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Kolumne der Redaktion

04.04.2018

Kritik an Leserbrief der CVP-Führung wegen Blochers «Gaunersyndikat»

Im Nachgang der Delegiertenversammlung der SVP Schweiz in Klosters äusserte sich die Leitung der CVP Kanton Luzern in einem Leserbrief («LZ» vom 31. März, siehe unter «Dateien») vehement kritisch. Diesem wiederum replizierten Vertreter der kantonalen SVP dezidiert (ebenfalls unter «Dateien»).


Silvio Bonzanigo, Publizistikwissenschafter und aktives CVP-Mitglied, analysiert nachstehend den Leserbrief der CVP-Leitung unter fachlichen Aspekten. Ergebnis: Er ist ein Paradebeispiel dafür, wie politische Kommunikation nicht erfolgen soll, wenn sie erfolgreich sein will. 

1. Wahl einer falschen Textsorte. Der Präsident der grössten Partei im Kanton schreibt keine Leserbriefe, sondern er lässt sich zu wichtigen Geschäften interviewen, zu anderen verfasst er Medienmitteilungen. Ersteres arrangiert er durch seine allfällige Vernetzung in der Medienwelt oder über seine Kommunikationsassistenz.

2. Objekt- statt Subjektorientierung. Das Interesse des Lesers wird im Leserbrief der CVP-Kantonalleitung vollständig auf den politischen Widersacher gelenkt. Aus Sicht der CVP unerwünschte Reiztermini werden so ins politische Vokabular reimplementiert, und es wird der Argumentation des Kontrahenten zu neuer Aufmerksamkeit verholfen. Eine Veranstaltung, die aus regionaler Sicht kein Thema erster Priorität war, wird neu ins Interesse des Lesers gerückt oder er wird an sie erinnert.

Richtig und einzig erfolgversprechend wäre, dass man in der politischen Kommunikation einer Partei weder thematisch noch terminlich auf die Agenda anderer Parteien eintritt, sondern die Kommunikationsarbeit auf die eigene Agenda abstimmt, die eigenen Themen und Leistungen in deren Mittelpunkt stellt und sich so zum Agens und nicht zum Reagens der Politik erklärt.

3.  Verletzung der Stufenfolge innerhalb der Gesamtorganisation. In Organisationen von der Grösse der CVP gilt das Prinzip des «gleich zu gleich», das heisst, die schweizerische Partei kommuniziert die Bundesthemen, die Kantonalparteien verantworten die Kommunikation zu kantonalen Themen. Indem ein Kantonalpräsident und ein Kantonalsekretär sich zur Delegiertenversammlung der SVP Schweiz äussern, überschreiten sie als Parteifunktionäre ihre Kommunikationskompetenzen.

4. Preisgabe der Informationshoheit. Der Absender einer Nachricht bestimmt den Veröffentlichungszeitpunkt einer Mitteilung nach der Tagesaktualität, nach politischen Konkurrenzthemen und nach den prioritären Rezeptionsgewohnheiten der Empfängerschaft. Mit einem Leserbrief wird dies alles obsolet; er erscheint terminlich nach Gutdünken der Redaktion, unabhängig von den Bedürfnissen und Absichten der Verfasserschaft.

5. Fehlende Adressatenorientierung. Der Text des Leserbriefs entspricht mit wenigen Abweichungen dem Wortlaut eines vom Kantonalsekretär verfassten Eintrags auf der Homepage der CVP Kanton Luzern. Ein disperses Publikum, wie die Leser einer Tageszeitung eines darstellen, kann schlechterdings identisch angesprochen werden wie ein präferiertes Publikum, wie es die Leserschaft der Homepage einer Partei bildet. Insofern ist die Adressatenadäquatheit, beziehungsweise -orientierung verletzt.

6. Unkenntnis referenzieller Rhetorik: Die Vorstellung, die sog. Kampfrhetorik des politischen Widersachers mit eigener Kampfrhetorik blosstellen zu können, ist naiv und kann nur durch Unkenntnis in Sachen referenzieller Rhetorik erklärt werden. Konkret: Die Passage «...... und wir verbitten uns einen Politstil, den wir nach 1945 eigentlich überwunden zu haben glaubten» suggeriert, dass die SVP Anleihen bei den Methoden des Nationalsozialismus macht, was nicht nur eine historische Ungeheuerlichkeit darstellt, sondern eventualiter justiziabel ist. Nicht ohne Grund hat die professionelle Leserbriefredaktion der Luzerner Zeitung diese - hier kursiv angezeigte - Passage ausgelassen. Der «Entlebucher Anzeiger» hingegen hat sie stehen lassen. 

Da es sich hier um eine publizistikwissenschaftliche Sicht handelt, erfolgt keine Beurteilung der politischen Implikationen eines solchen Dokuments hinsichtlich der Wahlen 2019 und der allfälligen Bildung bürgerlicher Allianzen. 

Silvio Bonzanigo, Luzern


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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

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Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/