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Kolumne der Redaktion

05.04.2019

Kunst will nicht verstanden werden, sondern sie bietet an, auf sie einzugehen

Kunst verstehen? Was man tun kann, ist, sich Kunst anzusehen und anzuhören und sich neugierig darauf einzulassen. Gute Kunst sagt eben gerade nicht, wie sie verstanden werden will. Sie ist ein vielmehr Angebot, auf sie zu reagieren.


Christoph Fellmann, geboren 1970 in Horw und mit Wurzeln in Dagmersellen, lebt und arbeitet in Luzern als freier Autor und Theaterschaffender.

Kürzlich hatte ich Premiere mit einem Theaterstück, in dem ich mitspiele. Am Tag darauf las ich die Kritik darüber, und darin fand sich ein Satz, den man sehr oft hört, wenn die Leute über Kunst und Kultur reden: «Ich habe es nicht verstanden.»

Der Satz ist ein Klassiker, und allen, die gelegentlich auf einer Bühne stehen, ist er so vertraut wie seine ebenso häufig verwendeten Abarten: «Ich bin nicht drausgekommen», oder «Ich verstehe halt zuwenig davon», oder sogar: «Ich bin zu dumm dafür.»

Spricht man als Künstler mit Leuten, die so reden, ist man immer ein wenig hilflos. Es gibt ja nichts traurigeres, als ein Theaterstück oder ein Konzert im Nachhinein erklären zu müssen.

Vor allem müsste man ja erklären, dass es gar nichts zu erklären gibt. Denn es ist eine – leider sehr hartnäckige – Grundannahme, dass Kunst verstanden werden muss, oder dass sie ein Vorwissen benötigt (Auch wenn es mittlerweile den Wirtschafszweig der Kunstvermittlung gibt, der viel dafür tut, die Grundannahme zu bestärken). Man kann Kunst, sofern sie nicht einen leicht lesbaren Realismus bedient, nicht «verstehen», so wie man einen Zeitungsartikel, eine Predigt oder ein politisches Argument «versteht».

Man kann ein Bild von Mark Rothko, ein Theaterstück von René Pollesch, eine Sinfonie von Joseph Haydn oder ein Saxofonsolo von John Zorn nicht «verstehen». Und was für die Weltbesten gilt, gilt ebenso für die Amateure: «Ohne Titel», die Skulptur im Nachbarsgarten, will und muss nicht verstanden werden, und das gilt auch für den «Sommernachtstraum» des lokalen Jugendtheaters. Wer behauptet, Shakespeare «verstanden» zu haben, ist wahnsinnig oder lügt.

Was man tun kann, ist, sich Kunst anzusehen und anzuhören und sich neugierig darauf einzulassen. Gute Kunst sagt eben gerade nicht, wie sie verstanden werden will. Sie ist ein vielmehr Angebot, auf sie zu reagieren. Mit eigenen Gefühlen, eigenen Assoziationen, eigenem Interpretieren.

Vorwissen kann helfen, das Gesehene und Gehörte zu entschlüsseln, und es kann interessant sein, die Notationen von John Zorn oder den Lebenslauf von Mark Rothko zu studieren und mit dem Werk abzugleichen. Doch die Wucht, die ein freies Jazzkonzert oder ein abstraktes Gemälde entfalten kann, sie sollte nicht in erster Linie entschlüsselt, sondern erfahren werden. Diese unmittelbare Erfahrung ist, was zählt, und sie kann – auch bei so genannt «schwieriger» Kunst – erstaunlich einfach fallen. Für eine profunde Einordnung gibt es dann immer noch den Kritiker oder die Kunsthistorikerin.

Kunst sieht manchmal aus, als sei sie abstrakt und verschlossen. In Wirklichkeit ist sie oft sehr direkt und offen. Ich habe mich immer wieder gefragt, woran das liegt. Vielleicht daran, dass Kunst eben keine Sprache ist, die Verständnis ermöglicht, sobald man sie erlernt hat.

Dass sie aber doch mit eigenen Codes und Regeln erzählt, in die man hineinleben muss vielleicht wie in ein Brauchtum. Wer freiem Jazz nie ausgesetzt war, dem erscheint er rätselhaft und unzugänglich; aber wer sich ein paar Mal darauf einlässt, dem öffnet er sich schnell, dem wird er bald natürlich und ungekünstelt, seine Intensitäten und Energien werden authentisch und nahbar. Der gebrochene Stil des post-dramatischen Meta-Theaters entpuppt sich als heiter und komödiantisch, und die monochrome Farbfläche, die da im Kunstmuseum an der Wand hängt, enthüllt sich in ihrer berührenden Tiefe. Kunst ist eine Sprache, die man nicht erlernen und verstehen kann, der man sich nur anschliessen kann.

Das heisst nicht, dass alle Kunst gut ist; dass jede Kunstbehauptung, guckt man sie sich nur lange genug an, irgendwann ihre Intensität entfacht. Nein, das alles heisst nur, dass die Verständlichkeit einer Kunst kein Kriterium ist für ihre Qualität. Und schon gar nicht für die Intelligenz des Publikums.

Christoph Fellmann, Luzern

Dieser Beitrag von Christoph Fellmann ist zuerst im «Willisauer Boten» vom 5. April 2019 erschienen (siehe unter «Dateien»).

Und unter «In Verbindung stehende Artikel»: Weitere Beiträge von Christoph Fellmann in anderen Medien. 


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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

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Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/