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Kolumne der Redaktion

17.11.2018

So lief der Landesstreik vor hundert Jahren in Luzern ab

Luzern war nicht das Epizentrum der innenpolitischen Erschütterungen rund um den Landesstreik von 1918. Doch die Linke stemmte sich auch hier dem Bürgertum entgegen. Joe Schelbert - während 30 Jahren Journalist bei SRF (unter anderem «Rundschau» und «Echo der Zeit») - war gestern zu Gast beim LGB und berichtete über Erkenntnisse, die er als Historiker über dieses bedeutungsvolle Ereignis erforscht hat.


Der Luzerner Joe Schelbert hat seine Lizentiatsarbeit als Historiker über den Landesstreik von 1918 geschrieben. Er berichtete an einer Gedenkveranstaltung des Luzerner Gewerkschaftsbundes gestern Freitagabend im «NF 49» auf dem Seetalplatz in Emmenbrücke darüber, wie dieses historisches Ereignis in der Region Luzern ablief.

Bild: Herbert Fischer

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Illustration 9.

Er hat lu-wahlen.ch sein Manuskript zur Verfügung gestellt. 

Liebe Anwesende, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Luzernerinnen und Luzerner

Am Samstag, 16. November 1918, also genau vor hundert Jahren, schrieb Elisabeth Schmid-Fehr, eine bürgerliche Frau aus Basel, in ihr Tagebuch: «Heute kommt Peter nach Hause und erzählt, wie seine Soldaten auch ohne Eisenbahn nach Luzern eingerückt sind.»

Ihr Mann, dieser Peter Schmid, war Basler Offizier eines Baselbieter Regiments, das am 11. November von der Luzerner Regierung eigenmächtig – im Klartext: absolut illegal –  aufgeboten wurde, um den Streik niederzuschlagen. Man schickte ein Telegramm an das Militärdepartement in Bern mit der Formel «Ihr Einverständnis voraussetzend...». Nach getaner Arbeit wurde das Regiment schnell wieder nach Hause geschickt.

Frau Schmid-Fehr beendete den Eintrag vom 16. November: «So lange militärische Gewissenhaftigkeit so viele Hindernisse überwindet, kommen die Sozialisten nicht auf.»

Der «Demokrat», die sozialdemokratische Tageszeitung in Luzern, verlor an diesem gleichen 16.November, das war ein Samstag, praktisch keine Druckerschwärze über den Abbruch, über das Scheitern des Landesstreiks. Die Niederlage lähmte anscheinend oder man konnte das Geschehen noch nicht einordnen. 

So berichtete der «Demokrat» über eine Ratsdebatte, bei der es um den Kauf eines Hotels ging und verwies auf die Nachwahl vom Sonntag, bei der zwei verstorbene liberale Grossstadträte ersetzt wurden, für welche die SP, getreu dem 1915 geschlossenen Burgfrieden keine Kandidaten stellte.

Was erfahren wir aus diesen Sätzen vom 16. November 1918? 

Die Linke war gelähmt oder ohnmächtig, die Bürgerlichen triumphierten – dank der Armee hatte man Gewerkschafter und Sozialisten in die Schranken gewiesen. 

Die Truppen kamen nicht aus der Gegend, sondern aus ländlichen Regionen, denn «Fraternisierung» sollte verhindert werden. So war es in Zürich, so war es in Grenchen, wo es Tote gab, so war es auch in Luzern. Aber wir merken auch, dass zum Beispiel keine Eisenbahn fuhr, dass der Streik also ziemlich einschneidend war, dass das Bürgertum Angst hatte, sei es um seine Privilegien oder vor Unruhen, ja einem Umsturz gar. 

Blenden wir etwas zurück und schauen uns die Entwicklung bis zu diesem 16. November 1918 etwas genauer an. 

Ein landesweiter Streik war seit anfangs 1918 ein Thema bei Gewerkschaftern und Sozialdemokraten. Das Willkürregime des Bundesrates – das Aussetzen des Fabrikgesetzes etwa, der Versuch, einen  Arbeitszwang einzuführen, die entschädigungslosen Militärdienste von Hunderttausenden, die Arroganz der Militärführung, undsoweiter – hatte die Arbeiterschaft in ihrer Würde getroffen. Dazu kam die Verarmung während des Krieges – die Reallöhne sanken um gut 30 Prozent, Hunger war Stammgast in Arbeiterhaushalten. 

So waren in der Stadt Luzern 30 Prozent der Bewohner auf Notstandsunterstützung angewiesen, und auf den Oktober 1918 wurden die Nahrungsmittelrationen noch einmal gekürzt. War der Milchkauf im Februar noch frei, gab es im Oktober noch einen halben Liter pro Person. Statt 400 Gramm Teigwaren noch 250 Gramm, pro Monat, notabene; statt 30 Kilo Kartoffeln noch 7,5 Kilo, statt 400 Gramm Reis noch 200 Gramm. 

In einer solchen Lage rebellieren auch ganz brave Kleinbürger, etwa die Bankangestellten, das zeigt deren Streik in Zürich anfangs Oktober 1918. Solche Streiks um höhere Löhne gab es immer wieder. Aber neu war, dass die Bankangestellten von der Arbeiterunion unterstützt wurden. Dieser Schulterschluss fuhr dem Bürgertum in die Knochen, zumal in den umliegenden Ländern mit dem nahen Kriegsende Monarchie um Monarchie purzelte. Banken, Unternehmer und bürgerliche Parteien forderten deshalb, dass die für den November angekündigten Feiern zum Jahrestag der russischen Revolution verboten würden und dieses Verbot in Zürich mit Truppen durchgesetzt werden sollte. Der Bundesrat gab dem bürgerlichen Druck nach, was die Linke mit einem schweizweiten Proteststreik beantwortete, auch in der Region Luzern. Das Truppenaufgebot zeige – so der sozialdemokratische «Demokrat» am 8. November – in welchem Klassenstaat man lebe (Siehe rechts: Illustration 1: «Heraus zum Proteststreik»).

Am Freitagnachmittag, 8. November, wurden die Flugblätter mit dem Aufruf zum Proteststreik verteilt. Trotz der überstürzten Proklamierung war die Aktion am Samstag ein grosser Erfolg (damals wurde am Samstag noch voll gearbeitet, die damals erlaubte Wochenarbeitszeit betrug 59 Stunden). Die meisten grösseren Unternehmen in der Stadt und der Agglomeration wurden bestreikt oder wurden zur Einstellung des Betriebes gezwungen. So blockierten Arbeiterinnen der Spinnereien in Gerliswil und Emmenbrücke am frühen Morgen die Durchfahrt der Tramwagen. Nach und nach wurde auf Druck der Arbeiterunion die vollständige Einstellung des Trambetriebes erreicht, «eine Kapitulation vor den sozialrevolutionären Elementen», wie der bürgerlich dominierte Stadtrat verärgert konstatierte, und das «Vaterland» als «ein verbrecherisches Treiben verblendeter Wühler» kommentierte. 

Die meisten Fabriken, etwa die Viscose in Emmenbrücke wurden komplett lahmgelegt. Streikposten riegelten die Fabriktore, aber auch die Brücke über die Emme ab und verhinderten so auch den Bürolisten den Zugang zum Betrieb.

Gestreikt wurde auch bei der Gasmesser-Fabrik Elster in Luzern, der Nähmaschinenfabrik oder bei Schindler. Zu Zwischenfällen kam es bei zwei Krienser Betrieben. Die Unternehmensleitung der Teigwarenfabrik verhandelte solange mit der Jungburschen-Delegation (den heutigen JUSO), bis es Mittag war, dann wurde der Betrieb eingestellt, doch samtagnachmittags wurde dort sowieso nicht gearbeitet. 

Anders bei der Maschinenfabrik Bell. Dort verlangte die Direktion militärischen Schutz für die Arbeitswilligen, musste aber nachgeben und die Produktion einstellen, da das Platzkommando keine Truppen schicken konnte. Überhaupt haben sich am Sonntag mehrere Unternehmensleitungen öffentlich über den Mangel an wirksamem Truppenschutz beklagt. Platzkommandant Oberst Zingg verwies darauf, dass seine Truppen (821 Offiziere und Soldaten) kaum reichten, die öffentlichen Gebäude wie Gaswerk, Elektrizitätswerk, Tramdepot, Bahnhof oder Zeughaus zu bewachen. Für Zingg hatte dies Konsequenzen, er wurde kurz darauf vom Hardliner-Obersten Oegger abgelöst. 

Mit Genugtuung kommentierte der «Demokrat»: «Der Generalstreik hat seine Probe bestanden.» Und im «Volkshaus» wurde am Abend die Feier zum Jahrestag der russischen Revolution mit einer Brandrede des «Genossen Dr. Oberholzer», wie es hiess, abgehalten. Doch das «Vaterland» warnte: «Es wird sich zeigen, wer noch Meister ist im Schweizerland: der russische Oltner Sowjet oder das friedliche Schweizervolk.»

Schon zwei Tage später begann diese Auseinandersetzung.

Zürich blieb besetzt, das Militär patroullierte in den Strassen, der Proteststreik hatte nichts bewirkt: Ja, der Bundesrat verwies gar die offizielle Delegation der Sowjetunion in der Schweiz – eine Botschaft der Sowjetunion gab es damals noch nicht – des Landes. Und so rief die Zürcher Arbeiterunion zum Streik auf unbestimmte Zeit auf. Das Oltener Aktions-Komitee wurde überrumpelt und fürchtete die Spaltung der Arbeiterbewegung. Sicher spielte die internationale Lage eine Rolle, rundherum purzelten Kronen, Räterepubliken wurden ausgerufen, die Arbeiterbewegung verlangte europaweit eine Teilhabe an der Macht.

Und so riefen am Montag, 11. November die Sozialdemokratie und der Gewerkschaftsbund zum unbefristeten landesweiten Streik auf, bis ihre Forderungen erfüllt seien (siehe Illustration 2: «An das arbeitende Volk der Schweiz»): 

1. Sofortige Wahl des Nationalrates auf der Grundlage des Proporzes.

2. Aktives und passives Frauenwahlrecht.

3. Einführung der Arbeitspflicht.

4. Einführung der 48-Stunden-Woche in allen öffentlichen und privaten Unternehmungen. 

5. Reorganisation der Armee im Sinne eines Volksheeres.

6. Sicherung der Lebensmittelversorgung im Einvernehmen mit den landwirtschaftlichen Produzenten.

7. Staatsmonopole für Import und Export.

8. Alters- und Invalidenversicherung.

9. Tilgung aller Staatsschulden, durch die Besitzenden.

Die meisten Forderungen waren politischer Natur, etwa die Einführung der Arbeitspflicht für Rentiers - für Leute also, die nur von ihrem Vermögen leben -, das Volksheer oder die Schuldentilgung durch die Besitzenden. 

Der Bundesrat reagierte sofort. Er erliess Truppenaufgebote, und in seiner Verordnung «betreffend Massnahmen gegen die Gefährdung und Störung der inneren Sicherheit» stellte er die Bundesangestellten und die Beschäftigten im öffentlichen Verkehr unter Militärgesetz. Streiken wurde damit illegal (siehe Illustration 3: «An die Beamten, Angestellten... des Bundes»).

Doch das kümmerte auch in Luzern in diesem Moment die Wenigsten auf linker Seite. 

Der Aufruf zum unbefristeten Landesstreik war am Montagmittag in den Luzerner Betrieben bekannt. Zum Teil gab es Abstimmungen für oder gegen eine Streikteilnahme, etwa in der Viscose, wo die Mehrheit gegen einen Streik votierte. Doch um Mitternacht verliess ein Drittel der Nachtschicht die Arbeit, sodass der ganze Betrieb dennoch still stand. Die Schappe-Spinnereien in Kriens fragten bei SP-Gemeinderat Sennrich nach, ob die Arbeiter denn die Schliessung des Betriebs zu erzwingen suchten? Sennrich erklärte, dass dies geschehen würde, und zwar «auf ganz energische Weise», wie die Direktion in einem Brief an die Luzerner Regierung später mitteilte. So wurde beschlossen, die Fabriktore gar nicht mehr zu öffnen. In den von Mooschen Eisenwerken boykottierte die Mehrheit der Arbeiter die Abstimmung über den Streik, ebenso bei den beiden Schindler-Fabriken, womit klar war, dass ab Dienstag gestreikt würde. Bei der Gasmesserfabrik in Luzern hatte sich bei einem Aufruf der Geschäftsleitung kein einziger Arbeitswilliger gemeldet und die Firma Bell in Kriens gab «Terrorismus» durch sogenannte Hauptagitatoren die Schuld, dass der Betrieb ab Dienstag stillgelegt werden müsste. 

Am Abend tagten die Gewerkschaftsverbände und -sektionen im «Volkshaus». Die Pilatusstrasse war zwischen 8 Uhr und 9 Uhr abends schwarz vor Leuten, wie das «Luzerner Tagblatt» schrieb. Wer im «Volkshaus» tagte, hatte sich für den Streik entschieden.

Die Gegner, die christlichsozialen Gewerkschafter, tagten anderswo und riefen zum Austritt aus der revolutionären Sozialdemokratie auf, und der Gewerbeverband forderte die sofortige Gründung einer Bürgerwehr. Die Luzerner Regierung verbot alle Demonstrationen und Versammlungen. Doch der Streik war entschieden und begann um Mitternacht mit einer geradezu symbolischen Aktion. Der Eisenbahner Jakob Küng schaltete die Beleuchtung des Bahnhofs Luzern aus und begab sich ins «Volkshaus». Küng erhielt für diese Tat vom Territorialgericht IV – er stand seit dem Nachmittag unter Militärgesetz – vierzehn Tage Gefängnis (Illustration 4: «Demokrat-Mitteilungsblatt»).

Im «Mitteilungsblatt Nummer 1» vom Dienstag, dem ersten Streiktag, rief die sozialdemokratische Zeitung «zur Geschlossenheit und zum Ausharren» auf und bezichtige die Christlichsozialen «des schändlichen Verrats». Ihnen sei es gelungen, die Belegschaft der Schappe-Spinnerei in Reussbühl zur Arbeit zu bewegen. Triumphierend berichtete der «Demokrat» dann weiter, dass jetzt auch die Post-Angstellten den Streik befürworteten. 

Die katholisch konservative Zeitung Vaterland wiederum berichtete, dass die christlichen Eisenbahn- und Dampfschifffahrtsangestellten «die Streikparolen zurückgewiesen» hätten. Siehe Illustration 5: Bulletin des «Vaterlandes» vom 12. November 2018, nachmittags. 

Dennoch verliessen bloss drei Züge an diesem Tag Luzern,  einer brachte die Mitglieder der Bundesversammlung an die ausserordentliche Sitzung, die zwei anderen – abgefertigt von Streikbrechern – waren von der Direktion gegenüber streikenden Eisenbahnern wahrheitswidrig als bewilligt erklärt worden. Ansonsten war die Region Luzern stillgelegt. «Überall in der Stadt begegnet man Streikposten», klagte die Zeitung Vaterland, «viele Geschäfte sind geschlossen». 

Jungsozialisten hatten schon am Morgen die Ausfahrt der Tramwagen aus den Depots verhindert. Die Direktion drohte mit einem Armeeeinsatz, und SP-Grossstadtrat Richli drohte etwas vollmundig mit einem Bürgerkrieg, sollten Stadtrat und Direktion die Ausfahrt der Wagen erzwingen. Der Stadtrat ersuchte hierauf das Platzkommando um den Schutz des Trambetriebs. Doch Oberst Zingg gab abschlägigen Bescheid, und so entschied der Stadtrat, den Trambetrieb für heute einzustellen. 

Der bürgerlich dominierte Stadtrat war deshalb frustriert und verlangte von Oberst Zingg, wenigstens das Versammlungsverbot durchzusetzen und den Pilatusplatz und den Bahnhofplatz zu säubern. Tatsächlich marschierten Truppen auf, zum ersten Mal mit Stahlhelm und Maschinengewehren, und sperrten Teile der Pilatusstrasse. Doch das Streikkomitee intervenierte sofort, und einige Stunden später, wurden «die Mordsmassnahmen», wie der «Demokrat» schrieb, wieder entfernt.

Der Dienstag, 12. November, der erste Tag des Landesstreiks, war für die Bürgerlichen eine komplette Niederlage. Doch sie blieben nicht untätig. Es gab Sitzungen der Regierung mit der Industriellenvereinigung über die Bildung einer Bürgerwehr, die Regierung mobilisierte Truppen – illegal. Im Telegramm an das Militärdepartement hiess es wie erwähnt: «Ihr Einverständnis voraussetzend...». 

Auf Militärcamions, mit Privatautos, ja sogar zu Pferd fanden diese Truppen trotz Streiks der Eisenbahner ihren Weg irgendwie nach Luzern, so die Offiziere und Soldaten jenes Baselbieter Regiments, in welchem der Ehemann der Tagebuchschreibern Elisabeth Schmid-Fehr Dienst tat. Und die Regierung wechselte den Platzkommandanten aus. Für Oberst Zingg kam Oberst Oegger, dem ab Mittwoch über 2800 Wehrpflichtige unterstanden. Und der Neue zeigte schon am Mittwochmorgen, wo «Bartli den Most holt». 

Die Eisenbahner wurden in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett geholt und vor die Entscheidung gestellt, entweder zu arbeiten oder verhaftet zu werden. Die meisten wählten die Verhaftung, flohen jedoch meist auf dem Weg zur Kaserne. Der Erfolg der Militäraktion war mehr als bescheiden.

Bloss zwei Züge verliessen an diesem Tag den Bahnhof Luzern. Und wie die Statistik zeigt, gingen von den fast 750 Eisenbahnern des Knotens Luzern keine hundert zur Arbeit während dieser Tage. Auch die Industriebetriebe mussten ihre Tore geschlossen halten. In der Stadt blieb es ruhig, das Streikkomitee hatte zum Meiden der Wirtschaften und jedes provokativen Aufeinandertreffens mit der Truppe aufgerufen. Und die Parole wurde befolgt.

Doch die Stadtregierung blieb auch an diesem Tag nicht untätig. Die Einstellung des Trambetriebes auch an diesem Mittwoch war ein zu starkes Symbol für die Macht der Arbeiterbewegung, und der Stadtrat verlangte vom neuen Platzkommandanten ultimativ ab Donnerstag die Ausfahrt der Trambahnen und militärisches Geleit für jeden Wagen. Und der Kommandant lieferte. Am Donnerstag waren auf jedem Wagen vier Soldaten. Auf den sogenannt besonders gefährdeten Linien Bahnhof - Kriens und Bahnhof - Emmenbrücke wurden die Tramwagen von Militär-Camions mit bewaffneten Soldaten begleitet. Es war allerdings eher eine Demonstration als die Rückkehr zu einem normalen Trambetrieb. Aber die Grosswetterlage hatte sich geändert.

In der Nacht vom Mittwoch auf den Donnerstag hatte der Bundesrat dem Oltener Aktionskomitee ein Ultimatum gestellt: Entweder Abbruch des Streiks oder Intervention der Armee. 

Am frühen Morgen gab das OAK auf und zog die Streikparole zurück. Doch das lokale Luzerner Streikkomitee konnte den Abbruch der Bewegung nicht glauben und liess Plakate aufhängen mit dem Aufruf, im Streik auszuharren, das Gerücht, der Streik sei erledigt, sei unwahr. Militärpatrouillen rissen die Plakate sofort wieder von den Wänden und das Platzkommando drohte dem «Demokrat» mit der militärischen Besetzung (Illustration 6: «Erklärung des Herrn Bundespräsidenten Calonder» vom 14.11.).

Doch bald wurde die Erklärung des Bundesrates bekannt, der den Streik für Donnerstagabend 24 Uhr als beendet befahl und der dem Schweizervolk dankte, dass es treu zu seiner Regierung gestanden sei. Viele Eisenbahner, Arbeiter, Pöstler oder Spinnerinnen wollten das Ende des Streiks, diese Niederlage, nicht wahrhaben. Es gab Proteste und Plakate gegen das Oltener Komitee. Eine «Gruppe unabhängige Arbeiter», wie sie sich nannte, rief zum Austritt aus den Gewerkschaften auf. 

Die Desorientierung war perfekt. Denn in den Augen der meisten streikenden Werktätigen schien die Lage zur Realisierung ihrer Forderungen so günstig wie noch nie. Der Streik war in der Region stark befolgt worden und Regierung und Unternehmer waren verunsichert.  

Doch Luzerns Werktätige hatten nichts vom Ultimatum von Bundesrat und Armee mitbekommen, die gewillt waren, mit Gewalt dem Streik ein Ende zu setzen. So gab das OAK (es gab bloss drei Gegenstimmen) dem Druck nach und sprach sich damit klar gegen jenen Bürgerkrieg aus, den das Bürgertum den Gewerkschaften als Ziel vorgeworfen hatte.  

Ernüchternd für die Arbeiterschaft war auch die Reaktion von Unternehmern, Regierung und bürgerlichen Parteien nach dem Ende des Streiks. Die Schappe-Spinnerei in Reussbühl, die während des Streiks als einziges Industrieunternehmen die Produktion teilweise aufrechterhalten hat, wies am Freitag jene 92 Arbeiter und Arbeiterinnen, die gestreikt hatten, bis auf weiteres weg. Die Nähmaschinenfabrik und die von Moos-Werke sperrten die ganze Belegschaft noch aus, während alle anderen Industrie-Betriebe die Wiederaufnahme der Produktion auf den Montag verschoben. Das hatte Einkommensverluste zur Folge, denn wirkliche Streikkassen gab es damals nicht.

Die bürgerliche Presse, etwa das «Luzerner Tagblatt», ging zum Gegenangriff über und verurteilte «die gründlich fallierte Aktion» als «Generallüge». Die Forderungen des OAK seien nur «ein Mäntelchen gewesen, um den durchaus bolschewistischen Endzweck der Aktion zu drapieren».

Der Regierungsrat bat am Montag im Parlament um Billigung seiner illegalen Mobilisierung von Armeetruppen, und der Rat dankte der Truppe für ihr taktvolles Auftreten und ihr musterhaftes Verhalten.  

Die Sozialdemokraten stimmten gegen den Bericht der Regierung und den Dank des Rates an die Truppen und verwiesen auf das brutale Vorgehen der Armee am Mittwoch. Die Sozialdemokraten gaben sich überzeugt, dass «der Streik angesichts der Lage so oder so gekommen wäre, auch ohne Oltener Komitee, auch ohne Führer». Die Luzerner Regierung gab im weiteren den Streikenden gar noch die Schuld an den Grippe-Toten unter den Soldaten (es waren 38, die in dieser Zeit starben), obwohl auch der Regierungsrat wissen musste, dass die Grippe schon seit dem Frühsommer wütete und die Kasernierung von jungen Männern auf engstem Raum nicht von den Streikenden gefordert worden war, sondern von der Armeeführung angeordnet wurde (Illustration 7: Aufgaben der  Bürgerwehren).

Doch Regierung, Unternehmer und bürgerliche Parteien gingen noch einen Schritt weiter. An einem Treffen des Regierungsrats anfangs Dezember mit den Führern des Industriellenverbands –Theodor Bell, Ludwig von Moos und Gilles Dunant, Direktor der Viscose – einigte sich die illustre Runde auf den Aufbau eines Nachrichtendienstes und die Schaffung einer Bürgerwehr. Überall in der Agglomeration und den grossen Landgemeinden entstanden solche Bürgerwehren. Organisiert wurde die Sache von Gewerblern, Industriellen und hohen Offizieren. Die Armee stellte Waffen in Depots zur Verfügung und die Luzerner Regierung versicherte diese «Kämpfer für Rütli, Freiheit und Demokratie» gegen Unfall und Haftpflicht. Ein Staat im Staat war geschaffen (Illustration 8: Aufgebot zur Bürgerwehr).

Im Frühjahr 1919 deckte der «Demokrat» die Existenz dieser Untergrundarmee auf. Ihm waren Dokumente zugespielt worden, die bewiesen, dass die Luzerner Prügelgarde, wie der «Demokrat» sie nannte, schon respektable Schlagkraft besass. «Die 3. Kompagnie ist nun ausgerüstet und einsatzbereit für den Fall, dass die Bolschi den tollen Einfall hätten, unsere Ordnung im Lande auf den Kopf stellen zu wollen», hiess es in einem der Dokumente. 

Daneben organisierten die Innerschweizer Kantone zusammen mit den Arbeitgeberverbänden einen Kurier- und Nachrichten-Dienst, eine Spitzelorganisation, die im Falle eines Falles auch die klandestine Koordination zwischen Armee, Regierung und Unternehmerschaft sicherstellen sollte. 

Und ebenfalls im Frühjahr 19 fand der Prozess gegen die Mitglieder des Oltener Aktionskomitee statt, wo die Militärrichter zu einem offensichtlich politischen Urteil gelangten (Illustration 9: Angeklagtes Oltener Aktionskomitee im Frühjahr 1919).

Am 10. April wurden Grimm, Schneider und Platten zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt, just jene drei, die sich gegen den Streikabbruch ausgesprochen hatten. Und der spätere Bundesrat Ernst Nobs musste wegen eines scharfen Zeitungskommentars vier Wochen Haft absitzen. Alle anderen Angeklagten wurden freigesprochen. 

Eine andere Folge des Landesstreiks war die Spaltung der Arbeiterbewegung. Der linke Flügel warf den Gewerkschafts- und Parteispitzen wegen ihrer Haltung nach dem Streik «Knierutschen vor den bourgoisen Machthabern» vor. An einer Urabstimmung votierten 111 der 846 Parteimitglieder für den Beitritt zur kommunistisch dominierten III. Internationale und gründeten anschliessend die Luzerner Sektion der KPS, der Kommunistischen Partei Schweiz.

Auf der rechten Seite gelang es dem Christlich-Nationalen Gewerkschaftsbund, die Zahl der Mitglieder nach dem Streik zu verdoppeln. Allerdings blieb er mit nur 16 000 Mitgliedern schweizweit marginal, während der Schweizerische Gewerkschaftsbund zwischen 1915 und 1919 seine Mitgliederzahl von 64 000 auf 224 000 vervierfachte.

Auch bei Wahlen gab es Erfolge für die sozialdemokratische Linke, etwa in der Stadt Luzern, wo es bei der Gesamterneuerungswahl zu einem Erdrutsch kam. Die Liberalen verloren ihre absolute Mehrheit und SP und Grütlianer erhöhten ihre Mandatszahl von 10 auf 23, obwohl der linke Parteiflügel nicht mitmachte, da «das bürgerliche Parlament ja sowieso in Kürze am Boden liegen wird».

Inhaltlich waren die Erfolge bescheiden. Die 48-Stunden-Woche wurde 1919 im Luzerner Parlament verworfen, sie wurde dann aber dennoch schweizweit 1920 im Fabrikgesetz verankert. Auf Notrechtbasis wurde eine Arbeitslosenunterstützung für 60 Tage eingeführt. Immerhin stiegen anfangs der 20-er-Jahre die Reallöhne wieder auf dem Niveau von vor dem Krieg.

Doch die meisten Landesstreikforderungen mussten auf ihre Einlösung lange warten, so das Frauenstimmrecht oder die AHV. Auf Anderes warten wir noch heute, etwa die Tilgung aller Staatsschulden durch die Besitzenden oder den Umbau der Armee zu einem Volksheer. 

Materiell gab es also wenig zu feiern, dennoch hat die Arbeiterbewegung mit dem Landesstreik viel erreicht. Sie wurde trotz der Niederlage ein politischer Faktor und bewies, dass sie gewillt war, die materiellen Interessen der Arbeiterschaft zu verteidigen – und auch deren Würde. 

Was bleibt? In den letzten Monaten ist es über die Ursachen des Landesstreiks zu einer breiten Debatte gekommen. War es die furchtbare materielle Lage, in der sich die Lohnabhängigen in der Schweiz befanden? War es die Willkür von Regierung und Militärführung, die Widerstand weckte? War es ein Protest der erstarkten linken Bewegung, die an den Entscheidungen im Lande teilnehmen und an der Schweizer Gesellschaft teilhaben wollte? Vermutlich von allem etwas.

Was es sicher nicht war: ein versuchter Putsch, wie uns dies heute Rechtsbürgerliche wie Christoph Blocher oder Markus Somm weismachen wollen. 

Deren Absicht ist klar: Man will den damaligen Kämpfern für einen gerechteren Staat und so den heutigen Verteidigern des errungenen Sozialstaats die Legitimität absprechen, sich für die Belange der Lohnabhängigen einzusetzen. Und wirft ihnen gleichzeitig vor, damals wie heute das Wohl des Landes zu gefährden.

Und noch eine Überlegung. Der Landesstreik vor hundert Jahren ist der einzige politische Streik in der Schweiz. Bei allem Respekt – der Frauenstreik von 1991 und der geplante Frauenstreik vom nächsten Jahr dünken mich eher Aktionstage. 

Grund für diese Zurückhaltung bei politischen Streiks in der Schweiz ist sicher die Möglichkeit direkt-demokratischer Mittel. Wer es damit nicht schafft, wird Mühe haben, für politische Forderungen Leute zum Streiken zu bringen. Für materielle Verbesserungen oder gegen Arbeitsplatzabbau oder eine Verschlechterung der Arbeitssituation sind Leute mobilisierbar und Streiks auch erfolgreich (zum Beispiel bei den Ufficine in Bellinzona, bei den Bauarbeitern oder bei der Depeschenagentur). Aber der politische Streik ist heute in der Schweiz ein Tabu. 

Die Frage ist, muss das so bleiben? Es muss ja nicht gleich ein Generalstreik sein, vielleicht genügten ja auch Warnstreiks, etwa zur Verteidigung der flankierenden Massnahmen gegen die Lohndumping-Konkurrenz aus der EU. Denn der Angriff von Bundesrat Cassis und Co., den Unternehmen und den stützenden ist noch nicht abgewendet. Diese Kreise schrecken nicht davor zurück, ihre Interessen politisch durchzudrücken. 

(Dies ist das Redemanuskript zum Auftritt von Historiker Joe Schelbert gestern Freitagabend (16. November) an einer Veranstaltung des Luzerner Gewerkschaftsbundes auf dem Seetalplatz in Emmenbrücke) 


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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

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Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/