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Kolumne der Redaktion

02.05.2017

Wie eine Zehnjährige eine unschöne Szene und schlechten Stil rüffelte und so den Ruf der CVP rettete

An der CVP-Delegiertenversammlung vom Donnerstag (27. April) in Hildisrieden stellte der Delegierte Silvio Bonzanigo aus Luzern den Antrag, die Neuwahl des Kantonalpräsidenten zu verschieben, allenfalls geheim darüber abzustimmen. Sein Votum wurde aus der Mitte der Versammlung mit «Buh»- Rufen und Pfiffen kommentiert.


Die zehnjährige Johanna ist die Tochter von Marianne und Pirmin Jung. Sie ergriff zum Schluss der Delegiertenversammlung der CVP vom letzten Donnerstag in Hildisrieden das Wort und kritisierte, dass der Delegierte Silvio Bonzanigo aus Luzern ausgepfiffen und ausgebuht worden war.

Bild: Herbert Fischer

Am Schluss der DV rettete die Tochter des abtretenden Präsidentin Pirmin Jung, die zehnjährige Johanna, mit einem beherzten Votum den Ruf und damit die Ehre der Partei. Hier schreibt Silvio Bonzanigo, der «ausgepfiffene» und «ausgebuhte», wie er das erlebt hat.

(red)

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Grosses war angesagt im kleinen Dorf. Die wichtigste Partei im Kanton sollte ihre wichtigste Versammlung seit vielen Jahren hier abhalten und einen neuen Präsidenten wählen. Bald kamen dafür gut 300 Leute zusammen, der Bratwurstgrilleur hatte alle Hände voll zu tun, viel Mineral, Most und Bier gingen über die Theke. Und am vordersten Tisch in der grossen Halle sass die Familie des abtretenden Präsidenten, darunter Tochter Johanna, gerade mal zehn Jahre alt. 

Der Präsident in spe, ein Mannsbild sondergleichen, stammt aus dem hintersten Tal im Kanton. Er kraxelt auf höchste Berge, rennt Marathons so oft, wie andere zum Coiffeur gehen, ist der Folklore und sämtlichen Volksfesten leidenschaftlich zugetan, jeder kennt ihn hier. Weil sein politisches Palmarès aber einer Bonsai-Kultur zu entstammen schien und er als Jurist auch beruflich keine Seilziehertaue zerrissen hatte, stellte sich schon die Frage, ob das gleich fürs höchste Amt der grossen Partei längi. In den übrigen Kantonsteilen musste man dafür nicht einmal die Hand vor den Mund halten.

Die Versammlung kam flott voran und als zehn Uhr abends schon überschritten war, sollte dem neuen König die Krone aufs Haupt gesetzt werden. Die Geschenkgaben standen hinter der Bühne bereits Spalier. 

Doch da meldete sich ein Delegierter aus der Stadt, berüchtigt dafür, dass er das Wort wie ein Stilett zu führen weiss. 

Auf die vermeintlichen Qualitäten des Nominierten stach er mit Vehemenz und Leidenschaft ein. Auch Parteileitung und Findungskommission verschonte er nicht. 

Das war etwas gar viel aufs Mal um diese Zeit für eine Partei, die im (Ver-)Ruf steht, es immer möglichst vielen möglichst recht machen zu wollen. Erst wenige, dann mehrere, schliesslich viele aus der voralpinen Hügelzone ennet der berühmten Skifabrik begannen zu murren, zu pfeifen, zu buhen. 

Der scheidende Präsident, sowohl von den städtischen Störgeräuschen wie vom kleinen Tumult sichtlich überrascht, versuchte es mit Wortentzug, statt die innerparteiliche Demokratie anzumahnen. Doch die Sache erledigte sich von selbst: Der Spielverderber räumte angesichts der Verhältnisse die Bühne schnell. Alles paletti.

Aber Johanna, die ja nur anwesend war, um mitzuhelfen, ihren Papi würdig zu verabschieden, sah die Sache leicht anders. Sie ergriff das Wort, um den 300 zu sagen, dass das mit dem Pfeifen und Buhen nicht fair gewesen sei. Einen Moment lang hätte man in der grossen Halle im kleinen Dorf eine Stecknadel fallen hören. Schliesslich einigte sich die stark überwiegende Mehrheit (so müsste es im Protokoll heissen) darauf, dass ein grosser Applaus für Johanna der einfachste Weg hin zur Läuterung sein könnte.

Jetzt hat die Partei ihren neuen König, der Abend hatte vor allem aber eine kleine grosse Heldin geboren: Johanna – die Mutige! Man sollte Johanna wohl für den Prix Courage anmelden, den gibt’s aber nicht für Kinder, nur für Erwachsene. Vermutlich, weil es sich diese gar nicht mehr gewohnt sind, hie und da mutig zu sein.

Silvio Bonzanigo, «ein Delegierter aus der Stadt», Luzern


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Über Herbert Fischer:

Herbert Fischer (1951) arbeitet seit 1969 als Journalist und Pressefotograf. Er war unter anderem Redaktor der «LNN», der «Berner Zeitung» und Chefredaktor der «Zuger Presse». Seine Kernthemen sind Medien (Medienwirkung, Medienethik, Medienpolitik), direkte Demokratie, Sicherheitspolitik, soziale Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Heute berät und unterstützt er Firmen, Organisationen und Persönlichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit. Fischer war von 1971 bis 1981 Mitglied der SP der Stadt Luzern, seither ist er parteilos. Er ist in Sursee geboren und Bürger von Triengen und Luzern, wo er seit 1953 lebt. Herbert Fischer ist Gründer und Redaktor von lu-wahlen.ch

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Interview von Radio 3fach am 27. August 2012 mit Herbert Fischer:

www.3fach.ch/main-story/lu-wahlen/