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Kolumne von Sandor Horvath

03.03.2011

Spontanfasnacht und die Ironie des letzten Augenblicks

Es gibt Fasnachtsverweigerer und Massenfasnächtler, Kulturfasnächtler und Urfasnächtler. Und es gibt Spontanfasnächtler.


Spontanfasnacht: Wenn in letzter Minute wirklich gar nichts anderes mehr zu finden ist, reicht auch ein Militärabzeichen an der Brust – «chäibeglatt».

Spontanfasnacht: Wenn in letzter Minute wirklich gar nichts anderes mehr zu finden ist, reicht auch ein Militärabzeichen an der Brust – «chäibeglatt».

Urchige Fasnacht heute morgen vor dem KKL...

Urchige Fasnacht heute morgen vor dem KKL...

...vor dem Seebistro LUZ und...

...vor dem Seebistro LUZ und...

...vor dem Bahnhofbogen.

...vor dem Bahnhofbogen.

Kinderfasnacht: Heute Mittag vor dem Stadttheater.<br><br>Bilder: Herbert Fischer

Kinderfasnacht: Heute Mittag vor dem Stadttheater.

Bilder: Herbert Fischer

Ich gehöre dieser letzten Kategorie an. Spontan heisst nicht, dass ich nur spontan – sozusagen nur, wenn ich gerade Lust habe – an die Fasnacht gehe. Spontan heisst nicht, dass ich bei schönem Wetter lieber die Skier aus dem Keller hole (wie so viele). Nein, ich gehe jedes Jahr an die Fasnacht. Skifahren ist tabu. Sogar, als ich im Jahr 2000 als IKRK-Delegierter in Afghanistan gearbeitet habe, bin ich extra für die Fasnacht in die Schweiz gereist. Sehr kurzfristig. 

Abwarten bis ganz zuletzt

Spontanfasnacht bezieht sich auf die Auswahl der Sujets und die Verkleidung. Der typische Spontanfasnächtler macht sich bis Neujahr noch keine Gedanken über die Fasnacht. Während andere Fasnächtler schon seit Monaten ihre Masken giessen, schleifen, bemalen und an ihren Wägen hämmern und kleben, kommt der Spontanfasnächtler nur langsam auf Touren. Im Januar beginnt der Spontanfasnächtler, sich Gedanken über ein geeignetes Sujet zu machen, wartet aber immer noch ab. Er hat ja noch bis zum «Schmotzige Donschtig» Zeit. 

Die Bastelei kann auch am hektischen Mittwoch vor der Fasnacht beginnen – der Privatfundus im Keller gibt immer etwas her. Zum Wesen des Spontanfasnächtlers gehört auch, dass er sich jedes Jahr vornimmt, im nächsten Jahr definitiv ein paar Monate früher mit der Bastelei zu beginnen. Denn so eine richtige Maske wäre ja schon toll, braucht aber – nebst Können, das dem Spontanfasnächtler meist fehlt – auch Zeit und Geduld. Und wie jedes Jahr hält der Spontanfasnächtler seine Vorsätze nicht ein, ist er zu spät dran, muss die Planerei gegen kreative Spontaneität tauschen. So geht es mir. Im Notfall kann ich immer noch mein Bischofsgewand aus dem Keller holen. Bischöfe gehören ja zu Luzern wie die Fasnacht. 

108 Jahre Tour de France oder die Lebenshälfte?

Aber dieses Jahr war ich für einen Spontanfasnächtler eindeutig zu früh dran. Bereits drei Wochen vor der Fasnacht habe ich mir im Kleiderbrocki ein knalliges Radfahrerdress in der Grösse XXL erstanden und einen Velomechaniker um ein kaputtes Rad gebeten. Mein diesjähriges Motto: «108 Jahre Tour de France», ein schönes Jubiläum, finde ich. Das Dress ist bunt, der Helm schräg, die graue Perücke erinnert an Easy Rider und das Rad zeugt von einem schweren Unfall seines Veteranen. 

Darauf deutet auch der echte Grasbüschel aus dem eigenen Garten, den ich mit Draht am Helm befestigt habe. Ein paar Medaillen und französische Fahnen, eine Schutzbrille aus dem Baumarkt (die ich mit einer farbigen Transparent-Folie verklebt habe) und fertig ist das Gewand. Anstelle eines Flachmanns (letztes Jahr war ich als Jäger mit Plüschtier-Trophäen unterwegs) dienen mir dieses Jahr – themengerecht – ein paar Spritzen (die muss ich dann noch am Donnerstagmorgen kaufen). Fehlen nur noch die Schulterpolster, mit denen ich mir ein paar ordentliche Radfahrer-Waden konstruieren werde.

Damit ist auch das andere Sujet endgültig vom Tisch: ein Kostüm als Lebenshälfte (ich werde dieses Jahr 42). Ist auch besser so, denn das Thema Lebenshälfte ist etwa so sexy wie der Finanzausgleich. Und in der Umsetzung ebenso schwierig. Zum Glück gibt es neben der Politik auch noch die Fasnacht! Wenn die Fasnächtler bloss auch richtig wählen und abstimmen würden...

Und plötzlich dieser falsche Doktor von und zu

Vor drei Wochen also – viel zu früh – stand also mein typisch schräges, spontanes Lozärner Fasnachtssujet. Und dann der Fall Guttenberg, oder besser Guttenbergs Fall, was für ein Sujet! Es wurmt mich: «Copy, paste, delete». Vom einfachen Buchdruck-Erfinder Gutenberg (mit einem schlichten T)  zum Turbo Guttenberg (mit Doppel TT). Ein ausgeweideter Xerox-Kopierer auf dem Kopf., das wärs doch. Oder auch nur ein paar Copy-Tasten. Ausgerechnet der Grossvater des falschen Doktors Karl Theodor von und zu Guttenbergs soll ein Buch mit dem wunderschönen Titel «Fussnoten»  geschrieben haben. Was für ein Fasnachts-Sujet! 

Bücher drucken und kopieren, Dissertationen und Fussnoten verkaufen oder auch nur erfinden, Ghostwriter mobilisieren – ich hätte einfach länger warten sollen, ausnahmsweise. Und vielleicht bin ich ab Montag (wie so viele andere) doch noch als Gut(t)enberg unterwegs – der Spontanfasnächtler kann sein Sujet ja auch spontan wechseln. Am Wochenende ist noch genug Zeit dazu.

Ich liebe die Spontanfasnacht! Unvergesslich sind die Sujets der letzten Jahre: Vom Mona-Lisa-Poster als Einzelmaske über die Schimmelbrot-Verkäuferin in der Eisengasse bis zu den orangen Handys, die aus dem gleichnamigen Geschirrspülmittel der Migros konstruiert worden waren. 

Die Spontanfasnacht lebt von der erfrischenden Ironie des letzten Augenblicks. Darum liebe ich sie so sehr.


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Über Sandor Horvath:

Sandor Horvath (GLP/Ebikon) kandidierte am 10. April 2011 im Wahlkreis Luzern Land als Kantonsrat, ist aber nicht gewählt worden. Er präsidiert die Grünliberale Partei Ebikon.