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Kolumne von Pirmin Meier

19.10.2014

Schwarzenbach-Kenner Pirmin Meier über Beat Bieris Schwarzenbach-«Dok»

Von Historiker Pirmin Meier erschien in der heutigen «Schweiz am Sonntag» (19. Oktober 2014) ein grösserer zeitgeschichtlicher Artikel als Zeitzeuge über James Schwarzenbach. Dabei fielen sämtliche Bezüge auf den Anlass des Beitrages – Beat Bieris Dokumentarfilm, ausgestrahlt beim Fernsehen SRF am letzten Donnerstag (16. Oktober 2014) – Kürzungen zum Opfer.


 

www.lu-wahlen.ch veröffentlicht hier eine Version des Meier-Textes, bei der stärker auf Bieris Dokumentation eingegangen wird. Im Zentrum stehen aber die Porträtierung Schwarzenbachs und Perspektiven, bei welchen auch Autoren wie Max Frisch, Peter Bichsel und Arbeiterschriftsteller Karl Kloter mit zu Wort kommen. Ganz unten auf dieser Seite finden sich Direktlinks zu Beat Bieris Schwarzenbach-«Dok» und zu einem Bieri-Interview mit Pirmin Meier.

Hier also die spezielle Fassung Pirmin Meiers für lu-wahlen.ch:

Ein Dokumentarfilm gibt, fast noch stärker als ein sich selber stimmiger Spielfilm, nur einen Ausschnitt aus der Wirklichkeit.

«Man hat Arbeitskräfte gerufen, es kommen Menschen»,  lautet der meistzitierte Satz von Max Frisch. Für die Lebenswirklichkeit des Jahrhundertautors waren Gastarbeiter aus Italien so wenig bedeutend wie für James Schwarzenbach, der sich in einer Dokumentarszene von einem Vertreter der Arbeitswelt vorwerfen lassen musste, dieselbe nicht konkret zu kennen. Ein Vorwurf, der eher stimmte als dass Schwarzenbach, wie stereotyp unterstellt wird, ein «Fremdenfeind» gewesen sein soll.

In seiner Einmannzeitung «Der Republikaner» (die er aus dem Erbe von Aargauer-Volksblatt-Redaktor Johann Baptist Rusch aufgekauft hatte) schrieb er noch 1963, dass ein Einwandererkind aus Jugoslawien sehr wohl ein guter Schweizer sein könne. Damit sprach er das Bekenntnis zur «Willensnation» an. Bei Afrikanern war aber bei Schwarzenbach, der noch 1972 in Rhodesien dem weissen Rebellen-Premier Ian Smith die Aufwartung gemacht hatte, die Toleranzkapazität ausgeschöpft. Seine Einstellung gegenüber dem südlichen Afrika war, wie ich mich aus Gesprächen erinnere, von Begeisterung für die weissen Buren geprägt. Diese Haltung war zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Schweiz Standard. Man trifft sie auch beim christlichsozialen Autor Heinrich Federer, der, wie nach ihm Schwarzenbach, eine Zeitlang Redaktor der katholischen «Neuen Zürcher Nachrichten» war. Die Textsorte der Kolumne und des betrachtenden Leitartikels beherrschten beide in Perfektion.

Unter den vom Luzerner Fernsehjournalisten Beat Bieri für seinen letzten Donnerstag (16. Oktober 2014) ausgestrahlten Beitrag (siehe unter «Links») interviewten Personen beeindruckte mich vor anderen der Autor Peter Bichsel; eher weniger eine italienische Seconda, die man für so explizite Negativaussagen wohl eigens suchen musste. Bichsel war schon zu Schwarzenbachs Zeiten ein beeindruckender Kritiker. Er griff den wenig erfolgreichen Autor und Verleger nie persönlich an, sondern war an Hintergründen interessiert. Also kritisierte er die Lesebücher, mit denen nicht nur die Ja-Stimmer von 1970 aufgewachsen waren. Beim Vergleich Schwarzenbach – Christoph Blocher beeindruckte bei Bichsel, dass es, bei allem Fragwürdigen des grossbürgerlichen Einzelgängers, Schwarzenbach persönlich nie um Macht gegangen sei, was bei Blocher anders gesehen wird. Beispielsweise war der Bruch zwischen SVP und BDP, abgesehen von gravierenden Meinungsverschiedenheiten, aus meiner Sicht das Resultat eines Machtkampfs. Blocher, im Gegensatz zu Schwarzenbach ein «richtiger» Parteiführer, war wie dieser nie geneigt, eine Volkspartei mit heterogenen Flügeln in der Art der deutschen CDU zu führen, womit am ehesten das mutmassliche Schweizer Wählermaximum von etwa 33 Prozent erreichbar bliebe. Darum wollte er vor seiner Abwahl nichts davon wissen, obwohl es früher mal bei einzelnen Parteikadern erwogen wurde, die Bündner Dissidentin Brigitta Gadient zur Bundeskanzlerin zu erheben. Damit hätte man den Gemässigten, die mit Amt und Karriere bei Laune zu halten sind, entgegenkommen können. Wäre Gadient kurz vor der Bundesratswahl 2007 Bundeskanzlerin geworden, ist nicht sicher, ob für Eveline Widmer-Schlumpf das Bundesratsamt noch annehmbar gewesen wäre. Das bleibt Spekulation. 

Bei Schwarzenbach hätte der Film Beat Bieris deutlicher machen müssen, dass er ein hochgebildeter Intellektueller war. Literaten haben nicht selten ein gestörtes Verhältnis zur Macht und eignen sich, ob links oder rechts, kaum als politische Führer. Das war Schwarzenbach nie, trotz widerwärtiger Verehrung für diverse Potentaten, besonders in «lateinischen» Ländern. Ex-Sekretär Ueli Schlüer, der sich im persönlichen Umgang normalerweise durch Sachkenntnis statt Polemik auszeichnet, hat Schwarzenbach in dieser Hinsicht richtig charakterisiert.

Helmut Hubacher hat die damalige politische Situation in der Zeit Schwarzenbachs realistisch eingeschätzt, zumal was die enormen Spannungen unter den Gewerkschaftsmitgliedern betraf. Dass diese sagten, Schwarzenbach «habe recht», empfand Hubacher mit Grund als alarmierend. Der mit Max Frisch gleichaltrige Arbeiterschriftsteller Karl Kloter (1911–2002) aus Lengnau AG hatte im Gegensatz zu Frisch als Gewerkschafter in der Betriebskommission von Siemens-Albis täglich mit Gastarbeitern zu tun. Er schrieb sogar mit «Salvatrice» (1969) einen Roman, gemäss Empfehlungen des Verlages und der Parteifreunde ein «Buch eines Arbeiters gegen die Schwarzenbach-Initiative». Kloter war dagegen, dass Ausländer ausgeschafft werden. Trotzdem formulierte der bedeutendste Schweizer Arbeiterschriftsteller seit Jakob Bührer so, wie es Frisch nie gesagt hätte: «Sie kamen wie die Heuschrecken.» Der Satz blieb stehen, weil kein Lektor den manchmal schwerfällig formulierenden Aargauer korrigierte.

Als Zeugnis, wie die Schweizer Arbeiterschaft damals dachte, steht Kloters Ausrutscher für die Realität, Frischs vorzüglich gewählter Satz für ein Gutmenschentum, für das der Starautor die Realprobe nicht ablegen musste. Aber Frisch konnte besser schreiben als Kloter, und es stand ihm zu, für die Schweiz einen Jahrhundertsatz zu formulieren. Tiefer als Frisch sah wohl Bichsel die Problematik. Für Kloter, welcher nach eigenem Bekenntnis der Schwarzenbach-Initiative nur «um ein Haar» nicht zustimmte, gilt, was für die Frau des ehemaligen italienischen Linksaktivisten Sergio Giovanelli im Fernsehinterview mit Beat Bieri peinlich wurde: Arbeiter und Unterschichtmenschen mit noch starken Gefühlen haben Mühe, so zu stimmen, wie es Menschen auf dem Niveau von Max Frisch oder wenigstens des Bundesrates gerne sähen. Diese Szene aus dem Film von Beat Bieri scheint epochal. Giovannelli ist für seine Generation von Gastarbeitern so repräsentativ wie es Kloter für die Schweizer Arbeiter war, als sie noch fast geschlossen für die SP stimmten.

Was weder Hubacher noch Bieri gelungen ist, auch nicht Karl Lüönd und weder Blocher noch dessen Schwager Sergio Giovannelli, ist ein annähernd gelungenes Porträt Schwarzenbachs. Auch Valentin Oehen sah den Schwierigen fast nur als Rivalen. Dass Schwarzenbach, wie Kommunisten, die Diktatur nicht nur schlecht fand, dem lebte er auch in seiner Republikanischen Bewegung nach. Nach dem Wahlsieg dieser Partei im Aargau (1973) verbot er dem damals politisch stärksten Repräsentanten derselben, dem Jungverleger Herbert Meier (später SVP-Grossrat), Fraktionspräsident zu werden. «Widersprechen Sie im Militär Ihrem Vorgesetzten auch immer?», fragte er Meier, der im Kanton immerhin Motor jenes Wahlsieges gewesen war. Dabei sollte man Schwarzenbachs Meinung zum Franco-Spanien nicht überbewerten. Sein demagogischer Satz aus der Bundesfeieransprache auf der Forch wurde von Beat Bieri im Film nicht zitiert: «Die Schweiz ist eine demokratisch getarnte Wirtschaftsdiktatur.» Ich widersprach damals Schwarzenbach. Diese Wortwahl passe besser zu Jean Ziegler als zu Schwarzenbach, der einst zu den besten Schülern von Geschichtsprofessor Oscar Vasella gehört hatte. Aber auch Niklaus Meienberg war – wie Schwarzenbach – Vasella-Schüler.

Nach meiner Meinung liegen Hubacher und andere daneben, wenn sie sich selber als die «anständigen» Schweizer sehen und Schwarzenbach und Co. als Fremdenhasser. Weil ich Schwarzenbach schon seit 1964 kannte, schon damals vom Winterthurer Beethoven-Biographen Willy Hess vor dessen Charaktermängeln gewarnt worden war, war mir sein überdurchschnittliches Hasspotential nie unbekannt. Es betraf die Schweizer Eliten, die ihn fast immer wie einen Aussätzigen behandelten und den Tarif für die Toleranz in diesem Lande erklärten. Aber weder in Briefen noch in Gesprächen kam je persönliche Abneigung gegen Gastarbeiter durch.

Es stimmt auch nicht, wie Karl Lüönd im Film von Beat Bieri unterstellt, dass er die eigenen Anhänger pauschal verachtet hätte. Der Mann, der sich in sechs Sprachen ausdrücken konnte und auch ein guter Lateiner war, war den meisten Zeitgenossen bildungsmässig haushoch überlegen. Dies galt auch für die Mehrheit der National- und Ständeräte, wobei im bürgerlichen Lager CVP-Grössen wie Julius Binder, Leo Schürmann und Raymond Broger, ferner kalte Krieger wie Peter Sager und Walther Hofer vielleicht eine Ausnahme bildeten. Mit Kurt Furgler, der ihm in der Dossierkenntnis keinen Stich liess, verstand sich Schwarzenbach allerdings wie Feuer und Wasser. 

Wer Schwarzenbach wirklich kannte – und dies war wohl am besten über Gespräche in Richtung Literatur, Geschichte, Philosophie und Religion möglich –, scheut nicht vor einem Vergleich zurück mit seiner verhassten Cousine Annemarie, die ihn ebenfalls nicht mochte. Beide sind als extrem einsame exzentrische Menschen aus ihrem grossbürgerlichen Clan ausgebrochen: Annemarie schwärmte für Wladimir Iljtsch Lenin und Josef Stalin, in dessen Sowjetdiktatur die Frauen, das Recht, nichts zu sagen zu haben, emanzipierter geniessen konnten als in der Schweiz, und schrieb ein fast «rassistisches» Buch über Afrika. James wurde durch einen Jesuiten katholisch, was wie Annemaries Kommunistenfreundlichkeit ein Ausbruch aus der Familie war.

Gegen das Bettnässen war er als Bub mit der Reitpeitsche therapiert worden, was für später keinen lieben und netten Politiker produzierte. Ob der wie andere Strenggläubige unglücklich verheiratete Privatmann Schwarzenbach im Leben je Liebe erfahren hat, über die Gottesliebe und den Umgang mit Hunden hinaus, kann nicht als erwiesen gelten. Er hatte aber einige mit dem Wohl der Schweiz kompatible Überzeugungen und konnte, wie Tugenddiktator Maximilien de Robespierre, als total unbestechlich gelten. Dass er und nicht ein anderer in Bern sass, merkte man im Bundeshaus fast von Session zu Session. Mit zunehmendem Alter banalisierten sich seine politischen Vorstellungen. Zuletzt soll er mit der Autopartei sympathisiert haben. 

Es muss einen nicht reuen, mit Schwarzenbach, aus seiner Generation eine historische Figur, näher bekannt gewesen zu sein. Die Abweichung vom Normalfall eines Politikers war hoch. Jenseits einer radikalen Abrechnung, die ich vor 41 Jahren gegen ihn schrieb, bekenne ich heute nach Versen von Friedrich Nietzsche: «Was er lehrte,/ ist abgetan./ Was er lebte,/ wird bleiben stahn./ Seht ihn nur an:/ Niemand war er untertan!» 

Pirmin Meier, Historiker und Autor, Rickenbach


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Über Pirmin Meier:

Dr. phil. Pirmin Meier (1947), aufgewachsen in Würenlingen AG und wohnhaft in Aesch, langjähriger Gymnasiallehrer in Beromünster, war zunächst als Journalist und Herausgeber von Büchern (unter anderem bei Suhrkamp-Insel) tätig, später mehrere Jahrzehnte als Gymnasiallehrer (Beromünster) und Lehrerfortbildner. 

Seine Biographien über Paracelsus (6. Auflage im Jahr 2013), Bruder Klaus (3. Auflage in Vorbereitung) sowie Heinrich Federer und Micheli du Crest gelten als epochal und wurden unter anderem mit dem Innerschweizer und dem Aargauer Literaturpreis ausgezeichnet. Zu den Themen, die mit der Innerschweiz zu tun haben, gehören bei Pirmin Meier das Buch «Landschaft der Pilger», unter anderem mit der Beschreibung der Schattigen Fasnacht in Erstfeld und einer ersten Studie über den heiligen Gotthard. Ausserdem setzte er sich mit der Biographie von Pater Alberich Zwyssig – von ihm stammt der Text des «Schweizerpsalms», der Schweizer Nationalhymne – auseinander, eingegangen in das Buch über Wettingen «Eduard Spörri, ein alter Meister aus dem Aargau».  

Stark beachtet, mit rund drei Dutzend öffentlicher Lesungen seit dem Erscheinen, etwa in Altdorf und im Bahnhofbuffet Göschenen, wurde die mit grossem Aufwand betriebene Neufassung des berühmten Jugendbuches «Der Schmied von Göschenen», welche Neubearbeitung erstmals die Bedeutung der Walser für die ältere Schweizer Geschichte unterstreicht.  

Pirmin Meier gehörte auch zu den geistigen Promotoren des Films «Arme Seelen» von Edwin Beeler, zu welchem Thema er sich im Sommer 2012 in einer ganzstündigen Sendung «Sternstunde Religion» auf SRF ausgelassen hat. Er lebt in Rickenbach bei Beromünster, arbeitet derzeit an einem Grossprojekt über Schweizer Mystik und schrieb auch den Text für das Oratorium Vesper von Heiligkreuz mit Musik von Carl Rütti.

Am 7. September 2013 hielt Dr. Pirmin Meier auf der Rigi die Jubiläumsansprache zum Jubiläum 70 Jahre Innerschweizer Schriftstellerinnen- und Schriftstellerverein ISSV. Für sein Buch «St. Gotthard und der Schmied von Göschenen» machte er bedeutende, für die Geschichte der alten Wege einmalige Recherchen über die alten Wege vor 1231, auch zusammen mit dem Historiker Dr. Hans Stadler-Planzer.

In beratender Funktion ist Pirmin Meier tätig für das Filmprojekt «Paracelsus - Ein Landschaftsessay» des in Root (LU) wirkenden Filmunternehmers und Regisseurs Erich Langjahr, wie Pirmin Meier Innerschweizer Kulturpreisträger.

Mehr über Pirmin Meier:
http://de.wikipedia.org/wiki/Pirmin_Meier

Pirmin Meier erhält Innerschweizer Kulturpreis 2008:
https://kultur.lu.ch/-/media/Kultur/Dokumente/preise_auszeichnungen/meier2008.pdf