sie durch aktuelle Entwicklungsvorstellungen in ihrer Existenz bedroht werden. Baudenkmäler der Moderne verkörpern in besonderem Mass die grossen gesellschaftlichen Errungenschaften unserer heutigen Gesellschaft. Es ist deshalb umso bedauerlicher, dass sie als Bauzeugen dieser jüngeren Epoche noch immer als Stiefkinder der Baukultur behandelt werden und nicht die gleiche politische Akzeptanz erhalten, wie dies den Objekten früherer Zeit- und Stilepochen selbstverständlich zugestanden wird. Die Frage, die beantwortet werden muss: Ist die ZHB ein besonders schützenswertes Bauwerk der Moderne der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts?

Die Bedeutung der ZHB als Bauwerk

Die Gebäudeanlage der ZHB an der Sempacherstrasse wurde vom Kanton Luzern 1949 bis 1951 nach dem Projekt und den Plänen des renommierten Luzerner Architekten Otto Dreyer gebaut. Sie verkörpert eine sensible städtebauliche Konzeption in der schachbrettartigen Hofrandbebauung des Hirschmattquartiers: Vier unterschiedliche Baukörper mit einem Innenhof in der Mitte sind in einer klassizistischen Grundkonzeption pavillonartig präzis am Rand im grössten öffentlichen Parkraum der Innenstadt situiert.

Ihre unterschiedlichen Gebäudehöhen sind bewusst tiefer gehalten, als die Regelhöhen der umliegenden Hofrandbebauungen und manifestieren mit der ursprünglich dreiseitig umrahmenden Baumbepflanzung die bewusste Integration der Gebäudeanlage als Bestandteil dieses wertvollen grünen Parkraumes in der Innenstadt. Die Innenräume des Gebäudes sind klar gegliedert und zweckmässig organisiert. Sie sind für ihre unterschiedlichen Funktionen räumlich gut proportioniert und spannungsvoll belichtet. Die architektonische Konzeption und Gestaltung beinhaltet in beispielhaft qualitätsvoller Art die Sprache der Spätmoderne: Der karge Ausdruck des Neuen Bauens, der auf der Schönheit von Raum, Form, Konstruktion und Material aufbaut, wurde mit verschiedenen Materialien und dekorativen  Elementen ergänzt und damit zu einem eindrucksvollem Bauwerk der moderaten Moderne gestaltet.

Diese modifizierte architektonische Orientierung hat nicht nur das Bauen in der Schweiz in den 40-er und 50-er-Jahren des 20. Jahrhunderts nachhaltig geprägt, sondern wurde in dieser gemässigten Form von Moderne auch in breiten Kreisen der Bevölkerung akzeptiert. So ist es wenig erstaunlich, dass dieses Gebäude schon bald nach der Eröffnung als schönster Bibliotheksneubau der Schweiz bezeichnet wurde.

Glücklicherweise blieb der Bau trotz verschiedenen Nutzungsveränderungen in seinen wesentlichen baulichen Eigenarten bis heute erhalten. Nach Meinung aller dafür zuständigen Fachleute sind die Gebäudeanlagen der ZHB und der Schule Felsberg die beiden bedeutendsten öffentlichen Profanbauten der Spätmoderne in der Stadt Luzern und deshalb auch als besonders schutzwürdig zu qualifizieren. Die ZHB ist deshalb wegen ihrer architektonischen Qualitäten und ihrem städtebaulichen Situationswert im städtischen Bauinventar von 2003 als schützenswertes Objekt aufgeführt und im schweizerischen Inventar der Kulturgüter von 2009 als Bauwerk von nationaler Bedeutung eingetragen.

Die Bedeutung der ZHB als Bibliothek

Peter von Matt hat einmal sinngemäss geschrieben: «Das Buch transportiert den Geist der Menschheit. Die Bibliothek ist das Haus der Bücher und Medien und verdient deshalb besondere öffentliche Aufmerksamkeit.» Die Zentral- und Hochschulbibliothek (ZHB) an der Sempacherstrasse ist der Hauptsitz der grössten öffentlichen Bibliothek in der Zentralschweiz. Sie beherbergt insgesamt weit über eine Million Medieneinheiten aus allen Wissensgebieten, bearbeitet pro Jahr rund 250 000 Ausleihen für die rund 80 000 eingeschriebenen Benutzer und verzeichnet im Durchschnitt rund 900 Zutritte pro Arbeitstag. Die ZHB ist deshalb für alle in unserer Region, die an gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen, technischen, kulturellen und historischen Informationen interessiert sind, eine ausserordentlich bedeutende öffentliche Bildungseinrichtung der Zentralschweiz. Bildung ist das höchste Kapital unserer Gesellschaft und ein elementares Menschenrecht. Das betonen fast alle Politiker in ihren Festreden zum Thema Bildung. Im konkreten politischen Alltag sieht dies leider oft wesentlich anders aus. Der bisherige Verlauf dieser Sanierungsgeschichte ZHB zeigt folgendes: Gute funktionelle Rahmenbedingungen für den Betrieb scheinen politisch von sekundärer Bedeutung zu sein und die bauliche Sanierung hat deshalb politisch eher den Stellenwert eines unwichtigen und dauernd verschiebbaren Bauvorhabens.  

Sanierung oder Abbruch und Neubau der ZHB?

Seit 30 Jahren (!) wurden für die Sanierung und den Ausbau der ZHB im Kanton Luzern wiederholt Berichte, Studien, Vorschläge und Bauprojekte ausgearbeitet. Teile daraus wurden vereinzelt verwirklicht, aber die erforderliche Gesamtsanierung des Hauptgebäudes vom Kanton immer wieder aus finanziellen Überlegungen zurückgestellt. Vorgängig dem heutigen Bauprojekt wurden 2005 in einer Machbarkeitsstudie die Zweckmässigkeit einer Renovation, eines Neubaues und einer Umnutzung durch externe Fachleute untersucht und dem Kanton empfohlen, das Gebäude ZHB könne mit einer Gesamtsanierung in eine baulich und betrieblich gut funktionierende Bibibliothek umgebaut werden.

Auf dieser Basis wurde das letzte Bauprojekt in einem beispielhaft sorgfältigen Projektierungsverfahren von 2007 bis 2009 von einem hoch qualifizierten Architektenteam und unter Beizug von zahlreichen externen und internen Fachleuten des Kantons fundiert ausgearbeitet. Dafür hat der Kanton Luzern Planungskosten von insgesamt 1.3 Millionen Franken investiert. Das zuständige Departement, der gesamte Regierungsrat und letztlich im Juni 2010 auch der Kantonsrat haben dieses Bauprojekt für die Gesamtsanierung und den Umbau der ZHB  mit einem Kostenrahmen von Fr. 18.88 Millionen Franken grossmehrheitlich bewilligt. Die Bauarbeiten hätten im Herbst 2011 beginnen und im Sommer 2013 vollendet sein sollen. Damit schien die Sanierung und der Umbau der ZHB endlich Wirklichkeit zu werden.

Trotzdem wird seit Dezember 2010 wieder politisch versucht, der baulichen Realisierung des bewilligten Sanierungsprojektes weitere neue Steine in den Weg zu legen: der Kantonsrat forderte ein neues Sparbudget für die Bauinvestitionen. In der Folge stellte der Regierungsrat das bewilligte Bauprojekt für die ZHB um zwei Jahre zurück. Im Dezember 2011 reichte CVP-Kantonsrat Hans Aregger (Buttisholz) mit 18 MitunterzeichnerInnen eine dringliche Motion ein und verlangte, das bewilligte Bauprojekt für die ZHB sofort zu stoppen und einen privaten Investorenwettbewerb für eine gemischte Nutzung auszuschreiben, in dem unter anderem der bestehende ZHB-Bau abgebrochen und das heutige Bauvolumen mindestens vervierfacht und der Ort so baulich verdichtet werden solle.

Der Motionär scheint dabei zu vergessen, dass das Hirschmattgebiet seit mehr als hundert Jahren zu den dichtest bebauten und genutzten Siedlungsgebieten der Stadt, des Kantons und der Zentralschweiz gehört. Eine bauliche Verdichtung an diesem Standort hat unvorteilhafte städtebauliche Auswirkungen auf die Raumqualität der Innenstadt und kann der heute städtebaulich überzeugend gelösten Mittlerfunktion des bestehenden Gebäudes zwischen der umliegenden Stadtbebauung und dem grössten Park- und Erholungsraum der Luzerner Innenstadt in keiner Art gerecht werden.

Qualitätsvoll genutzter Stadtraum beinhaltet mehr als eine Strategie zu kommerzieller Ertragssteigerung. Dies sollte als ein selbstverständlicher Grundsatz für Politiker gelten, speziell bei öffentlichen Grundstücken an zentralen Orten. Solche Areale sind Bestandteile des öffentlichen «Tafelsilbers», das nicht einfach aus kurzfristigen Überlegungen vermarktet werden darf. Die Motion von Hans Aregger ist für einen erfolgreichen Bauunternehmer mit dem grössten Abbruchbagger der Schweiz verständlich. Erstaunlich sind die unterstützenden MitunterzeichnerInnen. Unverständlich jedoch ist das Verhalten des Kantonsrates, der als Kantonsparlament mit der Überweisung dieser Motion einen kontroversen Beschluss gegen die Realisierung seines bewilligten Bauprojektes beschlossen hat. Die bisherige Sanierungsgeschichte der ZHB ist ein bedauerliches politisches Trauerspiel. PolitikerInnen fördern mit solchen kontroversen Beschlüssen nicht das Vertrauen ihrer Stimmbürgerschaft.    

Ich bin überzeugt, dass die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Luzern sich für die Erhaltung ihrer bestehenden ZHB und ihren Parkraum zur Wehr setzten werden. Ein Jammer ist, dass mit der Überweisung der Motion im Kantonsrat die Sanierung des ZHB-Gebäudes weiterverzögert und die Funktionsfähigkeit der ZHB gefährdet werden. Unsere bedeutendste und grösste öffentliche Bibliothek in der Zentralschweiz verdient ohne Verzug eine bessere Lösung: die bauliche Ausführung des Projektes von 2010, das von allen zuständigen Stellen des Kantons Luzern bewilligt wurde.

Claus Niederberger, Oberdorf NW


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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

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Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/