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Kolumne von Pirmin Meier

15.09.2015

Die Schlacht von Marignano: Totengedenken war weder Metapher noch Mythos

Pirmin Meier, historischer Schriftsteller und Kolumnist von lu-wahlen.ch, am letzten Samstag (12. September) in der «NLZ» einen vielbeachteten Artikel über die Schlacht von Marignano publiziert. Einerseits ging es ihm, unter Einbeschluss von Innerschweizer Totenbüchern, um Geschichtsbewusstsein jenseits von Ideologie. Andererseits kommentierte er die Hahnenkämpfe zwischen Historikern und Politikern um die Deutungshoheit von Ereignissen wie Marignano und Morgarten.


Dabei ist ihm aber selber ein Fehler unterlaufen. Es stimmt zwar, dass der erste kritische Historiker Joseph Eutych Kopp (1793 bis 1866) in Thomas Maissens «Schweizergeschichte» und im Standardwerk «Urschweiz ohne Eidgenossen» von Roger Sablonier in Text und Literaturverzeichnis nicht erwähnt wird. Thomas Maissen hat jedoch in seinem neuesten Buch «Schweizer Heldengeschichte – und was dahinter steckt», Kopp tatsächlich erwähnt, auf Seite 35 sogar vorgestellt; so, wie es Otto Marchi in seiner «Schweizer Geschichte für Ketzer» schon 1971 geleistet hatte.

Bei aller Kritik bezüglich der «Platzhirsche» der Schweizer Geschichtsschreibung legt Pirmin Meier Wert darauf, dass es ihm nicht um Seitenhiebe ging, sondern um Hinweise auf das Innerschweizer Geschichtsbewusstsein. 

Als Exklusivität sind beispielsweise die Hinweise auf die Beteiligung von Kriegern aus dem Michelsamt (Beromünster und Umgebung) zu erachten, welche wegen spezieller Beziehungen von Chorherr Petermann von Hertenstein (nach dem heute noch der Beromünsterer «Hertensteinhof» benannt ist) zu Kardinal Matthäus Schiner erfolgten.

Laut Heimatarchivar und alt Gemeindeammann Erwin Troxler soll auch ein Rothenburger Detachement in Marignano gefochten haben. Dies lässt sich zwar aus dem Luzerner Staatsarchiv nicht belegen, ist aber angesichts der belegten Michelsämter Truppe in den Mailänder Feldzügen überaus wahrscheinlich.

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Und hier folgt die bereinigte Version des Beitrags von Pirmin Meier in der «Neuen Luzerner Zeitung» vom Samstag, 12. September 2015.

In der Schweizer öffentlichen Meinung wird der heute fällige 500. Gedenktag der Schlacht bei Marignano oft auf das Stichwort Neutralität sowie eine Reizfigur wie Ueli Maurer und seine «beste Armee der Welt» reduziert. Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga ihrerseits sprach bei ihrer Gedenkansprache über die angebliche oder wirkliche Berechtigung von Mythen. Von solchen zu sprechen, scheint aber dann verfänglich, wenn doch immerhin konkrete Totenlisten vorliegen. In diesem Sinn ist Marignano so wenig ein Mythos wie der 11. September 2001 oder irgendeines der über 400 Konzentrationslager des nationalsozialistischen «Holocaust»-Systems. Zu betonen bleibt, dass bei den Innerschweizer Schlachtengedenktagen, etwa Sempach betreffend, das Politische im Vergleich zur «Jorzet»-Tradition noch in den Hintergrund trat. 

Aus Innerschweizer Sicht hat die im Prinzip verdienstvolle Debatte zwischen Christoph Blocher und dem von Paris aus wirkenden Historiker Thomas Maissen wenig zu sagen. Bei der gängigen «Geschichtspolitik» geht es kaum um die Frage, wie es «wirklich» gewesen sei. Im Vordergund scheint der Hahnenkampf um die Deutungshoheit zu stehen. Ob Politiker oder Historiker: die Platzhirsche sieht man kaum in den Archiven. Sie wissen ohnehin alles besser. Entweder sind Marignano (und Morgarten) Mythen, oder dann sind sie der Ursprung der Neutralität und der schweizerischen Unabhängigkeit.  

Geschichtsbewusstsein war in der Innerschweiz ursprünglich weniger ideologisch, als es sich im 19. und 20. Jahrhundert bei liberalen, konservativen, nationalen und linken Geschichtspolitikern ausgebildet hat.

Die vom «Tagesanzeiger»  kürzlich zitierte Deutung des britischen Militärhistorikers Richard Overy («Die Schlacht wird zur Metapher»), passt nur gerade zu den Grabenkämpfen zwischen den angeblich «Öffnungsorientierten» und denjenigen, die mit der Erinnerung an die Schlachten die Schweiz retten wollen oder zumindest damit Wahlkampf machen. 

Zu den vergleichsweise glaubwürdigen Repräsentanten Innerschweizerischen Geschichtsbewusstseins gehört der einstige Feuilletonist der «Neuen Zürcher Zeitung» und Autor  Meinrad Lienert (1865 bis 1933) aus Einsiedeln. «Marignano» war für ihn keine Metapher, sondern konkret: Es bestand für ihn aus dem Schicksal von 175 Talgenossen, deren Namen er den Totenbüchern entnahm. Die Namen bedienten keine Sorte von Propaganda. Es ging um das Gedächtnis für die abgeschiedenen Seelen. 

Lienert unterstellte in seiner historischen Erzählung «Die Getreuen» nicht, die «Marignano»-Kämpen hätten über ihren militärischen Auftrag hinaus irgendetwas verteidigen, retten oder begründen wollen. Für den Schmied Heini Tätsch, den Holzflösser Thysel Tüss und den Bauern Uoli Schrott war der Krieg Arbeit. Im Prinzip ein ehrliches Handwerk, weil es ohne Ideologie, in der Regel ohne Hass auf den Gegner ausgeübt wurde. Marschieren. Essen, Trinken, Lieben, Scheissen, Kämpfen, Sterben – das war der Alltag. Nicht zu vergessen das Pfeifen und das Beten. Das Leben konnte jederzeit zu Ende sein. Die eidgenössischen Krieger kämpften auch für die Ihrigen zu Hause. Es ging um ihr tägliches Brot, wie man es sich im «Vater unser» erbat. Gemäss «Ave Maria», damals ein Zeitmass, hielten sich die Krieger sogar für Sünder. Für Meinrad Lienert war der Hauptmann Ulrich Kätzi wichtig. Er soll, wie der Einsiedler Leutpriester Ulrich Zwingli, vor dem Italienfeldzug gewarnt haben. Auf dem nach ihm benannten «Katzenstrick» bewirtschaftete er eine Alp, deren Besitzverhältnisse einst im «Marchenstreit» historische Bedeutung erlangten. 

Was war für die eidgenössischen Krieger bei der Schlacht bei Marignano das Schlimmste? Wohl, dass sie dieselbe verloren haben. Dies legen Beromünsterer Quellen zum Geschehen von 1515 nahe.

Für die Gemeinde Rickenbach im luzernischen Michelsamt war «Marignano» keine Metapher. Auch nicht für das Stift Beromünster. Chorherr Petermann von Hertenstein war eng mit Kardinal Matthäus Schiner, dem Bischof von Sitten, befreundet. Darum organisierte er für den Kriegsherrn ein Detachement aus den Michelsämter Gemeinden Beromünster, Gunzwil, Neudorf und Rickenbach. Angeführt von Junghans Habermacher aus Rickenbach. Dieser kam wie viele andere nicht wieder heil nach Hause. Die für die Angehörigen der Gefallenen angeordnete Sammlung erfolgte mit deutlichen Zeichen des Missmutes. 

Das «Jahrzeit» für Habermacher und Getreue fand in Rickenbach jeweils am 12. September statt; man datierte also das Datum der Schlacht (13. / 14. September 1515) einen bis zwei Tage vorher. Für Morgarten, Sempach und Marignano gilt: das Gedächtnis der Schlacht gilt nicht dem Patriotismus, sondern dem «Jorzet», dem Jahreszeit-Gedächtnis. Eidgenosse sein hiess: vor der Ewigkeit zu stehen. Ein Stossgebet lautete: «Heiligi Sankt Bäärble (Barbara), loss mich nit unbycht stäärbe.» So viel aus der Sicht historischer Volkskunde zum «Geist» von innerschweizerischem Schlacht-Gedenken. 

«Marignano» oder «Melegnano» ist dieses Jahr in aller Munde. Von der Ausstellung im Landesmuseum bleibt ein Buch von 526 Seiten übrig. Weiterführende und überaus anschauliche Beiträge verfassten die Militärhistoriker Walter Schaufelberger und Jürg Stüssi-Lauterburg. In geistige Unkosten hat sich auch BaZ-Chefredaktor Markus Somm gestürzt: 344 Seiten umfasst sein soeben bei Stämpfli erschienenes Oeuvre «Marignano – Geschichte einer Niederlage». Was Historiker und Publizisten schreiben, bleibt ein Beitrag jeweils für die eigene Generation.

Bei aller Anerkennung der neueren Forschung bleibt es dabei, dass ohne Grübeln in den Zentralschweizer Archiven weder ein Professorentitel weiterhilft noch die durchaus achtbare Belesenheit des Politikers Blocher. Kritische Historie ist etwas anderes. Sie kann auch nicht durch Meinrad Lienert und Robert Walser («Die Schlacht bei Sempach») ersetzt werden.  

Dem Urner Kantonshistoriker Hans Stadler-Planzer, dessen zweiter Band der Kantonsgeschichte demnächst erscheint, kann kaum ein Platzhirsch der Schweizer Geschichte etwas vormachen. Geht es zum Beispiel um den St. Gotthard, ist er einfach näher und dauernd bei den Quellen. Andererseits wird in Leitwerken neuerer Schweizer Geschichte, so bei Roger Sablonier und Thomas Maissen, der wichtigste Kritiker der Schweizer Geschichtsmythen, Joseph Eutych Kopp (1793 bis 1866) nicht einmal erwähnt (Thomas Maissen hat dies jedoch 2015 in seinem beim Verlag hier+jetzt veröffentlichten Buch über «Schweizer Heldengeschichten und was dahintersteckt»  in verdienstvoller Weise nachgeholt). Was immer an Tell, Winkelried und anderen Innerschweizer Geschichtsmythen kritisiert wird, es besteht aus Fussnoten zu Kopps vielbändiger «Geschichte der Eidgenössischen Bünde». In vielen Teilen verdienstvoll scheint mir aber der neueste Band des «Geschichtsfreund» des Historischen Vereins der 5 Orte, mit zum Teil sehr konkreten, sogar topographischen Studien zu Morgarten. 

Natürlich waren gemäss der neuesten wissenschaftlichen Literatur die Schlacht am Morgarten wie auch die Schlacht bei Marignano weder bereits der Anfang der schweizerischen Freiheit noch gar der Neutralität. Aber doch ganz kolossale Ereignisse, ohne welche die Schweizer Geschichte einen anderen Verlauf genommen hätte. 

Das Gedenken an die Schlacht bei Marignano muss auch aus der Sicht von Ruswil, der Urheimat der Luzerner Konservativen, nicht heroisiert werden. Wie bei Sempach würde das Totengedenken genügen. Unter den Vorfahren von Franz Grüter aus Ruswil, heute Präsident der SVP des Kantons Luzern, befand sich mit Rottmeister Rudolf Grüter ein 1512 belegter Teilnehmer der von Kardinal Schiner eingefädelten Feldzüge. Anscheinend hängt alles mit allem zusammen. Geschichte ist in der Urschweiz keine Metapher, sondern Schicksal. Dorfgeschichte und Weltgeschichte spielen zusammen.

Pirmin Meier, Rickenbach

PS.: Autor Pirmin Meier dankt Herrn Dr. Pirmin Schallberger, (Cham) und Heimatarchivar Erwin Troxler (Rothenburg) für Ergänzungen, die hier in der im Netz aufgeschalteten Kolumne von vergleichsweise bleibendem Wert sind. 


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Über Pirmin Meier:

Dr. phil. Pirmin Meier (1947), aufgewachsen in Würenlingen AG und wohnhaft in Aesch, langjähriger Gymnasiallehrer in Beromünster, war zunächst als Journalist und Herausgeber von Büchern (unter anderem bei Suhrkamp-Insel) tätig, später mehrere Jahrzehnte als Gymnasiallehrer (Beromünster) und Lehrerfortbildner. 

Seine Biographien über Paracelsus (6. Auflage im Jahr 2013), Bruder Klaus (3. Auflage in Vorbereitung) sowie Heinrich Federer und Micheli du Crest gelten als epochal und wurden unter anderem mit dem Innerschweizer und dem Aargauer Literaturpreis ausgezeichnet. Zu den Themen, die mit der Innerschweiz zu tun haben, gehören bei Pirmin Meier das Buch «Landschaft der Pilger», unter anderem mit der Beschreibung der Schattigen Fasnacht in Erstfeld und einer ersten Studie über den heiligen Gotthard. Ausserdem setzte er sich mit der Biographie von Pater Alberich Zwyssig – von ihm stammt der Text des «Schweizerpsalms», der Schweizer Nationalhymne – auseinander, eingegangen in das Buch über Wettingen «Eduard Spörri, ein alter Meister aus dem Aargau».  

Stark beachtet, mit rund drei Dutzend öffentlicher Lesungen seit dem Erscheinen, etwa in Altdorf und im Bahnhofbuffet Göschenen, wurde die mit grossem Aufwand betriebene Neufassung des berühmten Jugendbuches «Der Schmied von Göschenen», welche Neubearbeitung erstmals die Bedeutung der Walser für die ältere Schweizer Geschichte unterstreicht.  

Pirmin Meier gehörte auch zu den geistigen Promotoren des Films «Arme Seelen» von Edwin Beeler, zu welchem Thema er sich im Sommer 2012 in einer ganzstündigen Sendung «Sternstunde Religion» auf SRF ausgelassen hat. Er lebt in Rickenbach bei Beromünster, arbeitet derzeit an einem Grossprojekt über Schweizer Mystik und schrieb auch den Text für das Oratorium Vesper von Heiligkreuz mit Musik von Carl Rütti.

Am 7. September 2013 hielt Dr. Pirmin Meier auf der Rigi die Jubiläumsansprache zum Jubiläum 70 Jahre Innerschweizer Schriftstellerinnen- und Schriftstellerverein ISSV. Für sein Buch «St. Gotthard und der Schmied von Göschenen» machte er bedeutende, für die Geschichte der alten Wege einmalige Recherchen über die alten Wege vor 1231, auch zusammen mit dem Historiker Dr. Hans Stadler-Planzer.

In beratender Funktion ist Pirmin Meier tätig für das Filmprojekt «Paracelsus - Ein Landschaftsessay» des in Root (LU) wirkenden Filmunternehmers und Regisseurs Erich Langjahr, wie Pirmin Meier Innerschweizer Kulturpreisträger.

Mehr über Pirmin Meier:
http://de.wikipedia.org/wiki/Pirmin_Meier

Pirmin Meier erhält Innerschweizer Kulturpreis 2008:
https://kultur.lu.ch/-/media/Kultur/Dokumente/preise_auszeichnungen/meier2008.pdf