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Gastbeitrag von Hans Widmer

Über den Autor:

Dr. phil. Hans Widmer
(1941) unterrichtete an der Kanti Alpenquai während 36 Jahren Spanisch, Religionswissenschaften und Philosophie. Er war während zweier Jahre Präsident der Philosophischen Gesellschaft der Schweiz. Von 1996 bis 2010 vertrat er die Gewerkschaften und die SP im Nationalrat. Zuvor war er auch Grossrat und Grossstadtrat.

26.04.2020

Chancen und Risiken im Umgang mit der Informationsschwemme im Netz

Still und leise, aber beharrlich und irreversibel nimmt die Digitalisierung Besitz vom gesellschaftlichen Leben. Und flutet das tägliche Leben jedes Einzelnen mit einer unermesslichen Fülle gewollter und ungewollter Informationen, die immer und überall zugänglich sind. Was läuft hier ab? Wie gehen wir damit um? Wo liegen die Chancen, wo die Risiken?

Hans Widmer, langjähriger Lehrer für Philosophie und Religionen an der Kanti Alpenquai und während 14 Jahren SP-Nationalrat, beschäftigt sich seit Monaten intensiv mit diesen Fragen. Seine Analyse und seine Antworten gipfeln in einem Vortrag, den er im Juni an der Senioren-Uni Luzern hätte halten sollen und der wegen «Corona» abgesagt werden musste. Dessen Manuskript hat er deshalb lu-wahlen.ch zur Verfügung gestellt.  

(red)

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Die Digitalisierung hat in wenigen Jahren die meisten Gesellschaften rund um den Globus in vielerlei Hinsicht gründlich verändert. Es ist daher oft von einer Digitalisierungsrevolution die Rede. Dies, weil die Anwendungen der verschiedenen Digitalisierungstechniken ihr Veränderungspotenzial schnell, umfassend und oft disruptiv-unvorhergesehen entfaltet haben.

So gibt es zum Beispiel kaum einen Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen, der von den Flutwellen der verschiedenen Errungenschaften der Digitalisierung nicht erfasst worden wäre.  

Angefangen bei den Kommunikationsarten im öffentlichen Bereich – sei es in der Wirtschaft, in der Bildung oder in der Politik, bis hinein in die Privatsphäre: überall wird ein mehr oder weniger starker Druck spürbar, sich den neuen Technologien anzupassen. Wer dies nicht tut, oder wem dies nicht gelingt, muss zu Recht befürchten, abgehängt zu werden.

Vogel friss oder stirb: vor dieser Alternative stehen ganze Gesellschaften mit ihren verschiedenen Schichtgefügen, Staaten und Staatengemeinschaften genauso wie Gross- und Kleinbetriebe sämtlicher Wirtschaftsbranchen. Auch die Individuen der verschiedenen Generationen bekommen diesen Anpassungsdruck in je verschiedener Intensität zu spüren.

Für alle aber gilt: wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, denn die Welt tickt nach dem Hereinbrechen verschiedener Digitalisierungsschübe anders als vorher, was wir im Laufe der Corona-Krise bis in viele unserer Wohnstuben hinein täglich vordemonstriert bekommen (Homeoffice, Homeschooling).

Die philosophische Betrachtungsweise ist nur eine unter anderen

Wir wollen uns, wohl wissend, dass wir alle selber von den Auswirkungen der Digitalisierungsrevolution betroffen sind, aus einer philosophischen Perspektive damit befassen. Das ist keine risikolose Selbstverständlichkeit, da wir ja mitten im Geschehen stecken.

Philosophieren dagegen bedeutet bekanntlich, die Gegenstände, über die man nachdenkt, möglichst grundsätzlich und aus einer gewissen Distanz heraus zu reflektieren. Das heisst jedoch nicht, dass andere Herangehensweisen an das Grossereignis «Digitalisierung» – wie etwa die technikspezifische oder die soziologische – weniger bedeutsam sind als die philosophische. Die verschiedenartigen Zugänge zu einem vertieften Verständnis der Digitalisierungsrevolution bedingen sich gegenseitig und bilden somit ein Ganzes.

Die Bedeutung der persönlichen Erfahrung

Je mehr jemand aus eigener Erfahrung über einzelne Aspekte der Digitalisierungsprozesse weiss, desto besser kann ein philosophisches Verstehen derselben gelingen. Persönliche Erfahrungen sind bekanntlich die wirksamsten Anregungen und Motive dafür, das leid- oder auch lustvoll Erfahrene besser verstehen zu wollen.

Für alle – egal, ob sie bloss einen minimalen persönlichen Zugang zur digitalen Kulturrevolution haben oder über tiefere technologische und allenfalls auch soziologische digitalisierungsrelevante Kenntnisse verfügen – können grundsätzliche philosophische Fragestellungen für ein tieferes Verständnis dieses epochalen Geschehens hilfreich sein.

Gerade, weil die unterschiedlichen Annäherungen ein Ganzes bilden, gilt folgendes: je tiefere und umfassendere persönliche Erfahrungen jemand mit den verschiedenen Aspekten der Digitalisierung gemacht hat und über je mehr technische und gesellschaftswissenschaftliche Zusammenhänge er Bescheid weiss, desto weniger abgehoben wird auch sein Philosophieren ausfallen.

Von den individuellen Erfahrungen mit den neuen digitalisierungsbasierten  Technologien könnten alle ihre je eigenen Geschichten erzählen. Diese würden wohl von Gefühlen der Hoffnung, von Zukunftsängsten, von ambivalenten Zwischentönen oder von cooler Distanziertheit durchzogen sein.

Euphorische und besorgte Reaktionen

In der kaum mehr überschaubaren Fachliteratur kann ebenfalls eine ganze Palette von gefühlsbetonten und wertenden Einstellungen der Digitalisierungsrevolution gegenüber festgestellt werden.

Zwei Feststellungen sind besonders auffällig und dominant: Auf der einen Seite vernimmt man euphorische Stimmen, die im Sinne eines positivistischen Wissenschaftsglaubens und einer ungebrochenen Fortschrittsideologie in jedem neuen Technologieschritt einen Schritt vom Guten zum noch Besseren sehen.

So deuten sie beispielsweise die rasant zunehmenden Potenziale beim Speichern, beim Rechnen und bei der Datenübertragungsgeschwindigkeit unhinterfragt als positiv und nutzbringend für die Menschheit und für die Lösung der anstehenden Weltprobleme.

Auf der anderen Seite sind immer häufiger auch jene Kassandrarufe zu hören, welche den Sittenzerfall in der zwischenmenschlichen Kommunikation beklagen oder sogar den durch eine unkontrollierbar gewordene künstliche Intelligenz beförderten Untergang der Menschheit in ihrer jetzigen Gestalt als apokalyptisches Szenario an die Wand malen.

Was den ausschliesslich technikorientierten Zugang zur hochkomplexen Welt der Digitalisierung angeht, so bleibt er weitgehend den Spezialisten vorbehalten, einer sehr vielfältigen Community, deren Mitglieder ihrerseits meistens im Interesse weltweit tätiger Technogiganten verschiedene Forschungsstrategien verfolgen und die sich deswegen auch nicht immer wirklich verstehen. Zwar ist das bedauerlich, aber in unserem Zeitalter der kaum mehr überschaubaren Spezialisierungen unvermeidbar.

Die Forschungsdynamik auf den Gebieten der Elektronik, der Datenverarbeitung und der Computerwissenschaften – um nur einige digitalisierungsrelevante Gebiete ausdrücklich zu erwähnen – führt in immer kürzeren Zeitabständen zu jeweils neuen Erkenntnissen. Diese haben wir vorerst einfach einmal zur Kenntnis zu nehmen, da sie dem Bereich der Theorie angehören und somit wertfrei sind.

Die Wert- und Sinnfrage stellt sich bei konkreten Anwendungen

Erst wenn solche Erkenntnisse in den verschiedensten Gebieten unserer Lebenswelt via konkrete Anwendungen in die Praxis umgesetzt werden sollen,  stellen sich Fragen wie zum Beispiel, welchen Wert solche Anwendungen überhaupt haben oder ob sie sinnlos werden, weil sie allenfalls unkontrollierbare Kollateralschäden verursachen. Sobald derartige Fragen uns herausfordern, wird es grundsätzlich und wissenschafts- wie auch technikübergreifend.

Wir bewegen uns somit, ob wir wollen oder nicht, auf dem Gebiet des Philosophischen. Die Beantwortung der Frage, ob eine technische Anwendung wertvoll ist oder nicht, setzt die Beantwortung einer ganzen Reihe anderer Fragen voraus.

Da ist zum Beispiel die Frage, wem eine bestimmte Applikation nützt oder schadet, wobei man die philosophische Perspektive verlassen würde, wenn man den  Begriff des «Nutzens» auf das rein Ökonomische reduzieren würde.

Eine solche Einschränkung kann man dadurch vermeiden, dass man in typisch philosophischer Manier nicht nur die Produzenten und die sogenannten User als isolierte Grössen im Auge behält, sondern möglichst viele zusätzliche Kriterien mitberücksichtigt, wie zum Beispiel das Alter der User und deren gesellschaftliches Umfeld. Oder die langfristige Energiebilanz bei der Produktion.

Durch diese Ausweitung des Nützlichkeitsbegriffes über das rein Ökonomische hinaus kommen wir in die unmittelbare Nähe der Frage nach dem Sinn und dem Wert von bestimmten praktischen Anwendungen rein theoretischer und damit zunächst wertfreier Erkenntnisse der Grundlagenforschung. Diese Hinwendung zur Frage nach Sinn und Wert soll nicht im Abstrakten stehenbleiben, sondern anhand von einzelnen Beispielen veranschaulicht werden.

Sinn oder Unsinn von Auswendiglernen im Zeitalter der Suchmaschinen

Daher möchte ich dieses anspruchsvolle Thema an einem konkreten Beispiel erläutern, das auch für technologische Laien gut zu verstehen ist. Es stammt aus dem Bereich der Schule.

Da stellt sich für viele, die am System Schule direkt oder indirekt beteiligt sind, die Frage, ob es denn im Zeitalter von Google und anderen Suchmaschinen einen Wert habe und damit auch sinnvoll sei, die Kinder dazu zu verpflichten, Texte auswendig zu lernen.

Bei einer unvoreingenommenen Beantwortung dieser Frage wäre es unabdingbar, über möglichst viele Erkenntnisse zu verfügen, etwa aus der Gehirnforschung, aus dem Bereich der Gedächtniswissenschaft oder aus der Entwicklungspsychologie. Auch käme man nicht darum herum, selbstkritisch die eigenen Erfahrungen mit dem Auswendiglernen mit zu berücksichtigen.

In einer möglichen Antwort, die aus der philosophischen Perspektive nie endgültig sein kann, weil sie immer wieder hinterfragt werden darf, könnte es etwa heissen:

Für die Erfahrung der eigenen Identität sind gewisse gedächtnismässig verinnerlichte Inhalte von grosser Bedeutung.

Das können Sprichwörter, Gedichte oder Melodien sein, die man – solange das Gedächtnis intakt ist – in verschiedenen Lebensabschnitten und in allen möglichen Situationen abrufen kann.

Wie ein roter Faden können derartige Inhalte unsere Selbsterfahrung durchwirken und es ist sogar möglich, dass sie uns in Stunden der Orientierungslosigkeit sowie des Verlorenseins Halt geben. Es gibt Zeugnisse von KZ-Überlebenden, die von einer solchen kraftspendenden Wirkung memorisierter Texte berichten. 

Nicht nur im Zusammenhang mit solchen individuell erlebten Extremsituationen können Gedächtnisinhalte bedeutsam sein. Sie spielen auch eine Rolle beim Entstehen gemeinsamer Erlebnisse, wenn es sich um Inhalte handelt, über die eine ganze Gruppe verfügt, weil sie dieselben verinnerlicht hat. Denken wir an Sprichwörter, an Gebetstexte oder an gemeinsam gesungene Lieder.

Es wäre gewiss lächerlich, wenn ein Fussballspieler vor dem Absingen der Nationalhymne seinen Trainer um ein Tablet bitten müsste, um noch schnell deren genauen Text zu «googeln».

Auswendiglernen und Identitätserfahrungen

Der Begriff der Identität ist zwar nur in einem Teilgebiet der theoretischen Philosophie, nämlich in der Logik, unbestritten. Sobald man ihn aber vom rein Formalen auf konkret Inhaltliches überträgt, etwa auf niedere Lebewesen, aber auch auf die verschiedenen Abschnitte eines Menschenlebens oder auf gesellschaftliche Formationen, kommen Kontroversen auf.

So wird etwa im Buddhismus eine sich durchhaltende, als Substanz aufzufassende Ich-Identität in Frage gestellt, wohingegen die der griechischen Philosophie verpflichtete abendländische Scholastik von der Unsterblichkeit der Seele spricht und damit deren Identität mit-meint.

Im gesellschaftlichen, politischen und juristischen Alltag wie auch in der Psychologie des seelisch gesunden Menschen wird die Identitätsvorstellung jedoch allenthalben vorausgesetzt und in unterschiedlichen Bedeutungsvariationen ins Spiel gebracht.

Wäre dies nicht der Fall, dann könnte man sich vom Verantwortungsprinzip verabschieden.

Identifizierungen wären nicht möglich, es gäbe keine Rechtssysteme, keine Einwohnerregister, keine Abrechnungen mit Versicherungen, undsoweiter.
All dies gibt es natürlich auch in buddhistischen Ländern, was deutlich macht, dass die Bewältigung des Alltags von ganzen Gesellschaften nicht unbedingt mit metaphysischen Spekulationen übereinstimmen müssen. Commonsense und Pragmatismus spielen bei der Organisation der Gesellschaft eine zentrale Rolle.

Am Beispiel des heute möglichen bequemen Abrufens von Wissen über verschiedene Suchmaschinen habe ich auf allfällige Nebenfolgen für das Gedächtnis und für mögliche Identitätserfahrungen hingewiesen.

Wissen in bisher ungekannten Ausmassen steht zur Verfügung

Was aber ist zu tun, damit auf der einen Seite das Potenzial der heute weltweit zur Verfügung stehenden Suchmaschinen ausgeschöpft werden kann, ein Potenzial, das in einem noch nie dagewesenen Ausmass Wissen bereitzustellen vermag, und wie ist anderseits der Gefahr von Identitäts- und Orientierungsverlust der User zu begegnen?

Es sind dies typisch ethische Fragen, deren Beantwortung von verschiedenen Voraussetzungen abhängt und in der Folge kaum definitiv und für alle gleich lauten kann.

Trotzdem sollten alle, die nach einer redlichen Antwort suchen, sich ohne Scheuklappen nach möglichen Vor- und Nachteilen fragen, welche  die von der Digitaltechnologie zur Verfügung gestellten Instrumente für uns zur Folge haben.

So ist zum Beispiel die Tatsache, dass in kürzester Zeit unabsehbar viele Informationen zur Verfügung stehen und mit vielen anderen verknüpft werden können, dann als positiv zu werten, wenn jene, die Informationen nachfragen, auch in der Lage sind und es während des Suchprozesses auch bleiben, mehr oder weniger genau zu wissen, was sie suchen wollen.

Sind sie jedoch dazu nicht fähig, dann laufen sie Gefahr, richtungslos herum zu surfen und von einer Informationsflut überschwemmt zu werden. Kommt neben der schieren Unmenge noch dazu, dass gleichzeitig mit Inhalten hoher Qualität auch noch sehr viel toxischer Wissensmüll über das Netz angeboten wird.

Wie können diese Nachteile minimiert werden?

Gefordert sind da all jene Abermillionen, welche Botschaften ins Netz stellen. Ihnen gewähren bekanntlich sehr viele Demokratien (ausgenommen die sogenannt «gelenkten Demokratien») zurecht eine bloss durch das Strafrecht eingeschränkte Meinungsäusserungsfreiheit.

Eine für alle gültige  Antwort auf die Frage, wie all jene, die sich und ihre Botschaften im Netz präsentieren, auf die Werte von Wahrheit und Anstand verpflichtet werden können, sehe ich nicht; es sei denn, man operiere mit einer disziplinierenden Gedankenpolizei à la George Orwell.

Was sich alles im Netz tummelt, ist schlussendlich nichts anderes als die Spiegelung von Äusserungen unzähliger Menschen, welche auf der breiten Skala von wahr und falsch, von aufrichtig und hinterhältig einzuordnen sind.

Verbindliche Regelungen sind unverzichtbar

Es ist eine Herkulesaufgabe für die Gesetzgebungsorgane auf der ganzen Welt, bei den immer mehr sich aufdrängenden Regelungen des Informationsflusses auf dem Netz die Balance zu finden zwischen dem Menschenrecht auf Meinungsäusserung und den ebenso wichtigen Ansprüchen auf Wahrheit und Respekt. Die gesuchten und immer wieder den neuesten Entwicklungen anzupassenden Regelungen müssen verbindlich sein und sie dürfen strafrechtliche Folgen nicht ausschliessen. Diese Forderung und ihre Durchsetzung  ist ein zentrales Gestaltungsinstrument im Hinblick auf einen bedeutenden Teil der Digitalisierung.

Sie zielt ab auf einen vernünftigen Umgang mit der unvorstellbar grossen Informations- und Wissensmenge wie sie dank der Digitalisierung sehr vielen Menschen auf der ganzen Welt jederzeit – mindestens in demokratischen Staaten – zur Verfügung gestellt wird.  

Falls die bereits bestehenden, aber ungenügenden Regelungen nicht laufend und sehr eng den technischen Fortschritt begleiten, wird die hochkomplexe Kommunikation zwischen den Menschen immer mehr durch eine vergiftete Informationswolke bedroht.

Damit nämlich der Austausch zwischen Individuen, aber auch zwischen allen denkbar möglichen Gruppierungen und Institutionen auch nur einigermassen funktionieren kann, muss die Teilmenge an wahren und quellenmässig verifizierbaren Botschaften bei weitem grösser sein als die nie ganz zu vermeidenden Fake News.

Anforderungen, um sich im Netz klug bewegen zu können

Nach diesen Hinweisen zur Quantität und Qualität der im Netz kursierenden Informationen noch einige Überlegungen zu den Eigenschaften, welche die sogenannten «User» idealerweise besitzen sollten, wenn sie sich zu Informations- oder Unterhaltungszwecken im Netz bewegen.

Wünschenswert wäre, wenn ihnen beim Einstieg in den Surfprozess bewusst würde, was dabei eigentlich vor sich geht.

Man begibt sich gleichsam vom festen Land auf die hohe See: vom Bereich der analog-realen in denjenigen der virtuellen Realität, von der Welt dreidimensionaler von einander räumlich getrennten Gegenstände, in eine Welt, die zwar auch den Gesetzen der Physik und damit jenen von Raum und Zeit unterworfen ist; in der jedoch Geschwindigkeiten von einer ganz anderen Kategorie möglich sind als im sogenannt realen Raum, in dem wir uns immer schon bewegen.

Der virtuelle Bereich, in den wir als Surfende eintreten, vermag eine unvorstellbare Menge an Informationen aufzunehmen, die weder ein Einzelner noch viele Einzelne je entgegennehmen und verarbeiten können: daher das Bild vom Meer.

Wer ins Meer sticht, sollte das Ziel der Überfahrt kennen und dementsprechend vor dem Lichten der Anker die Richtung bestimmen. Selbstverständlich kann er sich auch vornehmen, zum reinen Vergnügen, in der Nähe des Festlandes herum zu surfen, aber auch in diesem Fall, hat er ein Ziel vor Augen.     

Navigieren hat Suchtpotenzial

Wer sich jedoch längere Zeit im Netz tummelt, ohne zu wissen, was er will und in welche Richtung er navigieren möchte, läuft Gefahr, einem Leerlauf zu verfallen, einer Endlosschlaufe, die sein zielloses Navigieren stets von neuem in Gang hält, weil gewiss unerwartet auftauchende Inhalte neue Kicks auszulösen vermögen, deren Energie den Irrlauf für eine weitere Runde in Bewegung halten, bis von irgendwo her den Suchenden frische Schubkraft zugeführt wird: allenfalls bis zur physischen oder psychischen Erschöpfung.

Der angedeutete Ablauf zielloser Informationsbeschaffung zeigt deutliche Konturen von Suchtverhalten. So ist es denn kein Zufall, dass zielloses sich Treiben lassen von den Informationsströmungen im Netz in die Abhängigkeit führen kann.

Vor dem Suchtstadium im eigentlichen Sinne zeigen sich bei vielen Usern Anzeichen von Konzentrationsschwäche und Zerstreutheit, welche eine innere Leere offenlegen und damit ein günstiges Terrain für das erwähnte Suchtverhalten sind.

Mit einem solchen möglichen Ergebnis haben die Erfinder und wahrscheinlich auch die Anwender des Informationstransfers auf dem Netz kaum gerechnet und erst nicht  all jene Schulverantwortlichen, die vom Internetgebrauch selbst auf den niederen Schulstufen allzu viel erwarten.  

Das zugegebenermassen einseitig skizzierte  Szenario von konzentrations-schwachen und suchtgefährdeten Internetsurfern kann nur dann vermieden werden, wenn man die Menschen auf einen angemessenen Umgang mit den neuen Möglichkeiten von Informationserwerb auf kluge Art und Weise vorbereitet.

Wie heute niemand mehr ohne Kenntnis der Verkehrsregeln mit einem Auto  auf die Strasse darf, so braucht es auch für die Teilnahme am Daten- und Informationsverkehr die Etablierung eines Regelwerkes.

Klare Regeln und deren Kenntnis in der breiten Öffentlichkeit und nicht nur bei Spezialisten könnten die Selbst- und Fremdgefährdung der Netzteilnehmenden minimieren, ohne die Meinungsäusserungsfreiheit ausser Kraft zu setzen. Der Ruf nach minimaler Regelung bedeutet keineswegs die Aufhebung der Meinungsäusserungsfreiheit, wohl aber deren Begrenzung.

Bekanntlich stösst diese Facette von Freiheit dann an ihre Grenze, wenn gezielt Tatsachen verdreht oder geleugnet werden, oder wenn nachgewiesen werden kann, dass damit Respektlosigkeit und Hass erzeugt werden.

Digitalisierung gestalten

Mit der Digitalisierung hat sich unerwartet schnell eine Art neues Paradigma gebildet, das weltweit die einzelnen Gesellschaften bis hinein in deren feinste Strukturen zu durchdringen beginnt. Man kann sich entweder passiv den Imperativen dieses neuen Paradigmas ausliefern oder den anstrengenden Versuch unternehmen, dieses sich abzeichnende paradigmatische Weltverhaltensmodell mitzugestalten.

Die Digitalisierung ist ein welthistorisch bedeutsamer Prozess und als solcher soll und kann er nicht rückgängig gemacht werden.

Das heisst aber nicht, dass wir diesem Ereignis nicht etwas entgegensetzen sollen, nämlich unseren Gestaltungswillen im Sinne unserer Werte, welche unter anderem zu den modernen Demokratien und später zur Ausformulierung der Menschenrechte geführt haben.

Diese Werte werden heute von Russland und China durch die von ihnen in die Wege geleitete Balkanisierung des Internets gefährdet, weil beide Staaten ihr eigenes Netz aufbauen, das sie dann aufschalten können, wenn  es ihren Interessen dient, das heisst, wenn sie Botschaften aus dem world wide web ihren Usern nicht mehr zutrauen.

Ein solches Verhalten kollidiert mit der hinter dem world wide web stehenden Grundvorstellung, eine weltumspannende, transparente und allgemein zugängliche Kommunikation zu ermöglichen.       

Es ist entscheidend, dass wir insbesondere die neuesten technischen Errungenschaften wie etwa die verschiedenen Formen des Internets der Dinge und der künstlichen Intelligenz in ihrem Einfluss auf die Art und Weise, wie wir uns als Menschen erleben, nicht unterschätzen.

Es wäre aber auch falsch, wenn wir – wie das der sogenannte Transhumanismus tut –, die Veränderungspotenziale der neuesten Kreationen aus der digitalen Welt masslos überschätzen würden. In ihrem vernetzten Ensemble sind sie in der Tat sowohl faszinierend als auch furchteinflössend.

Die Künstliche Intelligenz ist und bleibt lediglich ein Instrument

Wenn wir immer häufiger und in den verschiedensten Situationen von  Stimmen (Bots) aus dem Netz angesprochen werden, die wir als menschliche Stimmen erleben, die aber in Tat und Wahrheit maschinelle Produkte sind, dann kann das verunsichern und möglicherweise sogar Angst einflössen.

Da hilft nur eines: kühlen Kopf bewahren und dem gesamten Output der Digitaltechnoindustrie wie mit einer Art von Sparringpartner zu begegnen.
In diesem Kräftemessen wird sich zeigen, dass uns all die lernenden Maschinen und all die noch so menschlich daherkommenden Bots in sehr vielem überlegen sind. Etwa in ihrer Zuverlässigkeit und  Arbeitsgeschwindigkeit oder in ihrer Fähigkeit, riesige Datenmengen zu speichern und sie in kürzester Zeit  zu verarbeiten. Die Befähigung jedoch, echte Gefühle zu empfinden, besitzen sie nicht, obwohl sie auf Gefühlssimulationen programmiert werden können.

Das Vermögen, einmal begonnene Prozesse bewusst zu unterbrechen, um darüber reflektierend nachzudenken, ob es sinnvoll sei, den begonnenen Verlauf weiterzuführen oder zu sistieren, das kann die künstliche Intelligenz nicht, weil ihr das fehlt, was man Bewusstsein nennt.

Im Sinne des digitalen Humanismus dürfen wir auch vor der künstlichen Intelligenznicht kuschen, weil wir wissen, wer wir sind, nämlich Wesen, die imstande sind, Reflexionspausen einzulegen und Strategien zu entwickeln. Dabei sind wir uns darüber im Klaren, dass wir es sind, welche diese Strategien mit ihren Haupt- und Nebenzielen sowie mit ihren möglichen Plänen A, B oder C ausdenken.

Als Erfinder unserer Strategiekonstrukte sind wir uns darüber im Klaren, dass wir uns von unseren eigenen Gedankengebilden distanzieren können, dass wir in der Lage sind, in uns zu gehen und mit allfälligen neuen Strategien neue Sinnfelder zu ermöglichen.  

Ein Blick in die Geschichte von Strategieänderungen in den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik macht deutlich, dass die Beweggründe, welche zu Strategie- oder gar Paradigmenänderungen führen, nicht ausschliesslich auf computerisierbaren zweckrationalen Gedankenketten beruhen, sondern von Gefühlen der Hoffnung oder der Angst ausgelöst und begleitet werden.    

Es ist genau diese Tatsache, sich von variablen Gefühlen beeinflussen zu lassen, von Gefühlen, die über den linearen Bereich des  «Wenn->Dann» hinausweisen, die uns klar macht, dass wir fundamental anders sind als die von uns geschaffene Künstliche Intelligenz.

Mensch und Künstliche Intelligenz sind wesensverschieden

Wenn wir uns auf das besinnen, was man heute im Marketing als den unique selling point (usp) kennt, auf jene Eigenschaft, welche ein Produkt vor allen anderen auszeichnet, dann ist es der usp des Menschen, dass bei ihm innerlich vernetzt Gefühle, Gedanken und Bewusstseinsakte vorkommen.

Die Künstliche Intelligenz (KI) ist zwar in ihrem Rechner- und Speicherpotenzial ihrem menschlichen Erbauer nahezu unendlich überlegen, aber ihr mangelt es von vorneherein an Bewusstsein und an echten Gefühlen.

Trotz der partiellen Überlegenheit der Künstlichen Intelligenz sind wir ihr grundsätzlich überlegen, denn wir können ihr, wenn uns Gefühle der Angst dazu nötigen sollten, immer noch den Stecker ziehen (vgl. Stephen Hawkings).

Es wäre also unangebracht, uns mit den Ängsten des berühmten Zauberlehrlings von Goethe zu identifizieren, der diese in die folgenden Worte gefasst hat: «Die ich rief, die Geister werd ich nun nicht los».

Unser Fall liegt ganz anders: Wir haben gar keine Geister gerufen, auch wenn wir unseren digitaltechnologischen Output mit dem Namen der Intelligenz versehen haben. Aber immerhin ist uns trotz dieser rhetorischen Übertreibung dank des  Adjektivs «künstlich» noch bewusst geblieben, dass es sich bei diesem äusserst komplexen Output um eine menschliche Kreation handelt.

Dieses humanistische Selbstbewusstsein dürfen wir auch in der grössten Euphorie im Zusammenhang mit den beeindruckenden Fortschritten in der Welt des Digitalen nicht verlieren, sonst könnte es soweit kommen, dass sich die Gebilde der künstlichen Intelligenz – seinsmässig zwar völlig unberechtigt – wegen unserer Bequemlichkeit derart breit machen, dass sie uns wie Herren beherrschen und zu Knechten verkommen lassen.

Wenn wir vor den Gebilden der Digitaltechnologie naiv-unreflektiert in die Knie gehen, dann besteht die Gefahr, dass wir uns deren Gesetze  auf Kosten unserer typisch menschlichen Eigenart aufdringen lassen.Wer seine eigene Identität aufgibt und die dadurch entstehende Lücke mit etwas Fremdem ausfüllt, lebt im wahrsten Sinne des Wortes «ent-fremdet».

Trotz erfolgreicher Digitalisierung bleiben wir auf dem Boden des Analogen

Die für die Digitalisierung kennzeichnende Interpretation der Welt als einer Unmenge von diskontinuierlich angehäuften Punkten – im Zusammenhang mit der Auflösung von Bildern sprechen wir von Pixeln –, diese Art und Weise, mit der Welt umzugehen, hat für viele Wissenschaften und deren technische Anwendungen eine ganze Menge Fortschritte gebracht.

Die digitale Fotografie und die bildgebenden Verfahren in der Medizin möchte wohl niemand mehr missen. Trotzdem sollte das pixelbasierte Weltbild eine andere Art, die Welt zu verstehen und abzubilden, nicht völlig abwerten und in den Hintergrund drängen.

Ich meine das analoge Verständnis von Welt, im Sinne einer kontinuierlichen Zusammenschau der kleinsten Teile und deren Abbildung in Formen der Kontinuität, der kaum wahrnehmbaren Übergänge von einem Zustand in den anderen.

Obwohl wir heute vom Siegeszug der digitalisierten Technik geblendet, wenn nicht gar erdrückt werden, sollten wir nicht vergessen, dass sich die analoge Annäherung an die Realität durch sämtliche Phasen der Menschheitsgeschichte durchgehalten hat.

Stets haben die Menschen zum Deuten der Welt Metaphern und Bilder zu Hilfe genommen: Es zeigt sich also, dass die bildhaft-metaphorische und damit die analoge Annäherung an die Blackbox der Wirklichkeit unverzichtbar und damit so etwas wie eine anthropologische Konstante ist.

Gefahren der Digitalisierung: Entfremdung und Unterwerfung

Wenn nun wegen der beeindruckenden Erfolge der Digitaltechniken der analoge Weltapproach in die Ecke gestellt und verdrängt würde, dann bewegten wir uns weg von einer wichtigen Eigenschaft unserer geschichtlich geprägten Natur. In der Terminologie von Hegel wäre in einem solchen Kontext – wie schon angedeutet – von «Entfremdung» die Rede, aber auch davon, dass sich der Mensch von den Systemen, die er geschaffen hat, versklaven liesse.

Im Hinblick auf die drohende Dominanz von Internet und Künstlicher Intelligenz könnte man von einem System-Herrn mit den ihm eigenen Gesetzen sprechen, der den von ihm abhängig gewordenen User zum Knecht macht; zu einem Knecht, der in seinen unterwürfigen Beziehungen zum Herrn nie ganz auf seine Rechnung kommt, weil er die ihm eigenen Fähigkeiten zu wenig entfalten kann.

Ein solch perverses Verhältnis müsste aber nicht für immer so bleiben, wenn man sich von der von Hegel dargestellten Logik von Herr und Knecht inspirieren lässt, einer Logik, die für das Verständnis von geschichtlichen Abläufen einiges hergeben kann.

Damit der Knecht sich aus seiner prekären Situation befreien kann, muss er die Schwächen des Herrn und zugleich seine eigenen Stärken erkennen.

In unserem Zusammenhang heisst das: Er sollte sich stets dessen bewusst sein, dass er es ist, der die Gesetze der Mathematik beschrieben hat, dass er es ist, der unter Zuhilfenahme der Naturgesetze und einer langen Technikvorgeschichte die Computer sowie die Informatik kreiert hat.

Und schliesslich, dass er es ist, der mit all diesen Errungenschaften die Bedingungen dafür freigelegt hat, dass Digitalisierung überhaupt möglich wurde. In der Folge sollte er einem starken Selbstbewusstsein Raum geben, dem Bewusstsein, dass er umfassender ist, als das, was er mit seinem Forschergeist und mit seinem technischen Tatendrang in Abhängigkeit von der Natur in die Welt gesetzt hat.

Und diese seine neueste Schöpfung ist auf dem Boden des Analogen entstanden, in dem auch Kräfte wie Gefühle und Fantasie wirksam werden können, die im Bereich des Digitalen aussen vor bleiben.

Die Erfinder, Hersteller, Weiterentwickler und User der faszinierenden Digitaltechniken, sie alle dürfen von deren Früchten – noch nie dagewesene Speicher- und Rechnerfähigkeiten, undsoweiter – profitieren und sich darüber freuen, dass durch deren Anwendungen sehr vieles in unserem Alltag bequemer geworden ist.

Eine solche Einstellung könnte die Bereitschaft zu einem kooperierenden Zusammengehen mit der Technik zum Ausdruck bringen und das Beziehungsmodell von Herr und Knecht in dasjenige einer gewissen Partnerschaft mutieren lassen; dies jedoch nur dann, wenn der Mensch sich nicht dazu verleiten lässt, sein Technikgeschöpf zu vergöttern und ihm alles zu opfern.

Etwa seine über viele Generationen erworbenen Kulturtechniken – denken wir   beispielsweise an die Kulturen des Geschichtenerzählens oder an die Fähigkeiten des langsamen und kritisch-verstehenden Lesens von identitätsstiftenden klassischen Texten.

Solche in den verschiedenen Gesellschaften je ausdifferenzierte Kulturtechniken haben unzähligen Menschen geholfen, einen Zugang zur äusseren Welt, zu ihrem Inneren und zu diversen Sinnerfahrungen zu ermöglichen. Der Rückgriff auf solche vordigitale Errungenschaften wird nur möglich sein, wenn wir sie ob des Digitalisierungsdiktats nicht in einer Art vorauseilendem Gehorsam langsam haben verkümmern lassen.

Auch bezüglich der zum Teil hoffnungslos überzogenen Erwartungen an die künstliche Intelligenz dürfen wir nicht zu einer Art geistigen Unterwerfungsgeste ausholen oder gar unsere klare Überlegenheit in Zweifel ziehen. Diese besteht nicht darin, dass der Mensch besser memorieren und rechnen kann als die mit dem magischen Etikett «Künstliche Intelligenz» bezeichneten Maschinen. 

Bewusstsein als Grund für die Überlegenheit des Menschen allen Produkten der Digitalisierung gegenüber

Unsere Superiorität den digitalbasierten Artefakten gegenüber besteht im Bewusstsein und das hat zur Folge, dass wir nicht nur drauflos tun und machen, sondern, dass wir wissen können, was wir tun und weswegen wir tun, was wir tun. Sie besteht gleichzeitig auch in der Fähigkeit, spontane Gefühle zu empfinden und zwar authentische, nicht bloss vorprogrammiert-simulierte.   

Trotz dieser Überlegenheit sollte man nicht beim Schema von Herr und Knecht stehenbleiben, weil allen Differenzen zum Trotz ein Miteinander, eine Kooperation im übertragenen Sinne möglich ist.

Beide Partnergrössen – der Mensch als Erfinder und Anwender auf der einen Seite und die Summe aller denkbar möglichen Daten- und Maschinen-Vernetzungen auf der anderen Seite – kämen in einem solchen Zusammenspiel je auf ihre Weise zum Zuge und könnten in diesem offenen Prozess ihre Potenziale einbringen. Eine solch optimistische Zukunftsoption ist nur denkbar, wenn der Mensch das Bewusstsein dafür nicht verliert, dass die Technik immer von seinen Gnaden lebt und trotz ihres Autonomie-Glamours stets den Status eines blossen Instrumentariums  beibehält.

Im Sinne des von Julian Nida-Rümelin, Professor für politische Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München , vertretenen digitalen Humanismus ist die Technik in sämtlichen Anwendungsbereichen lediglich als untergeordnetes Instrument zu nutzen.

Spannungsfeld «Freiheit und Sicherheit»: Digitalisierung darf nicht überborden

Dieser Imperativ gilt meines Erachtens auch – und vor allem – bei Anwendungen im heiklen Spannungsfeld zwischen Freiheit und Sicherheit. Beide Pole, das Verlangen nach Freiheit und dasjenige nach Sicherheit, verweisen auf zentrale menschliche Werterfahrungen, die sich, wenn es gut geht, ergänzen, wenn sich aber ungünstige Dynamiken entwickeln, einander in ihrer Existenz gefährden können.

Sobald Digitalwerkzeuge im Dienste der Gewährleistung von Sicherheiten zu Selbstläufern werden, sperren sie ganze Gesellschaften in ein Datengefängnis und mit der Freiheit des Einzelnen, auch wenn sie nur gefühlt sein sollte, ist es dann dahin.

Fallen aber Kontrollen und Durchsetzungsmechanismen weg, können selbst elementare Sicherheitsbedürfnisse nicht mehr befriedigt werden.

Im Hinblick auf die raffinierten Überwachungsmöglichkeiten, wie sie durch die Digitalisierung ermöglicht wurden und auch heute stets weiter entwickelt und verfeinert werden, ist die Bedrohung der Freiheit vielerorts  grösser als jene der Sicherheit.

Zwar existieren auf unserem Planeten Regionen, insbesondere in Afrika, in welchen es «gescheiterte Staaten», die sogenannten «failed states» gibt, Territorien, wo niemand mehr vor niemandem sicher sein kann. Die Freiheit ist in solchen Umgebungen fundamental gefährdet, weil ein Minimum an Sicherheit nicht garantiert werden kann.

In den meisten anderen Gegenden der Welt sieht es jedoch anders aus: Das ganze öffentliche Leben, zusehends aber auch die Privatsphäre vieler Menschen wird von kaum wahrgenommenen Sicherheitssystemen eingekreist, eine Tendenz, die durch die Corona-Krise wahrscheinlich noch verstärkt wird. 

Das Bild von einem goldenen Käfig ist da keine Übertreibung mehr, genauso wenig wie die Vorstellung von einer Kapsel, in der die Luft für die Freiheit immer dünner wird, ohne dass die Insassen es merken. Sie spüren das allmähliche Ausgehen der Freiheitsluft nicht, weil das wohlige Gefühl, abgesichert zu sein und unter der unsichtbaren, aber gut schützenden Hand des digitalisierten «Big Brother» leben zu dürfen, das Verlangen nach Freiheit und Risiko langsam, aber sicher abtötet. 

Von Zeit zu Zeit zeigen sich zwar noch nervöse Zuckungen jener urmenschlichen Sehnsucht nach Räumen der Freiheit, in denen man sich von niemandem, auch nicht von irgendwelchen Big Data auswertenden Algorithmen, in die Karten seines gefühlt-freien Tuns blicken lassen möchte;  Zuckungen, welche im günstigsten Fall sporadische  Forderungen nach besserem Datenschutz und mehr Demokratie auslösen können.

Gleichzeitig aber gibt es Zeichen dafür, dass die Sensibilität für mehr Schutz vor Zugriffen auf die Community der User schwächer geworden ist.

Das kann man am Beispiel von Influencern der jüngeren Generation zeigen. Da gibt es solche, die aus sogenannt freien Stücken – in Tat und Wahrheit aber, um mehr Clicks und damit mehr Geld zu erhalten – einem Teil ihrer Followers  unter Premiumbedingungen sehr viele Informationen aus ihrem Privatleben freigeben.
Die Digitalisierung hätte niemals derartigen Erfolg und damit die angedeutete gesellschaftsverändernde Kraft, wenn sie nicht mit Wertvermehrungen auf den verschiedensten Gebieten verbunden wäre.  

Von der Gefahr des Datenkapitalismus, der tiefe Menschheitswünsche zu bewirtschaften vermag

Alles mögliche wird monetarisiert: die persönlichen Daten, die durch Big Data eruierten Konsumwünsche, innovative Spinoffs, kreative Skizzen für aussichtsreiche  Geschäftsmodelle, undsoweiter – Byung-Chul Han spricht daher völlig zu Recht vom Beag Deal.

Die Digitalisierung ist jedoch nicht nur des Geldes wegen so erfolgreich. Durch sie werden auch noch andere, tief im Menschen verwurzelte Wünsche befriedigt. Wer möchte nicht schon möglichst schnell über Zehntausende von Kilometern hinweg mit Freunden und Bekannten mittels Ton und Bild in Verbindung treten?

Mit Hilfe der neuesten Infrastrukturen – denken wir an G5 – werden stets umfangreichere Datenpakete immer schneller transportiert: Dimensionen, die man sich noch vor wenigen Jahren kaum hätte vorstellen können.

Von einem Erneuerungsschritt in der Telekommunikation zum nächsten kommen wir dem alten Menschheitstraum von der Allgegenwart zusehends näher. Zudem fördern die exponentiell wachsenden Speichermöglichkeiten sowie die stets effizienteren Rechner die verführerische Vorstellung, über alles von der Menschheit je erworbene Wissen jederzeit und überall verfügen zu können.

In der Tradition der biblischen Metaphorik könnte man von Allmachtsfantasien sprechen, denn es geht ja nicht nur um das Erleben einer telekommunikativen Allgegenwart und eines möglichst umfassenden Wissens, sondern um die Erfahrung, dass man über dieses Wissen eine ganze Menge von Mikro- und Makroprozessen steuern kann.

Nur, wenn wir uns distanzlos und unreflektiert der berauschenden Illusion einer Quasi-Raum- und Zeit-Losigkeit ergeben und uns von der Steuerungsmacht unserer Technologien blenden lassen, merken wir nicht mehr, wie gross und bedrohlich das Entfremdungspotenzial der Digitalisierung für den Menschen tatsächlich ist, für den Menschen verstanden als soziales Wesen aus Leib, Seele und Geist.

Die Digitalisierung kann zu Entsinnlichung und zu Verlust an seelischer Intensität führen

Beginnen wir zunächst mit der Gefahr eines möglichen Verlustes an sinnlich-leiblicher Intensität durch die virtuelle Kommunikation. Ganz offensichtlich können Begegnungen von Angesicht zu Angesicht durch technisch noch so ausgefeilte Videokonferenzen nicht voll kompensiert oder gar ersetzt werden.

Bei den Millenials, welche bekanntlich zum Bereich des Virtuellen eine sehr grosse Affinität haben, ist bereits ein Trend weg vom Videogamen festzustellen. Reales Spielen im Rahmen von Spielabenden mit der ihnen eigenen gefühlsbestimmten Gruppendynamik wird wieder attraktiv.

Weil wir Menschen real existierende Sozialwesen sind, wird es, um ein weiteres Beispiel anzuführen, trotz Klimakrise weiterhin neben Telefonaten und Videokonferenzen auch Gipfeltreffen geben, an denen Verantwortungsträger mit ihrer jeweiligen Entourage physisch anwesend sind, um von Angesicht zu Angesicht miteinander zu verhandeln.

Dies hat meines Erachtens einen tiefen anthropologischen Grund. Nicht nur aus dem Leib als räumlich ausgedehnter Materie und aus immateriellem Geist bestehen wir, sondern ein Drittes spielt in unserem Existieren eine zentrale Rolle, nämlich jene Grösse, die man während Jahrhunderten mit dem Begriff «Seele» zu fassen versuchte.

Die Bezeichnung «Seele» spielt zwar in der Begriffsarchitektur der heutigen empirischen Psychologie kaum mehr eine Rolle, wohl aber, was damit immer schon gemeint war; nämlich das, was die Ganzheitlichkeit des Menschen darstellt, was sich in seinen ständig variierenden Gesichtsausdrücken, in seiner Gestik, in seiner Sprechweise oder in seiner Gangart zum Ausdruck bringt.

Mit algorithmisch interpretierten Big Data und mit Hilfe raffiniert angeordneter Umgebungen von künstlicher Intelligenz können zwar ziemlich genaue Muster von Gesichtern und Stimmen mit hoher Wahrscheinlichkeit erkannt werden, kaum aber die stets variierenden und daher neu zu deutenden Nuancen der Muskelspiele in ein und demselben Gesicht oder die Modulierungen und Variationen ein und derselben Stimme.

Der Dualismus als Hintergrund der Digitalisierung

Die Digitalisierung ist auf dem Boden eines ganz bestimmten Weltbildes gewachsen, nämlich desjenigen von Descartes (1596-1650), der eine Aufteilung der Welt in Geist und Materie vorgenommen hat, die für die nachfolgende Geistesgeschichte enorme Folgen haben sollte. Im Rahmen dieses dualistischen Weltbildes ist es der Wissenschaft und der Technik gelungen, mit Hilfe mathematisch-physikalischer Modelle die Materie teilweise lesbar zu machen, um sie dann abzubilden und steuern zu können.

Die Fortschritte der Naturwissenschaft wie auch deren ungezählte Anwendungen haben unseren Planeten grundlegend verändert und sie bestimmen heute unser aller Schicksal.

Bei diesen erfolgreichen Bemühungen, mit Hilfe des Geistes die Materie zu deuten und zu beeinflussen, wurde jener Bereich ausgelassen, den man als Schnittstelle zwischen Geist und Materie vermuten kann.

Gemeint ist die Welt des Psychischen, der Gefühle; eben genau das, was man in einer nicht-wissenschaftlich normierten Sprache immer schon als «Seele» bezeichnet hat.

Das Psychische ist einer eigenen Zeitstruktur unterworfen: im Vergleich zu Vorgängen auf der kognitiven Ebene, die blitzschnell – also fast mit Lichtgeschwindigkeit – vonstatten gehen, gehorchen seelische Vorgänge anderen Geschwindigkeiten, die man nicht mit einem Metronom messen kann, weil sie aufgrund ihrer Unberechenbarkeiten nicht getaktet werden können.   

Wir alle haben wahrscheinlich schon selber erfahren, dass die Verarbeitung von Gefühlen erdauert werden muss, also sehr oft mehr Zeit braucht, als das blosse zur Kenntnisnehmen von Informationen, die man mit einem simplen «OK» quittieren kann, weil solche Informationen die neutrale Teflon-Schicht an der Grenze zur Welt der Gefühle nicht durchdringen.

Der messerscharfe Schnitt zwischen der nicht ausgedehnten Substanz des Geistes und der  ausgedehnten Substanz der Materie – wie er von Descartes gelehrt und von den modernen Naturwissenschaften in ihren Modellen als unhinterfragtes Leitbild übernommen worden ist – mag uns an den Versuch von Zarathustra (entweder im 2. oder im 1. Jahrtausend v. Chr.) oder an die Lehren des Manichäismus (3.Jahrh. nach Chr.) erinnern; an Bestrebungen, das Gute dem Licht und das Böse dem nächtlichen Dunkel zuzuordnen.

Diese Bemühungen, das Chaos der Erscheinungen und Geschehnisse der Welt durch rigorose Einteilungen zu überwinden, hat also eine sehr lange Tradition, die auch in der Philosophie, denken wir an Platon (428/427-348/347 v Chr.), von grosser Bedeutung ist.

Wenn wir dieses Jahrtausende alte Bemühen auf den von Descartes entwickelten Dualismus von Geist und Körper anwenden, dann können wir feststellen, dass verschiedentlich der Geist dem Guten, dem Lichthaften zugeordnet wird. Denken wir nur an die verschiedenen Idealismen und an die von ihnen beeinflussten Theologien.

Dass mit einer solchen Zuordnung die Materie und damit auch der Leib in den Negativbereich des Bösen geraten kann, ergibt sich konsequenterweise aus einer solchen dualistischen Denkfigur.

Es gibt im Verlaufe der Geistesgeschichte aber auch Tendenzen, welche die Materie mit dem Guten gleichsetzen und den Geist als reines Produkt der Entwicklung der Materie seiner Eigenständigkeit berauben.

Derartige, dem Dualismus entgegengesetzte Weltanschauungsmodelle bezeichnet man in der Fachsprache als Monismen.

Wenn wir uns nach diesem kurzen geistesgeschichtlichen Exkurs wiederum der Digitalisierungsproblematik und insbesondere dem mit Hilfe des Netzes ermöglichten virtuellen Raum zuwenden, dann fällt auf, dass zwar unzählige scheinbar sinnliche Inhalte dargestellt werden, aber es handelt sich in jedem einzelnen Fall immer nur um Simulationen, und damit lediglich um virtuelle Gebilde.

Der virtuelle Raum als Sekundärrealität

Wir müssen uns dessen bewusst werden, dass der virtuelle Raum mit allen in ihm abgebildeten Inhalten nur eine Teilmenge der gesamten Wirklichkeit ist,  eine Art Realität aus zweiter Hand und dass dieser Teil der Realität die Menschen, welche sich damit auseinandersetzen, nie in ihrer Ganzheit anspricht.

Zwar können beinahe perfekte farbliche Visualisierungen und dreidimensionale Präsentationen unsere realen Begehrlichkeiten wecken, denken wir nur an Bilder aus dem Tourismus oder aus der Pornografie, aber es bleibt beim Anregen von Sehnsüchten und Phantasien.

Diese Tatsache führt dazu, dass man ein virtuell gut vermarktetes Reiseprogramm auch wirklich durchführen möchte oder dass man eine sexuelle Erfüllung nicht nur im Innenraum wollüstiger Fantasien sucht, sondern im konkreten Zusammensein mit einem Gegenüber aus Fleisch und Blut.

Wenn wir uns dieser Zusammenhänge nicht bewusst sind, dann werden wir krank, weil wir den Boden unter den Füssen verlieren.

Die Gesundheit besteht darin, dass nicht ein Teil der Realität andere Teile derselben parasitär aufsaugt, sondern dass zwischen allen Facetten der Wirklichkeit von Fall zu Fall die aus der Sicht des Ganzen angemessenen Proportionen gefunden werden. Für das Zeitalter der Digitalisierung heisst das unter anderem, dass wir den Boden der direkten Begegnung mit dem Sinnlich-Materiellen nicht unter den Füssen verlieren und dass wir bei der Darstellung der Welt uns nicht nur auf das Digitale beschränken, sondern auch der Perspektive des Analogen Raum geben.

Diese abstrakten Forderungen bleiben aber in der Sackgasse des Schöngeistigen stecken, wenn sie nicht auf der Ebene öffentlicher und  privater Anwendungen konkretisiert werden.

Bei diesen Anwendungsprozessen ist viel mehr gefragt als blosses Wertebekenntnis und allgemeine Orientierungsdoktrin.

Praktische Fantasie, Achtsamkeit für das Spezifische in jeder Situation und Gestaltungswille auf der Grundlage eines kritischen Selberdenkens können Kollateralschäden der an sich grossartigen Digitalisierungsrevolution in Grenzen halten.

Hans Widmer, Luzern

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Aktuelle Literatur:


2014   Byung-Chul Han   Psychopolitik Neoliberalismus und die neuen   Machttechniken, Fischer Verlag, Frankfurt a. Main

2018   Richard David Precht   Jäger, Hirten, Kritiker, Eine Utopie für die digitale Gesellschaft, Wilhelm Goldmann Verlag, München

2018   Julian Nida-Rümelin/Nathalie Weidenfeld   Digitaler Humanismus, Eine Ethik für das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz, Piper Verlag, München

2019   Adrian Lobe   Speichern und Strafen, Die Gesellschaft im Datengefängnis, Verlag C.H.Beck, München

2019   James Bridle   New Dark Age, Der Sieg der Technologie und das Ende der Zukunft, aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn, Verlag C.H.Beck, München

2019   Kai-Fu Lee   AI Superpowers, China, Silicon Valley und die neue Weltordnung, Aus dem Englischen von Jan W.Haas, Campus Verlag, Frankfurt/New York

2019   Lisa Herzog   Die Rettung der Arbeit, Ein politischer Aufruf, Hanser, Berlin

2019   Ralf Otte   Künstliche Intelligenz für Dummies, Wiley-VCH -Verlag, Weinheim


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