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Kolumne von Beat Bieri

06.04.2011

Braucht es überhaupt Zuger?

Es geht was im Kanton Zug. Es geht vor allem der Mittelstand. Und das Bundesamt für Statistik hat die Zahlen dazu: Zug, der erfolgreichste Kanton der Schweiz, hat die grösste Binnenabwanderung aller Kantone.


Wie Gold glänzt der Zugersee, doch ziehen Wolken auf und die Sonne scheint nicht für alle.<br><br>Bild: Herbert Fischer

Wie Gold glänzt der Zugersee, doch ziehen Wolken auf und die Sonne scheint nicht für alle.

Bilder: Herbert Fischer

Zuger Traditionsbeiz Brandenberg (links), Hochhaus beim neuen Sportstadion: «Nirgends so viele Baukräne».

Keinem anderen Kanton kehren Bewohner in diesem (prozentualen) Ausmass den Rücken und ziehen in andere Kantone. Warum dieser Abgang aus dem Paradies? Sicher ist: Freiwillig geschieht er nicht. Für den Mittelstand ist Zug unerschwinglich geworden. Dieser Kanton sucht sich eine neue Einwohnerschaft und richtet sich her für eine vermögendere Klientel.

Zug ist ein einziger Superlativ: Der reichste, steuergünstigste Kanton mit der attraktivsten Stadt Zug (laut «Bilanz»), wo das Wachstum an Arbeitsplätzen am höchsten ist wie ebenso die Lebenserwartung der Bewohner. Es ist eine Erfolgsgeschichte sondergleichen. Doch diese droht nun zu verglühen. Denn das Mass in diesem kleinsten Vollkanton ist verloren gegangen.

4-Zimmer-Wohnung für 9 000 Franken

Ich habe mich für eine Reportage zwei Wochen im Kanton Zug aufgehalten. Und bei aller Geschäftigkeit im Land mit der höchsten Dichte an Baukränen erschien mir dieser aufgeräumteste Kanton der Schweiz zunehmend unvital und artifiziell. Zum Beispiel die Zuger Altstadt: Es gibt keine gründlicher renovierte Altstadt, doch Leben lohnt sich dort nicht mehr. Ich traf die Fischersfrau, die in der Zuger Innenstadt unbeirrt ein renditearmes Gärtchen hegt, umzingelt von Banken, Anwaltskanzleien, Treuhandbüros und deren Parkplätzen. Wegen ihrer ökonomischen Uneinsichtigkeit wird sie belächelt. Gleich daneben wird vorgemacht, wie der Massstab heute lautet: Im zweiten Stock eines Neubaus wird eine 4-Zimmer-Wohnung für 9 000 Franken zur Miete offeriert. 144 Quadratmeter gross ist die Wohnung – für reiche Leute nicht gerade ein umwerfendes Raumangebot, doch zum Steuersparen reicht der Platz allemal. Es gibt noch viele solcher Wohnungen, sie können auch 10 000 Franken im Monat kosten, und nicht selten bleibt das Licht in diesen Appartements über Wochen ausgeschaltet.

Auch ganz unspektakuläre Mehrfamilienhäuser an den Rändern, wo bislang bezahlbare Mieten verlangt waren, werden nun für das neue Zug hergerichtet: Langjährige Mieter erhalten die Kündigung, und aus ihren bescheidenen 1500-Franken-Wohnungen werden möblierte Business Appartements für 5950 Franken.

Polizistenlohn reicht nicht für Wohnung

Ich erfuhr vom Lehrer, der für zwei Jahre ins Ausland verreist und seine möblierte Eigentumswohnung für 8 000 Franken anbot, worauf sich 30 Interessenten meldeten. Gleich der erste offerierte 10 000 Franken, um zum Zuge zu kommen. Der Lehrer könnte nach seiner Rückkehr eine Mietwohnung im züricherischen Affoltern am Albis nehmen, wo auch schon viele andere Zuger wohnen, und von den Mietzinseinnahmen seiner Zuger Wohnung leben. Ich höre vom Einfamilienhaus, welches mit einem Verkehrswert von 2.5 Millionen im Angebot stand und infolge überbordender Nachfrage für 8 Millionen einen neuen Besitzer fand.

Zuger Polizisten, welche dafür sorgen, dass der Reichtum am See nicht auf gewalttätige Weise umverteilt wird, die schauen, dass die Vermögenden nicht nur vom Fiskus, sondern auch von Einbrechern verschont bleiben, sehen sich nach Dienstschluss veranlasst, den Kanton zu verlassen: Jeder dritte Zuger Polizist musste eine bezahlbare Wohnung ausserhalb des Kantons suchen.

Chronischer Unterbestand bei der Freiwilligen Feuerwehr

Wer Mitglied bei der Freiwilligen Feuerwehr Zug FFZ werden wollte, benötigte dazu bis vor wenigen Jahren noch einen Götti. Nicht jeder war für die FFZ gut genug. Heute leidet der Traditionsverein unter einem chronischen Unterbestand, obschon die FFZ bekanntermassen die schönsten Feuerwehrautos der Schweiz hat. Die zugezogenen Businessleute und Millionäre haben selten Lust, die abgegangenen Mittelständler an der Wasserspritze zu ersetzen.

Die Behörden geben Gegensteuer und lassen an den Autobahnen, wo morgens und abends die Pendler im Stau stecken, grossflächige Plakate mit Kirschen-Sujet aufstellen: Alles ganz harmlos, scheinen die Affichen uns sagen zu wollen. Doch es braucht schon einen sehr hochprozentigen Kirsch, um die heutige Zuger Realität zu verkennen

Ein Phänomen namens Zugerisierung 

Und: Was geht mich das alles als Luzerner an? Zug ist nicht nur in Zug, wie uns Ökonomen sagen. «Zugisierung» heisst das bedrohliche Phänomen, wenn sich tiefe Steuern nur noch für reiche Leute lohnen, derweil der Mittelstand durch aufschiessende Bodenpreise und Mieten aus dem Land vertrieben wird.

Ein Mann aus dem Immobiliengeschäft sagte mir, als die Kamera gerade nicht lief: Gibt es überhaupt ein Recht, im Kanton Zug zu wohnen? Er hätte auch noch fragen können: Braucht es überhaupt Zuger, um Zug aufrechtzuerhalten? Vermutlich nicht, wie Zug gerade zu beweisen sucht.


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Über Beat Bieri:

(*1953 in Luzern) macht seit 2000 Dokfilme für das Schweizer Fernsehen. Bieri ist Oekonom und arbeitete für die «Luzerner Neusten Nachrichten» (LNN), für das Wirtschaftsmagazin Bilanz und seit fast 20 Jahren für das Schweizer Fernsehen. Beat Bieri dreht seine Film selbst als VJ. Er arbeitet sowohl für die Sendung DOK als auch für «Reporter». Neuere «Reporter» von ihm sind «Die verschmähte Erfindung», «Die Vertreibung aus dem Paradies» (beide 2010) oder «Inmitten des Streits» (2011). Aus dem Jahre 2010  stammt sein vielbeachteter Dokfilm «Das Kinderzuchthaus Rathausen».

Mit dem Journalisten Ruedi Leuthold hat Bieri 2010 den Dokfilm «Vom Glück eines Egoisten» gedreht. Bieri und Leuthold, beide aus Luzern stammend, haben als Ko-Autoren bereits mehrere Filme zusammen realisiert. Für den Dokfilm «Neue Heimat Lindenstrasse» bekamen sie 2007 den Europäischen Filmpreise Civis. Der Film «Kampf um die Engstlenalp» erhielt 2009 den Preis der Berner Stiftung für Radio und Fernsehen.

Hier die Links auf zwei neuste Werke von Beat Bieri.

Dok «Kopf und Kragen für tausend Schafe», November 2011:
http://www.videoportal.sf.tv/video?id=c700550d-67ab-42f9-b107-ae7ad462e4d1

Reporter «Wirtschaftsflüchtling Vera Schulz», Oktober 2011:
http://www.videoportal.sf.tv/video?id=37ca33c5-e14c-490d-876a-9c2e9157677