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Kolumne von Pirmin Meier

21.12.2015

Weihnachten ist kein Tag, sondern ein Zeitraum

Weihnachten ist nicht bloss die Nacht vom 24. auf den 25. Dezember. Es ist die Phase der «zwölf Nächte», ursprünglich am 21.Dezember beginnend. Diese Weihnachtszeit enthält sowohl Licht wie Finsternis.


In Rheinfelden (AG) schmeckt der Weihnachtsbraten der Sebastiani-Bruderschaft schon fast nach Leichenessen. Das Modell der «Heiligen Familie» ist aber durch nichts zu toppen. Darum ist der 24. Dezember das Fest der biblischen Stammeltern Adam und Eva. 

Zur stellvertretenden Busse für die Fehler von Vater und Mutter ass man einst an diesem Tag vor 18 Uhr kein Fleisch. Dafür zündete man den Toten zuliebe Kerzen an. Drei Tage vor Weihnachten, am Tag von St. Thomas, feiern die Verstummten nämlich ihr eigenes Fest. Zu Ehren ihres Richters und Erweckers Jesus Christus. Der Weihnachtsbaum, eine Erfindung der Romantik, war ein erfolgreicher Versuch, das Unheimliche dieser Tage etwas gemütlicher zu machen. Shakespeare, der Autor im Stil des christlichen Jahrtausends, wartete in London für die Aufführung seiner Komödie «Twelth Night» (zwölfte Nacht) bis zum Dreikönigstag. 

Kaum ein Brauch unserer Zivilisation hat eine so hohe Akzeptanz wie Weihnachten. Neben christlichen fallen ausserchristliche Gesichtspunkte ins Gewicht. Der Geburtstagstermin des Jesuskindes ist das Resultat eines Verdrängungsprozesses. Unter drei neumodischen Mysterienreligionen konnte sich im vierten Jahrhundert nur eine durchsetzen. Ganz früher galt der 25. Dezember als Geburtstag von Mithras: der Erlöserfigur eines iranisch-römischen Mysterien-Kultes; des Herolds der Metzgerweihnacht, wurde doch Mithras zu Ehren jeweils ein Stier geschlachtet. Die Museen von Strassburg und Speyer zeigen blutfarbene Mithras-Altäre aus der Antike.  

Der Weihnachtsbraten ist das übrig gebliebene Mithras-Element eines verbürgerlichten Festes. Meine Eltern, Landmetzger, waren oft bis tief in die Nacht hinein mit dem Erstellen der Tagesabrechnung des erfreulichsten Verkaufstages beschäftigt. Für einige Nachbarn durfte ich liebevoll verpackte «Schüfeli» und «Rollschinkli» austragen. 

Bei dem vom Zuger Komponisten Carl Rütti intonierten, vom Verfasser dieses Beitrags getexteten Heiligkreuz-Oratorium vom Tag der Kreuzauffindung spielte 2013 der Entlebucher Stier, eindrucksvoll als Relief dargestellt in der Wallfahrtskirche Heiligkreuz, eine grosse Rolle. Gemäss dem Text handelt es sich um eine Reminiszenz an den Mithras-Kult, zumindest ikonografisch. Das berühmte Zeichen, in welchem der Kaiser Konstantin bei der Schlacht an der Milvischen Brücke 312 gesiegt haben wollte, hatte ursprünglich mehr mit dem Mithras-Kult und vor allem mit dem Sonnen-Kult zu tun als mit dem Christentum. Auch dies hängt mit dem Weihnachtsdatum vom 25. Dezember zusammen. 

Der Tag war, wegen der Sonnenwende, im Ursprung auch der Geburtstag des Sonnengottes: Sol invictus, kurzzeitig zur römischen Staatsreligion erhoben. Trägt dieser Kult Mitverantwortung für die «Lichtverschmutzung» an Dezembertagen? Die winterliche Lichtknappheit gab dem Fest zusätzlich einen nordisch-germanischen Impuls.

Das Lichtfest von Schweden, der Tag der heiligen Luzia (13. Dezember), liegt schon hinter uns. In Aesch am Hallwilersee (LU) sind an «Luzia» die Läden noch heute geschlossen. Die heilige Ottilia, Patronin des Sundgaues, mit Verehrung bis in die innere Schweiz, lässt sich ebenfalls an Luzias Tag feiern. Wegen der mittelalterlichen Sonnenwende, einer Vorläuferin des kommenden Festes. Kein Wunder, hilft die heilige Ottilia bei Augenleiden. Eine Trösterin in der Finsternis. Sie hilft – man kann es über die Festtage gebrauchen – auch bei Familienkrächen. Vater – Mutter – Kind. Die Heilige Familie.

Ist der Samichlaus dem Advent zuzurechnen, sind die Lichtfeste von Luzia und Ottilia Vorboten von Weihnachten. Am Entschiedensten gilt dies für den Zweifler Thomas (21. Dezember). An diesem Datum wurde die Weihnachtszeit der zwölf Nächte einst mit Lärm und Umgang eingeläutet. Dass es bis Dreikönigen 15 Nächte wären, stört nur pedantische Rechner. Bei der Fasnacht beharrt ausserhalb Basels auch niemand auf den drei allein erlaubten Tagen. 

Warum gehört St. Nikolaus zur Adventszeit, aber nicht zu Weihnachten? Gemäss der Synode von Seligenstadt (1022), an der auch der heutige Passheilige Gotthard teilnahm, wurde für den Advent Fasten vorgeschrieben.

Neben den Sonntagen war aber St. Niklaus (6. Dezember) zum Schmaus zugelassen; darum Nuss und «Bire» und «Guetzli»; «Landjäger» und andere Wurstwaren nicht ausgenommen.

Der unterschätzte Thomastag erinnert daran, dass Weihnachten nicht ein Tag ist, sondern ein Zeitraum. Wer es kaum erwarten mag, macht drei Tage vorher Lärm. Laut läuteten die Glocken 1481, als in Stans dank Klaus von Flüe ein eidgenössischer Friede verkündet wurde. Der Thomastag ist wie schon gesagt das Weihnachtsfest der Toten. Sie dürfen endlich wieder mal umgehen. Ihr Umzug wurde einst «das wilde Heer» genannt. Wer am Thomastag geboren wird, dem sagt man Sinn für das Opfer nach. Vor 65 Jahren, am 21. Dezember 1950, erblickte in Zug Dichter Thomas Hürlimann das Licht der Welt. Eine regelmässig bei ihm auftretende Figur, der «Sargtöneli», Schreiner von Beruf, war in diesem Jahr die lebensvollste Figur in seinem Stück «Das Luftschiff». 

Der 24. Dezember, einst ein Fast- und Abstinenztag zur Sammlung auf Kommendes, sollte nicht mit Weihnachten verwechselt werden. Die Ehrfurcht vor der Stille gebot es, besonders im alten Bern, erst aufs Neujahr ans Geschenkemachen zu denken.

In Beromünsters tausendjähriger Lateinschule waren der 25. und 26. Dezember nicht schulfrei, weil man in der Kirche zu singen hatte. Und weil auf Neujahr Zehnten abzugeben waren, gab es erst zu dieser Zeit Geschenke für die Herren und Gegengeschenke untereinander. An Silvester war Ulk zugelassen. Der «Bärchtelistag»  (2. Januar) war in protestantischen Gegenden einer der ganz wenigen erlaubten Tanztage. Der Urgrossvater durfte endlich mal die Urgrossmutter in den Arm nehmen. 

In der Regel waren in den reformierten Städten die zwölf Nächte mit dem Berchtoldstag zu Ende. In Wettingen und anderswo aber gehen noch bis Dreikönigen die Sternsinger um. Das tiefsinnigste Brauchtum, dem Thomastag näher stehend als Weihnachten, sind die zwölf schwarzen «Sebastianibrüder» von Rheinfelden. Die Lampe, die sie am Weihnachtsabend und an Silvester herumtragen, leuchtet seit den Tagen des Barocks für Hoffnung in der Zeit der Pest. Ich kenne in meiner Heimat kaum einen vergleichbar ehrfurchtgebietenden Weihnachtsbrauch; ein Stück Weltkulturerbe, auf die Anerkennung durch die Unesco nicht angewiesen. Ein Ja zum Leben unter der Folie des Todes.

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Dieser Beitrag von lu-wahlen.ch-Kolumnist Dr. Pirmin Meier erschien - 
ohne den Hinweis auf den Mithras-Bezug des Stiers vom Heiligkreuz (Entlebuch) - gestern in der «Schweiz am Sonntag». Die 12 Nächte, in Deutschland und Österreich «Rauhnächte» genannt, sind in Wirklichkeit deren 15, wenn wir die Thomasnacht, das Weihnachtsfest der Toten, mit einbeziehen. Der heutige Beitrag erscheint zum 65. Geburtstag des Innerschweizer Autors Thomas Hürlimann, mit dem sich Pirmin Meier seit Jahrzehnten tief verbunden fühlt. Er wünscht seinerseits allen Leserinnen und Lesern dieser Seite und natürlich seinem publizistischen Weggefährten Herbert Fischer ein gesegnetes Weihnachtsfest. 

Pirmin Meier, Rickenbach


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Über Pirmin Meier:

Dr. phil. Pirmin Meier (1947), aufgewachsen in Würenlingen AG und wohnhaft in Aesch, langjähriger Gymnasiallehrer in Beromünster, war zunächst als Journalist und Herausgeber von Büchern (unter anderem bei Suhrkamp-Insel) tätig, später mehrere Jahrzehnte als Gymnasiallehrer (Beromünster) und Lehrerfortbildner. 

Seine Biographien über Paracelsus (6. Auflage im Jahr 2013), Bruder Klaus (3. Auflage in Vorbereitung) sowie Heinrich Federer und Micheli du Crest gelten als epochal und wurden unter anderem mit dem Innerschweizer und dem Aargauer Literaturpreis ausgezeichnet. Zu den Themen, die mit der Innerschweiz zu tun haben, gehören bei Pirmin Meier das Buch «Landschaft der Pilger», unter anderem mit der Beschreibung der Schattigen Fasnacht in Erstfeld und einer ersten Studie über den heiligen Gotthard. Ausserdem setzte er sich mit der Biographie von Pater Alberich Zwyssig – von ihm stammt der Text des «Schweizerpsalms», der Schweizer Nationalhymne – auseinander, eingegangen in das Buch über Wettingen «Eduard Spörri, ein alter Meister aus dem Aargau».  

Stark beachtet, mit rund drei Dutzend öffentlicher Lesungen seit dem Erscheinen, etwa in Altdorf und im Bahnhofbuffet Göschenen, wurde die mit grossem Aufwand betriebene Neufassung des berühmten Jugendbuches «Der Schmied von Göschenen», welche Neubearbeitung erstmals die Bedeutung der Walser für die ältere Schweizer Geschichte unterstreicht.  

Pirmin Meier gehörte auch zu den geistigen Promotoren des Films «Arme Seelen» von Edwin Beeler, zu welchem Thema er sich im Sommer 2012 in einer ganzstündigen Sendung «Sternstunde Religion» auf SRF ausgelassen hat. Er lebt in Rickenbach bei Beromünster, arbeitet derzeit an einem Grossprojekt über Schweizer Mystik und schrieb auch den Text für das Oratorium Vesper von Heiligkreuz mit Musik von Carl Rütti.

Am 7. September 2013 hielt Dr. Pirmin Meier auf der Rigi die Jubiläumsansprache zum Jubiläum 70 Jahre Innerschweizer Schriftstellerinnen- und Schriftstellerverein ISSV. Für sein Buch «St. Gotthard und der Schmied von Göschenen» machte er bedeutende, für die Geschichte der alten Wege einmalige Recherchen über die alten Wege vor 1231, auch zusammen mit dem Historiker Dr. Hans Stadler-Planzer.

In beratender Funktion ist Pirmin Meier tätig für das Filmprojekt «Paracelsus - Ein Landschaftsessay» des in Root (LU) wirkenden Filmunternehmers und Regisseurs Erich Langjahr, wie Pirmin Meier Innerschweizer Kulturpreisträger.

Mehr über Pirmin Meier:
http://de.wikipedia.org/wiki/Pirmin_Meier

Pirmin Meier erhält Innerschweizer Kulturpreis 2008:
https://kultur.lu.ch/-/media/Kultur/Dokumente/preise_auszeichnungen/meier2008.pdf