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Kolumne von Pablo Haller

04.01.2012

Utopia, umschritten

«Nur indem man das Unerreichbare anstrebt, gelingt das Erreichbare. Nur mit dem Unmöglichen als Ziel, gelingt das Mögliche». Dieser Satz ist abgelutscht wie weiss-ich-was, wird so oder in Variationen Miguel de Unamuno, Hermann Hesse, Dr. Ernesto Guevara de la Serna vulgo Che wie auch einigen anderen in den Mund gelegt.


Im Jahr 2012 scheint das Zitat nichts mehr verloren zu haben und passt jedoch mehr denn je. In diese Zeit des Opportunen, des Pragmatismus. Man verfolgt keine Visionen, man hinkt Tatsachen hinterher. Geht ein AKW kaputt, reagiert man. Crashen die Börsen, reagiert man. Der Überblick ging eh schon lange flöten. 

Wir reagieren in einem System, das so komplex ist, dass es keiner mehr versteht.

Die Abläufe sind optimiert, eine andere Welt scheint weder möglich noch wünschenswert. Nach dem Scheitern und den verheerenden Auswirkungen der grossen Utopien des 20. Jahrhunderts blieb uns das Gesellschaftsmodell amerikanischer Prägung, wenn nicht als das Beste, denn als einzig mögliches. Und der Blick über den Rand dieser Scheibenwelt? Neue Visionen, die darüber hinaus gehen bei der kollabierenden Maschine ein paar Schrauben anzuziehen, ein paar Löcher zu zu löten, einige Konstruktionen zu verfeinern? 

1516 erschien das Büchlein «Utopia» von Thomas Morus. Morus beschreibt darin eine ideale Gesellschaft mit demokratischen Grundzügen die auf Gleichheit, Arbeitsamkeit und dem Streben nach Bildung basiert. Privateigentum und Geld existieren nicht. Städte dürfen nur auf eine bestimmte Grösse wachsen, und die Bürger legen Wert auf eine optimale Krankenversorgung. Frauen und Männer arbeiten sechs Stunden am Tag und leisten Seite an Seite Kriegsdienst. In der säkular organisierten Gemeinschaft herrscht religiöse Toleranz. Morus endete auf dem Schafott.

1795 schrieb Marquis de Sade das Traktat «Franzosen, noch eine Anstrengung, wenn ihr Republikaner sein wollt», in dem er nach der Beseitigung der Monarchie fordert, sich nunmehr des Christentums zu entledigen und somit auch sittlich-moralisch zu befreien. Die Gesellschaft soll auf Menschlichkeit und Solidarität gründen, statt sich von Priesterschaft und Aberglaube knechten zu lassen. Neben Meinungsfreiheit, generell milden Gesetzen und der Abschaffung der Todesstrafe fordert de Sade auch die Freiheit des Bürgers, seinen aggressiven Trieben nachzugehen. Statt Keuschheit und Treue solle eine allgemeine Promiskuität um sich greifen. De Sade starb in der Irrenanstalt Charenton. Seine letzten Jahren verlebte er auf persönliche Anordnung des Polizeiministers Joseph Fouché in Einzelhaft, Isolation und mit Schreibverbot.

Gesellschaftliche Visionen sind, wie wir anhand der beiden obigen Beispiele sehen, etwas Riskantes. Etwas Unbequemes. Allzufreie Geister machen sich nicht unbedingt Freunde. Das gilt für die Welt im Allgemeinen und für die Schweiz im Besonderen. Alois Bischof fragte sich in der  Ausgabe der «Zeit» vom 29. Dezember 2011, weshalb es keine Intellektuellen mehr gäbe, hierzulande, «... in diesem furchtbar engen Land, wo Brillanz & Denken & Wahrhaftigkeit immer hinter Kompromiss und Konkordanz (...) gestanden haben». Siehe hier: http://www.zeit.de/2012/01/CH-Intellektuelle

Aber eben: Er fragte bloss. 

Der Politik, ja der gesamten Gesellschaft, ist das Träumen abhanden gekommen.

Und wie es für das Individuum eine biologische Notwendigkeit ist, so auch für das Kollektiv. Luftschlösser erbauen in Zeiten des Einsturzes. Mängel offenlegen in Zeiten der Perfektion. Sich «was wäre, wenn ...», «wie könnte es auch sein ...», fragen? Eine Politik der Leidenschaft – nicht Liebe! – in Zeiten der Intrigen. Mehr Scheitern wagen. Warum nicht mal riskieren durch Fettnapffelder zu waten? Sich lächerlich machen? Menschlich, authentisch werden (sofern Authentizität möglich ist)? Den Zeitgeist ignorierend erstmal eine rauchen, bevor man in der nächsten Beiz ein deftiges Essen mit einigen Flaschen Wein runterspült? Siehe dazu auch: http://www.tagesanzeiger.ch/leben/gesellschaft/Es-gibt-nichts-Teureres-als-ein-langes-Leben/story/10144823

Die APPD (Anarchistische Pogo-Partei Deutschlands) – «Wir machen auch nicht mehr kaputt als die anderen Parteien» – hat die Vision, Deutschland in eine Punk-, eine Spiesser- und eine Nazizone zu balkanisieren. «Die Partei» will die Mauer wieder aufbauen. Solche Spassparteien, die letzlich dann doch immer und unverblümbt den Finger in wunde Stellen drücken, fehlen uns. Anders die Piraten-Partei – da gibt es hierzulande mittlerweile Sektionen –, die auch für einen Bruch steht (mit dem Politischen im ideologischen Sinn), die Lebenshaltung mit kulturellem Anspruch vermischt. Die Grünen, die auch mal so ein Gegenpol waren, sind im Machtapparat aufgegangen und hocken nun in gutbezahlten Posten in der Verwaltung. Wie die CVP- und FDP-ler, die sie einst angriffen. 

Ich möchte in einer Gesellschaft leben, die dem Individuum das Maximum an Freiheit gewährt und ihm zugleich genug Matten unterlegt, falls es straucheln sollte.

Es braucht – neben der Sachpolitik, die zweifellos wichtig ist ist – mehr Visionäre wie Morus und de Sade. Figuren, die der Zeit eine Meile voraus sind. Gerade heute, wo es bereits als unanständig avantgardistisch gilt, sich dem, was ansteht zu stellen. Für Luzern bedeutet das:

♣ Was mit der ZHB läuft, ist eine Bankrotterklärung des Kantonsrats. Bibliotheken sind das kollektive Gedächtnis einer Gesellschaft. Ob für Studenten oder Berufsleute: Das kommunale Gehirn muss schnellst- und einfachstmöglich angezapft werden können. Es gehört zur Grundversorgung wie der öffentliche Verkehr, das Postwesen, die Polizei und die Spitäler. Sparen in Ehren: Den ZHB-Umbau müssen wir uns leisten.

♣ Wenn wir schon am Rand der 24-Stundengesellschaft stehen: Warum nicht die Ladenöffnungszeiten liberalisieren? Bei den Arbeitsbedingungen ansetzen, statt bloss dagegen zu sein? Es gibt viele Leute, die gerne am Wochenende arbeiten und die ihre Freizeit lieber dann geniessen, wenn nicht alle Cafés und Strassen überfüllt sind.

♣ Warum bei historisch zusammengewachsenen Orten willkürliche Grenzen stehen lassen? Es gibt da zwar diesen interessanten Vergleich mit Torrent-Dateien, dass kleine, verteilte Pakete effizienter sind als ein grosses, schwerfälliges, schnell eliminierbares; oder auch den Vergleich mit den diversifizierten Aktienpaketen. Letztendlich aber könnte Luzern mit einer Fusion vor Allem gegen aussen stärker auftreten. Die Stadt bekäme endlich die nationale Ausstrahlung und Bedeutung, die sie verdient.

Pablo Haller, Luzern


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Über Pablo Haller:

Pablo Haller (*1989) ist Redaktor bei «041 - Das Kulturmagazin», kulturteil.ch sowie freier Journalist. Er betreibt die Literaturwebsites pulppoetry.wordpress.com und gasolinconnection.wordpress.com und tritt immer mal wieder als Beiträger für verschiedene Literaturzeitschriften (u.a. «das heft das seinen langen namen ändern wollte», «Drecksack», «das Narr») oder als Poetry-Performer in Erscheinung.

http://pulppoetry.wordpress.com/

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