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Kolumne von Pirmin Meier

17.12.2020

Sie nannten ihn «Kiki»: Zum Tod von alt CVP-Bundesrat Flavio Cotti, dem profilierten Bildungs- und Kulturpolitiker

Im Tessin ist gestern Mittwoch (15. Dezember) Flavio Cotti mit 81 Jahren gestorben, der die CVP 1986 bis 1999 im Bundesrat vertreten hatte. Zunächst war er Innen-, nachher Aussenminister. Der Historiker Pirmin Meier (Aesch), selber während vielen Jahren engagiertes CVP-Mitglied und in der gleichen Studentenverbindung aktiv wie Cotti, würdigt den Verstorbenen eigens für lu-wahlen.ch.


1991: Bundespräsident Flavio Cotti (links) zusammen mit Bundesrat Adolf Ogi mit dem Dampschiff unterwegs zur Feier 700 Jahre Eidgenossenschaft in Brunnen.

1998: Bundesrat Flavio Cotti als Festredner unterwegs zum Rednerpult am Eidgenössischen Schwingfest in Bern.

Bilder: AURA / Emanuel Ammon

Flavio Cotti war ein Bundesrat mit hohem Bildungsprofil, wie es heute in dieser Behörde kaum mehr vorhanden zu sein scheint; ein sprachbegabter Humanist wie wenige, auch ein glänzender Moderator. Diese Eigenschaft hatte er schon als Parteipräsident der CVP zu meiner Zeit als Delegierter (1984 bis 1986) an den Tag gelegt. Es war eine Freude, mit Victor Kuhn, Marcel Sonderegger und Alfred Huber, dem Staatskundebuchverfasser und früheren Lehrer Cottis, an diesen Versammlungen teilzunehmen. Sie waren geprägt von hoher gegenseitiger Wertschätzung.

Als ausgezeichnet und bis heute auf seiner Stufe nicht mehr erreicht, können Cottis Kenntnisse der hochstehenden Soziallehre von Oswald von Nell-Breuning gelten, auch «Christliche Soziallehre» genannt; eine die christdemokratischen Parteien der Nachkriegszeit prägende Programmatik, angefangen von den Sozialenzykliken der katholischen Kirche ab «Rerum novarum» (1891) bis «Quadragesimo anno»; progressiv ergänzt unter Papst Johannes XXIII. durch «Mater et magistra» und das eindrücklich sozial fortschrittliche Lehrschreiben «Populorum progressio» bei Paul VI.

Diese – zwar nicht spezifisch schweizerischen – Gesichtspunkte machten denn auch Flavio Cotti zum überzeugten Europäer. Wobei freilich der Schriftsteller Reinhold Schneider 1958 darauf aufmerksam machte, dass zwischen dem Europa der Kathedralen, Euromarkt und Euratom ein Unterschied zu machen sei.
Aber Cotti wusste noch, was ein Christdemokrat ist. O-Ton Cotti: «Das berühmte C, über das man sich in meiner Partei so viele Fragen stellt, bedeutet für mich, neben die Freiheit auch die Solidarität zu setzen. Ich glaube, die wirtschaftliche Freiheit und die wirtschaftlichen Erfolge rechtfertigen sich nur, wenn sie sich auch zugunsten der Armen auswirken. Das ist der Sinn der christdemokratischen Gesinnung».  

Über Flavio Cotti zu schreiben, bringt den kritischen Betrachter aber in einen Zwiespalt: Der aus meiner Sicht beste Parteipräsident der CVP in den letzten 40 Jahren, ein Mann von Bildung und auch traditionsbewusster Kultur wie vor ihm zum Beispiel Hans Hürlimann, glänzend auftretender Bundespräsident in den Jubiläumsjahren 1991 und 1998, eloquent wie wenige. Dies ist die eine Seite.

Auf der anderen Seite stand Cotti – leider nicht zu Unrecht – im Ruf eines Ankündigungsministers, dem bestenfalls Dinge gelungen sind, die auch ohne ihn gekommen wären. Etwa die Gründung des BUWAL, des Bundesamtes für Umwelt, Wald und Landschaft; dies als Umsetzung der Motion von Julius Binder (CVP / AG) zum Umweltschutz aus dem Jahr 1964. Oder die 10. AHV-Revision. Und kulturpolitisch zum Beispiel die Einrichtung des Schweizer Literaturarchivs, was aber im Prinzip das Verdienst und die Leistung von Friedrich Dürrenmatt ist.

Der letztere warnte vor aussenpolitischer Überaktivität und – was gerade hochaktuell ist – vor einem Beitritt der Schweiz in den Uno-Sicherheitsrat. Sofern dieser tatsächlich erfolgen sollte, erhalten die seinerzeitigen Gegner des UN-Beitritts, darunter der Luzerner Theologe Herbert Haag, nachträglich leider noch recht. Selber glaubte ich die in die heutigen aussenpolitischen Dilemmata führende Politik des dieses Jahr verstorbenen Bundesrates René Felber (SP) und den als Parteipräsidenten verehrten Flavio Cotti insofern kritisieren zu dürfen, als der Aargauer Bundesrat Hans Schaffner mit seiner ebenfalls phänomenal klugen Frau mir noch persönlich bekannt war. Wie kein zweiter seither konzentrierte dieser Wirtschaftspolitiker und Staatsmann Aussenpolitik auf Interessenpolitik und historische Erfahrungen mit der Neutralität.

Gegen Ende des Jahrtausends wurden die Verhältnisse komplizierter. Cottis, Felbers und anderer damaliger Bundesräte Netto-Leistung bleibt wohl die Ablehnung des EWR-Vertrags von 1992, dessen Details von weniger als einem Promille der Stimmberechtigten ernsthaft studiert werden konnten. Vermutlich aber schon von Flavio Cotti. Darum liess er sich als ausschlaggebende Stimme mit weiteren Versager-Bundesräten gegen den Widerstand der Politiker Arnold Koller und Otto Stich zu einem noch den EWR-Beitritt begleiten sollenden Beitrittsgesuch in die Europäische Union verleiten, womit die knapp ausgegangene Jahrhundert-Abstimmung auch aufgrund politischer Dummheit beerdigt wurde.

Im Anschluss daran kamen bilaterale Verträge in Richtung verantwortungslose Guillotine-Klausel, was wiederum auf krasse Unfähigkeit oder, was ich nicht annehme, fiese Taktik des Beitrittszwangs zu interpretieren wäre. Wie auch immer: die Schweizer Aussenminister – zu denen leider auch der von Giuseppe Motta inspirierte Flavio Cotti gehörte – waren mit ihren Verhandlungsdelegationen Weltmeister im Eierlegen. Dass sie es gut meinten, ändert nichts an mangelndem staatsmännischen Geschick bis hin zur Unfähigkeit aufgrund von Überforderung im Umfeld eines Meinungsklimas, dem man nun mal standhalten müsste.

Zu den Persönlichkeiten, die das besser gewusst haben, gehörte ohne Zweifel der gleichzeitig mit Flavio Cotti (1986) als CVP-Vertreter in den Bundesrat gewählte Arnold Koller. Sein Bemühen, das Aussenministerium zu übernehmen, scheiterte am Gesamtbundesrat wohl auch deswegen, weil Flavio Cotti in Sachen Sprachbegabung ein Phänomen war und von für die Schweiz überdurchschnittlicher repräsentativer Begabung. Dass ihm der politische Instinkt für grosse Sachen fehlte, was selbst einem oft plump auftretenden Politiker wie Helmut Kohl kaum abging, hat die Schweiz gegenüber der EU noch heute auszulöffeln.

Flavio Cotti lag es, «die Politik, die ohnehin geschieht» (Schriftsteller Thomas Hürlimann), zu verkaufen; eine Haupteigenschaft der CVP-Bundesrätinnen bis heute, welche Aufgabe ebenso gut oder gar noch besser von einer anderen Mitte-Partei übernommen werden könnte. Nicht zu vergleichen mit der zunächst manchmal übereifrigen Gestaltungskraft eines Kurt Furgler, die aber dann Arnold Koller mit der Verfassungsrevision von 1999 zu einer wirklichen Netto-Leistung eines CVP-Bundesrates vollendet hat. Dass diese Verfassung noch viele in politische Versuchungen auszuinterpretierende Phrasen und Deklamationen enthält, war allerdings nicht die Schuld des Bundesrates.

Über alles gesehen halte ich Flavio Cotti, diesen hochgebildeten redlichen Menschen, ehemaligen Schüler des Kollegiums Sarnen, im Denken mit theologischen und literarischen Dimensionen ausgestattet, für ein Beispiel der zum Teil systembedingten permanenten Überforderung unseres Bundesrates.

Dies ist auch ein Argument dafür, dass der sogenannte Souverän von Volk und Ständen dann und wann die Notbremse ziehen muss. Nicht, weil dieselben klüger sind, sondern weil die Regierenden, wie gegenwärtig, ihrerseits Entscheidungen ohne das geringste garantierte Wissen treffen; auch unter dem Druck der Massenpsychologie; man vergleiche die Kanonenschüsse in Salzburg und anderen Städten zur Zeit der Cholera (1831) zum Zweck der Luftreinigung. Als eine Regierung mit dieser Praxis anfing, mussten es viele andere nachmachen. Schliesslich wollte man für das Volk nur das Beste. Letzteres kann und darf unseren Bundesräten mit Fug und Recht nachgesagt werden.  

Flavio Cotti – v/o Kiki – mein geschätzter Farbenbruder, möge ruhen im Frieden des Herrn!

Pirmin Meier, Aesch

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Literatur: Altermatt, Urs: Das Bundesratslexikon. NZZ Libro 2019


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Über Pirmin Meier:

Dr. phil. Pirmin Meier (1947), aufgewachsen in Würenlingen AG und wohnhaft in Aesch, langjähriger Gymnasiallehrer in Beromünster, war zunächst als Journalist und Herausgeber von Büchern (unter anderem bei Suhrkamp-Insel) tätig, später mehrere Jahrzehnte als Gymnasiallehrer (Beromünster) und Lehrerfortbildner. 

Seine Biographien über Paracelsus (6. Auflage im Jahr 2013), Bruder Klaus (3. Auflage in Vorbereitung) sowie Heinrich Federer und Micheli du Crest gelten als epochal und wurden unter anderem mit dem Innerschweizer und dem Aargauer Literaturpreis ausgezeichnet. Zu den Themen, die mit der Innerschweiz zu tun haben, gehören bei Pirmin Meier das Buch «Landschaft der Pilger», unter anderem mit der Beschreibung der Schattigen Fasnacht in Erstfeld und einer ersten Studie über den heiligen Gotthard. Ausserdem setzte er sich mit der Biographie von Pater Alberich Zwyssig – von ihm stammt der Text des «Schweizerpsalms», der Schweizer Nationalhymne – auseinander, eingegangen in das Buch über Wettingen «Eduard Spörri, ein alter Meister aus dem Aargau».  

Stark beachtet, mit rund drei Dutzend öffentlicher Lesungen seit dem Erscheinen, etwa in Altdorf und im Bahnhofbuffet Göschenen, wurde die mit grossem Aufwand betriebene Neufassung des berühmten Jugendbuches «Der Schmied von Göschenen», welche Neubearbeitung erstmals die Bedeutung der Walser für die ältere Schweizer Geschichte unterstreicht.  

Pirmin Meier gehörte auch zu den geistigen Promotoren des Films «Arme Seelen» von Edwin Beeler, zu welchem Thema er sich im Sommer 2012 in einer ganzstündigen Sendung «Sternstunde Religion» auf SRF ausgelassen hat. Er lebt in Rickenbach bei Beromünster, arbeitet derzeit an einem Grossprojekt über Schweizer Mystik und schrieb auch den Text für das Oratorium Vesper von Heiligkreuz mit Musik von Carl Rütti.

Am 7. September 2013 hielt Dr. Pirmin Meier auf der Rigi die Jubiläumsansprache zum Jubiläum 70 Jahre Innerschweizer Schriftstellerinnen- und Schriftstellerverein ISSV. Für sein Buch «St. Gotthard und der Schmied von Göschenen» machte er bedeutende, für die Geschichte der alten Wege einmalige Recherchen über die alten Wege vor 1231, auch zusammen mit dem Historiker Dr. Hans Stadler-Planzer.

In beratender Funktion ist Pirmin Meier tätig für das Filmprojekt «Paracelsus - Ein Landschaftsessay» des in Root (LU) wirkenden Filmunternehmers und Regisseurs Erich Langjahr, wie Pirmin Meier Innerschweizer Kulturpreisträger.

Mehr über Pirmin Meier:
http://de.wikipedia.org/wiki/Pirmin_Meier

Pirmin Meier erhält Innerschweizer Kulturpreis 2008:
https://kultur.lu.ch/-/media/Kultur/Dokumente/preise_auszeichnungen/meier2008.pdf