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Kolumne der Redaktion

03.10.2017

Mehr als 2000 Leute besuchten die «inszenierten Führungen» zum Löwendenkmal

Projektleiter Jürg Stadelmann zieht nach 53 Tagen und 220 Rundgängen mehrere erfreuliche Bilanzen.


Am Sonntagabend (1. Oktober) fand die Finissage dieses Projekts statt. Dabei entstanden diese Bilder.

Es störte die BesucherInnen des Löwendenkmals und des Gletschergartens in keinster Weise.

Einzelne TouristInnen fragten allerdings, warum wohl eine solche Holzkonstruktion im Teich vor dem sterbenden Löwen stand. Ganz einfach: Sie zeigte als vierteiliges Riesengemälde den Sturm auf die Tuilerien. Gestern Sonntag wurde es in Form einzelner Teilflächen versteigert. Heute Dienstag (3. Oktober) beginnt der Zivilschutz mit der Demontage der Holzkonstruktion. Für je 200 Franken sind übrigens diese vier roten Uniformen zu haben. Kontakt unter: info@1792-luzern.ch, wo auch weitere Gegenstände dieses Projekts erworben werden können.

Der Park vor dem Löwendenkmal bot in seinem herbstlichen Kleid ein stimmungsvolles Ambiente für die Finissage.

Zwei der insgesamt 19 Leute, welche die total 230 Führungen mit 2000 BesucherInnen leiteten: der angehende Jurist Luca Odermatt wirkte zudem an der Finissage als Auktionator, unterstützt durch den Trommler und Politikwissenschafter Claudio Birnstiel.

Projektleiter Jürg Stadelmann (mehr über ihn: siehe unter «Links»). Hinten die grün-rot-gelbe Trikolore, die Flagge der Helvetik. Ganz links: die Rekrutierungsmesslatte für Schweizergardisten. 1,68m lang waren damals junge Männer im Durchschnitt, 1,70 braucht es, um Füsilier zu werden. Wer mehr als 1,82m mass, war als Grenadier gefragt.

Sekundarlehrerin Leila Scheidegger wirkte schon bei mehreren Projekten von Jürg Stadelmann mit.

Allein Noemi Parlevliet, Historikerin und angehende Gymnasiallehrerin leitete 20 Führungen.

Manuel Oberson umrahmte die Finissage mit seinem Saxophon.

Publizistikwissenschafterin Pia Fleischlin führte die BesucherInnen deutsch und englisch durch den Rundgang; wie auch Tim Schneider, der eben erst die Matura bestanden hat.

Unmittelbar neben dem Restaurant Caravelle liegt der Eingang zum Stollen, in dessen Kaverne ein Hörspiel zu hören war und dessen Ausgang sich beim WC des Löwendenkmals befindet. Das Gemälde zeigt den Sturm auf die Bastilles (14. Juli 1789) – im Unterschied zu den vier grossen Bildern im Löwendenkmal-Park (Sturm auf die Tuilerien vom 10. August 1792).

Bilder: Herbert Fischer

Herbert Fischer: Welches waren ihre konkreten Erwartungen, als sie das Projekt starteten?

Jürg Stadelmann: Die meisten Leute in unserer Gegend kennen das weltberühmte Löwendenkmal in Luzern und fotografieren es ebenso wie die Touristen millionenfach. Der dennoch real existierenden Unkenntnis der historischen Hintergründe von «1792» – welche 1821 zur propagandistischen, reaktionär-konservativen Schöpfung des Krieger- und Helden-Opfer-Ortes geführt haben – wollten wir auf drei Ebenen aktiv und kreativ entgegentreten: 

Erstens ging es darum, zeitgemässe Geschichtsvermittlung aus den Schulzimmern und Hörsälen zu den interessierten Leuten am Erinnerungsort Löwendenkmal in Luzern zu bringen. 

Zweitens sollten dies junge HistorikerInnen und Geschichtsinteressierte machen, die damit die Möglichkeit erhielten, selber als anregende ErzählerInnen und fundiert Vermittelnde aufzutreten und dies möglichst oft praktizieren zu können; wenn gewünscht auch auf Französisch, Englisch oder Italienisch.

Zum Dritten ging es darum, nicht nur über die Gedenkanlage, die vom Schöpfer Karl Pfyffer von Altishofen 1821 kreierte Meistererzählung auszubreiten, sondern aus heutiger Sicht einfache Fragen zu stellen und dazu weitere Antworten in eigenen Erzählungen (sogenannte Narrative) anzubieten. 

Und: Haben sich ihre Erwartungen erfüllt?

Jürg Stadelmann: Gehofft hatten wir, während der rund 50 «Geschichtsvermittlungstage» etwa tausend zahlende Personen zu haben. Diese wollten wir zum «Denk mal!» anregen. Nun waren es mehr als doppelt so viele, die in ihrer überwiegenden Mehrheit positive Rückmeldungen gegeben haben. Auch konnten von den 16 jungen Führungspersonen, jede(r) mindestens 10 inszenierte Rundgänge leiten (vor allem auf Deutsch, aber auch auf Französisch und Englisch). Die Konfrontation mit der helvetischen Trikolore am Schluss des Parcours hat sicher dazu beigetragen, dass nun die erste nationale Fahne der heutigen Schweiz bekannter ist. Bestimmt bewusster wurde, dass unser moderner Verfassungsstaat auf diese Anfänge zurückgeht.

Zudem hat die Frage gefruchtet, ob der Löwe nicht auch als Migrationsmemorial angesehen werden, das an die jahrhundertelange militärisch-ökonomische Auswanderung und den für Luzern ebenso langen lukrativen Söldnerhandel stehen kann?

Und welche Erwartungen erfüllten sich nicht? 

Jürg Stadelmann: Natürlich hätten wir noch lieber 3000 oder sogar 4000 zahlende Interessierte geführt. Zudem hätten wir uns über eine Unterstützung durch den Luzerner Tourismus oder die hiesige Hotellerie, Banken und / oder Versicherungen gefreut. Persönlich habe ich bedauert, dass wir nur eine redimensionierte Vermittlung auf Italienisch durchführen konnten.

Was hinterlässt das Projekt?

Jürg Stadelmann: Zuerst einmal die Genugtuung, dass unser selbsterarbeitetes Geschichtskonzept wie das ebenso geschaffene Drehbuch – beides in vielen Stunden durch viele Köpfe mitgestaltet –, sich von Anfang bis Schluss als Grundlage bewährt hat.

Des weiteren, dass gut aufgearbeitete Geschichtserzählung, die engagiert vermittelt wird, unabhängig von Alter und Geschlecht «ankommt» und geschätzt wird; dass das einvernehmliche Arbeiten unter den Beteiligten, aber auch mit den interessierten Besuchenden auf den Rundgängen schlicht und einfach bereichernd war.

Zuletzt darf sicher auch erwähnt werden, dass mit unserem Projekt ein deutlicher Auftakt für die in vier Jahren anstehende Feier zum 200-jährigen Bestehen des Löwendenkmals vermittelt wurde.

Bitte ein paar Zahlen!

Jürg Stadelmann: In 53 Tagen wurden auf über 220 inszenierten Führungen von insgesamt 19 Führungspersonen über 2000 interessierte Zahlende von Luzern im 18. Jahrhundert als Söldner nach Versailles und in die Revolutionsjahre zwischen 1789 und 1792 in Paris geführt. 

Sicher sind sie auch ein finanzielles Risiko eingegangen – wie sieht es da aus?

Jürg Stadelmann: Die Bilanz liegt noch nicht vor, aber von Anfang an war eine Defizit absehbar. Dies wird mein Büro für Geschichte, Kultur und Zeitgeschehen (siehe unter «Links») tragen. Wir rechnen mit einem Verlust von rund 15 000 Franken; das zeichnete sich ab, als wir als Antwort auf unser Gesuch – etwa von der Pro Helvetia – hörten, dass «Geschichtsvermittlung keine Kulturaufgabe» sei; als wir auch zu hören bekamen, dass andere Adressaten unserer Unterstützungsgesuche für ein «Krieger-Helden-Denkmal» keine Sympathien hatte. Auch war vom Kanton Luzern kaum etwas zu erwarten, was aber absehbar war.

Würden sie ein solches Projekt wieder wagen?

In der «NZZ» konnte man kürzlich lesen: «Kultur ist, wenn man es trotzdem macht.» Ja, ich würde es nochmals angehen, weitgehend auf dieselbe Art – natürlich aus der Rückschau würde das eine oder andere cleverer gemacht. 

Was dürfen wir als nächstes Projekt von ihnen erwarten?

Jürg Stadelmann: Erst mal mache ich Ferien, werde lesen, mich bewegen und werde ausspannen. Dann warten die 100-jährige Geschichte der Pensionskasse der Stadt Luzern und ein digitales Vermittlungsprojekt mit dem Staatsarchiv Luzern.

Was wollen sie hier «noch loswerden»?

Jürg Stadelmann: Ich bin sehr dankbar für die vielen besonderen Erlebnisse während der Projektentwicklung und bei der Durchführung, für die erfreuliche Zusammenarbeit und die gebotenen Leistungen unserer jungen wie junggebliebenen «FührerInnen». Dies alles sind immateriellen Werte, die meine «persönliche Buchhaltung» längstens positiv aussehen lässt. Mich hat aber auch der Goodwill, der unserem Projekt und mir selber von so vielen Seiten entgegengebracht worden war, sehr berührt. Offenbar werden wir Geschichtsarbeitenden doch nicht ganz übersehen.

Interview: Herbert Fischer

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Das Projekt ist froh um Spenden! Hier seine Bankdaten: IBAN CH21 0077 8159 5034 7200 3 (Luzerner Kantonalbank, zugunsten Büro für Geschichte, Guggistrasse 6, 6005 Luzern).    


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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

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Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/