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Kolumne von Olivier Dolder

13.10.2011

Apropos Wahlbörsen: Eine Antwort an Claude Longchamp

Sogenannte Wahlbörsen sind zu einem Instrument der Meinungsforschung geworden. Hier antwortet Politikwissenschafter Olivier Dolder dem bekannten Wahl- und Abstimmungsforscher Claude Longchamp auf einen Beitrag, den dieser auf seinem Blog geschrieben hatte.


Auf seinem Blog Zoon Politicon hat sich Claude Longchamp bereits zweimal dem Thema Wahlbörsen gewidmet; seine kritische Haltung hat er beide male zum Ausdruck gebracht. Selbstverständlich haben Wahlbörsen Schwächen, doch sie bieten auch Stärken. Im Folgenden greife ich drei Punkte von Longchamp auf und plädiere für den komplementären Einsatz von Wahlbörsen und Umfragen.

Auch Wahlbörsen sind – so wie Umfragen (etwa die Vorwahlbefragungen von Claude Longchamps SRG-Wahlbarometer) – ein Instrument der Meinungsforschung. Bei Wahlbörsen werden Aktien von Parteien oder Kandidierenden gehandelt. Der Aktienkurs entspricht dem prognostizierten Wähleranteil. Der Artikel „Mit der SRF-Wahlbörse in die Zukunft blicken“ beschreibt die Funktionsweise von Wahlbörsen gut verständlich.

Drei Punkte aus Longchamps Blog

Erstens hält Longchamp fest, dass Wahlbörsen nicht geeignet sind, um die klassische Frage der Umfrageforschung («Wer wählt wen warum?») zu beantworten. Dies ist korrekt. Doch diese Frage muss eine Wahlbörse auch nicht beantworten, um zuverlässige Prognosen bezüglich Wählerstärke generieren zu können. Untersuchungen zeigen, dass Wahlbörsen im Durchschnitt den Wähleranteil von Parteien oder Kandidierenden gleich präzise vorhersagen können wie Umfragen. Bei den letzten eidgenössischen Wahlen im Jahr 2007 war die Prognose der SRG-Wahlbörse sogar etwas präziser als der Longchamp-Wahlbarometer. Darüber hinaus ermöglichen Wahlbörsen, im Gegensatz zu Umfragen, eine fortlaufende Prognose und somit auch die Einflüsse von realpolitischen Ereignissen zu beobachten.

Zweitens äussert sich Longchamp zur Anzahl der Teilnehmenden bei Wahlbörsen. Er interpretiert die Tatsache, dass das Börsenumfeld (z. B. Veranstalter und Website) die Anzahl Teilnehmerinnen und Teilnehmer beeinflusst, als Schwäche. Sodann verweist er darauf, dass die Einflussmöglichkeit von Handelnden bei kleinen Märkten grösser ist als bei Märkten mit vielen Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Doch ist das wirklich eine Schwäche? Eine grosse Anzahl an Händlerinnen und Händler könnte zwar mittels eines Medienpartners generiert werden. Doch die Prognosegüte von Wahlbösen hängt nicht von der Anzahl oder der Repräsentativität der Teilnehmenden ab. Untersuchungen zeigen sogar, dass Wahlbörsen mit wenigen Teilnehmenden oft optimal funktionieren.

Drittens weist Longchamp auf die Problematik von Manipulationen hin, insbesondere bei einer kleinen Anzahl von Händlerinnen und Händlern. Manipulationen sind bei Wahlbörsen tatsächlich möglich. Es gilt aber festzuhalten, dass ein funktionierender Markt manipulative Eingriffe in der Regel selbst korrigiert. Zudem fliegen Händlerinnen und Händler, die aus Gewinnabsicht manipulieren, oft auf, da sie in Gruppen agieren und sie werden in der Folge ausgeschlossen.

Plädoyer für den komplementären Einsatz

Wahlbörsen stellen wie Vorwahlbefragungen ein seriöses Prognoseinstrument dar. Die Prognosegenauigkeit von Wahlbörsen unterscheidet sich im Vergleich mit Umfragen nicht nachteilig.

Es geht nun aber nicht darum, die beiden Instrumente gegeneinander auszuspielen – im Gegenteil. Ich plädiere für einen komplementären Einsatz von Umfragen und Börsen. Der gleichzeitige Einsatz von beiden Instrumenten schafft einen Mehrwert: Die Prognose ist so methodisch breiter abgestützt; sie basiert nicht mehr nur auf einem Instrument. Denn auch die beste Umfrage oder Wahlbörse kann einmal danebenliegen, wie das Beispiel der Minarettinitiative zeigt. Und da wo aus Kostengründen keine Umfragen durchgeführt werden können, ermöglichen Wahlbörsen trotzdem eine Prognose. Weil Wahlbörsen weder aufwändige Telefonbefragungen noch repräsentative Stichproben benötigen, sind sie nämlich relativ kostengünstig.

Für die Zukunft wäre es wünschenswert, dass Wahlbörsen vermehrt eingesetzt werden und dass die SRG ihre Wahlbörse bei den nächsten eidgenössischen Wahlen nicht mehr nur als Online-Spiel vermarktet, sondern als echtes Prognoseinstrument einsetzt.

Olivier Dolder


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Kommentare:
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longchamp claude aus bern

Freitag, 14.10.2011, 08:22 · Mail  Website

ich plädiere auch für den komplementären gebrauch. deshalb verweise ich regelmässig auf blogs, in vorträgen und meiner vorlesung darauf. fast als einziger externer. ich habe zudem einen umfassenden leistungsvergleich gemacht, denn sie nicht erwähnen: auf www.gfsbern.ch.

in einem punkt sind wir aber anderer ansicht: 2007 waren die wahlbörsen nicht besser als die wahlbefragungen, wenn man sie zeitgleich vergleicht. die umfragen müssen rund zwei wochen vor der wahl beendet werden, und zehn tage vor der wahl publiziert sein. aus respekt vor dem wahlentscheid. daran halten sich wahlbörsen nicht. 2007 hatte das den vorteil, dass die krawalle in bern in den wahlbefragungen nicht drin waren, in den wahlbörsen schon.

 
 
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Über Olivier Dolder:

Olivier Dolder (1985) aus Luzern ist promovierter Politikwissenschafter.

Bis zu den eidgenössischen Wahlen 2019 analysierte er für verschiedene Medien das regionale und nationale Politikgeschehen. Er war mehrere Jahre als Projektleiter bei Interface Politikstudien in Luzern tätig.

Seit September 2019 arbeitet Dr. Olivier Dolder als Projektleiter Neue Regionalpolitik (NRP) beim Amt für Wirtschaft des Kantons Schwyz.

www.olivierdolder.ch