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Gastbeitrag von Hans Widmer

Über den Autor:

Dr. phil. Hans Widmer
(9. September 1941) unterrichtete an der Kanti Alpenquai während 36 Jahren Spanisch, Religionswissenschaften und Philosophie. Er war während zweier Jahre Präsident der Philosophischen Gesellschaft der Schweiz. Von 1996 bis 2010 vertrat er die Gewerkschaften und die SP im Nationalrat. Zuvor war er auch Grossrat und Grossstadtrat.

Bild: Herbert Fischer

30.01.2022

Was haben Sokrates und Kant mit der Pandemie zu tun?

Durch die Covid-Pandemie wurde unsere Gesellschaft gründlich durchgeschüttelt. Viel wurde darüber geschrieben: über die Folgen für die Gesundheitsversorgung, über wirtschaftliche und sozialpolitische Konsequenzen, undsoweiter.

Durch die Covid-Pandemie wurde unsere Gesellschaft gründlich durchgeschüttelt. Viel wurde darüber geschrieben: über die Folgen für die Gesundheitsversorgung, über wirtschaftliche und sozialpolitische Konsequenzen, undsoweiter.  

Es gibt jedoch neben diesen Faktoren noch andere Bereiche, welche zwar nicht derart offensichtlich zutage treten, die aber ebenfalls bedacht werden sollten. Es handelt sich um die Stellung des Wissens und seine Grenzen in unserer aufgeklärten Zivilisation.

In einer aufgewühlten Krisensituation, in der viele Menschen gestorben sind, und in der wir alle uns als mögliche Opfer fühlen konnten, wurden wir konfrontiert mit den Prozessen der Wissenschaft, sei es mit denjenigen der Virologie, der Pharmakologie oder der praktischen Medizin.

Allen wurde täglich auf sämtlichen Kanälen vor Augen geführt, dass es kein festes Wissen gibt und dass sich die Forschungssituation von Woche zu Woche verändern konnte.

Doch eine solche Situation schafft Unsicherheit sowie Hunger nach Orientierung. Für eine Gesellschaft, die seit den Fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts, mit wenigen Ausnahmen, Stabilitäts- und Fortschrittserfahrungen gemacht hat, fällt zwar nicht gerade die ganze Welt zusammen. Aber das Gehäuse, in dem man sich aufgehalten hat, bekommt arge Risse.

Die Einzelnen, aber auch verschiedene Gruppierungen, wenn nicht gar die ganze Gesellschaft sind gezwungen darüber nachzudenken, ob das Fundament, auf das sie bis anhin so sehr vertraut haben, nämlich auf ein wissensbasiertes Fortschritts-Paradigma, auch in Zukunft noch tragfähig sei. Die Pandemie hat uns dazu gezwungen, inne zu halten und uns in einer Art kollektiver Selbstreflexion zu üben. So gesehen kommen wir nicht mehr darum herum, dem Aufruf von Sokrates zu folgen: «Erkenne dich selbst!» Mit dem möglichen Resultat eines ebenfalls von Sokrates überlieferten reflektierten Wissens des Nichtwissens: «Ich weiss, dass ich nichts weiss».

«Covid» hat uns die Grenzen des Wissens eindrücklich vor Augen geführt.  Das Virus mit seiner kaum beherrschbaren Dynamik provoziert uns nicht einfach bloss als Wesen, die sich – sei es individuell oder sei es als Gesellschaft – am vorliegenden Wissen festhalten möchten. Es stellt uns schonungslos vor die Gretchenfrage, woran wir uns orientieren sollen, wenn Wissen versagt.

Vom Immanuel Kant wird der Satz überliefert: «Ich habe das Wissen aufgehoben, um dem Glauben Platz zu machen.» Beim Glauben hingegen geht es nicht mehr so cool vonstatten wie beim Wissen, beim Auflisten von Statistiken und von Wahrscheinlichkeiten. Wir dürfen nicht meinen, dass in einer säkularisierten Welt Glaubensinhalte keine Rolle spielen.

Es gibt eben nicht nur den religiösen Glauben. Auch sehr weltliche Vorstellungen können Gegenstand von glaubender Zustimmung  werden – denken wir nur an den Wissenschaftsglauben oder an gegenteilige Imaginationen, wie sie im Umfeld von esoterischen Schulen gerade in Krisenzeiten  im Schwange sind. Die vielen Demonstrationen und die dabei hochgehenden Emotionen sind der beste Beweis dafür, dass die Menschen ihren Überzeugungen Ausdruck verleihen möchten, auch wenn diese längst nicht immer wissensbasiert sind.

Die Einsicht von den Grenzen des Wissens im Sinne von Wissenschaftlichkeit, aber auch die Erfahrung, dass sich jenseits eben dieser Grenzen Glaubensvorstellungen im Sinne von Überzeugungen aufdrängen, sind ein Stresstest für die soziale Kommunikation. Dieser Stresstest kann nur bestanden werden, wenn wir die Relativierung des Wissens akzeptieren und die persönlichen Überzeugungen als solche dorthin verweisen und  anerkennen, wo sie hingehören: nämlich in den privaten Bereich. Dann wird es möglich sein, dass es nicht zur berühmten Spaltung oder Zersplitterung der Gesellschaft kommt.

Es könnte sogar sein, dass das Paradigma der Wissenschaftsgesellschaft insofern bereichert wird, als das Arsenal von nicht immer begründeten persönlichen Überzeugungen die wissenschaftlichen Fragestellungen bereichern kann. Damit das möglich ist, braucht es eine heitere Gelassenheit. Und keine getriebenen Überzeugungstäter.

Hans Widmer, Luzern


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