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Kolumne der Redaktion

05.04.2019

Mit dem renovierten «Tramhüsli» erhält das kollektive Gedächtnis von Emmen einen weiteren Erinnerungsort

Gestern Donnerstag ist in Emmen das totalrenovierte «Tramhüsli» als Restaurant und Begegnungsort neu eröffnet worden (siehe unter «Links»). Historiker und Emmen-Experte Kurt Messmer sagt: «Solchen Bauzeugen begegnet man im Industriegebiet von Emmen auf Schritt und Tritt». Und: «Das Tramhüsli ist ein architektonisch markantes und erinnerungskulturell bedeutendes Merkzeichen.»


Das Tramhüsli mit Trafo-Turm 1927 am «Central», kurz nach Inbetriebnahme und Ausbau der Linie 2 auf Doppelspur mit Wendeschlaufe. Links unten das Industrie-Geleise, das noch heute in Gerliswil die Uhren kurz anhält und daran erinnert, dass in der «Emmenweid» seit 1853 Eisen und Stahl produziert werden. Vorne links ein Leiterwagen, im Mittelgrund ein Fuhrwerk. Das «2-er-Tram», ein eigenartiger Mix aus spröder Funktionalität und verhaltener Eleganz, hat noch weitgehend freie Fahrt.

Gerliswilstrasse, um 1950. Die Radfahrer haben dem «2-er-Tram» auszuweichen. Noch steht das Gasthaus Emmenbaum auf der rechten Seite. Die Parzelle links hingegen, auf der heute das 1961 erbaute Verwaltungsgebäude II mit dem Personalrestaurant («Nylon 7») steht, ist noch unüberbautes «Emmenfeld». Hier spielte der FC Emmenbrücke; die Umkleidekabinen befanden sich im Gasthaus Zollhaus auf der anderen Seite der Emme.

Glasfenster im Schulhaus Meierhöfli: Ein Schiff trägt die Viscoseprodukte in die ganze Welt. Die Einweihung dieses Schulhauses fiel zeitlich zusammen mit dem 50-Jahr-Jubiläum der Viscose (1906–1956). Aus diesem Anlass finanzierte das Unternehmen die Hälfte der Kosten dieses Glasgemäldes. Dieses vielsagende Werk ist Ausdruck für die damalige Stimmungs- und zugleich Finanzlage in Emmen.

Der Historiker Kurt Messmer lebt in Emmen. Er unterrichtete an der Pädagogischen Hochschule Luzern und an der Uni Freiburg.

Mehr über ihn unter «Links».

Herbert Fischer: Inwiefern verkörpert das Tramhüsli ein Stück Geschichte von Emmen?

Kurt Messmer: Stellt man sich die Anfänge der Tram-Linie nach Emmen vor, konkret, räumlich, so gleicht das einem Film-Raffer über das «Emmer Wirtschaftswunder» vor hundert Jahren. 1898 wurde die Linie 2 vom Kreuzstutz nach Reussbühl verlängert. Beim Zollhaus verliefen die Schienen buchstäblich im Sand, weil die elektrische Trambahn ja nicht über die Holzbrücke aus dem 18. Jahrhundert fahren konnte. Also musste die 137 Meter lange ehrwürdige Brücke abgebrochen und ersetzt werden.

Den Neubau aus Eisen und Beton übernahm die Firma Bell in Kriens. 1903 fuhr das «2-er-Tram» nun hinauf zum Bahnhof Emmenbrücke, wo die Züge nach Olten-Basel und ins Seetal zu erreichen waren, ebenso die Pferdepostkutsche nach Beromünster. Als 1906 die Viscose ihren Betrieb aufnahm, vorerst zwar bloss ein paar Dutzend Angestellte beschäftigte, aber nach wenigen Jahren bereits 800, wurde die Linie 2 verlegt. Das Tram fuhr nun den Arbeitern nach.

Endstation war seit 1913 das «Central», nahe beim damaligen Fabriktor. Auch hier verliefen die Schienen vorerst im Sand. Der Tramführer wechselte den Führerstand und fuhr auf dem einen Gleis zurück in die Stadt. Die Viscose aber boomte weiter und hatte nach dem Ersten Weltkrieg bald 2200 Angestellte. Das führte nochmals zu einem Ausbau des Trams.

Die Linie 2 erhielt 1927 eine Doppelspur mit Wendeschlaufe, gleichzeitig wurde eine «Tramwartehalle mit Transformatorenstation» gebaut, das heutige «Tramhüsli». Das ist Emmer Geschichte sozusagen im Massstab 1:1.

Dennoch: Ein Tramhüsli, noch nicht 100 Jahre alt, wird mit grossem finanziellem Aufwand verschoben, instand gestellt und feierlich eingeweiht. Lohnt sich der riesige Aufwand?

Kurt Messmer: Das Projekt Tramhüsli ist ein eindrückliches Zeichen dafür, dass in Emmen das Bewusstsein für die Erinnerungskultur im öffentlichen Raum wächst. Damit ist die Erkenntnis verbunden, dass sowohl das individuelle als auch das kollektive Gedächtnis konkrete Orte brauchen; Objekte, Bauten, in denen sich Erinnerung ablagern kann. Die rasante Entwicklung, die sich seit einigen Jahren im Gebiet Seetalplatz / Bahnhof / Viscosistadt vollzieht, macht einen Haltepunkt nötig. Diese Funktion übernimmt das Tramhüsli. Unzählige Menschen verbinden persönliche Erfahrungen und Geschichten mit diesem Objekt.

Es sind nicht Erinnerungen an Haupt- und Staatsaktionen, sondern Alltagserlebnisse, die sich oft in langen Jahren angehäuft und verdichtet haben. Man könnte vielleicht sagen: Die damit verbundenen Erfahrungen, Eindrücke, Empfindungen haben Eingang gefunden in ein imaginäres Erinnerungsbuch.

Warum ist das so wichtig, und welche Bedeutung hat dieser Ort hier und jetzt?

Kurt Messmer: Es gibt in der Geschichte nur eine Konstante: den Wandel. Die Emmer Gemeindegeschichte von 2004 trägt daher die stimmige Überschrift «In Bewegung». Im steten Wandel müssen wir uns zurechtfinden können.

Eine zentrale Voraussetzung dafür ist, dass sich unsere Geschichte, unsere Herkunft, im öffentlichen Raum ablesen lässt. Dazu sind Bauzeugen wie das Tramhüsli nötig. Beim Blick zurück darf es aber nicht bleiben.

Dieser Erinnerungsort soll ja neu belebt, zum Treffpunkt werden, zum Verweilen einladen, Menschen zusammenführen. Auch um diese Anliegen hat sich der Stiftungsrat Tramhüsli hoch verdient gemacht – grossartig.

Dazu kommt ein städtebaulicher Aspekt: Der Centralplatz braucht einen architektonischen Akzent, einen visuellen Fixpunkt, der auch räumlich eine ordnende Funktion übernimmt. Mit den teils kolossalen Bauten der Viscosistadt im Hintergrund treten das Tramhüsli und das Trafotürmchen überdies in einen fast heiteren Dialog. Als Architekten sind Moeri & Krebs zu vermuten, die bedeutenden Hausarchitekten der Viscose, die in der Region Luzern in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zahlreiche herausragende Bauten entworfen haben.

Sie haben den Ausdruck geprägt «Emmen hat eine Industrie-DNA». Lässt sich das an ein paar Zahlen zeigen?

Kurt Messmer: 1928 bezahlten die Viscose und die von Moos’schen Eisenwerke (heute Schmolz+Bickenbach) zusammen 75 Prozent des Steuerertrags der Gemeinde Emmen. Als 1955 der gewaltige Bau der Viscor-Weberei erstellt wurde, waren die Investitionen fünf Mal so hoch wie das Budget der Gemeinde Emmen. Es war jene Hochblüte der Viscose, als ihr Export 2 Prozent der gesamten Ausfuhr der Schweiz ausmachte.

Man muss sich das einmal vorstellen: Jeder 50. Eisenbahnwagen oder Lastwagen, jedes 50. Rheinschiff mit Exportgütern der Schweiz transportierte Viscoseprodukte ins Ausland – unerhört.

Was erinnert heute noch an diesen Höhepunkt im öffentlichen Raum?

Kurt Messmer: Von dieser Blüte erzählen nach wie vor zwei bedeutende Bilder. Das bekanntere stammt von Adolf Herbst (1909–1983), geschaffen zum 50-Jahr-Jubiläum der Viscose (1906–1956), bezahlt mit je einem Stundenlohn «von den Werkangehörigen», wie heute noch stolz am unteren Rand des eindrücklichen Wandbildes am ehemaligen Speditionsgebäude an der Gerliswilstrasse zu lesen ist (heute «akku»).

Das weniger bekannte ist ein Glasgemälde, das 1956 im Treppenhaus des neu erbauten Schulhauses Meierhöfli angebracht wurde. Über einem Band von Spindeln für die Textilproduktion schlägt ein Pfau das Rad, Sinnbild für die eleganten Menschen daneben, die Kleider aus Viscose-Stoffen tragen. Im unteren Teil fährt ein märchenhaftes Schiff, geschmückt mit dem Emmer Wappen und beladen mit Kisten voll von Viscose-Produkten, über alle Weltmeere.

Dazu gibt es bestimmt auch bauliche Zeugen, die diese «Industrie-DNA» dokumentieren?

Kurt Messmer: Solchen Bauzeugen begegnet man im Industriegebiet von Emmen tatsächlich auf Schritt und Tritt. Das schnelle Wachstum der Viscose führte dazu, dass sich ihre Fabrikanlagen zu einer eigentlichen Architekturgeschichte entwickelten, mit überaus qualitätsvollen Bauten, vor allem aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Aber auch die «von Moos» verfügt über eindrückliche Fabrikanlagen. So steht ein ehemaliges Torfmagazin von 1946 mit bäuerlichem Habitus in scharfem Kontrast zum benachbarten Stangenzug von 1949, der bis heute kaum etwas von seiner Modernität eingebüsst hat.

Nicht zu vergessen sind die Arbeitersiedlungen in Emmen: der «Sonnenhof», die «Gartenstadt» der Viscose (erste Etappe 1916–1925), die «Ober-Emmenweid», das «Landi-Dörfli» der von Moos’schen Eisenwerke (ab 1931) und das «Schindler-Dörfli» vom Typ «Einfamilienhaus des kleinen Mannes» (1943), eine typologische Trias der Extraklasse.

Daraus ergibt sich eine enorme Verantwortung für die Emmer Behörden, denn die verbliebenen Siedlungen stehen nicht unter Denkmalschutz, obwohl der «Sonnenhof», der architektonisch vier soziale Schichten abbildet, aus meiner Sicht nationale Bedeutung hat. Wo findet man sonst in der Schweiz in ein und derselben Siedlung nebeneinander Arbeiterhäuser, Meisterhäuser, eine Direktorenvilla und ein Fabrikinternat?

Letzten Oktober sind in der Viscosistadt ehemalige Arbeiterinnen aus der Provinz Belluno, nördlich von Venedig, geehrt worden, indem man einen Platz nach ihnen benannt hat. Ist das neu oder hat das Tradition in Emmen?

Kurt Messmer: Die Reverenz, die den «fadengewandten Fabrikmeitschi» am Belluno-Platz seit kurzer Zeit erwiesen wird, ist ein wunderbares Zeichen der Wertschätzung. Die Namensgebung nimmt in der Viscosistadt konsequent Bezug auf die Industriegeschichte. Vom Belluno-Platz führen die Spinnereigasse und die Zettelgasse weg, zur Fadenstrasse und zum Polymer-Platz.

Beim Bau der Hochschule Design & Kunst entsteht ein Nylsuisse-Platz, der so gross sein wird wie der Mühlenplatz in Luzern. Solche Namensgebung im Zeichen der Erinnerungskultur hat in Emmen Tradition. Bereits vor und nach dem Zweiten Weltkrieg wurden drei Strassen nach Viscose-Produkten benannt: Berta-Regina-Strasse, Crinol-Weg und Celta-Strasse, drei Strassen nach Viscose-Direktoren: Dunant, Hill, Wattenwyl.

Im letzten Jahrhundert wurden die Chefs geehrt, heute wird im öffentlichen Raum an die Arbeiterinnen und Arbeiter erinnert, die zum «Goldenen Zeitalter» von Emmen beigetragen haben. Es lebe der kleine Unterschied.

Das Tramhüsli steht also in einem eindrücklichen historischen Zusammenhang?

Kurt Messmer: Noch immer meinen wir oft, wichtig sei ein Bauzeuge vor allem dann, wenn er möglichst alt sei. Das hat zwar etwas für sich, aber die Industrie-DNA von Emmen zeigt, wie eindrücklich und sinnstiftend auch die noch «frische» Geschichte des 20. Jahrhunderts ist. In diesem Kontext ist das Tramhüsli ein architektonisch markantes und erinnerungskulturell bedeutendes Merkzeichen.

Interview: Herbert Fischer, Redaktor lu-wahlen.ch, Luzern


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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

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Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/