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Kolumne der Redaktion

04.12.2019

Warum Köbi Kuhn eine Ikone war – und bleibt

Der Tod des einstigen Fussballstars Köbi Kuhn bewegt die Schweiz, wie sie kaum zuvor ein Verlust eines vergleichbaren Promis bewegt hat. Der Luzerner Roland Neyerlin, gebürtig aus Laufen (BL), ist Philosoph und Publizist, der seit Jahrzehnten die Gesellschaft und Entwicklungen in ihr beobachtet und kommentiert. Und er ist seit Kindsbeinen Fussballfan.


Roland Neyerlin (*1952) ist studierter Heilpädagoge und Philosoph. Er war Dozent an der Uni Luzern und führte lange eine philosophische Praxis – immer mit der Absicht, die Menschen lustvoll dazu zu bringen, über die Welt nachzudenken.

Mehr über ihn unter «Links».

Bild: Herbert Fischer

Herbert Fischer: Roland, du hast mehrere Nachrufe auf Köbi Kuhn in den Medien gelesen, gehört und gesehen. Was ist dir aufgefallen?

Roland Neyerlin: Aufgefallen ist mir, dass praktisch alle Nachrufe auf Köbi Kuhn nach einem gleichen Muster ablaufen: mit Würdigungen als Fussballer, als «braver Schweizer» und als bescheidener Mensch, der berührbar war, also «einer zum Anfassen». Das kann man so machen. Es trifft den Menschen und Fussballer recht gut. Damit habe ich kein Problem.  

Aufgefallen ist mir aber auch, dass in all den Würdigungen, die ich mitbekommen habe, eine Reflexion, ein reflektorischer Bezug zur heutigen Zeit fehlt. Man könnte sich doch zum Beispiel fragen: Warum erreichte Kuhn diese Bedeutung erst in den letzten Jahren? Warum wurde er eine so unglaublich beliebte Figur in der Gegenwart – vergleichbar mit Roger Federer? 

Und: warum?

Roland Neyerlin: Weil Menschen wie Kuhn, Federer oder auch Bernhard Russi eine Zeit verkörpern, die es so nicht mehr gibt. Auch im Fussball nicht. Was den Fussball betrifft, waren das zu Kuhns Aktivzeit vergleichsweise romantische Zeiten. Kuhn hat sie bis zu seinem Tod vorgelebt. Dasselbe gilt übrigens auch für den Basler Karli Odermatt, den kongenialen Partner Kuhns in der Nationalmannschaft.

Versuchen wir, uns zu erinnern: Die Leute verdienten noch nicht so viel wie heute. Der Besuch eines Fussballmatches war so etwas wie das Highlight der Woche. Heute gibt es jeden Tag Fussballspiele und exorbitant viel Geld ist im Spiel.

Fussball, Sport überhaupt, ist Teil des globalisierten Neoliberalismus geworden. Man identifizierte sich damals mit seinem Klub. Es gab kaum Spieler mit ausländischen Namen. Und die Nationalmannschaft – ja, auch das! – konnte die Nationalhymne singen, das war gar nie ein Thema.

Und die sozialen Medien spielen noch absolut keine Rolle.

Roland Neyerlin: Genau. Hingegen erlebte das Publikum die Spieler seines Klubs noch im Massstab 1:1: vor den Spielen, nach den Spielen, auch in der Beiz, an den Veranstaltungen des Klubs. Das schaffte Nähe und damit Identifikation. An Figuren wie Köbi Kuhn und Karli Odermatt konnte man sich orientieren, festhalten.

Wenn ich hier eine Klammer aufmachen darf: Beim Schwingen ist das heute noch so. Wenn 500 000 Menschen ans «Eidgenössische» nach Zug pilgern, dann ist das die Sehnsucht nach Identitäts- und Orientierungsfindung in einer völlig veränderten Welt und damit auch Schweiz.

Hast du Mühe damit?

Roland Neyerlin: Nein, nicht grundsätzlich. Ich bin mir aber fast sicher, dass es nicht wirklich hilft, in dynamischen Welten zu überleben oder gar offen zu bleiben.

Fussballspiele waren früher also viel mehr soziale Erlebnisse, also heute, wo es um ein knallhartes Business und erst recht um Millionen geht?

Roland Neyerlin: Soziale und emotionale Erlebnisse sind sie immer noch, doch es fällt uns schwerer, eine Art Heimat, Konstanz und Identifikation zu finden. Köbi Kuhn spielte praktisch immer beim FC Zürich, wenn auch nicht immer ganz freiwillig. Er verkörperte Werte wie Konstanz, Treue und Zuverlässigkeit.

Das ist längst vorbei: Die Mannschaftszusammensetzungen wechseln ständig, sind getrieben durch einen Markt, dessen Ware die Spieler und ihr Marktwert sind. Bewegung generiert Gewinne.

Nun verlief auch im Leben dieses Publikumslieblings bekanntlich nicht immer alles fadengerade und aufwärts. Trug das zu seiner Popularität bei, weil er nicht als perfekt galt und somit auch keine Minderwertigkeitsgefühle auslöste; konnten sich so viele Menschen mit ihm auch deswegen identifizieren?

Roland Neyerlin: Das halte ich für sehr wohl möglich. Er war ein Fussballstar, aber eben auch ein «sehr gewöhnlicher» Mensch – «einer von uns» halt. Ein Mensch, der Schatten wirft, der widerständig ist,  an dem man sich reiben muss. Heute sind Fussballstars entrückte Kunstprodukte der sozialen Medienwelt. Sie sind stromlinienförmig zurecht gebürstet, glatt gebügelt und geben identische Phrasen von sich.

Ich erinnere mich übrigens an ein Cupspiel, 1967, zwischen Basel und Lugano mit 56 000 Zuschauern im «Joggeli»: Da waren kaum Polizisten, die Zuschauer nicht in Sektoren gesperrt. Wir assen unsere Bratwurst, tranken ein Bier und fachsimpelten mit Freunden – so war Fussball damals; alles war nahe zusammen, völlig friedlich.

Nun war ja Kuhn ein Fussballstar, erst als Spieler, dann als Coach der Nationalmannschaft. Auch nachher aber, also weit über diese «aktive Zeit» hinaus, blieb er überaus populär, bis in den letzten Monaten und bis zu seinem Tod. Das Publikum nahm seine Krankheit mit grosser Anteilnahme zur Kenntnis. Und erst recht seinen Tod.

Roland Neyerlin: Auch das sagt vieles über ihn aus. Sein Markenzeichen war seine Authentizität. Er konnte – auch, als er längst nicht mehr im Fussball selber aktiv war – Interviews geben, in denen er stotterte und nach Worten rang.

Er spielte niemandem was vor. Er war sich selbst, wollte gar nicht erst «geschliffen» und perfekt reden. Er war kein Intellektueller und wollte auch nie so wirken.

Zudem hatte er als «Versicherungsmensch» mal Konkurs gemacht. Und mal für die SVP für das Zürcher Stadtparlament – erstaunlicherweise erfolglos – kandidiert. Beides versteckte er nie. Warum auch, was solls? Er war und blieb einfach «der Köbi».

Das tönt alles sehr nachvollziehbar, aber irgendwie auch ziemlich kitschig!

Roland Neyerlin: Das mag durchaus sein. Bei Kuhn und Odermatt neige selbst ich zum Kitsch und zur Fussballromantik. In der Erinnerung ist vieles schöner als es tatsächlich war. Was soll daran schlecht sein, dass Kuhn ein hohes Ansehen hat? Nicht alle Menschen sind gut ausgebildete, flexible Expats. Viele Menschen konnten sich mit Köbi identifizieren, weil sie in vielen Facetten dieser Menschen ihre eigenen Leben wiedererkannten.

Was ist für dich eigentlich der Unterschied zwischen einem Helden und einer Ikone? Was war Köbi Kuhn?

Roland Neyerlin: Eine Ikone ist – jedenfalls für mich – eine Verdichtung von Qualitäten, Werten, Vorstellungen, Eigenschaften und Hoffnungen, die in einer ganz bestimmten Zeit nachgefragt sind. Sie symbolisieren ein bestimmtes Lebensgefühl. Kuhn war kein Held, er war eine Ikone. Seine kranke Frau zu pflegen, ist keine Heldentat. In einer einfachen Wohnung zu leben auch nicht.

Braucht die Gesellschaft Helden?

Roland Neyerlin: Das ist eine Frage, die sich die Menschen und auch die Philosophie immer wieder stellen. Zu unterschiedlichen Zeiten fallen die Antworten anders aus. Ich setze viel mehr auf demokratische Lebensformen, innerhalb derer sich Menschen gestaltend einbringen können als auf Heldentaten. Heldenmythen wurden zu oft von der politischen Rechten instrumentalisiert.

Doch warum nicht? Vielleicht wäre ein Heldenbegriff denkbar, der nicht so desavouiert ist. Es gibt ja immer auch Helden – ich denke etwa an Martin Luther King oder Nelson Mandela – die mutig waren, viel riskiert haben und etwas zur Demokratisierung von Gesellschaften beitragen konnten.

Das kann andere ermutigen, sich zu wehren, einzusetzen. Vielleicht ist Greta Thunberg in diesem Sinne eine Art Heldin. Aber auf HeldInnen sollten wir nicht warten. Es geht auch ohne.

Soeben ist ein Buch von Dieter Thomä erschienen mit dem Titel «Warum Demokratien Helden brauchen». Darin geht der Philosoph der Frage nach, ob es in einer Krise der Demokratien nicht auch Menschen braucht, die sich für eine Sache einsetzen, die grösser ist als sie. Darüber dürfen wir ruhig auch nachdenken.

Interview: Herbert Fischer, Luzern

Hinweis: Am Dienstag (10. Dezember) tritt Roland Neyerlin zusammen mit Yves Bossart und Rayk Sprecher im Kleintheater auf (siehe unter «In Verbindung stehende Artikel»).


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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

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Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/