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Kolumne von Beat Bieri

19.03.2011

Somalier wählen SVP

Ein böser Scherz unter Kollegen am Mittwoch, dem sechsten Tag der japanischen Atomkatastrophe: Morgen Donnerstag werde alles besser. Dann erscheine die «Weltwoche».


Ist Schweizer nur, wer dies auch demonstrativ bekundet?<br><br>Bild: Herbert Fischer

Ist Schweizer nur, wer dies auch demonstrativ bekundet?

Bild: Herbert Fischer

Und sie werde der Welt gewiss erklären, dass alles gar nicht so schlimm, vielleicht sogar ganz anders sei. Das Blatt enttäuscht denn auch nicht. «Die Schweiz ist nicht Japan», besänftigt die Titelschlagzeile: Die Gefahren der Atomkraft würden «krass überschätzt».

Missionarischer Eifer und ideologischer Drang 

Das Blatt ist unermüdlich darin, das Gegenteil zu schreiben von dem, was ist. «Überraschende Geschichten» verspricht mir der «Weltwoche»-Verlagsleiter in einem Standardbrief, der zur Verlängerung des Abonnements ermuntern soll. Doch die Überraschungen bei diesem Blatt haben sich längst im wöchentlichen Ritual erschöpft, einfach gegenteiliger Ansicht zu sein. Ein zu schlichtes Konzept: Meist ist vorhersehbar, was im nächsten Heft aufgetischt wird. Und vor allem, mit welch missionarischem Eifer und welch ideologischem Drang dies kommentiert wird. Das langweilt auf die Dauer.

Ich bin ein langjähriger Abonnent dieses Blattes. Eigentlich mag ich die Passion, die dessen Journalisten zum Schreiben treibt (diesbezüglich ist man als Tageszeitungs-Konsument in der Zentralschweiz stark unterversorgt). Und dass ich seit einigen Jahren schon selten gleicher Ansicht bin wie die «Weltwoche»-Macher, stört mich eigentlich nicht. Es stärkt die geistige Fitness, sich mit anderen Ansichten auseinanderzusetzen. Meist lässt sich im Rückblick ohnehin feststellen, dass dieses Blatt in wesentlichen Fragen – Irak-Krieg, Bush, UBS, Kinderkrippen, Schulpolitik undsoweiter – falsch gelegen ist.

Doch nun ist genug. Dass in innenpolitischen Fragen fast ausschliesslich nur noch SVP-Positionen vorgebetet oder nachgekaut werden, rechtfertigt einen Abopreis von 213 Franken nicht mehr. Journalismus wird so zu Propaganda. Doch vollends aus der Abonnentenkartei vertrieben hat mich das Unterfangen der «Weltwoche», zu definieren, wer Schweizer sei und wer nicht. Sie tut das, selbstverständlich, Hand in Hand mit der SVP. Womit wir beim Wahlkampf, auch dem luzernischen, angelangt sind: «Schweizer wählen SVP».

Paranoide Sicht auf Europa

Bieri, der Name ist zugegebenermassen nicht gerade elegant. Doch immerhin ist er tief im Entlebucherischen verwurzelt. Und so möchte ich mir denn nicht von einem grosssprecherischen Herrn mit dem deutschen Namen Blocher sagen lassen, dass ich weniger Schweizer bin, nur weil ich nicht die gleiche paranoide Sicht auf Europa habe wie er.

Welche Schweiz meinen diese Leute? Sie meinen eine Schweiz mit einem kraftlosen Staat, in welchem die Starken hochkommen und die Schwachen unter die Räder geraten, eine ziemlich darwinistische Veranstaltung, wie sie in Vollendung etwa in Somalia zu beobachten ist. Somalier würden SVP wählen.

Wenn ich mich frage, was die Schweiz zusammenhält, so ist es bekannterweise weder die Geografie noch die Sprache. Es ist wohl vielmehr ein minimaler Gemeinschaftssinn, genährt von etwas Empathie. Doch in den Augen jener, die nun die Deutungsmacht darüber beanspruchen, wer Schweizer sei und wer nicht, sind Gemeinschaftssinn und Empathie Schwächen, wohl gar Charakterschwächen. Mit diesen Schwächen lebe ich gut und gerne.


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Kommentare:
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Franz Baumann aus Kriens

Samstag, 19.03.2011, 19:05 · Mail

Treffender als Beat Bieri könnte man die Gutgläubigkeit - Exgüsi: die Verlogenheit - der SVP-Getreuen kaum beschreiben. Herzlichen Glückwunsch. Franz Baumann.

 
 
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Über Beat Bieri:

(*1953 in Luzern) macht seit 2000 Dokfilme für das Schweizer Fernsehen. Bieri ist Oekonom und arbeitete für die «Luzerner Neusten Nachrichten» (LNN), für das Wirtschaftsmagazin Bilanz und seit fast 20 Jahren für das Schweizer Fernsehen. Beat Bieri dreht seine Film selbst als VJ. Er arbeitet sowohl für die Sendung DOK als auch für «Reporter». Neuere «Reporter» von ihm sind «Die verschmähte Erfindung», «Die Vertreibung aus dem Paradies» (beide 2010) oder «Inmitten des Streits» (2011). Aus dem Jahre 2010  stammt sein vielbeachteter Dokfilm «Das Kinderzuchthaus Rathausen».

Mit dem Journalisten Ruedi Leuthold hat Bieri 2010 den Dokfilm «Vom Glück eines Egoisten» gedreht. Bieri und Leuthold, beide aus Luzern stammend, haben als Ko-Autoren bereits mehrere Filme zusammen realisiert. Für den Dokfilm «Neue Heimat Lindenstrasse» bekamen sie 2007 den Europäischen Filmpreise Civis. Der Film «Kampf um die Engstlenalp» erhielt 2009 den Preis der Berner Stiftung für Radio und Fernsehen.

Hier die Links auf zwei neuste Werke von Beat Bieri.

Dok «Kopf und Kragen für tausend Schafe», November 2011:
http://www.videoportal.sf.tv/video?id=c700550d-67ab-42f9-b107-ae7ad462e4d1

Reporter «Wirtschaftsflüchtling Vera Schulz», Oktober 2011:
http://www.videoportal.sf.tv/video?id=37ca33c5-e14c-490d-876a-9c2e9157677