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Kolumne der Redaktion

29.10.2018

Herbstliche Nachlese oder So ein Widersinn!

Vermutlich – nein, sicher – gehöre ich zu einer kuriosen Sorte Mensch. Ich beziehe nach wie vor den Grossteil meines täglichen Informationskonsums aus den gedruckten Medien und aus dem Radio. Zwei Tageszeitungen und die Regionalzeitung bilden somit meinen Vorrat, von dem ich nicht bloss am Ausgabetag zehre. Ich lege nämlich einzelne Seiten, die mich speziell interessieren, buchstäblich auf die Seite.


Dazu kommen manchmal auch Ausrisse aus Zeitschriften oder ausgedruckte Texte aus dem Internet. Von Zeit zu Zeit leiste ich mir den Luxus, diese Sammlung durchzusehen, darin zu lesen, mich von neuem über irgendeinen Unsinn aufzuregen oder mich an einem klugen Beitrag zu erlaben. Darauf folgt die Triage nach Themen. Etwa die Hälfte wandert jetzt ins Altpapier, die andere Hälfte findet Unterschlupf in Dossiers. Wenn diese mit der Zeit zu viel Fett ansetzen oder an Aktualität verlieren, ist eine nächste Auslese fällig. Und die fällt mir meistens schwer.

Natürlich könnte man heute diesen ganzen Kram am PC papierlos managen. Aber damit entfiele auch jenes genüssliche Mustern einer losen, aber von Hand greifbaren Sammlung aufregender, spannender, bedrückender und beglückender Texte und Bilder.

Wie gerade jüngst, am Ende eines ereignisreichen Sommers, der auch das politische und gesellschaftliche Klima aufzuheizen schien: Unglaublich, was da innert ein paar Wochen an Bedenklichem und Bedenkenswertem zusammenkommt. 

Als erstes sticht mir eine «Chropfleerete» aus der «Luzerner Zeitung» ins Auge. Ja genau, das war doch jene Frau aus Luzern, die am Bahnhof Luzern ihr Reisegepäck drei Tage vor ihrer Reise aufgegeben hatte. Als sie mit dem Postauto in Bosco-Gurin ankam, war das Gepäck noch nicht da, «dafür die telefonische Mitteilung der SBB, soeben sei ein Auto mit meinem und zwei weiteren Koffern von Luzern Richtung Tessin gestartet.»

Nun lese ich die kleine Geschichte zum zweiten Mal und kann sie immer noch kaum fassen. Haarsträubend. Da glaubt eine umweltbewusste Bahnkundin, alles richtig zu machen, plant ihre Reise mit Bahn und Postauto, sorgt rechtzeitig für die separate Beförderung des Gepäcks und muss am Schluss feststellen, dass die SBB für drei Gepäckstücke eine Extra-Autofahrt von Luzern ins Tessin organisieren. «Da hätte ich ja gleich mitfahren können», kommentiert sie zutreffend, wenn auch leicht sarkastisch. Wie sollte sie anders? Aber vielleicht steckte ja irgendein Missgeschick dahinter, ein Versehen oder eine unglückliche Konstellation? Eine Stellungnahme der SBB zuhanden der betroffenen Frau lässt andere Schlüsse zu: Grundsätzlich würde das Gepäck mit dem Zug reisen, aber «in manchen Fällen» werde es «per Strasse transportiert, um einen optimalen Kundenservice zu bieten».

So ein Widersinn! Wir sind stolz auf eine unvergleichlich dichte und zuverlässige Erschliessung unseres Landes mit Eisenbahn und Postauto. Aber nur schon der Transport von drei Koffern scheint unsere auf rationelle Abläufe getrimmte Bahn vor unüberwindliche logistische Probleme zu stellen, so dass sie sich mit einem teuren und ökologisch kontraproduktiven Kurierdienst behelfen muss. Was dürfen wir uns da erhoffen, wenn in naher Zukunft der Bedarf an Velotransporten erwartungsgemäss markant zunehmen wird? Als leidenschaftlicher Bahnfahrer bin ich dankbar dafür, dass die SBB und andere Bahnen täglich tolle Arbeit leisten. Doch die auf die Spitze getriebene Rationalisierung und Kommerzialisierung der öffentlichen Dienste zeigt immer mehr auch unausstehliche Kehrseiten.

Oder sollen wir es gut finden, dass seit der Öffnung des Wettbewerbs zusätzlich zum Pöstler täglich ein, zwei oder drei Lieferwagen einer privaten Zustellfirma im Quartier vorfahren, um ein Päckli anzuliefern?

Beim Päckli handelt es sich vielleicht um die Sendung eines Internethändlers, die portofrei zugestellt wird und ebenso portofrei wieder zurückgeschickt werden kann, wenn sie nicht passt. Dass retournierte Ware – von den Sportsocken bis zum Kühlschrank – vom Händler allenfalls gar nicht mehr ausgepackt, sondern der Einfachheit halber direkt zur Entsorgung spediert wird, war kürzlich in einer angesehenen deutschen Zeitung zu lesen. 

Mir persönlich scheint noch anderes Ungemach bevorzustehen. Kürzlich geisterte erneut die Meldung durch die Medien, dass schon in absehbarer Zeit die Fahrten mit dem öffentlichen Verkehrsmittel nur noch über das Smartphone gelöst und abgebucht werden könnten; dies werde auch für glückliche Besitzer eines GA wie mich gelten. Aber ich besitze ja kein Smartphone und habe auch nicht im Sinn, ein solches anzuschaffen. Immer noch hoffe ich auf die Vernunft der Entscheidungsträger. Andernfalls müsste ich am Ende auf den privaten Flix-Bus umsteigen. Da würde mich bestimmt ein Chauffeur mit Handschlag begrüssen und für einen Fünfliber ins Tessin fahren…

Hans Moos, Ballwil 


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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

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Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/