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Gastbeitrag von Ruedi Lötscher

Über den Autor:

Ruedi Lötscher
(*1953 in Luzern geboren) ist gelernter Schriftsetzer und hat bis 2006 alle einschneidenden Umwälzungen dieser Branche miterlebt. Seit 2006 braucht ihn der Arbeitsmarkt nicht mehr. Als Erwerbs-, aber nicht Arbeitsloser hat er nun vermehrt Zeit, sich mit gesellschaftlichen Fragen auseinanderzusetzen.

26.04.2011

Am 1. Mai verstecken sich die Luzerner Gewerkschaften

«Da der 1. Mai dieses Jahr in die Osterferien und auf den Weissen Sonntag fällt, findet die traditionelle 1. Mai-Feier in kleinerem Rahmen und ohne Demonstrationszug im Hotel Anker in Luzern statt.» So steht es auf der Homepage des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes.

Die Unionsdruckerei Luzern (heute ud medien) war von den Gewerkschaften und der SP gegründet worden und bis vor wenigen Jahren gut aufgestellt und rentabel. SP- und Gewerkschaftsverteter mussten sich im September 2010 für ihre Arbeit als Verwaltungsräte scharfe Kritik gefallen lassen ... - von ihren eigenen Organisationen, groteskerweise Mitbesitzer der Firma. Denn die UD verkaufte den «Anzeiger» und entliessen Mitarbeitende, um nicht Konkurs zu gehen. Jetzt stehen die Gewerkschaften selber in der Kritik: Ihre traditionelle Feier zum weltweit gefeierten Tag der Arbeit findet - gut versteckt - im «Anker» statt.<br><br>Bild: Herbert Fischer

Die Unionsdruckerei Luzern (heute ud medien) war von den Gewerkschaften und der SP gegründet worden und bis vor wenigen Jahren gut aufgestellt und rentabel. SP- und Gewerkschaftsverteter mussten sich im September 2010 für ihre Arbeit als Verwaltungsräte scharfe Kritik gefallen lassen ... - von ihren eigenen Organisationen, groteskerweise Mitbesitzer der Firma. Denn die UD verkaufte den «Anzeiger» und entliessen Mitarbeitende, um nicht Konkurs zu gehen. Jetzt stehen die Gewerkschaften selber in der Kritik: Ihre traditionelle Feier zum weltweit gefeierten Tag der Arbeit findet - gut versteckt - im «Anker» statt.

Bild: Herbert Fischer

Da fragt man sich schon, woran es liegt , dass sich die Gewerkschaften von einer militanten Bewegung der Arbeiterschaft zu einer «Allianz der Bescheidenen» entwickelten, die sich am 1. Mai «in kleinerem Rahmen» im «Anker» trifft, dem früheren «Volkshaus», um nur ja niemanden zu stören…

Was muss sich ändern, damit die Gewerkschaften wieder selbstsicher werden und Einfluss gewinnen?

Als erstes müssen die Gewerkschaften akzeptieren, dass sich die Gesellschaft verändert hat: 

Das Bewusstsein der Arbeitenden, einer Klasse anzugehören, sinkt gegen null. 

Das Internet schafft mit Facebook und Twitter, etcetera geschlossene Zirkel, innerhalb derer sich die Teilnehmenden bestätigend auf die Schultern klopfen und gleichzeitig die Andersdenkenden immer weniger wahrnehmen. 

Die Individualisierung und Vereinzelung wächst. 

Der Nationalismus wird immer virulenter.

Die Solidarität hat einer resignierten Konsumhaltung Platz gemacht. Wenn schon die Arbeit so belastend und Mobbing-verseucht ist, dann will man wenigstens Ferien in der Karibik und wenn irgendwie möglich einen Offroader.

Als zweites müssen sich die Gewerkschaften ihre Glaubwürdigkeit wieder verdienen.

Dazu müssen sie sich von den gängigen PR-Methoden verabschieden. Die Werbemethoden des neoliberalen Kapitalismus taugen wenig dazu, Mitglieder zu gewinnen, sondern sie untergraben die Glaubwürdigkeit der Gewerkschaften. Deshalb:

Keine Schnäppchen-Angebote wie Rabatte beim Möbelkauf.

Keine bezahlten Agenten auf der Strasse für Mitgliedschaftsverträge. Solche Agenten werden durch Drittfirmen angestellt und gemäss Anzahl Abschlüsse bezahlt: Das ist das genaue Gegenteil dessen, was die Gewerkschaften fordern.

Gängige PR-Methoden schaden den Gewerkschaften langfristig, statt ihnen zu nützen. Jede NGO (Nicht-Regierungs-Organisation) hat die Mitglieder, die sie verdient. Wohl deshalb haben die Gewerkschaften inzwischen viele Sympathisanten, die im Grunde genommen keineswegs Gerechtigkeit, Menschenwürde und Bildung  anstreben sondern «Kaviar für alle». Deshalb sind sie nur Mitläufer in Zeiten, da es Rabatte zu verteilen gibt. Und deshalb werden die Gewerkschaften so zahm wie ihre «Geiz-ist-geil-Mitglieder», die vor Streik zurückschrecken, weil damit das Rabattkärtchen vom Möbeldiscounter gefährdet sein könnte.

Drittens müssen die Gewerkschaften der Realität in die Augen blicken und Klartext reden.

Wir dürfen kein Wirtschaftswachstum mehr anstreben. Prozentuales Wirtschaftswachstum ist Krebs. Auf unserem Planeten kann es so etwas nicht mehr lange geben, sonst geht unsere Kultur unter – wie schon so viele Hochkulturen zuvor. Der Ballon ist schon so aufgeblasen, dass er nächstens platzt; nicht mehr nur Teile von ihm, wie die verschiedenen Blasen der letzen Jahre, sondern der ganze Wirtschaftswachstums-Ballon. Man muss Wege finden, sorgfältig Luft aus diesem Ballon entweichen zu lassen. (Siehe Beitrag Bedingungsloses Grundeinkommen: www.lu-wahlen.ch/gastbeitraege/ruedi-loetscher/news/2011/04/01/386-ein-neuer-gesellschaftsvertrag-fuer-neue-herausforderungen/).

Umverteilung ist die Lösung. Geld spielt in einer modernen Gesellschaft die gleiche Rolle wie das Blut im menschlichen Organismus: Es transportiert das Lebensnotwendige dorthin, wo es benötigt wird. Da in einer kapital-orientierten Marktgesellschaft Geld immer dazu tendiert, Klumpen zu bilden, müssen solche Thrombosen verhindert werden: durch Umverteilung. Die Forderung nach Umverteilung ist nicht das Produkt einer Neid-Gesellschaft. Umverteilung ist ein unumgängliches Mittel, um den sozialen Frieden zu sichern – ebenso wie Polizei und Rechtsstaat.

Die Gewerkschaften müssen den Staat verteidigen. Der Staat ist kein Steuergelder vertilgendes Monster. Wir alle bilden die Gemeinschaft, die wir Staat nennen. Deshalb ist der Staat unser gemeinsamer Nenner. Dem Staat delegieren wir Aufgaben. Und die wichtigste Aufgabe des Staates ist neben der Garantie der Menschenrechte die Grundversorgung aller Menschen mit dem Notwendigen: Wasser, Spitäler, Bildung, Verkehr, Energie, etcetera.

Die Gewerkschaften müssen die internationalen Bündnisse (UNO, EU) verteidigen. Denn diese Bündnisse helfen den Gewerkschaften sich international zu vernetzen; so, wie es ihre Kontrahenten – die Konzerne – auch tun. Wenn die Gewerkschaften dies verschlafen, werden sie von der Globalisierung überrollt. 

Lohnarbeit kann in einer sich immer schneller automatisierenden Überflussgesellschaft nicht mehr allen garantiert werden, deshalb muss ein Einkommen garantiert werden. Der Themenkreis «Lohnarbeit – Tätigkeit – Einkommen» muss von den Gewerkschaften undogmatisch diskutiert werden.

Die Gewerkschaften müssen eine plakativere Sprache wählen (diesbezüglich kann man von der SVP lernen!) Wer die breiten Bevölkerungsteile ansprechen will, muss mit einfachen Worten reden. Das Feinsinnige kann man den (linken) Philosophen überlassen; die können das sehr gut. Aber «das Volk» muss mit eingängigen Argumenten überzeugt werden, sonst geht es dorthin, wo gesprochen wird, «wie uns der Schnabel gewachsen ist» – und das ist ganz rechts. Wer sagt, komplizierte Sachverhalte liessen sich nicht allgemeinverständlich erklären, hat den Sachverhalt selbst nicht verstanden. 

Im Verlaufe der letzten Jahrzehnte haben sich die Gewerkschaften – zumindest teilweise – zu neoliberalen Dienstleistern entwickelt, die statt Gerechgtigkeit und Bildung «Kaviar für alle» wollen. Die Forderung nach «Luxus für alle» gehört aber nicht zu den Kernkompetenzen der Gewerkschaften. Dieses Thema bewirtschaften die globalen Konzerne bedeutend besser. Deshalb müssen die Gewerkschaften Umdenken und sich auf ihre Kernkompetenzen zurückbesinnen – allerdings in einem veränderten Umfeld.

Der Zusammenschluss der Schwachen – das ist traditionell die Kernkompetenz der Gewerkschaften. Deshalb müssen sie sich heute auch darum bemühen, die Löhne der Billiglohnländer unseren Salären anzugleichen; das verbessert die Situation dort. Vor allem aber ist zu beachten, dass die Forderungen der Gewerkschaften nie auf dem Rücken derer erfüllt werden, die keine (oder eine kaum vernehmbare) Stimme haben; sonst wird der «Schwarze Peter» einfach durchgereicht: 

Von den Männern zu den Frauen (ungleiche Löhne)

Von den reichen Ländern zu den armen (Billigarbeit, Kinderarbeit)

Von den Demokratien in die Diktaturen (Giftdeponien, Waffenexporte)

Von den Menschen auf die Tiere (Käfighaltung)

Von den Menschen auf die Umwelt (Klimawandel)

Und dieser «Schwarz-Peter-Export» in andere Bereiche führt zur Katastrophe. Deshalb müssen die Gewerkschaften konsequent eine radikale Nachhaltigkeit vertreten:

Nullwachstum: Alles andere ist Augenwischerei; Wirtschaftswachstum sägt am Ast, auf dem wir sitzen.

Solidarität: Nicht nur international sondern auch Generationen-übergreifend (keinen Atom-Müll an zukünftige Generationen) und sogar Art-übergreifend; eine ausgestorbene Tierart leidet nicht, aber wir haben einen Verlust; man stelle sich nur vor, wir hätten die Stammformen unserer Haustiere und Nutzpflanzen vor deren Domestikation ausgerottet.

Vor allem aber müssen die Gewerkschaften den Menschen begreiflich machen, dass diese Werte keine Spinnerei sind, sondern eine zukunftsfähige Strategie, unsere Kultur zu erhalten. 

Die Gewerkschaften stehen also vor gewaltigen Aufgaben.


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