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Kolumne der Redaktion

22.03.2019

Bedenkenträger statt Bonus-Jäger

«Ja, ums Himmelswillen, warum lässt man denn diese spritzenden, stinkenden, tutenden Strassendrachen des 20. Jahrhunderts in ihrer Tätigkeit gewähren…». So handfest begehrt der Redaktor des «Hochdorfer Anzeigers» in einem Leitartikel gegen die neue Autowelle auf.


Es vergehe kaum ein Tag, da man nicht von Automobilunfällen lese. «Mag es bei verständigem Gebrauche noch so nützlich und zulässig sein, so ist das Automobil doch um des Missbrauches willen, den wahnsinnige Sportnarren auf offener Strasse üben, zum Schrecken aller gebrechlichen Passanten, Mütter mit kleinen Kindern, Bauern mit scheuem Vieh geworden, zum Abscheu guter Nasen um des Benzingestankes willen, zum Unwillen der Strassenwärter, deren Strassen es bedenklich abnützt…»   

Mehr als hundert Jahre sind seit dieser wortmächtigen Klage verflossen. Wir mögen heute darüber nachsichtig lächeln. Wir wissen ja, wie vergeblich sie war.

Ist das nicht der typische Ablauf, der sich in der neueren Geschichte schon so oft wiederholt hat: bei den Eisenbahnen, beim Fliegen, beim Computer, beim Internet? Da sind die Ewiggestrigen, die mit Zeter und Mordio gegen neue technische Lösungen und gesellschaftliche Neuerungen strampeln. Und da sind die zukunftsfrohen Pioniere des Fortschritts und des Wachstums, die letztlich immer den Sieg davontragen – zum Nutzen und Glück der Menschheit.

Immer? Auch bei der Entwicklung der Atomenergie zu friedlichen und zu kriegerischen Zwecken? Auch bei der Ausbeutung von Rohstoffen bis zur bitteren Neige? Auch bei der Übernutzung von Böden und Zerstörung von Landschaften? Mit seinem Aufbegehren lag der Auto-Muffel von 1908 ja gar nicht so daneben. Wie sollte er sich für diese lärmigen Dreckschleudern begeistern? Zudem stellte er ausdrücklich nicht das Auto an sich, sondern dessen «Missbrauch» in Frage.

Gerade das Auto, eine der folgenreichsten Erfindung des 20. Jahrhunderts, erhellt die Mehrdeutigkeit von dem, was wir so leichthin Fortschritt nennen: Lebenserleichterung und Belastung, Fluch und Segen zugleich.

Wir brauchen hier nicht seine Stärken und Schwächen gegeneinander abzuwägen. Das Auto ist eine Realität in unserem Leben und wird dies vermutlich noch lange sein. Aber nie ist es zu spät, das Vehikel selbst und vor allem den Umgang mit ihm zu verändern. 

Nach hundert Jahren stürmischer technischer Entwicklung und wirtschaftlichen Wachstums stellt sich Ernüchterung ein. Die belastenden Auswirkungen auf unseren Lebensraum Erde scheinen viel gravierender zu sein als man sich dies je vorgestellt hat.

Gleichzeitig versprechen uns Forscher, Unternehmer und Investoren technische Innovationen, die in Kürze alles Bisherige in den Schatten stellen sollen: umfassende Digitalisierung, Blockchain, Robotik, künstliche Intelligenz. Ist es da den Normalverbrauchern zu verargen, wenn sie auf die bombastische Anpreisung neuer Errungenschaften zunehmend mit Bedenken und Ratlosigkeit reagieren?      

Doch manche Spitzenleute der Wirtschaft vertragen solche Vorbehalte nicht. «Das politische und vor allem das regulatorische Umfeld ist so, dass man Unternehmergeist und Wagnis erst mal kritisch sieht: Die Risiken, nicht der Nutzen, stehen im Vordergrund. Es gibt in der Schweiz aus meiner Sicht zu viele Bedenkenträger. Und sie haben zu viel zu sagen», monierte UBS-Chef Sergio Ermotti anlässlich des WEF in Davos gegenüber der «Luzerner Zeitung» (siehe unter «Dateien»).

Mit Verlaub: Wäre unseren Grossbanken in jüngster Zeit nicht viel Ungemach erspart geblieben, wenn in ihren Chefetagen mehr Bedenkenträger und weniger Bonus-Jäger gewirkt hätten? Und gilt sinngemäss Gleiches nicht noch viel mehr für eine verantwortungsbewusste Gestaltung der Zukunft von Gesellschaft und Wirtschaft? 

Gewiss gibt es in unserem verwöhnten Land viel Bequemlichkeit und selbstbezogenes Sicherheitsdenken. Doch unter «Bedenkenträgern» verstehe ich nicht egoistische Angsthasen, sondern weitsichtige Mitbürgerinnen und Mitbürger. Ihr Begriff von Fortschritt schliesst zwingende Vorbedingungen wie langfristig schonende Nutzung der natürlichen Ressourcen, sozialen Frieden und Schutz der Persönlichkeit ein. «Wahrer Fortschritt braucht Zeit», lautet die Quintessenz eines bemerkenswerten Gastkommentars, der von ETH-Professor Roland Siegwart am 31. Oktober 2018 in der «NZZ» erschienen ist (siehe unter «Dateien»).

Der prominente Robotik-Forscher zählt kaum zu den verpönten Fortschritts-Bremsern. Aber sein Bekenntnis zu wohlüberlegten Schritten weist ihn als weitsichtigen Zeitgenossen aus.

Hans Moos, Ballwil

Dieser Beitrag ist zuerst im «Seetaler Boten» vom 21. März 2019 erschienen.


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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

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Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/