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Die Redaktion empfiehlt

14.03.2021

«Presseclub» - Identitätspolitik als Sprengstoff für unsere plurale Gesellschaft?

Mit der Frauenbewegung hat alles angefangen. Die Homosexuellen waren die nächsten, die Gleichberechtigung einforderten. Heute ist die gleichgeschlechtliche Ehe Alltag, keiner regt sich über einen schwulen Gesundheitsminister auf. Wichtige Etappensiege auf dem Weg in eine offene, vielfältige demokratische Gesellschaft.


Inbegriff von Volkskultur und Traditionspflege sind die JodlerInnen. Um ihre Eidgenössischen Jodlerfeste (wie hier 2008 in Luzern) zu feiern, kommen sie um die urbanen Zentren nicht herum. Statt Alpenkranz und Abendglühn kann da auch mal eine harte und kalte KKL-Fassade den Hintergrund zu ihren feierlichen Vorträgen bilden und so als Gegenwart schroff mit der Idylle von einst kontrastieren. Die JodlerInnen und ihre Vorträge sind fraglos eine alte und starke Säule der Identität der SchweizerInnen.

Wann und wo immer eine Debatte über die Schweizer Identität aufflackert, werden Verlustängste freigesetzt: bei der Absicht, die Armee abzuschaffen beispielsweise die Angst vor Wehrlosigkeit vor fremden Mächten; beim Abstimmungs- und Wahlrecht für AusländerInnen die Angst vor ihrem wachsenden Einfluss; bei der «Ehe für Alle» die Angst vor dem Fortbestand der Ehe als Familienmodell und damit als Teil unseres klassischen Gesellschaftsentwurfs.

Darum ist die «Identitätsdebatte», die derzeit in Deutschland stattfindet (und zu welcher der «Presseclub» vom 14. März 2021 spannende Inputs liefert), auch für die Schweiz so aufschlussreich und weiterführend.

Bild und Kommentar: Herbert Fischer

Jetzt stehen wir vor einer weiteren Herausforderung: Auch andere benachteiligte Gruppen fordern ihr Recht auf Anerkennung: die queere Community ebenso wie Menschen anderer Herkunft und Hautfarbe. Doch wie weit sollten diese berechtigten Forderungen gehen? Müssen wir unsere Sprache, Kunst und Literatur einer gründlichen Revision unterziehen, um sie von Rassismus und Postkolonialismus zu befreien? Ist das Gendersternchen Ausdruck überspannten Denkens oder ein Muss, weil Sprache Bewusstsein formt? Kann nur eine schwarze Deutsche Texte der schwarzen US-Lyrikerin Amanda Gorman übersetzen, die seit Bidens Amtsantritt berühmt geworden ist?

Wer bestimmt den Diskurs und wer hat die Deutungshoheit?

Die Auseinandersetzung um Identitätspolitik hat derart Fahrt aufgenommen, dass sie jetzt die SPD erschüttert hat. Auslöser: Ex-Bundestagspräsident Wolfgang Thierse hatte davor gewarnt, dass der erbitterte Streit über Rassismus, Postkolonialismus und Genderthemen die Gesellschaft zu spalten drohe.

Die (berechtigten) Forderungen benachteiligter Minderheiten dürften nicht die Rechte der Mehrheitsgesellschaft aus dem Blick verlieren. Wenn diese per se als rassistisch und reaktionär beschimpft würde, sei das genauso inakzeptabel.

Nicht nur Minderheiten hätten Rechte, sondern auch die Mehrheit. Hat Wolfgang Thierse Recht oder ist das die rückwärtsgewandte Haltung eines «alten, weißen Mannes»?

Wer bestimmt den Diskurs und wer hat die Deutungshoheit? Die Befindlichkeiten der Opfer, die sich diskriminiert fühlen oder die Mehrheitsgesellschaft?

Der «Presseclub» vom 14. März 2021 über dieses spannende und hochaktuelle Thema ist sehr empfehlenswert.

Siehe unter «Links».

(hrf)